«Meine eigene Beerdigung war eine der ersten, die ich geplant habe»
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Angela Villiger verdient ihr Geld damit, Bestattungen zu planen. Sie sagt: «Die Arbeit ist wunderschön.» (Bild: Mayron Oliveira/Unsplash)

Die Zugerin Angela Villiger ist Bestattungsplanerin «Meine eigene Beerdigung war eine der ersten, die ich geplant habe»

6 min Lesezeit 07.02.2020, 13:15 Uhr

Wir können ihn nicht verleugnen und schon gar nicht vermeiden. Trotzdem reden wir nicht gerne über den Tod. Eine, die damit kein Problem hat, ist die Zugerin Angela Villiger. Sie organisiert Bestattungen – und tut das mit Freude. An diesem Freitag referiert sie in Zug.

Die Zugerin Angela Villiger organisiert für die Bestattung anderer Menschen Blumen und ruft Musikanten an. Sie hilft Menschen zu Lebzeiten, über den Tod zu sprechen. Mit ihren Kunden erstellt sie gemeinsam ein Dossier. Darin ist alles enthalten: die Patientenverfügung, der Vorsorgeauftrag, Wünsche, wie man bestattet werden möchte. Die eigene Todesanzeige und alles Administrative. Vor fünf Jahren gründete die Treuhänderin die «Life Festival GmbH».

zentralplus: Bestattungsplanerin ist kein sehr üblicher Beruf. Wie sind Sie dazu gekommen?

Angela Villiger: Das hat mit meiner Grosstante zu tun. An ihrem 85. Geburtstag verwirklichte sie ihren Lebenstraum, nach New York zu reisen. Ich ging mit ihr mit. Da fragte sie mich, ob ich ihren Lebenslauf schreibe. Zuerst war ich geschockt. «Stirbst du?», fragte ich sie. Auf dieser Reise haben wir ihren Lebenslauf gemeinsam geschrieben. Als wir zurückkamen, zeigte sie mir, wo ihr Bankordner, all ihre Dokumente und ihre Hausschlüssel waren. Sie erzählte mir, wie ihre eigene Beerdigung aussehen sollte.

zentralplus: Ist Ihnen der Tod denn lieber als das Leben?

Villiger: Sie lacht. Der Tod ist sehr wichtig. Viele Menschen leben nicht bewusst, freuen sich nicht an den Kleinigkeiten im Leben. Wenn wir viel bewusster unser Leben leben und Träume verwirklichen, haben wir weniger Angst vor dem Tod.

zentralplus: Sie sind Treuhänderin und Bestattungsplanerin in einem. Eine sinnvolle Kombination – schliesslich ist der Tod eines Menschen mit viel Administration verbunden. Woran muss man alles denken?

Villiger: Es kommt eine riesige Welle von Fragen auf einen zu. Oft geht vergessen, dass es nicht «nur» um die Beerdigung geht, sondern eben auch um den ganzen administrativen Kram. Die ganze digitale Geschichte ist ein grosses Thema: Wer hat den Zugangscode zum Handy, welche Zugänge gibt es, wer weiss die Passwörter? Heutzutage sind die meisten Rechnungen, Abos und Kontoauszüge digital gespeichert. Man kann gar nicht alle informieren, wenn man nicht einmal weiss, was der Verstorbene alles hinterlässt.

«Wir nennen es das ‹vollumfängliche Sorglos Paket›. Dort ist zum Teil bereits die Todesanzeige gestaltet bis auf das Datum.»

zentralplus: Die Nachlassregelung ist einer der heikelsten und komplexesten Kapitel. Wie kann man Konflikte vermeiden?

Villiger: Tod und Sterben ist immer noch ein Tabuthema. Dabei ist das A und O die Kommunikation untereinander. Es tut gut, über den Tod zu sprechen, um Konflikte zu vermeiden. So kann man die eigenen Bedürfnisse und Vorstellungen kommunizieren. Mal wütend und traurig zu werden, gehört dazu. Denn es hilft.

zentralplus: Kreieren Sie für Ihre Kunden eine Art Akte, in der alles bis aufs letzte Detail, wie die Blumen und die Musik, geregelt ist? Oder wie kann man sich das vorstellen?

Du willst noch mehr wissen?

Angela Villiger referiert an diesem Freitagabend gemeinsam mit der Mediatorin Rita Fasler in der Bibliothek Zug. Villiger zeigt, welche Komplexität im Todesfall in den Bereichen Administration und Finanzen entsteht. Fasler sagt, wie es gelingt, Unausgesprochenes zu klären und Konflikte zu vermeiden.

Zur Veranstaltung lädt «First-Friday» ein, die Denkplattform für Gesellschafts-Fragen. Start ist um 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Villiger: Ja, genau. Wir nennen es auch das «vollumfängliche Sorglos Paket». Dort ist zum Teil bereits die Todesanzeige gestaltet bis auf das Datum. Oder die Musikabfolge und der Lebenslauf oder die Geschichte, die erzählt werden soll.

zentralplus: Sie verdienen Ihr Geld mit dem Tod und beschäftigen sich dauernd mit dem Sterben. Ist das nicht unheimlich?

Villiger: Die Arbeit ist wunderschön! Geschichten zu hören, die Augen des Erzählenden wieder aufleuchten zu sehen. Wir erhalten das Vertrauen des Gegenübers, seinen Wunsch umzusetzen. Natürlich ist es traurig, wenn diese Person stirbt. Aber wenn wir wissen, dass wir ihren Wunsch erfüllen können, können wir sagen: «Adieu und gute Reise.» Wir sagen unseren Kunden, dass wir für sie da sind, wenn sie das nicht mehr selbst können. Manchmal werde ich gefragt, ob ich das auch wirklich tue. Ich sage immer: Klar. Schliesslich sind Sie es, der oder die mir dann über die Schulter schaut.

zentralplus: Sie glauben also an ein Leben nach dem Tod?

Villiger: Ich glaube, dass es nach dem Tod ein Nachher gibt. In welcher Form auch immer: Irgendwie geht es weiter.

zentralplus: Gibt es nichts, was Sie belastet?

Villiger: Am meisten belastet mich, wenn die Nachkommen streiten und ein gutes Verhältnis untereinander dadurch kaputt machen. Das macht mich manchmal wütend.

«Wenn ich Rock’n’Roll geliebt habe, darf ich auch Rock’n’Roll an der Beerdigung spielen.»

zentralplus: Ihre Firma heisst «Life Festival». Ich persönlich würde jetzt Hochzeiten und Geburtstage als Feste bezeichnen und auch gerne planen. Aber Bestattungen – sind das Feste?

Villiger: Der Tod an sich ist etwas Trauriges. Wenn ich meine Firma «Todesstern» genannt hätte, wäre das traurig. Ich möchte den Menschen zeigen, dass der Tod und die Beerdigung – auch wenn sie noch so traurig sind – schön werden dürfen. Wenn ich zu Lebzeiten eine fröhliche Person war, ist es in Ordnung, wenn die Menschen traurig sind. Aber es geht darum, dass meine Beerdigung auch fröhlich gestaltet werden darf. Wenn ich Rock’n’Roll geliebt habe, darf ich auch Rock’n’Roll an der Beerdigung spielen lassen. Es ist das letzte Fest – das Lebensfest.

zentralplus: Sollten Friedhöfe mehr zum Verweilen einladen und belebt werden? Wie beispielsweise der Friedhof im Zürcher Sihlfeld, der für sein kulturelles Programm bekannt ist.

Villiger: Dass ein Friedhof düster und unheimlich ist und Geister da herumspuken ist eine Vorstellung aus alten Zeiten. Ein Friedhof kann durchaus ein Ort in der Natur sein, der zum Verweilen einlädt. Es tut gut, sich auf eine Bank zu setzen, sich zu besinnen. Und an die Menschen zu denken, die man verloren hat.

zentralplus: Suchen eher gesunde und junge Menschen das Gespräch mit Ihnen als Bestattungsplanerin – oder werden Sie eher erst in Krankheitsfällen involviert?

Villiger: Die meisten sind gesund. Oft haben diese Menschen einen Todesfall erlebt und wissen, was damit alles auf sie zukommt. Oder sie möchten damit ihre Familie nicht belasten. Wir begleiten aber auch kranke Menschen im frühen oder im späten Stadium. Wenn wir das Dossier erstellt haben, ist die Sache aber nicht erledigt. Wir bleiben mit den Menschen in Kontakt, fragen, ob es Änderungen und Anpassungen gibt. Oder ob wir einfach mal vorbeischauen sollen für einen Kaffee. Uns ist es wichtig, Vertrauen zu haben, die Menschen kennenzulernen und eine Beziehung aufzubauen.

zentralplus: Gibts auch solche, die wieder einen Rückzieher machen? Brauchen die Menschen Zeit, um zu verdauen?

Villiger: Einen Rückzieher machen, würde ich jetzt nicht sagen. Einigen reichen die Informationen nach einem ersten Gespräch. Es gibt solche, die mehr Zeit brauchen oder die noch nicht soweit sind. Das ist auch völlig in Ordnung. Es ist ja keine Steuererklärung, die wir ausfüllen. Es ist ein längerer Prozess. Es braucht Zeit und Raum. Wir erledigen selten alles in zwei Terminen.

zentralplus: Haben sich Bestattungen zu Zeiten der Digitalisierung verändert?

Villiger: Ab und zu gibt es den Wunsch, dass eine digitale Gedenkstätte erstellt wird. Oder dass einmal pro Monat für ein Jahr lang etwas gepostet wird. Danach wird der Account gelöscht. Im Allgemeinen wünschen sich immer mehr Menschen eine Naturbestattung und immer weniger eine Erdbestattung. Oft ist es so, dass jemand für die Hinterbliebenen keine Last nach dem Tod sein will. Das heisst, dass die Hinterbliebenen keine Kosten oder Aufwand für den Unterhalt eines Grabes haben.

zentralplus: Wissen Sie denn selbst schon, wie Sie beerdigt werden möchten?

Villiger: Meine eigene Beerdigung war eine der ersten, die ich geplant habe. Ich nehme mein Dossier immer wieder hervor, mache Ergänzungen und Anpassungen. Auch führe ich ein Tagebuch, in welchem ich schöne und traurige Tage meines Lebens festhalte.

Die Bestattungsplanerin Angela Villiger.

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