Michael Hermann: «Das Unverständnis der Geimpften nimmt zu»
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Politgeograf Michael Hermann hat in Luzern die Ergebnisse der CSS-Gesundheitsstudie vorgestellt. (Bild: jal)

Politgeograf in Luzern Michael Hermann: «Das Unverständnis der Geimpften nimmt zu»

5 min Lesezeit 1 Kommentar 25.08.2021, 19:57 Uhr

Politgeograf Michael Hermann hat für die Luzerner CSS-Versicherung der Bevölkerung den Puls in der Coronakrise gefühlt. Er ist überzeugt: Eine Impfquote von bis zu 80 Prozent wäre möglich – auch mithilfe der ausgeweiteten Zertifikatspflicht in Restaurants und Fitnessstudios.

zentralplus: Michael Hermann, gibt es einen Impfgraben in der Schweiz?

Michael Hermann: Ja, absolut.

zentralplus: Ihre neuste Studie im Auftrag der Luzerner Krankenkasse CSS zeigt, dass dem tieferliegende Einstellungen zugrunde liegen als nur die Haltung zum Impfstoff.

Hermann: Der deutlichste Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften liegt im Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Ungeimpfte sind überzeugt, dass die eigene Einstellung mit beeinflusst, ob man krank wird. Sprich: Für sie ist Krankheit quasi ein Symptom eines geistigen Problems. Wer so denkt, ist häufig näher bei der Alternativmedizin.

zentralplus: Aber der Placebo-Effekt ist ja nachgewiesen, insofern ist das ja nicht zwangsläufig eine esoterische Position.

Hermann: Unsere Studie bestätigt ausdrücklich: Das körperliche und psychische Wohlbefinden hängen eng zusammen. Problematisch wird es aber, wenn man diese Konzeption auf Infektionskrankheiten überträgt. Denn: Das Virus interessiert sich nicht dafür, ob jemand robust ist oder nicht. Es sind ja viele Menschen betroffen – auch im Kanton Zug gibt es ein prominentes Beispiel –, die dachten, sie seien topfit und dann trotzdem erkrankten.

«Das Impfen ist die Massnahme, die wirtschaftlich am wenigsten negative Folgen hat. Ein Lockdown ist viel dramatischer.»

zentralplus: Impfskeptiker überschätzen ihre Widerstandskraft?

Hermann: Sie überschätzen die Rolle der mentalen Widerstandskraft bei diesem Typus von Erkrankung. Wie gesagt, handelt es sich um eine Infektionskrankheit, die durch einen Erreger übertragen wird.

zentralplus: In Luzern sind praktisch nur Ungeimpfte auf den Intensivstationen, anderswo ist das Bild ähnlich (zentralplus berichtete). Kann die zunehmende Hospitalisierung die Impfbereitschaft steigern?

Hermann: Wir hatten letzten Herbst schon volle Intensivstationen, offenbar reichte das nicht. Sicher hilft es für das Vertrauen in die Impfung, dass Geimpfte viel weniger oft im Spital landen. Auch wenn Covid Leute aus dem eigenen Umfeld betrifft, mit denen man sich identifiziert, hat das sicher einen Einfluss. Aber viele denken: Die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung ist gering, also ist Corona nicht gefährlich. Aber man würde auch nicht sorglos auf einen Berg steigen, auf dem jeder Zehnte verunfallt. Offenbar haben viele ein Problem mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung.

zentralplus: Was bedeuten Ihre Resultate für die Behörden: Wie kann man die Impfquote erhöhen?

Hermann: Es ist sicher schwieriger in einer direkten Demokratie. Aber die Schweiz läuft gerade Gefahr – auch aufgrund der tiefen Impfquote – wieder besonders betroffen zu sein. Unsere Studien zeigen: Viele entscheiden sich fürs Impfen, weil sie zur Normalität zurückkehren oder Freiheiten wie das Reisen geniessen möchten. Deshalb wird die Zertifikatspflicht eine grosse Rolle spielen.

zentralplus: Der Bundesrat will sie ausweiten auf Bereiche wie Restaurants und Fitness. Hilft dieser Druck also?

Hermann: Ja, ich denke schon. Wenn man sich ständig testen lassen muss oder nicht mehr im Ausland einkaufen kann, wird es vielen zu mühsam. Für den grössten Teil der Ungeimpften wird die Rechnung irgendwann so ausfallen, dass sich eine Impfung mehr lohnt. Und man muss auch sehen: Das Impfen ist die Massnahme, die wirtschaftlich am wenigsten negative Folgen hat. Ein Lockdown ist viel dramatischer.

zentralplus: Dennoch: Die Gastronomie zum Beispiel ist gegen die Ausweitung der Zertifikatspflicht.

Hermann: Das ist ein Stück weit verständlich. Sie hat eh schon viele Opfer erbracht und die Zertifikatspflicht in Restaurants wird kurzfristig negative Folgen haben für die Gastronomie. Aber die Wirte sind zwar die lautesten, aber nicht die wichtigste Branche des Landes. Man kann die Gastwirtschaft nicht mit der Wirtschaft gleichsetzen. Der Druck der übrigen Wirtschaft wird die Impfquote automatisch nach oben treiben.

zentralplus: Das heisst, auch der Druck der Wirtschaft auf die Ungeimpften steigt?

Hermann: Das spürt man jetzt schon. Zum einen drängen immer mehr Firmen ihre Angestellten zur Impfung. Zum anderen hört man auch bei der wirtschaftsfreundlichen SVP teilweise neue Töne.

«Im Verlaufe dieses Jahres erlebten wir eine Politisierung des Impfens.»

zentralplus: Sie sprechen Nationalrat Roger Köppel an, der auf «Weltwoche Daily» für die Impfung warb.

Hermann: Lange gab es in den Umfragen keinen Zusammenhang zwischen Impfbereitschaft und politischer Einstellung. Doch im Verlaufe dieses Jahres erlebten wir eine Politisierung des Impfens. Es gibt wie in den USA eine starke Opposition auf konservativer Seite. Als dort in konservativen Landesteilen die Betroffenheit stieg, sprachen sich Republikaner plötzlich stark fürs Impfen aus. Mit einiger Verzögerung kommt das nun auch in der Schweiz: Zuerst Christoph Blocher und nun Roger Köppel merken, dass Covid auch die eigenen Leute trifft.

zentralplus: Welche Impfquote halten Sie für realistisch?

Hermann: Ich denke, eine Impfquote von bis zu 80 Prozent ist möglich, wenn auch nicht von heute auf morgen. Aber es kommt stark darauf an, wie einschränkend die neuen Massnahmen sein werden.

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zentralplus: Der Impfgraben polarisiert, teilweise gehen Freundschaften kaputt, wie Ihre Studien auch zeigten. Wenn der Druck steigt, dürfte das nicht besser werden.

Hermann: Es gibt immer wieder politische Themen, die Beziehungen belasten, in den 90ern etwa die Europafrage. Aber es ist ein Phänomen unserer Zeit, dass die Leute mit ihresgleichen verkehren.

zentralplus: Sie sind in einer Bubble.

Hermann: Genau. Aber in der Impffrage waren die Freundschaften bislang nicht nach diesem Kriterium sortiert – und da findet momentan tatsächlich eine neue Sortierung statt.

zentralplus: Wieso spaltet die Impffrage derart?

Hermann: Es geht um unsere Gesundheit, um die wirtschaftlichen und persönlichen Freiheiten, um die körperliche Integrität: Das sind ganz grundsätzliche Fragen. Dazu kommt: Das Unverständnis der Geimpften gegenüber den Ungeimpften nimmt zu. Wir hatten jetzt ein paar Monate den Luxus zu denken, es reicht ja, die Coronazahlen und Hospitalisierungen gehen zurück. Aber wenn jetzt wieder Eingriffe verschoben und Massnahmen verhängt werden, weil Leute im Spital landen, die das mit einer Impfung hätten verhindern könnten, birgt das einiges an Sprengpotenzial.

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1 Kommentare
  1. Fabrizio, 27.08.2021, 15:32 Uhr

    Hört bitte auf einen Sündenbock für diese Krise zu suchen und lasst den Menschen die freie Entscheidung. Wir leben in einer liberalen Gesellschaft mit Schweizerischen Tradition und Werte. Lasst uns diese Werte auch in Zukunft weiterhin bewahren.

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