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«Mit deutschen Texten kann man beim Singen mehr spucken»
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Felix Mechelke (links) und Tobias Wiler im Garten der Metzgerhalle. (Bild: pze)

Luzerner Band Sayras mischt Metalszene auf «Mit deutschen Texten kann man beim Singen mehr spucken»

6 min Lesezeit 07.04.2017, 12:09 Uhr

Sie sind laut und sie sind wütend: Die Luzerner «Oldschool Metalcore»-Band Sayras hat nach neun Jahren Bandgeschichte ihr erstes Album veröffentlicht. Mit zentralplus sprechen sie über ehrliche Texte, gebrochene Nasen und kompromisslose Musik.

Wenn man sie sieht, wirken sie gar nicht so wütend, wie sie klingen: Die Luzerner Band Sayras macht «Old School Metalcore», wie sie es selber nennen. Das heisst viel Geschrei, Double-Bass und Gitarrenbretter – eine geballte Ladung Energie. Um solche Musik zu machen, sei es am besten, «immer wütend zu sein», wie Sänger Felix Mechelke sagt, als wir ihn und Bassist Tobias Wiler im Garten der Metzgerhalle treffen.

Die beiden sind Studenten: Mechelke studiert «Earthscience» im Master, Wiler ist an der Pädagogischen Hochschule. Die Metzgerhalle ist aber nicht ohne Grund gewählt: Wiler arbeitet hier hinter der Bar und wohnt gleichzeitig in der Wohnung darüber. In der Metal- und Hardcoreszene sind die beiden schon jahrelang unterwegs.

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Die Band gibt es seit 2009, seit rund drei Jahren in der heutigen Besetzung. Obwohl die Luzerner schon bald acht Jahre unterwegs sind, haben sie erst in letzter Zeit von sich reden gemacht. Anfang Jahr haben die fünf Musiker ihr erstes Album veröffentlicht. «Es war Zeit, den Leuten eine Auswahl unserer Songs zu zeigen», so Mechelke. Und zwar gut produziert – für die Aufnahmen reiste die Band extra nach Vevey in den Kanton Waadt, in die Conatus Studios von Vladimir Cochet.

Speziell bei Sayras: gesungen (oder geschrien) wird seit drei Jahren auf Hochdeutsch. Das rückt die Texte in den Vordergrund – und diese sind alles andere als belanglos.

Spucken beim Singen von wütenden Texten

«Ich hab’ eines Tages einen deutschen Text mitgebracht und fragte die Band, ob das okay sei. Beschwert hat sich bisher niemand», sagt der 24-jährige Sänger lachend. Seine Eltern stammen aus Deutschland, wie der Name Mechelke vermuten lässt. Deshalb liegen die deutschen Texte auf der Hand: «Für mich fühlt es sich natürlich an. Die Texte sind ehrlicher, als wenn ich auf Englisch schreibe», so der Sänger.

Die Sprache passe aber auch zur Musik: «Deutsch ist eine wütende Sprache. Sie hat viele Ecken und Kanten.» Das entspricht dem rohen, aggressiven Stil der fünf Luzerner. Ausserdem: «Mit deutschen Texten kann man beim Singen mehr spucken», so Mechelke. Ob das Publikum denn bespuckt werden will? «Die Aggressivität, das Energetische, das Adrenalin – das alles gehört zu unserer Musik», sagt der Sänger.

Die ganze Band: Felix Mechelke, Tobias Wiler, Sebastian Schenk, Dino Meier, Christoph Walker

Die ganze Band: Felix Mechelke, Tobias Wiler, Sebastian Schenk, Dino Meier, Christoph Walker

(Bild: Facebook/Sam Aebi)

Doch die Sprache lenkt die Aufmerksamkeit auch auf die Texte. Und die Themen sind keine leichte Kost. So singt er über Polizeigewalt und Korruption in Mexiko («Am Strassenrand») oder das Massaker in Sarajevo («Über den Fluss»). Die Aussagen sind politisch, sie wehren sich gegen Ungerechtigkeiten in der Welt. Wie kommt Mechelke zu dieser globalen Sozialkritik? «Der Text zu Sarajevo entstammt meinem Reisetagebuch. Als ich da war, habe ich viel über den Bosnienkrieg erfahren, was ich so noch nicht wusste», so Mechelke.

Und wenn man zweimal überlege, sei es ein Thema, das auch die Schweiz von heute beschäftigt: «Dieser Krieg hatte einen Einfluss auf das Leben vieler Leute, die wir kennen. Menschen aus Luzern, die selber oder deren Eltern wegen des Bosnienkriegs hierher kamen.»

Jeden Song illustriert

Das Titelbild des neuen Albums hat Bassist Tobias Wiler arrangiert. Es zeigt die Silhouette eines Mädchens, die über ein zerfallenes Haus gelegt wird. «Die Vorlage des Covers ist ein Foto, das tatsächlich ein Haus in Sarajevo zeigt. Es stammt von Florian Fritz, einem Fotografen aus Deutschland», so Wiler. Das Bild haben sie auf ein Kind projiziert und dieses Sujet fotografiert. Das Mädchen auf dem Bild sei die Tochter einer Freundin.

«Eine gute Show ist, wenn nach 30 Minuten einer die Nase gebrochen hat und einem anderen ein Zahn fehlt.»

Felix Mechelke, Sänger Sayras

Die Band illustriert jeden der sechs Songs auf dem Album mit einer Fotografie. «Wir wollten eine Art digitales Booklet schaffen», so Wiler. Die Band habe ihre Fotoarchive durchgeschaut und die besten ausgewählt. Nur für die Songs «Am Strassenrand» und «Titelblatt» schoss Wiler extra ein Foto: eine achtlos weggeworfene Puppe inmitten von Abfallsäcken.

Zu «Oldschool» für die Szene

Das klingt alles nach düsterer Systemkritik, nach viel Wut im Bauch. Doch die Band geniesst – gerade live – auch die Energie, welche ihre Musik erzeugen kann. «Eine gute Show ist, wenn nach 30 Minuten mindestens einer die Nase gebrochen hat und einem anderen ein Zahn fehlt», sagt Felix Mechelke. Die Live-Energie strotzt also ebenfalls von der Wut, die in den Texten und der Musik enthalten ist. Destruktiv, möchte man fast sagen. «Genau das, was wir wollen», sagt Mechelke.

Und so klingt Sayras:

 

Deshalb würden sie vor allem den Metal- und Hardcorebands von früher nacheifern: «Diese Bands gehen keine Kompromisse ein», sagt Mechelke. Das wollen sie auch mit Sayras umsetzen. Damit würden sie sich von heutigen Bewegungen abgrenzen: «Wir sind musikalisch wohl etwas zu Oldschool für die Metalcore-Szene», sagt Bassist Tobias Wiler.

Für diese Hardcore-Szene bleiben Sayras Exoten. «Beim Metalcore gibt es immer wieder Bass Drops, einen künstlich generierten Basston», so Mechelke. Dies will Sayras nicht: «Es gibt keine ruhigen Abschnitte bei Songs von Sayras. Wir wollen auch keine Gesangsteile einbauen, wie das Bands aus unserem Genre immer öfters machen.» Sie bleiben dem Oldschool-Metal treu – eben ohne Kompromisse einzugehen.

Persönliches Booking-Büro geplant

Dies ist kein Problem, denn vernetzt ist die Band allemal. Mechelke spielt zusätzlich zu Sayras Gitarre in der Luzerner Hardcoreband Cancel The Sky. Diese veröffentlichten bereits zwei Alben, das dritte ist in Entstehung. Die Band ist schweizweit unterwegs und spielte bereits in Italien, Tschechien, Frankreich, Luxemburg oder Deutschland.

Die Band Sayras

Die Band besteht aus fünf Mitgliedern:

  • Sebastian Schenk – Drums
  • Dino Meier – Guitar
  • Christoph Walker – Guitar
  • Felix Mechelke – Vocals
  • Tobias Wiler – Bass

Sayras ist am Freitag am «There Are Worse Bands Festival» im Sedel zu hören.

 

Da wolle man anknüpfen, so Mechelke: «Ziel wäre es, auch mit Sayras diesen Sommer Deutschland zu bespielen.» Da sei man bereits im Gespräch. Er wolle sein aufgebautes Netzwerk vermehrt für das eigene Bandprojekt nutzen: «Wir wollen verstärkt im Treibhaus aktiv sein und dort Shows organisieren.» Daraus sollen sich im Verlaufe der Zeit Beziehungen ergeben, die Shows für die eigene Band ermöglichen. Eine Art persönliches Booking-Büro.

Zwei Videoclips stehen an

Es geht also etwas, endlich, will man sagen, nach acht Jahren Bandgeschichte. «Wir haben lange nur für uns Musik gemacht», sagt Mechelke. Lagen die Prioritäten anders? «Vor allem zu Beginn waren wir nicht sehr produktiv, da lag der Fokus auf anderen Projekten», so der Sänger. Jetzt mit dem Album soll es aber vorwärtsgehen. «Die Aufnahmen ermöglichen uns, konkreter und zielgerichteter zu arbeiten. Die Ambitionen nehmen dadurch auch zu», sagt Mechelke.

Das Titelbild des Albums «S» von Sayras.

Das Titelbild des Albums «S» von Sayras.

(Bild: zvg)

Als Nächstes soll ein Videoclip entstehen, gerne auch mithilfe eines Filmstudios. Konkret sei noch nichts, aber was klar ist: «Für den Clip wollen wir etwas Geld in die Hand nehmen.» Darauf soll ein zweites Video folgen – dieses dafür vollkommen self-made. Dies will Wiler selber angehen: «Ich habe schon einige Ideen im Kopf. Ich muss nur noch herausfinden, wie ich diese Gedanken filmisch umsetzen kann.»

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