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Mission Profisport: Ein 49-jähriger Landwirt will’s wissen
  • Sport
Billi Meyerhans posiert mit seinem neuen Schlitten vor seinem Bauernhaus in Emmen. (Bild: les)

Emmen wird zum Bob-Mekka Mission Profisport: Ein 49-jähriger Landwirt will’s wissen

6 min Lesezeit 01.09.2016, 12:28 Uhr

Er weiss selbst, dass seine Idee gestört war. Bob-Pilot Billi Meyerhans aus Emmen hat sein eigenes «A-Team» erschaffen – mit dabei: ein Nationalrat, ein Sprintrekordhalter und ein Olympionike. Solche Geschichten braucht der Sport. Wer aber denkt, Meyerhans fährt nur zum Spass im Bobzirkus mit, hat weit gefehlt.

«Komm vorbei, wir haben Training, da kannst du alles sehen», ruft Pius Meyerhans ins Telefon, als ich ihn um einen Medientermin bitte, «und nenn’ mich Billi – so nennen mich alle.» Relativ schnell wird klar, der «Billi» ist ein spezieller Typ. Am kommenden Sonntag organisiert er auf seinem Landwirtschaftsbetrieb in Neuhüsern, Emmen, die nationale Bob-Anstossschweizermeisterschaft (siehe Box). Bob in Emmen? Da lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Ich mache mich also auf den Weg zum Hof von Meyerhans. Am Rande des Militärflugplatzes Emmen hat er eine Trainingsanlage aufgebaut. Bei meiner Ankunft verlassen zwei muskelbepackte Männer in engen Hosen die Anlage. «Billi steht oben», sagen sie, der eine scheint es besonders eilig zu haben, und irgendwie kommt mir dieses Gesicht bekannt vor. Doch dazu später.

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Billi Meyerhans empfängt mich und seufzt: «Äh, jetzt sind wir gerade fertig mit dem 4er-Bob-Training.» Der 49-Jährige schwitzt ordentlich. Wir begeben uns an den Start der Anlage. Dort sitzen vier junge Muskelprotze und machen gerade Pause. In seiner Scheune hat Meyerhans optimale Trainingsbedingungen geschaffen. Zwei Schienen führen aus dem Gebäude, erst mit wenig Gefälle, dann steiler. «Wir üben hier nur den Start, also das Anschieben. Das ist das Wichtigste am Bobfahren, die Zeitdifferenz am Start verzehnfacht sich bis ins Ziel», erklärt er. Er zückt sein Tablet und zeigt mir, wie das Ganze aussieht.

Ein 4er-Bob beim Start:

«Schade, musste der Marcel jetzt gerade los», sagt Meyerhans. Er meint Marcel Dobler, FDP-Nationalrat (St. Gallen) und «digitec»-Gründer. Jetzt wird mir klar, wieso mir das Gesicht vorhin bekannt vorkam. «Er ist auch ein Mitglied des A-Teams», so der Pilot des Teams stolz. Sein Team heisst in Anlehnung an die TV-Serie so.

Wir müssen aus dem Weg, die Anschieber wollen noch einen Versuch wagen. Es rattert ordentlich, wenn die beiden Bobfahrer alles geben.

Zwei Anschieber versuchen sich mit dem 2er-Bob:

Das Alter interessiert ihn nicht

Mittlerweile haben wir uns hingesetzt. Billi Meyerhans, 49-jährig, Landwirt und Profisportler. Das klingt verrückt. Er lacht. «Man stürzt sich einmal den Eiskanal hinunter und dann wird man vom Virus gepackt.» Und dieses lasse ihn nicht mehr so schnell los, versichert er mir. «Mein Antrieb ist die Freude am Sport.»

Und Meyerhans ist noch immer sehr ehrgeizig. «Im Herbst, wenn die Saison beginnt, will ich körperlich so gut parat sein wie noch nie.» Und ja, betrachte man den Trainingsaufwand, sei er im Moment ein Profisportler. Sein Ziel ist der Weltcup in Nordamerika. Die Schweiz verfügt über zwei Startplätze. Meyerhans gilt zwar nur als drittstärkster Schlitten, darf aber starten, da der bekannte Schweizer Bobpilot, Beat Hefti, verzichtet. Im letzten Jahr gab er als 48-Jähriger sein Debüt im Weltcup. Als Pilot spiele das Alter gar keine Rolle, sagt er. «Es ist zwar eine Floskel, aber man ist so alt, wie man sich fühlt. Und ich fühle mich noch nicht 40.»

Meyerhans veröffentlichte eine Zusammenfassung der ersten A-Team-Saison:

 

«Dieses Ding ziehen wir durch»

Aussergewöhnlich ist es allemal. Er kann es nicht mehr hören: «Ich weiss. Seit 20 Jahren wird mir dieser Schwachsinn immer wieder eingeredet.» Er spüre auch, dass der Verband lieber auf jüngere Athleten setze. Aber: «Ich habe schon drei Juniorenweltmeister überlebt.» Zum Bobsport gehöre eben nicht nur das Sportliche. «Das Management und das Generieren von Sponsoren ist ebenso wichtig», sagt der 49-Jährige. Ansonsten könne man sich kein gutes Material leisten, habe keine guten Anschieber, der Erfolg bleibe aus und man werde noch unattraktiver.

Genau in diesem Bereich gelang «Billi» ein Husarenstück. Seit vergangenem Jahr ist sein Team nicht mehr als gewöhnliche Bobmannschaft unterwegs, sondern als A-Team. «Ich sah zufällig die bekannte TV-Serie und da ist mir die Idee gekommen.» Da zwei Tage später bereits ein Fotoshooting angesagt war, geriet Billi unter Zeitdruck. «Also fuhr ich kurzerhand zu einem Plachen-Beschrifter nach Grosswangen, erklärte die gestörte Idee und liess eine grosse Plache mit dem A-Team-Auto drucken.» Ich war überzeugt: «Dieses Ding ziehen wir durch.» Damals wurde ich noch belächelt, heute beneiden sie mich.

Das offizielle Foto des A-Teams mit seinen Mitgliedern (v.l.n.r.): Hannibal alias Billi Meyerhans,  Murdock alias Andreas Baumann, B.A. alias Marius Broening und Face alias Marcel Dobler.

Das offizielle Foto des A-Teams mit seinen Mitgliedern (v.l.n.r.): Hannibal alias Billi Meyerhans,  Murdock alias Andreas Baumann, B.A. alias Marius Broening und Face alias Marcel Dobler.

 

Mit den Bildern habe er anschliessend ganz im A-Team-Stil noch eine Geheimakte erschaffen. Und geboren war das A-Team. «Ein Steinstosser (dort ist Billi auch aktiv), ein Nationalrat, ein Sprintrekordhalter, ein Olympionike und ein Jahrhunderttalent schliessen sich zu einer Bob-Spezialeinheit zusammen», liest er aus der Geheimakte vor. Alle Mitglieder verfügen über eine spezielle Geschichte. Er zeigt mir seinen Steckbrief.

Steckbrief von Hannibal alias Billi Meyerhans.

Steckbrief von Hannibal alias Billi Meyerhans.

 

Sponsorenvertrag ohne ein einziges Rennen

«Mit den Sponsoren ist es so eine Sache. Ohne Beziehungen geht gar nichts», sagt Meyerhans realistisch. «Marcel Dobler hatte an einem geschäftlichen Anlass mit der Post einmal die A-Team-Geheimakte dabei. Die Post-Verantwortlichen sind voll auf unsere Geschichte abgefahren.» Die Verhandlungen hätte der gelbe Riese dann mit ihm geführt, erklärt Meyerhans. «Bei der zweiten Verhandlung waren wir per Du. Und bei den abschliessenden Verhandlungen wollte die Post plötzlich einen Dreijahresvertrag mit mir abschliessen, obwohl das A-Team noch kein einziges Rennen gefahren war», erzählt er.

«Es ist eigentlich tragisch. Die sportliche Leistung ist für Sponsoren gar nicht so relevant. Mit meinem A-Team hatte ich in der vergangenen Saison mehr Medienpräsenz als die beiden stärkeren Schweizer Bobs von Beat Hefti und Rico Peter zusammen», schmunzelt Meyerhans.

Die Frage drängt sich auf: Wurde der Bobsport für Meyerhans dank des A-Teams lukrativ? «Nein, nein», schüttelt er den Kopf. «Es ist immer noch ein teures Hobby. Gerade habe ich zwei neue Schlitten gekauft. Die kosten inklusive Kufen gut und gerne 150’000 Franken.» Meyerhans ist froh, hat er als Standbein noch immer einen Landwirtschaftsbetrieb zu Hause. «Mithilfe meiner Frau und meines Schwiegervaters funktioniert das ganz gut, wenn ich wieder eine Saison lang unterwegs bin.»

Auf Facebook zeigt das A-Team die zwei neuen Schlitten:

 

 

Traum vom «Eidgenössischen» platzte

Wie bereits angetönt, ist Meyerhans auch als Steinstosser aktiv. Am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Estavayer konnte er allerdings nicht teilnehmen. Billi flucht erst vor sich hin und sagt dann: «Um eine Muskelverhärtung zu lösen, ging ich in die Akupunktur. Und die haben mir eine Nadel in den Nervenkanal gestossen.» Sein grösster Erfolg war der zweite Platz in Nyon 2001. «2004 in Luzern war ich eigentlich noch stärker. Doch ich bin zwei Mal übertreten und wurde disqualifiziert.» Darüber ärgern? Meyerhans doch nicht. «Ich habe alles riskiert und wollte gewinnen. Was nützt dir ein erneuter zweiter Rang?», fragt er rhetorisch. «Nein, das wäre bireweich. Ich würde mich heute noch masslos ärgern, hätte ich damals nicht alles versucht.» Ein Motto, das sich wie ein roter Faden durch die ganze Sportlerkarriere des Billi Meyerhans zieht.

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