Mein erstes Mal beim Profikuschler
  • Gesellschaft
Berührungen tun gut, sagen jedenfalls Experten. Also kuschelte ich mit einem fremden Mann. (Symbolbild: Adobestock)

50 Minuten in den Armen eines fremden Luzerners Mein erstes Mal beim Profikuschler

6 min Lesezeit 8 Kommentare 02.11.2019, 16:45 Uhr

Ein Luzerner nennt sich seit neuestem Profikuschler. zentralplus wollte wissen, wie professionelles Kuscheln geht – und wagte den Selbstversuch. 50 Minuten später und eine Erkenntnis weiser: Das ist nicht für jeden was.

Ich habs tatsächlich getan: Ich war beim Profikuschler.

Das klingt bestimmt schräg. Ist es auch. Es ist so ziemlich sicher das Schrägste, was ich bisher in meinem Leben getan habe.

Als ich in einer Redaktionssitzung vorschlug, den ersten Profikuschler Luzerns zu interviewen, hiess es: Ein Selbstversuch wäre doch interessant.

Wärs, ja. Aber ich? Ich kenne den ja nicht. Und sowieso: Dem Kuscheln wird die ganze Romantik genommen. Es geht nur noch ums Berühren. Und das mit einem Wildfremden … Kann ich das wirklich? Ich, die als Single sooo verzweifelt ist, an Sonntagabenden in Depressionen fällt, kiloweise Pralines isst, die kitschigsten Liebesfilme sieht, mit ihren Freundinnen im Selbstmitleid versinkt, weil sie sich ja so alleine fühlt?

Noch nie wollte ich mein Glück von jemandem abhängig machen – schon gar nicht von einer Beziehung, einem Mann. Und ich mag es überhaupt nicht, wenn mich mal jemand «einfach so» anfasst. Geschweige denn ein fremder Mann. Und dann kuscheln?

Der Kuschelvertrag im Mail-Posteingang

Es nützt auch nichts, dass meine Kollegin mir nach drei Gläsern Wein sagte: «Ach komm, so schlimm ist es ja nicht. Jetzt tu doch nicht so verkrampft.» Verkrampft? Aber schon bald wurde die Stimmung – was soll ich sagen – heiter. Was tust du denn da, wie läuft das denn überhaupt ab?, fragte sie mich.

Aus einer Schnapsidee wurde ernst, das mulmige Gefühl blieb, die Neugierde wuchs. Also griff ich – eineinhalb Monate nachdem die E-Mail des Profikuschlers unbeantwortet in meinem E-Mail-Posteingang geschlummert hatte – zum Telefonhörer. Termin gebucht. Jubel!

Tage später ploppt eine neue E-Mail auf. Betreff: Kuschel-Versuch. Im Anhang finde ich einen zweiseitigen Kuschelvertrag (den gibts wirklich). Da stehen die goldenen elf Regeln des «professionellen Kuschelns». Doch dazu später mehr.

Nach meinen Regeln

Mittwoch, 13 Uhr, sonniger Herbsttag. Nervös gehe ich die Maihofhalde hoch, rauf zum Ort des Geschehens. Markus Mühlbacher, Profikuschler, Mitte 50, öffnet die Tür. Weite Hose, Glatze, runde Brille.

Schnell ist man beim Du, Markus führt mich ins Zimmer. Mandalatuch an der Wand, Elektro-Kerzen, richtige Kerzen, Kissen. Matratze. Duftkerzen.

Markus fragt mich, ob ich nervös bin. Ich lache. Lauter als ich vermutlich wollte. «Schräg ist es ja schon, das alles hier», sage ich, während ich meinen Blick durchs Zimmer schweifen lasse. Es folgt ein wenig Smalltalk. Markus wirkt sympathisch, macht einen professionellen Eindruck.

Dann zeigt er mir den Kuschelvertrag. Die Kleidung bleibt immer an, die Hände gehen nicht darunter. Busen, Intimzone ist absolut tabu, keine Küsse. Keine Berührungen, die nicht absichtslos sind.

Dann kommt meine Liste: Nicht soo eng beieinander, kein Streicheln. Kein Vollkontakt. Oh Gott! Ich kann nicht so mit Fremden, ohne Gefühle, so nah. Für mich ist das ein Novum. Ich bevorzuge das Light-Kuscheln. Besser noch: Light-Umarmen für einen absoluten Schisshasen wie mich, kumpelhaft den Arm umeinanderlegen.

Mental die Einkaufsliste durchgerattert

Dann beginnt die Kuschelsession. Wir stehen auf, nehmen uns an den Händen. Schliessen die Augen. Meine Hände sind «schwitzig», seine nicht. Gott, bin ich nervös. Fremde Hand in meiner, komisches Gefühl. Normalerweise schüttelt man fremden Menschen nur kurz die Hand.

Wir setzen uns. Eine Session dauert 60 Minuten, davon wird 50 Minuten gekuschelt. Ich vor ihm, er hinter mir, legt er seine Arme um meine. «Mamabär» nennt sich diese Kuschelposition, wie ich aus Youtube-Videos weiss. Schliesslich habe ich meine Vorrecherche gewissenhaft erledigt. Ich schliesse die Augen, versuche mich zu entspannen. Fremder Atem im Nacken, ein Seufzer. Oh je. Was tu ich hier? Meine Arme und Hände halte ich bei mir. Ihn ja nicht irgendwo berühren.

Salat, Quinoa, Tomaten, Zitronen. Mein Kopf rattert, zu Hause ist der Kühlschrank leer – in meinen Gedanken schreibe ich meine Einkaufsliste. Kartoffeln, Milch. Ich soll tief durchatmen, mich entspannen, höre ich Markus sagen. Also versuche ich das, lausche der leisen Meditationsmusik im Hintergrund. Verflucht, wieso rieche ich diese Duftkerzen nicht? Ein betörender Duft, der meine Hirnzellen betäuben könnte?

Es ist schräg – und bleibt auch so

Positionswechsel. Mein Kopf auf seiner Brust, er seinen rechten Arm um mich. Markus riecht frisch geduscht nach Shampoo. Der Smalltalk ist vorbei. Jetzt kommen die heiklen Fragen. Wie so meine Erfahrungen mit Männern gewesen seien. Bingo, denke ich mir. Gab es den einen, der mich wohl doch mehr verletzt hat, als ich zugeben mag. Ein mulmiges Gefühl, ausweichende Antwort, eine Träne schiesst mir in die Augen. Das Gedankenkarussell dreht sich unbeirrt weiter.

Themenwechsel – und Positionswechsel (ich löffle ihn – mach ich das gerade wirklich?) Liebes Mami, lieber Papi: Falls ihr das hier lest: Untenrum ist echt viel Abstand zwischen uns. Markus erzählt mir, wie er nicht aufs Kuscheln verzichten könnte. Ich schon. Wenn’s eben keinen tollen Mann gibt, ists halt so. Mir fehlt nichts. Mehr Platz für mich im Bett.

Erneuter Positionswechsel – und letzter! Ich sage ihm, dass ich das immer noch total schräg finde. Die Minuten verstreichen, das Gefühl wird nicht weniger seltsam. Die 45 Minuten sind abgelaufen, der Timer klingelt (noch nie habe ich einen Wecker so sehr geliebt).

Wir entkuscheln uns. Erleichtert löse ich mich aus seinem Arm, richte mich auf.

Wo sind jetzt diese Glückshormone?

Befreit, super happy – da voller Oxytocin – fühle ich mich nach getaner Kuschelsession nicht. Eher verwirrt – dank meines Gedanken-Karussells, der einen Träne wegen dieses einen Mannes aus vergangenen Zeiten. Teilweise stelle ich mir schon gar die Frage, ob ich irgendwie gefühlsbetäubt bin, wenn ich abblocke, sobald ich merke, dass ich jemanden gern bekomme. Hätte ich mich bei der Kuschelsession mehr öffnen können, hätte ich vielleicht auch davon erzählt (was ja guttut, heisst es).

Ich fühle mich halb verkrampft, halb entspannt. Entspannt, weil ich immerhin einige Minuten abschalten konnte – nachdem ich das ganze Gedanken-Karussell hatte stoppen können.

Verkrampft, weil es irgendwie doch anstrengend war, angespannt 50 Minuten neben einem fremden Mann zu liegen. Markus war nicht aufdringlich, er respektierte meine Grenzen. Er akzeptierte mich so, wie ich bin. Wir lachten viel. Dennoch erschien es mir fremd, nicht richtig und mir war nicht wohl, in den Armen eines fremden Mannes zu liegen. Ein zweites Mal würde ich das nicht tun, aber das liegt an mir (als ob ich das nicht schon vorher gewusst hätte).

Trotz allem gehe ich gestärkt aus der Kuschelsession: Ich merke einmal mehr, wie wichtig es ist, seine eigenen Grenzen zu kennen, zu wissen, was einem guttut, was nicht. Und das auch offen zu sagen.

Hinweis: In einem zweiten Beitrag liest du, was Kuschelprofi Markus Mühlbacher dazu bewegt, mit anderen zu kuscheln.

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8 Kommentare
  1. Micha, 13.11.2019, 12:08 Uhr

    Die Autorin hätte auf ihr Bauchgefühl hören, und ihr und uns diesen Artikel ersparen sollen, der das kuscheln in genau die Schmuddelecke stellt, in der es sehr zu Unrecht steckt. So werden falsche Vorurteile zementiert!
    Ich kuschle regelmäßig mit fremden Menschen (im geschützten Rahmen einer Kuschelparty) und es ist immer wieder ein Wunder, welch schöne Begegnungen dadurch entstehen. Es ist sehr wohl möglich, tiefe Begegnung und Intimität zu erleben. Wer es nicht erlebt hat, kann es nicht verstehen. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß man es wirklich will (und nicht journalistische Neugierde).

    1. Redaktion Isabelle Dahinden, 15.11.2019, 10:19 Uhr

      Lieber Micha. Danke für Deinen Kommentar! Ich finde nicht, dass mein Selbstversuch falsche Vorurteile zementiert. Ich schreibe nur ehrlich, wie es für mich war. Ein Selbstversuch ist meine persönliche Erfahrung. So schätze ich es auch, dass Du Deine gemachten Erfahrungen mit uns teilst – weil es jeder Mensch anders empfindet, so zu kuscheln. Und Du sprichst es ja selbst ein wenig an: Ein Besuch beim Profikuschler/der Profikuschlerin ist nicht für jeden was. Ich glaube aber auch, dass es anderen guttun kann. Es ist von Person zu Person unterschiedlich – und wie Du sagst abhängig davon, ob man das wirklich möchte, sich bei einem Fremden gleich gut fallen lassen kann und mit was man Kuscheln assoziiert. Jeder Mensch tickt anders – und das ist auch gut so. Das sollten wir alle akzeptieren und niemanden schräg anschauen oder gar verurteilen, der nicht gleich fühlt und tickt wie man selber. Wenn anderen das professionelle Kuscheln guttut – und das tut es–, ist das doch eine wirklich gute Sache. Und das finde ich schön – auch wenn es für mich persönlich nichts ist. 🙂 Liebe Grüsse, Isabelle

  2. Thomas Kunzt, 06.11.2019, 08:54 Uhr

    Äusserst unangenehme Lektüre mit fahlem Nachgeschmack. Es wird offensichtlich, dass die Autorin nicht zu diesem Kuschler wollte, aber anscheinend von der Redaktion gedrängt wurde und nun irgendwie versuch, das beste daraus zu machen. Hätte die Redaktion auch einen älteren Mann dazu verknurrt?

    1. Redaktion Isabelle Dahinden, 06.11.2019, 16:21 Uhr

      Lieber Thomas. Danke für Deinen Kommentar. Und keine Angst, ich wurde keineswegs von der Redaktion dazu verknurrt oder dazu gedrängt, kuscheln zu gehen. In Redaktionssitzungen bringen wir unsere eigenen Ideen ein – ich selbst spielte schon vorher mit dem Gedanken, dass ein Selbstversuch spannend wäre. Ich hätte auch nur ein Interview machen können, aber mich nahm es halt Wunder, wie es denn wäre, mit einem Fremden zu kuscheln. Ich wurde von meinen Redaktionsleiterin vor sowie nach dem Termin zur Seite genommen, ob ich das selbst wirklich will, bzw. ob alles in Ordnung mit mir ist. Und mir wurde klar gesagt, dass keine Geschichte dieser Welt es wert wäre, etwas zu machen, womit ich meine eigenen Grenzen überschreite, etwas mache, was ich nicht will. Dieser Kuschelversuch war meine eigene Entscheidung. Klar hatte ich ein mulmiges Gefühl, weil ich schon vor dem Kuschelbesuch wusste, dass ich das bestimmt schräg finden werde. Und genau deswegen fand ich es auch so spannend! Als Autorin habe ich eine Neugierde in mir, die kaum zu bändigen ist. Deshalb habe ich mich zu diesem Selbstversuch entschieden. Ich wusste auch, dass ich den Selbstversuch hätte abblasen oder jederzeit hätte abbrechen können – das hätte ich auch getan, wenn ich damit wirklich meine eigenen Grenzen überschritten hätte. Da hätte ich zweifelsohne Stopp gesagt und niemand wäre mir böse gewesen 🙂 Also keine Bange! Beste Grüsse, Isabelle

  3. Vera, 05.11.2019, 13:05 Uhr

    Auch ich habe den Sprung gewagt, über meinen Schatten gesprungen und etwas völlig Neues ausprobiert. Das Kuscheln mit Markus, war eine neue Erfahrung. Mit dem Erst Gespräch haben wir uns ausgetauscht und sind dann Schritt für Schritt weiter gegangen. Für mich hat es sich stimmig angefühlt. Markus war sehr professionell, hat sich immer wieder erkundigt, ob es für mich stimmig sei und ich weiter machen möchte. Das Gefühl in den Arm genommen zu werden, die Wärme zu spüren, mich fallen zu lassen und einfach zu sein, war für mich unter Berücksichtigung des Vertrauens zu Markus, eine sehr schöne Erfahrung. Für mich ging es um neues in mir zu entdecken. Was macht das Kuscheln mit anderen Menschen mit mir und kann ich mir das weiter vorstellen in meinem Leben? Können wir unsere Begrenzungen hinter uns lassen und sich Öffnen für Neues? Das Denken, wenn 2 Menschen sich näher kommen, es ginge nur um Sexualität.
    Die Sehnsucht jedes einzelnen von uns, ist doch Wärme und Geborgenheit zu bekommen.

    1. Redaktion Isabelle Dahinden, 06.11.2019, 16:26 Uhr

      Liebe Vera. Danke Dir für Deinen Kommentar und dafür, dass Du Deine Erfahrungen mit uns geteilt hast! Herzliche Grüsse, Isabelle

  4. Christine, 03.11.2019, 18:23 Uhr

    Schade konnte sich die Autorin nicht auf die Kusselsession einlassen und fallen lassen.
    In vielen Köpfen scheint Körperkontakt stark an eine feste Beziehung gekoppelt zu sein. Wieso ist das so? Wo ist der Unterschied zu einer Massage? Man wird ja meist auch von einer fremden Person massiert. Was ist dabei mit einem „Fremden“ zu kuscheln? Es gibt klare Regeln und somit Sicherheit.
    Sofern man sich darauf einlassen kann, ist man danach tiefenentspannt, zufriedener, ausgeglichener. Es kommt, meiner Meinung nach, einer Meditation gleich.
    Ich kann eine Kuschelsession mit einem professionellen Kuschler wie Markus nur empfehlen. Unvoreingenommen ausprobieren und sich sein eigenes Urteil bilden, dann stellen sich auch die Glückshormone ein 😉

    1. Redaktion Isabelle Dahinden, 04.11.2019, 10:45 Uhr

      Liebe Christine. Danke für Deinen Kommentar! Und eine gute Frage. Ich möchte mit meinem Selbstversuch auf keinen Fall für alle sprechen. Das sind meine persönlichen Erfahrungen, die ich geteilt habe. Ich kann mir gut vorstellen, dass andere bei einer Kuschelsession abschalten und sich völlig entspannen können. Für mich hat Kuscheln was mit gern haben zu tun, während eine Massage für mich nur einen gesundheitlichen Aspekt verfolgt. Gönne ich mir eine klassische Massage bei einem medizinischen Masseur/einer medizinischen Masseurin, wird bspw. mein Rücken massiert, ich «nehme». Kuscheln ist für mich etwas Gemeinsames, ein Nehmen und Geben, etwas Intimes … was ich mit Gefühlen, Gern-haben, usw. verbinde. Aber das ist meine Meinung. Deswegen fühlte sich für mich das Kuscheln so fremd an … Aber jeder Mensch tickt da anders – und jeder soll das tun, was für ihn stimmt und was ihm guttut. Und das ist auch gut so! Vielleicht war ich einfach die Falsche, um kuscheln zu gehen. Umso mehr habe ich mich über Deinen Kommentar gefreut und darüber, dass Du deine Erfahrungen bei einem professionellen Kuschler mit uns geteilt hast – weil es Dir gut getan hat! Beste Grüsse, Isabelle

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