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«Megaunfall»: Das Ende des Torbogens am Bahnhof naht
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Fällt bei den Profis komplett durch: Der Torbogen auf dem Luzerner Bahnhofplatz. (Bild: bic)

Die grösste Bausünde Luzerns «Megaunfall»: Das Ende des Torbogens am Bahnhof naht

5 min Lesezeit 7 Kommentare 25.08.2018, 04:23 Uhr

Welches ist das «hässlichste» Gebäude der Stadt Luzern? Geht es nach drei Luzerner Architekten, ist es ein Bau, den viele wohl als eine Art Wahrzeichen der Leuchtenstadt betrachten würden. Doch der Torbogen beim Bahnhof fällt bei den Profis komplett durch. In der Analyse wählen sie wenig schmeichelnde Worte.

Jede Bewohnerin, jeder Bewohner der Stadt Luzern kennt wohl ein Gebäude, das er oder sie – rein optisch – als völlig missraten empfindet. Sei es die Gestaltung oder die Farbe einer Fassade oder die Dimensionen eines Baus.

Doch wo stehen sie eigentlich, die grössten Bausünden Luzerns? Das haben wir drei Luzerner Architekten gefragt. Einerseits den Luzerner Stadtarchitekten Jürg Rehsteiner und andererseits Gerold Kunz, Denkmalpfleger des Kantons Nidwalden und Architekturblogger bei zentralplus. Der dritte im Bunde ist Marc Syfrig, der in Luzern und Umgebung diverse Bauprojekte realisiert hat. In die Schlagzeilen geriet er jüngst als Initiant des Seeparkings unter dem Schweizerhofquai (zentralplus berichtete).

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«Der Torbogen ist unhaltbar»

Zahlreiche Vorschläge haben die drei in der Folge eingereicht. Dass es sich dabei um Parkhäuser und Einkaufstempel handelt, ist – zumindest für den Laien – nicht überraschend (zentralplus berichtete). Unter den genannten Gebäuden sticht jedoch ein jedem Kind bekannter Bau heraus.

Es ist der Torbogen auf dem Bahnhofplatz. Den Bau empfinden alle drei Architekten als «unhaltbar». Dies mag auf den ersten Blick überraschen, ist er doch wohl für einige eine Art Wahrzeichen Luzerns.

Für den Profi ist er indes lediglich ein Überbleibsel einer längst vergangenen Ära in der Stadt Luzern. Oder wie es Gerold Kunz ausdrückt: «Der Torbogen ist nicht mehr als das Recycling eines Bauteils des alten Luzerner Bahnhofs.»

«Der Torbogen ist ein Megaunfall.»

Gerold Kunz, Denkmalpfleger und Architekturblogger bei zentralplus

«Der Torbogen ist ein Megaunfall», sagt er. Und Syfrig ergänzt: «Den Bogen müsste man eigentlich wegspülen.» Der Platz vor dem Bahnhof könne auch anderweitig super genutzt werden, wenn man den Bogen entfernen würde. «Die einzige sinnvolle Funktion, die der Torbogen heute noch erfüllt, ist die eines Treffpunkts für die Jungen», pflichtet Stadtarchitekt Rehsteiner bei. 

Können dem Torbogen nichts Positives abgewinnen: Architekturblogger Gerold Kunz, Stadtarchitekt Jürg Rehsteiner und Marc Syfrig, Initiant des Seeparkings (v.l.n.r.).

Gute Miene zum bösen Spiel: Architekturblogger Gerold Kunz, Stadtarchitekt Jürg Rehsteiner und Marc Syfrig, Initiant des Seeparkings (v.l.n.r.) vor dem Torbogen.

(Bild: bic)

Die Postmoderne hält in Luzern Einzug

Dass der Bogen heute überhaupt dort steht, hat laut den drei Architekten mitunter damit zu tun, dass man eine Erinnerung an den alten Bahnhof erhalten wollte. Dieser brannte 1971 nieder. Das Portal stammt von 1869.

«Es war damals eine Zeit, in der die Wiederverwertung von Zeichen in der Architektur einen hohen Stellenwert genoss», erklärt Rehsteiner. Es war die Ära der postmodernen Architektur. Aus architektonischer Sicht kann auch Rehsteiner dem Bogen dennoch nicht viel abgewinnen.

«Die Jury flippte völlig aus.»

Marc Syfrig, Luzerner Architekt

Die Fachliteratur definiert die Postmoderne als eine «Architektur der Erinnerung». Sie sieht Tradition nicht als etwas, das überwunden werden muss, sondern betrachtet sie als Sammlung von Möglichkeiten, derer sie sich bedient. Die Rückbesinnung auf geschichtliche Vorbilder und Wurzeln wurde somit zum leitenden Gedanken dieser Zeit.

Die drei Architekten wollen die Postmoderne an sich indes keineswegs schlechtreden. Vielmehr gehe es beim Torbogen darum, dass die grossen Vorbilder dieser Epoche in Luzern schlicht falsch verstanden wurden, erklärt Syfrig. Nur so könne er sich den Bau erklären.

Dass der Torbogen heute dort steht, hat wohl aber auch rein psychologische Gründe. Der Brand des Bahnhofs habe damals grosse kollektive Trauer in der Stadt ausgelöst, erinnert sich Syfrig. «Die Menschen standen auf dem Vorplatz und haben geweint.» Ein kompletter Verlust des Baus und die Tilgung jeglicher Erinnerung daran seien damals für viele unvorstellbar gewesen. 

Hinzu kam später das Problem der Belüftung des geplanten unterirdischen Parkhauses. Ein grosses Politikum. Denn niemand wusste, wie man die Abluftschächte des Parkings gestalten sollte, ohne dass sie die Umgebung des Bahnhofs und das Stadtbild stören.

Der alte und der neue Teil des Torbogens. Im neuen Teil ist die Parkhauslüftung installiert.

Der alte (links) und der neue Teil des Torbogens. Im neuen Teil ist die Parkhauslüftung installiert.

(Bild: les)

Mit dem Japanmesser zum Durchbruch

«Die Lösung kam schliesslich von einem meiner Kommilitonen an der ETH», erinnert sich Syfrig. Bei einem Kartonmodell des Bahnhofs, das im Zuge des Projektwettbewerbs erstellt worden war, habe dieser einfach mit dem Japanmesser das alte Portal abgelöst und es etwas weiter nach vorne gestellt mit der Absicht, darin die Lüftung zu platzieren. «Die Jury flippte völlig aus», sagt Syfrig lachend. Man hatte die Lösung für den schwierigen politischen Diskurs gefunden.

Um zu verstehen, weshalb der Torbogen überhaupt realisiert worden ist, muss man sich folglich in das damalige Luzern hineinversetzen, sind sich die drei Architekten einig. Da sich viele Luzerner heute gar nicht mehr an den alten Bahnhof erinnern können, geschweige denn wissen, dass es ihn einst gab, seien sie sich der Bedeutung des Torbogens für das damalige Luzern wohl aber gar nicht wirklich bewusst.

So sah der alte Bahnhof bis 1971 aus. Das Eingangsprotal wurde später auf den Vorplatz verschoben.

So sah der alte Bahnhof bis 1971 aus. Das Eingangsportal wurde später auf den Vorplatz verschoben und wird heute als «Torbogen» bezeichnet.

(Bild: zVg Delf Bucher)

«Kaum jemand würde ihm nachtrauern»

Die drei Architekten stellen sodann eine brisante These in den Raum. Sie gehen davon aus, dass spätestens bei der Realisierung des Luzerner Tiefbahnhofes das letzte Stündchen des Bogens schlägt. Denn für die Arbeiten im Tagbau müsste er weichen.

Insbesondere Rehsteiner und Syfrig sind überzeugt, dass sich danach wohl kaum jemand für den Erhalt und Wiederaufbau des Bogens einsetzen wird. Denn er würde geradezu obsolet. Sollte der Tiefbahnhof und somit der Tunnel unter dem See hindurch dereinst kommen, fiele das Parking unter dem Bahnhofplatz weg und es bräuchte keine Lüftung mehr. Und: Der alte Bahnhof wird dann seit über 60 Jahren Geschichte sein.

Sehen Sie im nächsten Artikel, welche anderen Gebäude Luzerns bei den Architekten ebenfalls nicht gut ankommen.

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7 Kommentare
  1. Fabian Weber, 30.08.2018, 15:20 Uhr

    An dieser Stelle muss mal ein Detail erwähnt werden. Die Beschriftung “Welcome willkommen in Luzern” auf der Postmodernen Seite ist weder inhaltlich noch typografisch geistreich.

  2. David Meyer, 28.08.2018, 09:17 Uhr

    Architekten denken gerne in Rastern, also eine Waagrecht- und Senkrecht-Welt, wo ein Bogen natürlich in Fremdkörper ist. Darum mögen sie ihn nicht. Nur hat dieser Torbogen viel mehr Geschichten zu erzählen, und erst noch spannendere, als die 3 Architekten.

  3. Heinz Gadient, 25.08.2018, 22:16 Uhr

    Es gab damals verschiedene Leute die sich, leider erfolglos, gegen das Aufstellen des Torbogens gewehrt haben – ich habe auch dazu gehört. Für das Geld das Abbau, Lagerung und Wiederaufbau gekostet hat, hätte man auf dem Bahnhofsplatz ein bedeutendes Kunstwerk aufstellen können.

  4. rob bruder, 25.08.2018, 21:36 Uhr

    Da wäre ich dann noch gar nicht sicher, ob der alte Torbogen beim Bahnhof nicht viel mehr Sympathien erhielte als von den drei Herren angenommen!

  5. Roli Greter, 25.08.2018, 21:31 Uhr

    Oje, Tick Trick und Track auf Achse…

  6. Ralf Fioretti, 25.08.2018, 13:49 Uhr

    Ich kann die Aussagen der Herren Architekten in keiner Weise nachvollziehen. Ich finde den Torbogen mit der Skulptur „Zeitgeist“ einfach wunderschön.

  7. Erwin Lussi, 25.08.2018, 11:36 Uhr

    Interessant – ein Denkmalpfleger spricht von “Megaunfall”. Denkmalpflegerische Auflagen werden von den betroffenen Objektbesitzern oft auch nicht verstanden und können ab sofort als “Megaunfall” betrachtet werden. Herr Kunz, ihre Aussage ist ein sattes Eigentor, auch wenn Sie nicht für den Kanton Luzern verantwortlich sind.