«Meist erfolgte der Tod nach einem heftigen Niesen und Gähnen»
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Tausende von Zugern wurden zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert von der Pest weggerafft. (Bild: Montage wia)

Als in Zug die Pest grassierte «Meist erfolgte der Tod nach einem heftigen Niesen und Gähnen»

4 min Lesezeit 23.10.2019, 18:30 Uhr

Spaziert man heute durch Zug, läuft alles schön gesittet ab. Alles geordnet. Vor vierhundert Jahren sah das noch ganz anders aus. Besonders zu Zeiten der Pest dürften die Altstadtgassen einen grausigen Anblick geboten haben. Weil so viele Menschen starben, wusste man kaum mehr, wohin mit den Leichen.

Zurück in unsere Tage: Die Grippezeit lässt nicht mehr lange auf sich warten. Und während wir deshalb eifrig Echinaforce einwerfen, da wir Angst haben, wegen der Grippe eine Woche bei der Arbeit zu fehlen, plagten sich die Zuger vor einigen hundert Jahren noch mit ganz anderen Sorgen herum.

Alte Dokumente belegen: Die Pest machte keinen Bogen um die Zentralschweiz. Zwar war diese weit weniger stark betroffen als Gebiete wie die Westschweiz, doch zeugen historische Dokumente davon, dass die «schwarzen Blattern», wie die Krankheit etwa anfangs des 16. Jahrhunderts genannt wurde, unsagbares Leid über Zug brachten.

Tausende starben im Kanton Zug zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert an der schrecklichen Seuche.

Grosser Fisch im Zugersee? Ein schlechtes Omen

Im Gegensatz zur Krankheit Aussatz, die im 16. Jahrhundert mit «eisernen Massnahmen» überwunden werden konnte, blieben die Behörden der Pest gegenüber machtlos. «Kometen und Meteore, Finsternisse, das Auftauchen des grossen Fisches im Zugersee, von der Länge und Dicke eines Einbaums» wurden als sichere Vorboten der Pest betrachtet.

Arnold Böcklins «Die Pest».

«Sie bracht nämlich blitzartig herein, erfasste fast alle und tötete unerhört rasch», heisst es in «1352/1952», einer Publikation über die 600-jährige Zugehörigkeit Zugs zur Eidgenossenschaft. «Meist erfolgte der Tod nach einem heftigen Niesen und Gähnen», heisst es darin.

In einem Jahr Tausende Tote

Geniest und gegähnt wurde in Zug im 16. Jahrhundert sehr häufig. 1564/1565 sprach man vom «grossen Beulentod». In Zug starben 636 Menschen, in Ägeri 460, in Menzingen 430. Im ganzen Kanton wurden 2596 Erwachsene, «dazu noch viele Kinder» von der Pest dahingerafft, wie es in damaligen Chroniken heisst.

Eines der drängendsten Probleme dieser Zeit: Wohin mit all den Toten? Abends in der Dämmerung fuhr der Leichenwagen «mit dumpf widerhallendem Glöcklein von Gasse zu Gasse, sammelte die Leichen und senkte sie in das Gemeinschaftsgrab», heisst es. Bis 1840 gab es auf dem Friedhof St. Michael in Zug ein solches Pestgrab. Teilweise lagen in den Gruben Hunderte von Menschen.

«Diese schauerliche Totenernte machte eine feierliche Beerdigung unmöglich», so die Chronik.

Keine Zeit für Tränen

«In solchem Jammer und solcher Betrübnis der Stadt war auch das ehrwürdige Ansehen der menschlichen wie der göttlichen Gesetze fast ganz gesunken und zerstört. Die Gestorbenen wurden mit keiner Träne, Kerze oder Begleitung geehrt, vielmehr war es so weit gekommen, dass man sich nicht mehr darum kümmerte, wenn Menschen starben, als man es jetzt um den Tod einer Ziege tun würde», wird die damalige Zeit in «Zug – Ein Heimatbuch» beschrieben.

Erst im 17. Jahrhundert kamen die Ärzte offenbar zur Einsicht, dass sich die Krankheit durch lebende oder leblose Wesen verbreitet, weshalb die Kranken meist in den Stuben ihres Hauses abgesondert wurden. «In Ägeri und Walchwil vernagelte man die Türen. Die Kranken erhielten durch eine Öffnung in der Türe, die ‹Pestluke›, ihre Nahrung», so heisst es in der geschichtlichen Publikation «1352/1952».

Seuchenpässe sollten die Pest in Schach halten

Dabei hätte man auch schon früher ahnen können, dass Nagetiere wie Ratten oder Eichhörnchen mitunter die hauptsächlichen Krankheitsüberträger waren. «Man sieht Ratten und andere unterirdische Tiere auf die Oberfläche kommen und sich wie betrunken gebärden», wird eine Aussage des persischen Arztes Avicenna überliefert, der um das Jahr 1000 lebte.

Aus Angst vor der Seuche begann man um 1700 sogenannte «Seuchenpässe» auszustellen. Nur wer mit einem solchen bezeugen konnte, dass in der eigenen Heimat keine bösartigen Krankheiten grassierten, durfte in andere Gebiete reisen.

So dürfte ein Seuchenpass ausgesehen haben.

Ungefähr zur gleichen Zeit berief der Stadtrat der vielen Todesfälle wegen ein Ärztekollegium und befahl die Verbrennung von Laub- und Strohsäcken, auf denen Kranke gelegen hatten. Ausserdem wurden die Verstorbenen besonders tief beerdigt.

Spitäler – damals Siechenhäuser genannt – gab es in Zug bereits zur Zeit der Pest. In der Untergasse der Altstadt etwa wurde um 1435 eines errichtet. Zur selben Zeit übergab die Witwe Anna Singer ihr eigenes Haus der Stadt, damit es zur Wohnung der armen Leute werden könne. Zudem verschenkte sie ihr ganzes übriges Vermögen. 1522 wurde beim Siechenbach, heute Siehbach, ein Krankenhaus gebaut.

Gemälde von 1720, als die Pest in Marseille grassierte.

Siechenhäuser waren insbesondere dafür da, «Sondersieche», also Aussätzige, zu behandeln. Sie wurden zu Armenhäusern umgewandelt für «die Verpflegung von Uebelmögenden (Arbeitsunfähigen), presthaften (schwachen, brüchigen) Bürgern, die ihr eigenes Fortkommen nicht mehr zu finden vermochten und deshalb ausser Stand waren, ihr Brod verdienen und selbständig handeln zu können».

Es hat sich ausgetanzt!

Die Zuger Behörden schrieben 1720 aufgrund der immer noch grassierenden Pest in Marseille, dass die Bürger den erzürnten Gott besänftigen sollen. Zu diesem Zweck verboten sie «alle Ueppigkeiten, das ergerliche Schreien, Redverkehren, Wüethen und Toben sambt den Theurspielen, auch insonderheit das Tanzen nach bettgloggen und nächtlicher Zeyt».

Klingt absurd. Ist es aber gar nicht. Denn wo weniger Menschen aufeinandertreffen, ist die Ansteckungsgefahr entsprechend tief. Dies und Massnahmen der sogenannten «Seuchenpolizei» zeigten Wirkung. Die Pest verschwand aus der Schweiz.

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