Michael Töngi: «Der Bypass löst Luzerns Verkehrsprobleme nicht»
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Der Bypass biete der Stadt Luzern keine Entlastung, sagt der VCS. (Bild: ber)

Artikelserie zum Bypass Luzern Michael Töngi: «Der Bypass löst Luzerns Verkehrsprobleme nicht»

4 min Lesezeit 3 Kommentare 05.10.2020, 05:00 Uhr

Über 90 Einsprachen sind gegen die Pläne zum Bau des Bypass Luzern eingegangen. Jene der Luzerner Sektion des Verkehrsclubs der Schweiz (VCS) fordert einen kompletten Übungsabbruch. Der Luzerner Sektionspräsident und Nationalrat Michael Töngi erklärt, weshalb das Projekt aus seiner Sicht zum Scheitern verurteilt ist.

Wir müssen über den Luzerner Bypass reden. Am 15. Oktober tut zentralplus genau das: Im Rahmen eines Podiumsgesprächs diskutieren wir mit Vertretern der Standortgemeinden und Verkehrsverbänden über das Strassenbauprojekt, das Luzern über Jahrzehnte prägen wird. Alle Informationen dazu findest du hier:

Bevor es so weit ist, treffen wir die Podiumsteilnehmer zum Einzelgespräch. Heute: Michael Töngi, VCS-Sektionspräsident und Luzerner Nationalrat (Grüne).

zentralplus: Michael Töngi, gemeinsam mit dem WWF fordert Ihr Verband einen Verzicht auf das Projekt Bypass. Ist das beim heutigen Stadium – nach bereits erfolgter Planauflage – überhaupt noch realistisch?

Michael Töngi: Ja, das ist es durchaus.

zentralplus: Wie rechtfertigen Sie das nach all den Jahren der Planung und dem ganzen bisher investierten Geld?

Töngi: Zum einen ist da die Tatsache, dass der Bypass komplett quer zu den Klimazielen des Bundes steht. Zur Erinnerung: Die Schweiz hat sich verpflichtet, bis 2050 klimaneutral zu sein. Das ist kein Ziel, das man mit einem Kapazitätsausbau der Nationalstrassen erreicht. Kommt hinzu, dass der Bypass die Luzerner Verkehrsprobleme gar nicht löst.

«Der grösste Teil der Luzerner Verkehrsprobleme – die verstopften Stadtstrassen zur Stosszeit – sind hausgemacht.»

Michael Töngi, Präsident VCS Luzern

zentralplus: Was meinen Sie damit konkret?

Töngi: Der grösste Teil der Luzerner Verkehrsprobleme – die verstopften Stadtstrassen zur Stosszeit – sind hausgemacht. Es ist der Agglomerationsverkehr, der hier wirkt. In der Stadt und der Agglo müssen wir deshalb konsequent auf den öffentlichen Verkehr und den Velo- und Fussverkehr setzen.

zentralplus: In seiner Einsprache moniert der VCS, dass der Bund die Nachfrage des motorisierten Individualverkehrs überschätze. Angesichts der eben erwähnten verstopften Stadtstrassen überrascht diese Aussage.

Töngi: Das Projekt Bypass basiert auf einem Verkehrsmodell des Kanton Luzern. Dieses nutzt jedoch veraltete Daten, die künftige gesellschaftliche und demografische Entwicklung nicht berücksichtigen.

Michael Töngi und der VCS fordern, die Pläne für den Bypass komplett zu verwerfen.

zentralplus: Können Sie Beispiele dafür machen?

Töngi: Der Trend in Richtung mehr Homeoffice hat sich schon vor der Corona-Pandemie abgezeichnet und seither nur noch verstärkt. Hinzu kommt eine neue Generation, die eher Mobility-Sharing-Angebote nutzt, als selber ein Auto besitzen zu wollen.

zentralplus: Aber ist es ist doch auch so, dass die Bundesfonds für Strassenbauprojekte zum Bersten voll sind und der politische Druck da ist, diese Projekte jetzt umzusetzen. Deshalb nochmals die Frage: Wie lässt sich der Bypass überhaupt noch aufhalten?

Töngi: Die Kassen sind voll und der Bund will jetzt Autobahnen bauen können – nur stösst er an vielen Orten auf Widerstand. Der Bypass lässt sich auf dem gerichtlichen Weg aufhalten – oder aber durch eine Neuausrichtung der nationalen Verkehrspolitik. Zurzeit ist der Sachplan Verkehr in der Vernehmlassung. Nimmt man die Vorgaben in diesem Papier ernst, dürfte der Bypass gar nicht gebaut werden.

zentralplus: Ist der VCS bereit, die Sache bis vor das Bundesgericht zu ziehen?

Töngi: Das lassen wir heute noch offen und werden uns mit dem WWF als Einsprachepartner absprechen. Zunächst gilt es abzuwarten, was die Einspracheverhandlungen bringen und, gegebenenfalls, auch was die Vorinstanzen entscheiden. Zudem muss man auch sehen: Für den Bund ist der Bypass kein 1-A-Projekt.

zentralplus: Wie meinen Sie das?

Töngi: Der Bypass geniesst beim Bund nicht die höchste Priorität. Der Bypass Luzern war lediglich in der Planung genug weit fortgeschritten, um ihn umzusetzen. Und wie Sie erwähnten, ist der Druck hoch, Projekte zu realisieren.

zentralplus: Für den Fall, dass der Bypass trotzdem realisiert wird, fordern Sie den Rückbau der Stadtautobahn. Warum das?

Töngi: Das geht wieder zurück auf meinen ersten Punkt: Die Kapazitäten dürfen nicht länger ausgebaut werden. Es ist eine Binsenweisheit, dass mehr Strassen auch mehr Verkehr verursachen. Nun gilt es, auch danach zu handeln. Für Luzern könnte der Fehler behoben werden, mitten durch die Stadt eine Autobahn zu führen.

«Das Autobahnprojekt wurde vom Bund als Projekt zur Entlastung der Stadt und der Agglo vom Autoverkehr angepriesen, damit der öffentliche Verkehr gefördert werden könne. Davon ist im aktuellen Projekt aber nichts mehr zu finden.»

zentralplus: Was halten Sie von der Vision der Stadt Kriens zur Eindeckelung der Autobahn?

Töngi: Das Projekt «Chance Bypass» mit einer möglichst durchgehenden Eindeckelung der Autobahn bis zum Schlundtunnel würde wenigstens städtebaulich den Kriensern etwas zurückgeben. Aus unserer Sicht sollten auch längere Tunnelvarianten, wie die verworfene Variante «Nidfeld tief», nochmals geprüft werden.

zentralplus: Das würde in der Konsequenz «zurück auf Feld eins» bedeuten.

Töngi: Das Autobahnprojekt wurde vom Bund als Projekt zur Entlastung der Stadt und der Agglo vom Autoverkehr angepriesen, damit der öffentliche Verkehr gefördert werden könne. Davon ist im aktuellen Projekt aber nichts mehr zu finden. Entsprechend muss man das Bypass-Projekt von Grund auf neu denken.

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Sei dabei, wenn die prominenten Teilnehmenden am 15. Oktober über das Milliarden-Projekt diskutieren. Jetzt anmelden unter www.zentralplus.ch/bypasszentralplus Podium: Wie wird der Bypass Luzern verändern?In Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern

Gepostet von zentralplus am Donnerstag, 24. September 2020

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3 Kommentare
  1. Martin Müller, 05.10.2020, 13:49 Uhr

    Die Attraktivität des öffentlichen Verkehrs in Luzern nimmt aus meiner Sicht nicht zu. Solange hier keine Besserung angestrebt wird, ist der Bypass die einzige Lösung. Der VVL hat den ÖV im Rontal als Beispiel so unattraktiv gestaltet (umsteigen, erhöhen der Fahrzeit, etc.), dass der Individualverkehr der einzige Ausweg ist.

  2. Markus Zopfi, 05.10.2020, 10:41 Uhr

    Ein wichtiger Punkt wird hier nicht beleuchtet: Die A2 und die A1 werden derzeit national auf drei Spuren ausgebaut. Dieser Verkehr kommt früher oder später durch Luzern, wo nun mal die Nord-Süd-Verbindung durchführt. Nur haben wir hier das nationale Unikum, dass die Autobahn hier teilweise einspurig geführt wird. Die Folge ohne Bypass ist klar: Noch viel mehr Staus als heute. Wenn man dies der Wirtschaft, den Stadtbewohnern und jenen der umliegenden Gemeinden zumuten will, dann ist Verweigerung der ideale Weg. An einer klimaneutralen Zukunft bis 2050 kann man auch mit neuen Antrieben arbeiten.

  3. Silvan Studer, 05.10.2020, 10:01 Uhr

    Ich wünsche mir für unser Land eine Zukunft, die anders aussieht als Herr Töngi.

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