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Mit dem Rollator an die Fasnacht
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Bis sie 80 Jahre alt war, nahm Marie Iten noch aktiv an der Fasnacht teil. «Heute schaue ich nur noch zu.» (Bild: wia)

92-jährige Ägererin mit Leidenschaft Mit dem Rollator an die Fasnacht

7 min Lesezeit 07.02.2016, 17:37 Uhr

Marie Iten war in Unterägeri schon an der Fasnacht unterwegs, als der fromme Pfarrer den Kindern noch verbot, am Schmutzigen Donnerstag überhaupt teilzunehmen. Oder es jedenfalls versuchte. Auf ihn gehört hat Iten damals nicht. Denn ihr bedeutete die Fasnacht alles – aus einem einzigen Grund.

Bis Marie Iten mithilfe des Rollators nach dem Klingeln von der Küche beim Eingang ist, braucht es seine Zeit. «Kommen Sie herein», sagt sie höflich und lacht verlegen. Die Langsamkeit, welche sich im Alltag der 92-Jährigen mehr und mehr einschleicht, mache ihr zu schaffen, erklärt sie auf dem Weg in die Küche. Ihr, die sie immer auf Zack war, fast über ein ganzes Jahrhundert lang fast jede Fasnacht besuchte und insgesamt elf Kinder grossgezogen hat. Mittlerweile sind daraus 21 Grosskinder und 12 Urgrosskinder geworden.

Frau Iten hat sich sichtlich vorbereitet auf den Besuch. Hat Fotos, Zeitungsartikel und Unterlagen auf dem Küchentisch gestapelt, die Fasnacht scheint in diesem Haus seit jeher gut dokumentiert zu werden.

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Wir setzen uns, und sie beginnt zu erzählen.

Marie Iten: Das Fasnachtsfieber habe ich von meinen Eltern geerbt. Das habe ich von ganz klein an mitbekommen. Die erste Erinnerung, die ich daran habe, ist mein Vater, der verkleidet, mit einem Kopftuch, einer Larve und einem Korb unter dem Arm, als sogenanntes «Hudi» ins Wohnzimmer kommt. Damit hat er meiner Grossmutter, die gelähmt war, eine riesige Freude bereitet. Für die Fasnacht war immer Platz. Da hat man sich aus quasi nichts – wir hatten ja kein Geld für Kostüme – etwas zusammengestellt.

zentral+: Waren damals die Schüler bereits aktiver Teil der Fasnacht?

Iten: Nein. Unser frommer Pfarrer, der uns damals unterrichtete, hat uns gar verboten, an die Fasnacht zu gehen, und drohte uns mit Strafaufgaben. Und das, obwohl die Fasnacht nicht in der Unterrichtszeit stattfand. Meine Mutter erlaubte es uns jedoch, quasi über den Kopf des Lehrers hinweg, und wir sind dann einfach gegangen. Strafaufgaben haben wir deshalb nie gemacht und der Lehrer hat es nie wieder erwähnt.

Ein kleiner Einblick in die Unterägerer Fasnacht der 1920er-Jahre.

Ein kleiner Einblick in die Unterägerer Fasnacht der 1920er-Jahre.

(Bild: zvg)

zentral+: Ihre Mutter scheint eine sehr klare Haltung dazu gehabt zu haben.

Iten: Ja, das hatte sie. Es war meiner Mutter immer wichtig, dass das Brauchtum aufrechterhalten wird und die Kinder nicht zu kurz kommen. Einmal, in einer Zeit, als die Fasnacht in einem Tief war und kaum Hudis unterwegs waren, um Orangen zu verteilen, hat meine Mutter mir zehn Franken in die Hand gedrückt. Ich bin losgezogen, habe Orangen gekauft, mich verkleidet, und bin dann umhergelaufen und habe diese verteilt. Das war in der Zeit, als die damalige Möösler Fasnacht zu bröckeln anfing, aber noch vor der Gründung der neuen Wylägerer Fasnachtsgesellschaft.

zentral+: Aber auch später, als Sie erwachsen waren, hat Sie das Fasnachts-Virus nicht mehr losgelassen.

Iten: Ich habe einfach so gern getanzt! Meine Schwester und ich waren immer dabei und häufig die Letzten, die nach Hause gingen. Ich habe an der Fasnacht nie mehr gewollt, als zu tanzen, auch wenn das einige vielleicht nicht geglaubt haben. Aber mir ging’s immer ums Tanzen. Ich habe mich nie für die Männer interessiert. Nur dafür, wie gut sie getanzt haben.

Letzthin habe ich den Gemeindepräsidenten angetroffen. Er hat mich gefragt, ob ich dieses Jahr an der Fasnacht mit ihm tanzen würde. Ich habe darauf geantwortet, dass er wohl etwas stärker sein müsste, um mich noch festhalten zu können. – Es ist nun doch einige Jahre her, dass ich das letzte Mal getanzt habe.

«Vielleicht war man früher einfach robuster.»

zentral+: Sie haben ja dann als junge Frau irgendwann Ihren späteren Mann getroffen und sind, auch als Sie verheiratet waren, immer an die Fasnacht gegangen. War Ihr Mann da nicht eifersüchtig?

Iten: (Sie denkt kurz nach.) Ich weiss es eigentlich gar nicht so genau. Jedenfalls hat es deswegen nie Krach gegeben. Er war ja auch ein Fasnachtsgänger. Nur musste er dann irgendwann ins Bett, weil man damals natürlich nicht so einfach freinehmen konnte. Nur wenige haben während der Fasnacht Ferien gemacht. Aber vielleicht war man früher auch einfach robuster.

Marie Itens Mann, verkleidet als Rumäne.

Marie Itens Mann, verkleidet als Rumäne.

(Bild: zvg)

«Abends bin ich zwischen den Bällen kurz nach Hause gelaufen, um nach dem Rechten zu schauen und zu stillen.»

zentral+: Sie hatten ja nicht nur Ihren Mann, sondern auch fast ein Dutzend Kinder. Wie machten Sie dass, dass Sie auch als Mutter jedes Jahr an die Fasnacht gehen konnten?

Iten: Wissen Sie, die damalige Zeit lässt sich kaum mit heute vergleichen. Damals war die Erziehung viel strenger und wir machten nicht wegen jeder Kleinigkeit ein Theater. Die Kinder waren um halb acht abends im Bett. Wenn man elf Kinder hat, können die Grossen auf die Kleineren aufpassen. Oft war meine Mutter während der Fasnachtszeit tagsüber da, abends bin ich einfach zwischen den Bällen kurz nach Hause gelaufen, um nach dem Rechten zu schauen und zu stillen, und bin danach weiter an den nächsten Ball gezogen.

zentral+: Musste man sich denn als Frau keine Sorgen machen, wenn man allein zum Tanz ging?

Iten: Ich kann natürlich nicht für andere Frauen sprechen. Ich jedenfalls wurde nie belästigt. – Bis auf ein einziges Mal. Damals trug ich ein Kleid mit einem V-förmigen, tiefen Ausschnitt. Natürlich trug ich auch darunter etwas. Und ein Mann, der im Dorf als sehr fromm galt, hat mir etwas Unanständiges gesagt. Daraufhin habe ich ihm eine gewaschen. Er liess sich nie wieder blicken.

Grundsätzlich bin ich aber der Ansicht, dass man mitverantwortlich ist, dass man in Ruhe gelassen wird, indem man sich nicht zu aufreizend kleidet.

zentral+: Und irgendwann haben Sie selber dann auch aktiv in einer Frauengruppe mitgemacht. Wie ging das?

Iten: Einmal haben zu wenige Leute am Umzug mitgemacht, da wurden wir gefragt, ob wir nicht bei den Turnern mitlaufen wollten. Später, 1981, haben wir, ein paar ältere Frauen, uns zusammengetan und die Gruppe «Äxgüsi» gegründet. Im Sinne von, äxgüsi, wir sind auch noch da! Da war ich aber bereits etwa 60 Jahre alt. Ab dann haben wir immer bei den Umzügen mitgemacht.

Irgendwann schloss sich uns eine etwas jüngere Gruppe an, die «Bommerhüttli Ysebäänli»-Frauen. So wurde ursprünglich eine Frau genannt, die stets vom Bommerhüttli aus, pünktlich wie ein Uhrwerk, ins Dorf kam, um Eier zu verkaufen. Die Aufgabe unserer Gruppe ist es bis heute, Frauen über 80 zu Hause zu besuchen und ihnen ein Päckli vorbeizubringen. Darin befinden sich traditionsgemäss eine Wurst, ein sogenanntes Legorenbrot, zwei Orangen und ein Kägi-Frett. – Dieses Päckli bekommen auch die Kinder jedes Jahr.

Drei-Generationen-Fasnacht: Marie Iten mit ihrer Tochter und Enkelin vor einem Jahr.

Drei-Generationen-Fasnacht: Marie Iten mit ihrer Tochter und Enkelin vor einem Jahr.

(Bild: zvg)

zentral+: Dann bekommen Sie ja schon lange selber ein solches Paket!

Iten: Ja, ich habe noch Pakete verteilt, als ich schon selber welche bekommen habe.

zentral+: Muss man sich denn die Fasnacht von früher ähnlich vorstellen wie heute?

Iten: Vieles blieb sich gleich und die Veränderungen bei der Fasnacht kommen nur schleichend. Nun, wie gesagt: Ganz früher gab es noch die Möösler Fasnacht. Diese brach dann auseinander und 1964 wurde die Wylägerer Fasnachtsgesellschaft gegründet. Aber immer schon gab es einen Fasnachtsumzug. Und auch heute noch werden dort Orangen verteilt. Was früher jedoch viel lebendiger war, war die Beizenfasnacht. Heute machen das die Restaurants kaum mehr. Es ist viel einfacher geworden, ins Tal zu fahren und dort Fasnacht zu machen. Früher wäre man ja gar nicht mehr nach Hause gekommen.

«Ich habe zu Hause genügend regiert, ich wollte nicht auch noch an der Fasnacht regieren.»

Was heute wohl auch etwas fehlt, ist die Freiheit, während den Fasnachtstagen so richtig närrisch, richtig lustig zu sein und die Fasnacht als das zu nehmen, was sie ist: nämlich ein Anlass, um die Leute zu unterhalten. Das Intrigieren scheinen die Jungen ebenfalls verlernt zu haben (zentral+ berichtete).

zentral+: Nach wie vor ist die Fasnacht eine reine Männerdomäne. Hat Sie das nie gestört?

Iten: Nein, das ist schon recht so. Ich habe zu Hause genügend regiert, ich wollte nicht auch noch an der Fasnacht regieren.

zentral+: Ich nehme an, Sie werden sich die Fasnacht auch dieses Jahr nicht entgehen lassen?

Iten: Ja also, nein, nein, ich mache schon, seit ich 80 bin, nicht mehr beim Umzug selber mit! Ich schaue nur zu. Mit dem Rollator geht das recht gut. Vielleicht ziehe ich dann noch einen bunten Hut an, aber verkleiden tu’ ich mich nicht mehr.

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