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«Mein Handwerk ist mehr als nur Haare schneiden»
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«Vinci mit den Scherenhänden» hat man ihn früher genannt. Nun hat Vincenzo D'Adamo seine eigene «Werkstatt» eröffnet. (Bild: azi)

Luzerner Haarkünstler startet durch «Mein Handwerk ist mehr als nur Haare schneiden»

4 min Lesezeit 1 Kommentar 23.11.2015, 10:00 Uhr

Vincenzo D’Adamo hat sich in der internationalen Coiffeurszene einen Namen gemacht. Trotzdem hat er schwierige Zeiten hinter sich. Nun hat der 35-Jährige in der Neustadt ein eigenes Lokal eröffnet. Dort geht es allerdings um weitaus mehr als nur um Haare.

«Jeden Morgen dasselbe», lacht Vincenzo D’Adamo, während er das Schaufenster seines Lokals an der Dornacherstrasse 9 in der Luzerner Neustadt reinigt. «Da, sieh’s dir mal genau an», sagt er und zeigt auf die Abdrücke auf der Scheibe. «Das sind keine Fingerabdrücke», erklärt er. «Wie kleine Kinder vor einem Süsswarengeschäft.» Und tatsächlich ist es unverkennbar: Es handelt sich um Nasenabdrücke.   

Plattgedrückte Nasen als Zeichen der Neugier, das schmeichelt dem 35-Jährigen, den viele Luzerner unter dem Namen «Vinci» kennen. Was sich hinter dem Schaufenster verbirgt, ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Ist es ein Coiffeursalon, eine Kunstgalerie oder ein Atelier? «Ich sehe es als meine Werkstatt», erklärt D’Adamo. «Lange habe ich nach einem geeigneten Ort gesucht, um mein Handwerk auszuüben und meine Ideen endlich richtig verwirklichen zu können.»

«Ich erinnere mich daran, dass ich teilweise sogar Haarklammern mit Superpunkten kaufen musste.»
Vincenzo «Vinci» D’Adamo

Dass es ihm heute so gut geht, ist keine Selbstverständlichkeit. Lange hat er darum gekämpft, nun endlich hier vor seiner «Werkstatt» zu stehen. Doch mehr dazu später.

Eine Plattform für lokale Künstler

Zur Person

Sei es als Coiffeur, aufgrund seiner Teilnahme an der Kür zum schönsten Bart der Schweiz oder als Vize Mr. Gay 2010: Vincenzo D'Adamo ist vielen Luzernern unter dem Namen «Vinci» bekannt. Das Talent des 35-Jährigen hatte sich schon früh bemerkbar gemacht: Auf seine Ausbildung folgten verschiedene nationale wie auch internationale Auszeichnungen, eine Anstellung beim Zürcher Star-Coiffeur Valentino und Engagements als Markenbotschafter für bekannte Haarprodukte.

Und doch ist der Secondo auf dem Boden – oder genauer gesagt in Luzern – geblieben. Hier in der Neustadt hat er vor gut einem Monat «Vincenzo – Style & Gossip» eröffnet. Einen Ort, wo er sein Handwerk ausüben kann, aber auch lokalen Künstlern eine Plattform bieten will. Nicht zuletzt will er sich jetzt auch selbst verstärkt auf Haarkunst fokussieren, indem er Haarteile und Perücken präpariert.

«Vincenzo – Style & Gossip» sei mehr als ein Coiffeursalon. «Ich werde regelmässig Vernissagen und Ausstellungen veranstalten», so D’Adamo. Bei ihm zu finden sind ausschliesslich lokale Künstler. Derzeit stellt Linus von Moos, besser bekannt als «Rips1», seine Werke aus, im Februar folgt Amelie au Lait. Bereits in Planung sei auch eine Zusammenarbeit mit dem Luzerner Künstlerpaar QueenKong, deren Wandbild in der Himmelrich-Siedlung für Gesprächsstoff sorgte (zentral+ berichtete).

Zur Kunst hat Vincenzo D’Adamo einen besonderen Bezug – zumal er sich selbst auch als Haarkünstler sieht. «Auf den Köpfen meiner Kunden kann ich mich nur begrenzt austoben, schliesslich sollen die Frisuren alltagstauglich sein», erklärt er und lacht: «Die Leute wollen keinen Hühnerhaufen mit sich herumtragen.» Um seiner Kreativität freien Lauf zu lassen, präpariert er daher Haarteile und Perücken für Shows und Wettbewerbe.

Haarkunst als Leidenschaft

Inspirieren lässt er sich von verschiedenen historischen Epochen, aber auch von Filmen oder Musik. Das ist quasi seine Leidenschaft, die er bisher eher im Verborgenen ausgelebt hat – und nicht zuletzt nur dann umsetzen konnte, wenn die Finanzen es zuliessen. «Egal, ob ich dabei mit Kunst- oder Echthaar arbeite, es ist nicht ganz billig», sagt er. Für aufwendige Barockfrisuren, die er besonders mag, würden schnell mehr als zehn Meter Haare benötigt – Kostenpunkt mindestens 1’500 Franken.

«Als Coiffeur bist du immer beides: Psychologe und Entertainer.»

Dass er es nun geschafft hat, seinen Traum zu verwirklichen, daran hatte er nicht immer geglaubt. «Ich habe schwierige Zeiten hinter mir», sagt D’Adamo, dessen Eltern in den 60er-Jahren als Gastarbeiter aus Italien in die Schweiz kamen. Um sich das Material für seine Arbeit leisten zu können, musste er phasenweise unten durch, wie er erzählt. «Ich erinnere mich daran, dass ich teilweise sogar Haarklammern mit Superpunkten kaufen musste, um Frisuren für Hochzeiten machen zu können.» Deshalb habe er in den vergangenen Jahren auch zu Hause gearbeitet.

Keine Privatsphäre

Im Wohnzimmer hat er sich einen kleinen Salon eingerichtet, wo er seine Kunden bis vor Kurzem noch empfangen hatte. «Das waren sehr intime Momente», meint er. Einerseits, da die Leute einen Einblick in seine Privatsphäre gewinnen konnten, und andererseits, weil das Haareschneiden an sich etwas sehr Persönliches an sich habe. «Man kommt sich dabei sehr nahe», erklärt D’Adamo und betont, dass dies auch sehr anstrengend sein könne.

Sieben Jahre lang hat Vincenzo D'Adamo zu Hause gearbeitet – nun hat er ein geeignetes Lokal gefunden.

Sieben Jahre lang hat Vincenzo D’Adamo zu Hause gearbeitet – nun hat er ein geeignetes Lokal gefunden.

(Bild: azi)

«Die Erwartungen sind hoch und gleichzeitig ist man angesichts der vielen Billig-Coiffeure in Luzern auch immer weniger bereit, angemessen dafür zu bezahlen.» Damit sei auch ein grosser Teil der Wertschätzung gegenüber seinem Berufsstand verloren gegangen.

«Eigentlich habe ich ja auch gar keine Kunden, sondern nur Freunde und Bekannte.»

Doch das trübt die Freude an seinem neuen Lokal nicht. «Ich freue mich darüber, dass mein Zuhause nun endlich wieder meine Privatsphäre ist.» Und: «Vinci» kann auf einen treuen Kundenstamm zählen, weil er ihnen mehr bietet als «nur» Haareschneiden. «Als Coiffeur bist du immer beides: Psychologe und Entertainer.» Über zu wenig Arbeit könne er sich nicht beklagen, obwohl er es vielfach auch gar nicht als «Arbeit» im eigentlichen Sinne betrachtet. «Eigentlich habe ich ja auch gar keine Kunden, sondern nur Freunde und Bekannte», lacht er. 

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1 Kommentare
  1. Dominique Mops, 23.11.2015, 17:23 Uhr

    Und ich gehe bestimmt wieder uz ihm – wenn er dann mal wieder einen freien Termin hat.

    Er ist wahrlich ein Künstler und ein Entertainer und auch ein Psychologe. Und obendrauf ein echter Meister seines Fachs.

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.