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Mieter möchten sich engagieren – können aber meist nicht
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Eltern und Kinder haben bei der Erbauung des Erlebnisspielplatzes mitgeholfen. (Bild: zvg )

Maihofsiedlung als Vorzeigeprojekt für Mitwirkung Mieter möchten sich engagieren – können aber meist nicht

5 min Lesezeit 07.03.2017, 16:08 Uhr

Der Gemeinschaftsgedanke geht bei Bewohnern von Wohnbaugenossenschaften zunehmend verloren. Mieter engagieren sich kaum mehr. Die Hochschule Luzern und die ABL haben in einem gemeinsamen Projekt ermittelt, dass der Ball vor allem bei den Anbietern liegt. Diese müssten Verantwortung abgeben. Ein Musterprojekt ist die Maihofsiedlung.

Wer kann in der Stadt schon von sich behaupten, seine Nachbarn wirklich zu kennen? Dabei ist das Thema immer wichtiger, denn durch das verdichtete Bauen kommen die Menschen einander immer näher. Dadurch wird auch der Austausch untereinander immer zentraler. Aus diesem Grund lancierte die Hochschule Luzern für Soziale Arbeit (HSLU) ein Forschungsprojekt, das die Funktionsweisen von Nachbarschaften in Genossenschaftssiedlungen untersucht. Dabei habe sich gezeigt, dass bereits flüchtige Nachbarschaftskontakte dazu führen können, sich in seinem Umfeld sicherer und wohler zu fühlen, so das Fazit der Studie.

Dabei nahm das Forschungsprojekt die Mechanismen in den Genossenschaftswohnungen genauer unter die Lupe. Denn: Die Wohngenossenschaften seien «prädestiniert» für die Untersuchung von Nachbarschaftsmodellen, so Projektleiterin Barbara Emmenegger, weil sie ein System des Mitwirkens pflegen. Zumindest in der Theorie. Doch nur weil man in einer ihrer Wohnungen lebt, fühlt man sich noch nicht als Genossenschafter.

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Luzerner Genossenschaft wird gelobt

Aber grundsätzlich gibt es ein Interesse zur Mitwirkung seitens der Mieter. «Die Bewohner wollen das Haus oder die Siedlung mitgestalten, in der sie selber leben», so Emmenegger. Deshalb soll man die Mieter in Entscheidungsprozesse miteinbeziehen. Werde die ganze Siedlungsplanung nämlich in einem Büro gemacht, so können sich die Mieter damit kaum identifizieren.

Barbara Emmenegger, Professorin an der HSLU, leitete das Forschungsprojekt.

Barbara Emmenegger, Professorin an der HSLU, leitete das Forschungsprojekt.

(Bild: zvg)

Dabei hebt Emmenegger die Allgemeine Baugenossenschaft Luzern (ABL) hervor: «Die ABL ist sehr fortschrittlich in Sachen Nachbarschaftsförderung.» Die Genossenschaft ist die einzige Luzerner Institution, welche Teil des Forschungsprojekts war – von insgesamt schweizweit 15 Organisationen. «Sie hat als Genossenschaft eine Vorbildrolle», sagt Emmenegger. Dies, weil die Luzerner Genossenschaft bereits seit rund zehn Jahren ihren Kurs in Richtung Mieterpartizipation setzt.

Konkrete Projekte umgesetzt

Bei der ABL ist man erfreut über das Lob. Man fühle sich denn auch auf dem Weg, den man vor rund zehn Jahren einschlug, bekräftigt, so Jésus Turiño, Leiter Soziales und Genossenschaftskultur. Es sei deshalb auch so, dass man die Organisation der Genossenschaft nicht gänzlich überdenken müsste. Dabei würden die Forschungsergebnisse bereits in die Planung der Projekte mit einfliessen, so Turiño: «An der Bernstrasse läuft beispielsweise gerade der Architekturwettbewerb für eine neue Siedlung. Da ist die Gemeinschaftsförderung ein Auswahlkriterium.»

Siedlung Obermaihof wird Partizipationsprojekt

Ein weiteres konkretes Projekt ist die Siedlung im Obermaihof (siehe Box). Dort wird, so Turiño, ein Gestaltungsplan mit drei sogenannten «Planungsinseln» erstellt, der das Mitwirken der Bewohner vorsieht.

Das Projekt «Obermaihof 1»

Die Siedlung im Maihof wird für 84 Millionen Franken gesamterneuert, es entstehen Ersatzbauten (zentralplus berichtete). Das Projekt der «phalt-Architekten» sieht eine Gliederung der Siedlung mit sanierten, beziehungsweise erweiterten und neu erstellten Gebäuden vor. Insgesamt gibt es in der ABL-Siedlung künftig 227 Wohnungen in unterschiedlichen Grössen und Formen. Der Bau erfolgt in fünf Etappen, beginnt im Herbst 2017 und ist voraussichtlich Ende 2024 abgeschlossen.

«Planungsinseln», das heisst konkret: Man plant bewusst Räume ein, die dann von den Bewohnern der Siedlung mitgestaltet werden. «Gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern bauen wir einen Spielplatz, einen Rasenplatz mit einem Gemeinschaftsraum oder scheiden eine Zone für Community Gardening oder Gemeinschaftsgärten aus», so Turiño.

Bewohner werden durch Genossenschaft unterstützt

Die ABL ist aber eher die Ausnahme. Das Forschungsprojekt kommt zur Erkenntnis, dass die meisten Genossenschaften zu wenig machen für die Einbindung ihrer Mieter in Gestaltungsprozesse. Obwohl die Mieter eigentlich bereit wären, sich zu engagieren, können sie es in den meisten Fällen nicht. Denn: Der Anstoss zur Mitarbeit muss von der Genossenschaft aus kommen. Das bedeutet für diese aber einen Mehraufwand und die Abtretung von Verantwortung.

«Der Grundgedanke ist, dass die Genossenschafter die Mietwohnungen wie ihr Eigentum behandeln – und gestalten dürfen.»

Jésus Turiño, Leiter Soziales und Genossenschaftskultur

Diese Verantwortung abzugeben, dazu ist die ABL in der Maihofsiedlung bereit. Sind die Siedlungen erst einmal bezogen, so übernimmt die Genossenschaft zwar die Leitung der Gestaltungsprozesse, aber wer von den Anwohnern bei der Gestaltung der «Planungsinseln» mitmachen will, der darf seine eigenen Ideen einbringen. Um die Siedlungsgestaltung durch die Anwohner zu koordinieren und zu fördern, wurde bei der Genossenschaft extra die Stelle «Soziales und Genossenschaftskultur» geschaffen. Total entspricht der Aufwand 140 Stellenprozenten.

Stilistisch zurückdatiert: «neue» Heimatstilbauten der abl im Maihof. (Foto: Gerold Kunz)

Stilistisch zurückdatiert: «neue» Heimatstilbauten der abl im Maihof. (Foto: Gerold Kunz)

(Bild: Gerold Kunz)

«Es braucht jemanden, der die Gestaltungsprozesse anleitet», erklärt Turiño das Vorgehen. Doch dies könne nicht jede Genossenschaft bieten. «Dank unserer Grösse haben wir die Möglichkeiten, solche Stellen zu schaffen. Verfügt man über eine kleinere Anzahl Gebäude, so hat man nicht die Kapazität, solche Partizipationsprozesse mit internen Stellen anzuleiten», so der Genossenschafter.

Doch was ist der Gewinn für die Genossenschaft, die Bewohner in die Gestaltung der Siedlung miteinzubeziehen? «Unsere Bewohner sind Besitzer der Liegenschaften. Der Grundgedanke ist, dass die Genossenschafter die Mietwohnungen wie ihr Eigentum behandeln – und gestalten dürfen», so Turiño.

Jésus Turiño, Leiter Soziales und Genossenschaftskultur bei der ABL.

Jésus Turiño, Leiter Soziales und Genossenschaftskultur bei der ABL.

(Bild: zvg, abl/Stefano Schröter)

Engagement ist nicht Pflicht

Doch nicht alle Leute sind gewillt, sich aktiv in der Nachbarschaft zu engagieren. Das müsse man auch nicht, so Emmenegger: «Es geht nicht darum, dass alle Bewohner einer Siedlung gut befreundet sein müssen. Man soll noch immer den ‹urbanen Lebensstil› pflegen dürfen und muss sich zu nichts verpflichten.» Doch dann müsse man sich auch fragen, ob Genossenschaftswohnungen da das Richtige sind, oder man nicht doch in privat verwalteten Wohnungen leben möchte.

Erkenntnisse auch für Private nutzbar

Dass diese Entwicklung hin zur Einbindung der Mieter nicht auch bei Privaten Einzug hält, das will Projektleiterin Barbara Emmenegger nicht ausschliessen: «Es gibt Hauseigentümer, die sind sehr interessiert an der Förderung des sozialen Engagements ihrer Mieter.» Andere hingegen kümmerten sich kaum darum. Aber Emmenegger sagt: «Von unserer Seite her wäre es wünschenswert, wenn auch Private für die Nachbarschaftsförderung zu begeistern wären.»

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