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Mehr handeln, weniger denken
  • Kultur
  • Rezension
Dieses Ensemble bringt schlauen Humor auf die Bühne: Wiebke Kayser, Jörg Dathe, Hans-Caspar Gattiker, Christian Baus, Lilli Lorenz, David Michael Werner, Bettina Riebesel. (Bild: Ingo Hoehn)

Luzerner Theater: Wie spricht man mit dem Chef? Mehr handeln, weniger denken

3 min Lesezeit 21.05.2016, 12:05 Uhr

Selten wurde an einem Theaterabend gleichzeitig so viel auf der Bühne gedacht und in den Zuschauerreihen gelacht. «Über die Kunst, seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten» im Luzerner Theater hält, was es verspricht. Sieben Büroangestellte stellten sich dem grossen Universum der Möglichkeiten. Mal eine Spielwiese, dann eine erbarmungslose Leere. Mal sind die Figuren zuversichtlich, zuletzt sind sie erschöpft.

Die Problemstellung des Abends: Eine Gruppe von bieder bekleideten Menschen mit gelben Schutzhelmen bewundert das Bühnenwerk. Bereits in dieser Anfangsszene wird da und dort gekichert. Wie oft ist es der Fall, dass die Schauspieler die Arbeit des eigenen Bühnenbaus bewundern? Man tut es ihnen ohne zu zögern nach. Das hohe Gerüst, das mit weissem Tüll-Stoff bekleidet ist, fasziniert und strahlt die fragile Eleganz eines modernen Glasgebäudes aus.

Die Biederen haben sich ihrer Helme entledigt, stehen am Bühnenrand und lenken ihre freundliche Aufmerksamkeit zum Publikum. Freudig erregt präsentiert die Frau ganz links die eigentliche Problemstellung des heutigen Abends: «Nehmen wir an, dass Sie sich dazu entschieden haben, Ihren Abteilungsleiter aufzusuchen, um ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten.» Eine Absicht mit unendlich vielen Möglichkeiten von Ereignissen. Wie auf einem Spielfeld werfen sich die Figuren Bälle in Form von Vorschlägen eines Ablaufs vor. Diese Entweder-Oder-Fragen reichen von der An- oder Abwesenheit des Chefs bis hin zum Punkt, ob er einem einen Stuhl anbietet oder nicht. Hypothetisch ist alles möglich.

(Bild: Ingo Hoehn)

Unterbrochen werden diese ersten Denkprozesse von einer Art Workshop. Die sieben Angestellten zeigen, was sie draufhaben, wenn es darum geht, sich beim Vorgesetzten zu präsentieren. So macht die eine den Spagat, der andere führt einen Stepptanz auf oder zeigt seine ausserordentliche Sprachfertigkeit. Die Leistung des gemeinsamen Chors scheitert kläglich: Singen können sie nicht, die Biederen. Für so viel Unkönnen ernten sie viel Gelächter und einen ersten Applaus aus dem Publikum.

Möglichkeiten werden zu Floskeln

«Über die Kunst, seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten» stammt vom französischen Schriftsteller und Filmemacher Georges Perec und ist ein Kind der Nachkriegsliteratur. Perec war ein Freund der Aufzählung, und diese Vorliebe kristallisiert sich auch in dieser Adaption heraus.

Was spielerisch und zuversichtlich beginnt, entwickelt sich mehr und mehr einem Desaster entgegen. Immerzu werden Möglichkeiten (die langsam zu Floskeln werden) wiederholt, bis sogar in den eigenen Reihen auf der Bühne zynisch kommentiert wird: «Entweder sind sie vollkommen einfältig oder sie sind nicht vollkommen einfältig.» Anfänglich fand man die Figuren liebenswert naiv, jetzt könnten ihre Wiederholungen nerven. Sie tun es aber nicht. Regisseur Andreas Herrmann gelingt es mit dem richtigen Tempo eine Spannung aufzubauen, die sich zum Ende des ersten Teils in einem Höhepunkt entlädt: Nachdem man (hypothetisch) endlich im Büro des Abteilungsleiters angekommen ist und ihm den eigenen Standpunkt erläutert hat, trifft der schlimmste Albtraum aller Möglichkeiten ein.

Nach der Pause schafft es das Stück leider nicht, auf der Höhe seines ersten grossen Gipfels zu bleiben. Zwar werden noch weitere mögliche Szenarien durchgespielt, die schauspielerische Leistung bleibt hoch, und es gibt wiederum viele Lacher und Zwischenapplaus aus dem Publikum. «Über die Kunst, seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten» erzählt die Geschichte über einen, der eine Gehaltserhöhung wollte, dann aber vor lauter Nachdenken über einen möglichen Ausgang, seinen Job vernachlässigt. Dieses Versäumen stellt die eigentliche Anfrage an den Vorgesetzten in einen ironischen Kontext und lässt einen mit einer klaren Botschaft zurück: Handle mehr, denke weniger. Oder so ähnlich.

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