Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Michael Elsener kuschelt mit Sandro Brotz und nimmt Reto Wyss in die Mangel
  • Kultur
  • Rezension
Der Luzerner Regierungsrat Reto Wyss (links) wurde von Michael Elsener nicht geschont. (Bild: jwy)

Gute-Nacht-Show im Luzerner Kleintheater Michael Elsener kuschelt mit Sandro Brotz und nimmt Reto Wyss in die Mangel

4 min Lesezeit 03.05.2018, 09:32 Uhr

Der Zuger Satiriker Michael Elsener wagte sich mit seiner Show erstmals nach Luzern. Im Kleintheater wollte er von SRF-Mann Sandro Brotz wissen, wie das mit den Interviews geht. Und von Reto Wyss das mit dem Sparen. Beide wurden nicht geschont.

Aus Zug und aus dem Internet kennt man Michael Elseners Gute-Nacht-Show bereits. In der Galvanik war letztes Jahr Andreas Glarner zu Gast und setzte sich zum Comedian auf die Bettkante (zentralplus rezensierte).

Nun war er mit seiner Show erstmals in Luzern. Und Elsener hatte wiederum einen polarisierenden Politiker als Gast: Regierungsrat Reto Wyss (CVP).

Unterstütze Zentralplus

Michael Elsener ist die grosse Schweizer Satirehoffnung. Mit «Late Update» hat er seit dem Frühling sein eigenes Nachrichtensatireformat auf SRF. Und apropos SRF: Auch Sandro Brotz, der scharfzüngige Moderator der «Rundschau», war am Mittwoch zu Gast im Kleintheater.

Zackiges Hin und Her

Michael Elsener kann’s mit dem Publikum und er kann’s mit den Gästen. Er hat Tempo, Drive und Witz. Er ist spontan, getraut sich unter die Gürtellinie und ins Bett, behält aber das Niveau. Das alles bewies er an diesem Abend im rappelvollen Kleintheater und mit seinen diametral verschiedenen Gästen.

Vom versierten Interviewer Sandro Brotz erhoffte sich der Gastgeber zuerst Nachhilfeunterricht. «Warum riechst du Angstschweiss so gern?», wollte Elsener wissen – liess aber kaum je Zeit für eine ganze Antwort. Der SRF-Mann rettete sich in Gegenfragen, so ging das zackig hin und her und es war wunderbar unterhaltsam und geistreich. Man landete bald beim Rotwein, und selbst als das Gespräch auf das Interview mit dem syrischen Machthaber Bashar al-Assad kam, zeigte Elsener keine Beisshemmungen.

«Rundschau»-Moderator Sandro Brotz (links) nimmt bei Michael Elsener auf dem Bett Platz.

«Rundschau»-Moderator Sandro Brotz (links) nimmt bei Michael Elsener auf dem Bett Platz.

(Bild: jwy)

Wieso er damals nicht krassere Fragen gestellt habe, und ob ein Massenmörder zärtlich sein könne? Elsener meisterte den schmalen Grat zwischen Interesse und Blödelei mit Bravour. Sandro Brotz liess sich nicht beirren und gab interessante Details von seiner Syrien-Reise und anderen Gesprächspartnern preis und erklärte, wieso er allergisch auf schwurblige Antworten ist. «Ich hab’s einfach nicht gern, wenn man nicht auf Fragen antwortet.»

Auch der Lacher des Abends bezog sich auf den SRF-Mann: Michael Elsener suchte im Vorfeld Leute, die eine Frage an Sandro Brotz richteten, das Problem aber: «Ich habe mega viele Leute angefragt, aber die meisten sagten: Dem Brotz habe ich nichts mehr zu sagen.»

Weniger steif als gedacht

Es kam nicht ungelegen, dass das Zürcher Performance-Pop-Duo Eclecta zur Auflockerung zwischendurch ein paar Songs zum Besten gab. Marena Whitcher und Andrina Bollinger sind eine Entdeckung, wie sie mit Stimmen, Samples und Geräuschen in eine ganz eigene Sound-Welt entführten.

Nun war «Spar-Bildungs-Kultur-Minister» Reto Wyss an der Reihe. Jetzt drehte Michael Elsener richtig auf, er schonte den Regierungsrat kein bisschen. Wie das mit dem englischen Prinzen war diese Woche? «Arbeit kommt vor Händeschütteln», so Wyss, aber es sei weniger steif gewesen als befürchtet.

Auch Wyss war weniger steif als befürchtet, freute sich über den «Brotz im Vorprogramm». Aber als Reto Wyss immer wieder mit echter Bemühung die Finanzpolitik zu erklären versuchte, Elsener ihm aber ein ums andere Mal keine Chance liess, auf einen grünen Zweig zu kommen, kam der Regierungsrat ins Schwitzen und sass je länger desto verkrampfter auf der Bettkante.

Von links: Sandro Brotz, Michael Elsener, Reto Wyss und das Duo Eclectica.

Von links: Sandro Brotz, Michael Elsener, Reto Wyss und das Duo Eclecta.

(Bild: jwy)

Ein durchschnittlicher Kanton?

Wyss’ Lebensmotto – «Den grössten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen» – war eine Steilvorlage für den Comedian. Elsener drehte ihm dieses Motto so lange im Mund herum, dass es kein Entkommen mehr gab. Und als Reto Wyss die Luzerner Kulturpolitik damit zu verteidigen versuchte, dass die Ausgaben pro Kopf durchschnittlich seien, fragte Elsener sec: «Darf man das sagen: Wir sind ein durchschnittlicher Kanton?»

Wyss mochte sichtlich nicht mehr über den Kulturprotest reden, doch auf die Frage, was der ausgebildete Bauingenieur eigentlich mit Kultur am Hut habe, verbuchte Wyss nochmals einen Lacher: «Ich versuche jeden Abend einen Kulturanlass zu besuchen, so komme ich auf eine 42-Stunden-Woche.»

Wyss’ Mitgliedschaft bei der Bruderschaft der Herrgottskanoniere von Luzern weckte bei Michael Elsener eine Mischung aus echtem Interesse und echter Verständnislosigkeit. Ob man da wirklich «im Namen Jesu herumballere»?

Es gab noch ein kurzes Spiel, bei dem der Bildungsminister weggesparte Zitate erraten musste (zum Beispiel: «Sein hier Frage»). Danach verschwand er etwas abrupt von der Bühne.

Elsener kann’s auch kuschelig

Für den Abschluss kam nochmals Sandro Brotz, mit dem sich Elsener ins Bett kuschelte – und auch die Fragen wurden flauschiger. So wurde Michael Elsener zur leichten Irritation von Brotz ganz angenehm, geduldig und gefühliger. «Die Kuschelatmosphäre ist ungewohnt für dich als harten Hund», sagte er an den «Rundschau»-Mann gerichtet. Und dann redeten sie tatsächlich darüber, welche Songs sie sich an der eigenen Beerdigung wünschten.

Einen solchen Spannungsbogen muss man auch erst mal hinkriegen. Die beiden brauchten jetzt einen Schluck Rotwein.

Am Schluss wurde es flauschig, als Sandro Brotz und Michael Elsener unter die Decke krochen.

Am Schluss wurde es flauschig, als Sandro Brotz und Michael Elsener unter die Decke krochen.

(Bild: jwy)

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare