Mehr als Spass? Luzerner untersucht politischen Einfluss von Satirikern
  • Politik
Machen Satiriker mehr als nur Spass? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Luzerner Tim Holleman. (Bild: jal)

Was Elsener, Deville und Co. bewirken Mehr als Spass? Luzerner untersucht politischen Einfluss von Satirikern

6 min Lesezeit 12 Kommentare 31.05.2021, 05:00 Uhr

In den USA haben Late-Show-Hosts wie Stephen Colbert oder John Oliver längst Kultstatus. Trotzdem seien Schweizer Satiriker möglicherweise politisch einflussreicher, sagt Tim Holleman. Der Luzerner Wissenschaftler im Gespräch über bissige Witze, linke Komiker und den «Nebelspalter».

Satire bringt die Menschen zum Lachen, zumindest wenn sie gut ist. Ist das alles? Oder doch mehr als nur Spass? Nehmen Satiriker auch politisch Einfluss?  

Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Luzerner Tim Holleman. Der 29-jährige Wissenschaftler hat sich in seiner Masterarbeit mit dem politischen Einfluss von Schweizer Satirikerinnen beschäftigt und Anfang Jahr ein Stipendium für seine weitere Forschung erhalten. Nach einem Jahr, in dem er unter anderem kurzzeitig als Geschäftsleiter der FDP Luzern gearbeitet hat, will der Stadtluzerner die Effekte von Satire in der Schweiz wissenschaftlich ergründen.

Sei es das aktuelle Trinkwasser-Video des Zugers Michael Elsener, der «Nebelspalter» oder eine Sendung von Dominic Deville: Konkrete Anschauungsbeispiele gibt es genug.

zentralplus: Tim Holleman, Ihre Forschung klingt nach Spass. Haben Sie viel zu lachen beim Arbeiten?

Tim Holleman: Definitiv. Darin gründet ja auch mein ursprüngliches Interesse am Thema: Ich fand diese Menschen auf der Bühne spannend, obwohl es in der Schweiz schwierig ist, witzig über Politik zu reden.

zentralplus: Es heisst ja oft, die Schweizer Politsatire sei zahm und zu wenig bissig. Teilen Sie diese Einschätzung?

Holleman: Ja, das ist auch mein Eindruck. Aber sie kann gar nicht so hart sein. Denn das haben mir viele Satiriker, zum Beispiel Renato Kaiser, gesagt: Uns in der Schweiz geht es halt sehr gut. Da Satire gesellschaftliche Zustände kritisieren soll, ist das schwieriger in einem Land, in dem vieles gut läuft. Und die Comedians sind Teil dieses Wohlfahrtsystems. Umso mehr bin ich erstaunt über die grosse Szene in der Schweiz, wo der Markt so klein ist.

«Man weiss von Studien aus Amerika: Satire hat Effekte.»

zentralplus: In der jüngeren Vergangenheit gab die Sendung zur Konzernverantwortungsinitiative des Luzerners Dominic Deville zu reden, kürzlich das neuste Video von Michael Elsener zur Trinkwasserinitiative (zentralplus berichtete). Wie wahrscheinlich ist es, dass solche Beiträge das Stimmverhalten der Schweizer beeinflussen?

Holleman: Man weiss von Studien aus Amerika: Satire hat Effekte. Sie kann die Menschen informieren, sogar dieselben Lerneffekte hervorrufen wie eine Nachrichtensendung, und sie kann politisches Engagement fördern. Kritiker berufen sich demgegenüber auf Studien, die zeigen, dass Satire-Konsumenten generell zynischer gegenüber der Politik eingestellt sind. Fakt ist: Satire-Konsumenten sind gleichzeitig auch politisch aktiver. Der Grossteil der Literatur geht daher davon aus, dass Satire grundsätzlich einen positiven Effekt auf die Gesellschaft hat. Die Fragen der Überzeugung und Meinungsänderung sind jedoch praktisch unerforscht.

zentralplus: Ob die Leute wegen satirischer Beiträge ihre politische Haltung überdenken, ist also unklar.

Holleman: Dazu gibt es bislang schlicht keine aussagekräftigen Studien. Die Schweiz mit ihren vielen Abstimmungen bietet das perfekte Setting, um dies realitätsnah zu untersuchen. Genau das möchte ich jetzt mit einem Experiment tun: Indem wir verschiedenen Probanden vor einer Abstimmung entweder Politsatire, eine Newssendung oder nichts davon zeigen, und dann analysieren, ob sie an die Urne gehen und wie sie abstimmen. Natürlich sind da noch einige Fragen offen. Aber persönlich bin ich überzeugt, dass Politsatire in der Schweiz positive Effekte hat – und potenziell mehr bewirkt als in den USA.

zentralplus: Das ist doch einigermassen erstaunlich. In den USA haben Satiriker wie Stephen Colbert oder John Oliver ja Kultstatus.

Holleman: Das stimmt. Aber wer in den USA Politsatire konsumiert, ist in der Regel linksliberal verortet, gut ausgebildet und verfügt über viel Polit-Knowhow und ein gutes Einkommen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass konservative Republikaner diese Sendungen schauen. In der Schweiz hingegen erreicht die Politsatire ein viel breiteres Spektrum der Bevölkerung – man denke etwa an die Sendung von Giacobbo/Müller. Das hat auch mit der Plattform zu tun, die SRF den Schweizer Comedians bietet. Zudem ist politische Satire in der Schweiz oft sehr konstruktiv.

Satiriker wie John Oliver erreichen in den USA ein Millionenpublikum:

zentralplus: Was meinen Sie mit konstruktiv?

Holleman: In den USA fokussierte sich Politsatire in den letzten Jahren vorwiegend auf die Person von Donald Trump. In der Schweiz beschäftigt sie sich hingegen sehr oft mit Sachvorlagen – und das auf eine informative Art. Nehmen wir zum Beispiel Michael Elsener: Er hält sich bei seinen Beiträgen an journalistische Standards, recherchiert ausgiebig und beschäftigt Faktenchecker. Mit dem Ergebnis, dass andere Medien darauf aufmerksam werden und er auch Menschen erreicht, die sich sonst nicht so sehr für Politik interessieren. Damit erweitert er den politischen Diskurs. Wenn man bedenkt, dass kurz vor einer Abstimmung Hunderttausende Menschen seine Videos schauen, ist das Potenzial für den Einfluss sicher vorhanden.

«Konservative Ideologie ist nicht für Satire gemacht.»

zentralplus: Interessanterweise sind die Satiriker selber diesbezüglich eher skeptischer. Ist das einfach Understatement?

Holleman: Ja, in meinen Gesprächen mit Schweizer Satirikern stapelten alle tief. Ich sehe natürlich nicht in ihre Psyche hinein, vielleicht tun sie das einfach, weil es sympathischer wirkt. Aber sie haben definitiv mehr Einfluss, als sie selber behaupten.

zentralplus: Michael Elsener wirbt aktiv für ein Ja zur Trinkwasserinitiative. Andere Satiriker sind ebenfalls eher politisch links beheimatet. Heisst das folglich, Politsatire in der Schweiz begünstigt linke Anliegen?

Holleman: Die meisten Akteure in der Szene sind politisch tatsächlich eher links zu verorten. Man nennt das Phänomen in der Wissenschaft den «liberal bias». Es liegt auch ein Stück weit in der Natur der Sache. Satire will grundsätzlich auf Missstände aufmerksam machen und etwas verändern. Wenn man hingegen den Status quo beibehalten will, hat man viel weniger Joke-Material. Wenn man kein Ziel hat, ist es unheimlich schwierig, witzig zu sein. Insofern ist die konservative Ideologie nicht für Satire gemacht.

zentralplus: Aber es gibt ja auch gesellschaftliche Entwicklungen wie Gendersprache, die Coronapolitik oder Cancel Culture, wo rechtsbürgerliche Satiriker Material finden.

Holleman: Ja, das stimmt. Deshalb ist es spannend, jetzt mit dem «Nebelspalter» zu sehen, wie gut rechtsbürgerliche Satire funktioniert. Und ein Andreas Thiel zeigt ja, dass man nicht linksliberal sein muss, um als Satiriker Einfluss zu haben. Aber eine Karriere als Satiriker ist relativ unsicher. Diesen Berufsweg wählen Menschen mit bürgerlich-konservativem Hintergrund eher weniger, weshalb der Pool an kreativen Leuten aus diesem politischen Spektrum sicher kleiner ist.

Und: Nur weil Satiriker eher links sind, heisst das nicht, dass rechte Politiker nicht davon profitieren. Der langjährige SVP-Nationalrat Toni Brunner zum Beispiel hat dank seinen sympathischen, witzigen Auftritten bei Giacobbo/Müller viele Pluspunkte gesammelt – auch bei Leuten, die nicht SVP wählen. Das zeigt: Als Politiker muss man satirische Kritik nicht nur aushalten können, sondern kann sich diese Plattform bestenfalls sogar zunutze machen.

zentralplus: Wo hört Politsatire auf, wo beginnt Politaktivismus?

Holleman: Das ist eine schwierige Frage. Es gibt inzwischen viele hybride Medienformate, die zwischen Humor und Information schwanken, Stichwort Polit-Entertainment. Auch wissenschaftliche Definitionen können da keine klare Grenze ziehen. Die beste politische Satire ist für mich witzig und gleichzeitig gut recherchiert. Dann ist es egal, in welche Richtung sie zielt. Trifft keiner dieser Kriterien zu, handelt es sich für mich um reinen politischen Aktivismus.

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12 Kommentare
  1. Fritz Scheidegger, 05.06.2021, 11:21 Uhr

    Hollemann sagt es treffend: politische Satire muss witzig und gut recherchiert sein.
    Was Deville und Elsener produzieren ist nicht einmal mehr witzig und von «Gut recherchiert» sind beide meilenweit entfernt!

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  2. Hans Peter Roth, 31.05.2021, 11:36 Uhr

    Wenn Flacherdler über die runde Erde witzeln, wird das kaum jemand lustig finden.

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    1. Roli Greter, 31.05.2021, 13:07 Uhr

      Wenn Maskierte über Demaskierende witzeln auch nicht…

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  3. Andreas Peter, 31.05.2021, 10:16 Uhr

    > «konservative Ideologie nicht für Satire gemacht. »
    Also ich bin eher konservativ und hätte hunderte von Ideen, worüber man sich lustig machen und was man anprangern könnte.
    Das Problem ist, dass Humor, welcher vom Mainstream abweicht sicher nicht in unserer linksdrehenden SRG zum Zuge kommt.
    Allgemein werden solche Leute von den Medien kaputtgemacht. Siehe derzeit Marco Rima.

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    1. Sandra Klein, 31.05.2021, 10:51 Uhr

      Das Problem ist eher, dass rechte Satire selten lustig ist. Der Nebelspalter beweist es derzeit. Aber warum treten Sie nicht an und machen es besser?

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    2. Andreas Peter, 31.05.2021, 11:24 Uhr

      @Sandra Klein: Das liegt wohl im Auge der Betrachterin.
      Ich finde linke Satire selten lustig und meistens billig.
      Da die Linke die (öffentliche/veröffentlichte) Diskussion dominiert und (de facto) Denk- sowie Sprechverbote etabliert, trampelt gefühlt eine Mehrheit auf einer Minderheit herum.
      Das ist per Definition nicht lustig (Stichwort: Gratismut).
      Es gilt allerdings einen Trost für mich und das ist das wochentägliche Köppel Video. Das ist wohl nicht Satire im engeren Sinn, aber es ist unterhaltsam, anregend und manchmal lustig.

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    3. Markus Zopfi, 31.05.2021, 11:42 Uhr

      @Andreas Peter: Lesen Sie eigentlich auch, was Sie schreiben? Welche Diskussion dominiert die Linke denn, und welche Denk- und Schreibverbote sind denn installiert? Sowas kann nur ein Verschwörungstheoretiker schreiben. Die rechten verfügen in diesem Land zusammen mit den bürgerlichen seit jeher über eine satte Mehrheit. Dass es diese Verbote offenbar eben nicht gibt, beweisen Sie genau mit ihren abstrusen Kommentaren.

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    4. Rainer Pfister, 31.05.2021, 13:45 Uhr

      @ Andreas Peter: „Ich bin eher konservativ”. Schön, dass sie so viel Humor beweisen. Alle, die ihre Kommentare regelmässig lesen wissen, dass sie sehr sehr rechts und konservativ sind. Sie sollten wirklich Satire betreiben. Ich fand ihr Kommentar ausnahmsweise äusserst lustig. Bitte mehr davon:)

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    5. Michel von der Schwand, 01.06.2021, 11:25 Uhr

      Konservativ und Humor, welcher vom Mainstream abweicht! Da wissen wir genau, welchen Schenkelklopfer-Humor damit gemeint ist. An der Albisgüetli-Tagung sorgt dieser Humor vielleicht für Lacher.

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  4. Roli Greter, 31.05.2021, 08:00 Uhr

    Wie ist folgender Satz zu verstehen?
    «Diesen Berufsweg wählen Menschen mit bürgerlich-konservativem Hintergrund eher weniger, weshalb der Pool an kreativen Leuten aus diesem politischen Spektrum sicher kleiner ist.»

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    1. Stephanie Inderbitzin, 31.05.2021, 10:20 Uhr

      Ich finde es nachvollziehbar. Es gibt weniger Rechte Satiriker. und wo die Auswahl weniger gross ist, ist in aller Regel auch das Angebot kleiner.

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    2. Roli Greter, 31.05.2021, 13:03 Uhr

      Ich frage mich halt einfach warum man Satiriker in ein politisches Korsett zwängen möchte. Egal ob links oder rechts; Satire ist immer subjektiv zu bewerten.

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