Missbrauch in Fussballklubs: Es war der Herti-Mörder
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Der Fussballtrainer verleitete unter anderem Junioren dazu, ihm Nacktbilder und Filme zu schicken. (Bild: Adobe Stock)

Schock am Zuger Strafgericht Missbrauch in Fussballklubs: Es war der Herti-Mörder

6 min Lesezeit 1 Kommentar 09.08.2021, 16:10 Uhr

Ein Zuger Fussballtrainer hat mehrere seiner Schützlinge sexuell missbraucht. Videoaufnahmen beweisen das. In der Gerichtsverhandlung zeigt sich: Beim Täter handelt es sich um den Mann, der 2010 als Herti-Mörder Schlagzeilen machte.

Dass der Mann für die Buben ein Mentor, ja ein Vorbild war, wundert nicht. Er ist gross, sieht gut aus und hat ein selbstbewusstes Auftreten. Selbst jetzt, da er als mutmasslicher Kinderschänder vor dem Strafgericht Zug steht. Er macht sich aufmerksam Notizen, wirkt konzentriert und macht einen kompetenten, ja fast schon charmanten Eindruck.

«Ich bin beschämt», sagt er auf die Frage des Richters, wie es ihm heute gehe. Wirken tut er nicht so. Aufrecht sitzt der 33-Jährige da. Mehrfach korrigiert er den Vorsitzenden bei der Wiedergabe von Zeugenaussagen. Die Routine im Umgang mit der Justiz ist spürbar, noch bevor der Richter anspricht, warum das so ist.

Mann getötet und ausgeraubt

«Wie ich einem Urteil aus dem Jahr 2010 entnehme, sind Sie ein Adoptivkind mit brasilianischen Wurzeln», sagt der Richter bei der Befragung zur Person. «Sie waren erfolgreicher Torhüter und betrieben Leistungssport», liest er weiter vor. «Dann wurden sie wegen Mord zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.»

Plötzlich macht es Klick. Die Erinnerung kommt hoch. Der Herti-Mord. Der junge aufstrebende Sportler, der einen 52-Jährigen brutal überfallen und seine Wohnung ausgeräumt hat. Das ist der Mann, der jetzt – elf Jahre später – wieder auf der Anklagebank sitzt.

Die Spieler mussten nackt trainieren – und er filmte mit

Die Anklage wirft dem Mann vor, er habe kurz nach seiner bedingten Entlassung 2018 als Fussballtrainer mehreren Junior-Spielern zwischen die Beine gefasst, als sie jeweils mit ihm alleine im Auto waren. Unbestritten ist: Er hat mehrere der 15-jährigen Buben dazu gebracht, nackt Liegestützen zu machen, nackt mit dem Ball zu jonglieren oder nackt durch den Garten zu rennen.

Er filmte seine «besonderen Trainingseinheiten» (zentralplus berichtete). Teilweise zahlte er den Buben auch Geld, wenn sie sich selber beim Onanieren filmten. Die Aufnahmen wurden zusammen mit 1800 weiteren Kinderpornos auf dem Computer der Trainers gefunden.

«Eier-Zwicken» – sein Markenzeichen

Das alles tut der heute 33-Jährige zunächst als Spass ab. Dass man sich gegenseitig «in die Eier zwicke» sei für ihn in der Fussball-Szene normal. Einer der Jungs sagte aus, das sei sowas wie ein «Markenzeichen» des Trainers gewesen. Seine Art von Humor halt.

«Für ihn war es normal, dass seine Kollegen Teenager waren.»

Verteidiger

Beim nackten Herumturnen habe es sich um Mutproben gehandelt, sagt der Trainer. Es sei ein Jux gewesen. Die Jugendlichen erlebten das teilweise anders. Aus ihren Aussagen geht hervor, dass sie sich vom Trainer unter Druck gesetzt fühlten. Einer der Buben sagte aus, der Mann habe gedroht, ihn vom Tessin aus nicht nach Hause zu fahren, wenn er sich nicht ausziehe.

Der Mann fasste die Jungs nach eigenen Aussagen zwar nie in einem sexuellen Sinne an, aber es kam vor, dass er mit ihnen zusammen onanierte. Ist das noch Spass? Wohl kaum.

Infantil oder pädophil?

Der Verteidiger mag das Verhalten seines Mandanten nicht entschuldigen. Er betrachtet den Trainer aber eher als «infantil denn als pädophil». Was er damit meint? Um das zu erklären, greift er weit zurück. In die Kindheit des Mannes, der heute auf der Anklagebank sitzt.

Geboren ist dieser in Brasilien, aufgewachsen in einer Adoptivfamilie im Kanton Zug. In seinem Dorf war er der einzige mit einer dunklen Haut. Sein Vater neigte zu Gewalt. Einmal schlug er seinem Sohn beim Znacht derart fest ins Gesicht, dass eine Menge Blut in die Suppe vor ihm tropfte. Dann zwang er ihn, diese trotzdem zu essen.

Ein Ausweg war für den Jungen der Fussball. «Er fühlte sich wohl und geborgen in dieser Welt», so der Verteidiger. Es war wohl die beste Zeit im Leben des Mannes. «Man probiert vieles aus, das Interesse an der Sexualität entsteht. Es geht zuweilen rüpelhaft zu und her unter den Buben, um herauszufinden, wer der Stärkere ist», so der Verteidiger.

In der Teenagerphase stecken geblieben

Jeder durchlebe diese kindische Phase. Nur wurde diese bei dem jungen Fussballer durch seine Verhaftung wegen Mordes jäh beendet. Er war damals in eine Art «Gang» geraten. «Es war vorbei mit dem Blödeln. Er lebte plötzlich in einer strengen Erwachsenenwelt. Im Gefängnis war er immer der Jüngste – und blieb das Kind, das von den Mitgefangenen beschützt wurde. Er blieb in der Teenagerphase stecken und hat sich nicht weiterentwickelt», so der Verteidiger.

«Es gefiel ihm, wie ein Voyeur zuzusehen. Er hat sie manipuliert.»

Staatsanwältin

Nach seiner Entlassung habe er nahtlos dort angeschlossen, wo er aufgehört habe. «Für ihn war es normal, dass seine Kollegen Teenager waren. Viele der Handlungen, die ihm vorgeworfen werden, wären rechtlich und moralisch problemlos, wenn sie unter Gleichaltrigen vorgenommen worden wären. So war es aber nun mal nicht.»

Deshalb räumt auch der Verteidiger ein, dass sein Mandant der sexuellen Handlungen mit Kindern schuldig ist. Anders als die Staatsanwältin, die allein dafür 14 Monate Freiheitsstrafe fordert, fordert er, dass sein Mandant für diese Taten maximal acht Monate ins Gefängnis soll.

Er nutzte seine Machtposition aus

«Er war für sie Trainer, Vorbild und Autoritätsperson in einem», argumentiert die Staatsanwältin. Er erfand Mutproben oder inszenierte Geldverdienstmöglichkeiten. «Es gefiel ihm, wie ein Voyeur zuzusehen. Er hat sie manipuliert.» Zwar würden die Taten nicht bestritten, aber die Motivation. «Er versucht, sie zu bagatellisieren und als Spass zu qualifizieren», so die Staatsanwältin.

Ein psychiatrisches Gutachten gibt beiden Argumentationen recht. Einerseits wird dem Mann eine Persönlichkeitsstörung mit unreifen Zügen attestiert. Andererseits spricht das Gutachten von einer leichten Pädophilie, die allerdings gut behandelbar sei.

Prügelei auf dem Sportplatz

Für das Gesamtstrafmass entscheidend wird die Frage sein, wie das Strafgericht Zug einen Vorfall vom September 2019 einstuft. An jenem Abend hat der Mann gemäss Staatsanwaltschaft einen Trainerkollegen aufs Übelste verprügelt – und dabei sogar eine schwere Körperverletzung in Kauf genommen.

«Ich habe selber eine dezidierte Einstellung zu Pädosexuellen. Zu akzeptieren, dass ich einer sein soll, fällt mir extrem schwer.»

Beschuldigter

In Anbetracht der Vorstrafe wegen Mordes fällt ein solches Gewaltdelikt bei der Strafzumessung natürlich massiv ins Gewicht. Die Staatsanwaltschaft fordert dafür eine neue Freiheitsstrafe von einem Jahr. Zudem soll die Bewährung widerrufen und der Rest der Gefängnisstrafe wegen Mordes – weitere 4,5 Jahre – vollzogen werden.

Die Verteidigung hingegen wertet die angebliche Schlägerei lediglich als eine Tätlichkeit. Der Trainer habe seinen Kollegen nicht schwer verletzen wollen. Er habe lediglich mit der Jacke nach ihm geworfen. Deshalb dürfe die Bewährung nicht widerrufen werden.

Eine Entschuldigung zum Schluss

Die Anträge gehen insgesamt weit auseinander. Während die Staatsanwaltschaft den Mann insgesamt 8,5 Jahre ins Gefängnis stecken will, fordert die Verteidigung eine bedingte Freiheitsstrafe von gerade mal 1,5 Jahren. Die drei Richter sind derzeit dabei, den Fall zu diskutieren. Eröffnen werden sie das Urteil morgen Dienstagnachmittag.

Der Beschuldigte selber wandte sich in seinem letzten Wort an die Mutter eines seiner Opfer – und bat sie um Entschuldigung. «Es war nie meine Absicht, jemanden zu schädigen oder in einer Art anzugehen, die Schaden verursacht», versicherte er.

«Ich habe einen Riesenfehler gemacht. Ich habe selber eine dezidierte Einstellung zu Pädosexuellen. Zu akzeptieren, dass ich einer sein soll, fällt mir extrem schwer. Ich habe vieles nicht erkannt. Aber ich muss mich damit beschäftigen und eine Therapie machen.»

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1 Kommentare
  1. Thomas Imholz, 09.08.2021, 17:34 Uhr

    Echt jetzt? Der verurteilte Mörder kommt aus dem Knast und wird bei einem Zuger Verein als Trainer beschäftigt und mit Knaben alleine gelassen? Wie kommt dieser Verein dazu?

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