Mehr als nur feiern: Deswegen fehlt jungen Menschen das Nachtleben
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Wir haben zwei queere Menschen gefragt, weshalb ihnen das Feiern fehlt: Claudio in Drag (links) und Anne-Sophie. (Bild: zvg)

LGBT-Szene in Luzern besonders betroffen Mehr als nur feiern: Deswegen fehlt jungen Menschen das Nachtleben

7 min Lesezeit 06.11.2020, 18:32 Uhr

Die Clubs sind zu – vielen fehlt es, wieder einmal eine Nacht durchzutanzen und so den Kopf zu lüften. First World Problems? Nicht unbedingt. Denn für einige Menschen geht es dabei um viel mehr als nur Feiern und Tanzen.

Ida löste einen Shitstorm aus. Weil die junge Frau sagte, dass sie das Feiern vermisse. Zu sehen war das in einem «ZDF»-Beitrag rund ums Thema Sperrstunde im deutschen Nachtleben. Seit sechs Monaten war Ida an keiner Party mehr, vorher waren es drei Mal in der Woche. «Darauf zu verzichten, geht mir echt ab.»

Idas Worte lösten Hass und Häme aus. «First World Problems» hiess es, begleitet von Kopfschütteln. Als Luxusproblem abgetan auf der einen Seite, gab es auch Verständnis auf der anderen Seite.

Denn Nächte durchzutanzen bedeutet für viele, frei zu sein. Abzuschalten, den Kopf durchzulüften. Für andere heisst es noch viel mehr: So zu sein, wie man ist. Sich nicht verstecken zu müssen, keine Angst vor urteilenden Blicken und Sprüchen haben zu müssen.

Insbesondere für die LGBT-Szene – also Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen – sind queere Partys und Treffpunkte Orte, an denen ein sogenannter Safe Space geschaffen wird. Zwei queere Menschen aus Luzern erzählen, was die geschlossenen Clubs für sie bedeuten.

Claudio, 27-jährig

Claudio, wenn er in die Rolle der Drag Queen schlüpft.

«Wenn ich jetzt durch die Strassen Luzerns gehe, nehme ich die Diversität gerade nicht sehr stark wahr. Erst an queeren Partys und queeren Orten merke ich, wie viele Queers es bei uns gibt. Dass wir zusammenhalten, unsere ‹Andersartigkeit› zelebrieren.

Es gibt immer noch viele LGBT-Jugendliche, die nur im Nachtleben ihre Identität zeigen können. Weil sie zu Hause nicht akzeptiert werden, in der Schule homo- oder transphobe Sprüche fallen und sie sich deswegen verstecken.

Ich mache mir Sorgen, dass die Community in der Krise Errungenschaften verliert, die sie über längere Zeit erkämpft hat. Einen Safe Space und eine Community aufzubauen ist harte Arbeit für diejenigen, welche die Räume zur Verfügung stellen. Die Milchjugend blieb zwar auch während des Lockdowns über soziale Medien aktiv, wir führten Lifestreams von Drag Shows durch und blieben durch diverse Chats in Kontakt. Dennoch habe ich von einigen, die regelmässig die Milchbar – einen Treffpunkt für queere Jugendliche in Luzern – besuchten, monatelang nichts gehört.

Dank queerer Orte getraute ich mich, die Maske endlich abzulegen. Ich lebe seither meine feminine Seite aus.

Ich habe erst nach meinem Coming-Out queere Orte besucht. Dennoch waren sie wichtig für mich. Weil ich auf Gleichgesinnte traf, meine Erfahrungen mit anderen teilen konnte. Ich begriff erst dann, wie heteronormativ die Welt gestrickt und wie heteronormativ auch mein Umfeld ist.

Ich realisierte, dass ich mich deswegen zurücknahm, mich anpasste. Dank queerer Orte getraute ich mich, die Maske endlich abzulegen. Ich lebe seither meine feminine Seite aus. Obwohl mir dies in heteronormativen Kreisen abgesprochen wird. Ich ziehe mich seither so an, wie ich will und nicht, wie es die Gesellschaft erwartet. Für mich war das wichtig. Einerseits für mich selbst und meine Identitätsfindung, andererseits um mich als Mensch in dieser Gesellschaft zu platzieren.

Queere Treffpunkte sind wichtig, weil wir uns verstanden und gehört fühlen. Wir unseren Frust teilen können. Und weil wir gleichzeitig unsere Community zelebrieren.

Schwuchtel? Mittlerweile wehre ich mich, denn ich weiss, dass eine ganze Community hinter mir steht, die mich unterstützt, mir den Rücken stärkt.

Queere Orte haben mir geholfen, Mut zu fassen und mich zu wehren. Früher habe ich es viel eher akzeptiert, wenn jemand in meinem Umfeld sagte, dass man ja in meiner Gegenwart Schwuchtel sagen könne. Solche Sprüche gehen nicht an mir vorbei. Mittlerweile wehre ich mich, denn ich weiss, dass eine ganze Community hinter mir steht, die mich unterstützt und mir den Rücken stärkt. Umso mehr setze ich mich seither auch für die Rechte der LGBT-Szene ein.

Das queere Nachtleben versucht, Safe Spaces zu kreieren. Orte zu schaffen, an denen alle Identitäten akzeptiert sind. Mit dem Kollektiv Kopfkino führen wir Partys für «Queers and Friends» durch, die letzte stieg Anfang Oktober im Neubad. Mir ist es wichtig, Orte zu erschaffen, die mir damals gefehlt haben.

Ich vermisse das queere Nachtleben, das Zelebrieren, die Momente, in denen wir uns gegenseitig inspirieren. Und ich vermisse die Bühne. Seit zwei Jahren bin ich als Drag Queen unterwegs. Ich vermisse es, auf der Bühne zu stehen und Applaus zu ernten. Am meisten fehlt es mir, in einen Dialog mit dem Publikum zu treten. Als Drag Queen liefere ich keine einseitige Show ab, die reinen Unterhaltungswert hat. Vielmehr löse ich damit eine Diskussion über Geschlechtsidentitäten und Geschlechtsausdruck aus.

Trotz allem habe ich Verständnis für die Situation, dass die Clubs momentan geschlossen sind. Queer sein bedeutet, Solidarität und Verständnis gegenüber allen Menschen zu zeigen, nicht nur gegenüber der LGBTQIA-Szene.»

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Anne-Sophie, 25-jährig

Ist Teil der alternativen Plattform Kopfkino: Anne-Sophie.

«An queeren Partys geht es um viel mehr als nur ums Tanzen und Feiern. Es ist eine Zusammenkunft der LGBT-Szene. Wenn ich solche Partys besuche, merke ich: Ich bin nicht allein. Ich darf so sein, wie ich bin, und werde dafür nicht verurteilt.

Ich bin in Neuchâtel aufgewachsen, damals gab es praktisch keine Partys oder spezielle Treffpunkte für LGBT-Jugendliche. Deswegen war ich lange verunsichert, ich habe mich lange hinterfragt. Mir fehlten die Orte, an denen ich auf Gleichgesinnte traf. Ich schuf mir durch das Internet zwar eine Art Bubble. Dennoch fühlte ich mich allein. Ich habe meine eigene Sexualität vergessen. Ich passte mich der heteronormativen Gesellschaft an, weil ich wusste: Dann bin ich safe. Und doch spürte ich immer, dass das nicht stimmt. Zum Glück hatte ich um mich Menschen, die mich nach meinem Outing genauso als Menschen akzeptierten wie zuvor.

Queere Partys zeigen mir, dass auf dieser Welt ganz viel Liebe ist. Gott, klingt das cheesy!

Ich kann mich gut erinnern, als ich mit meinen Kolleginnen ein Konzert der queeren Band Hercules & Love Affair besuchte. Meine heterosexuellen Kolleginnen realisierten erst in dem Moment, als sich die Bühne in eine Dragshow verwandelte, wo sie gelandet waren. Und sie feierten es! Ich fühlte mich gut und war so glücklich, dass ich das erleben durfte.

Queere Orte und Partys geben mir Halt und Hoffnung. Sie zeigen mir, dass auf dieser Welt ganz viel Liebe ist. Gott, klingt das cheesy! Aber es ist so. Wenn ich den Club verlasse, habe ich ein Lächeln im Gesicht. Dafür nehme ich auch gerne den Kater in Kauf.

An unseren Partys können Männer twerken, ohne schräg angeschaut zu werden.

In queeren Clubs ist vieles einfacher. Auch das Flirten. Viele Homosexuelle getrauen sich nicht, in einem heterosexuellen Club eine Frau anzuflirten. Was, wenn sie nicht queer ist? Und wie reagiert sie?

Ich bin mit Claudio Teil des Kollektivs Kopfkino. Ich höre immer wieder, dass sich Menschen bei unseren Partys wohlfühlen. Dass sie sich so anziehen, tanzen und sein können, wie sie sich gerade fühlen. Unabhängig von ihrem Geschlecht oder ihrer sexuellen Orientierung.

Auch für mich waren und sind queere Spaces Fluchtorte. Orte, an denen ich den schweren Mantel, den mir die Gesellschaft übergestülpt hat, ablegen kann.

Männer twerken, ohne schräg angeschaut zu werden, sie können ihre toxische Männlichkeit ablegen. Und Frauen können eine Frau küssen, ohne verurteilt zu werden.

Ich habe das Privileg, in einer WG mit queeren Menschen zu leben. Ich wohne quasi in einem Safe Space. Aber ich mache mir Sorgen um LGBT-Jugendliche und junge Erwachsene, die sich in einem Umfeld bewegen, in welchem sie nicht akzeptiert werden. Denn auch für mich waren und sind queere Spaces Fluchtorte. Orte, an denen ich den schweren Mantel, den mir die Gesellschaft übergestülpt hat, ablegen kann. Orte, an denen ich frei sein kann.»

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