Medien in der Zentralschweiz: Paradiesische Zustände?!
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Mitten in der Diskussion: Rony Bieri, Verlagsleiter des «Entlebucher Anzeigers», Moderator Tony Zwyssig und Andrea Willimann, Chefredaktorin der «Surseer Woche». (Bild: bra)

Podium über Medienqualität Medien in der Zentralschweiz: Paradiesische Zustände?!

4 min Lesezeit 17.06.2014, 12:33 Uhr

Der Verein «Medien.Meinungen.Vielfalt» lud zu einem Podium mit Chefredaktoren und Verlagschefs ein. Es ging um die Medienvielfalt in der Zentralschweiz. Man ging eher pfleglich miteinander um. Diskutiert wurde hauptsächlich über Leseverhalten und Medienqualität.

Rund 20 Personen fanden, trotz Fussball-WM, den Weg in die Hochschule Luzern (HSLU) Soziale Arbeit, wo der Anlass stattfand. Eingeladen dazu hatte der Verein M.M.V. «Wir machen kein «NLZ»-Bashing», machte der Diskussionsleiter und Ex-Fernsehjournalist Tony Zwyssig gestern Abend gleich zu Beginn klar. Das war gar nicht nötig, denn mit Ausnahme des ehemaligen CVP-Präsidenten Martin Schwegler kritisierte niemand offen die grösste Luzerner Publikation.

«Der Sachverstand fehlt den Journalisten immer mehr», sagte Schwegler. Journalisten riefen morgens an, wüssten wenig über ein Thema, am nächsten Tag stehe aber ein Kommentar in der Zeitung. Die Nähe der Journalisten zu den Politikern habe abgenommen. Hintergrund-Infos würden oft nicht mehr ausgetauscht, was man der Berichterstattung anmerke.
Die «NLZ» habe mit Schwegler eine Auseinandersetzung gehabt, auf die er nicht eingehen wolle, sagte Jérôme Martinu, stellvertretender Chefredaktor der Neuen Luzerner Zeitung, dazu. «Die Reaktionen, die auf unserer Redaktion eingehen, sind oft viel differenzierter als Sie sagen.» Abgesehen von diesem kurzen Schlagabtausch blieb die Diskussion sehr gesittet.

Vertreter des Entlebucher Anzeigers, der Surseer Woche, zentral+, dem Boten der Urschweiz und der Neuen Luzerner Zeitung diskutierten rund eineinhalb Stunden über Medienvielfalt und -qualität. Martinu erklärte, die «NLZ» wolle eine Regionalzeitung sein und könne deshalb nicht immer lokal so tief gehen. «Lokales muss auch über die Gemeinde hinaus noch interessieren.» Zum Vorwurf der willkürlichen politischen Berichterstattung und des Kampagnenjournalismus, den Zwyssig vorbrachte, sagte Martinu, eine Zeitung, die nicht auch mal provoziere, habe ihr Ziel verfehlt. Die Redaktion treffe eine Auswahl und bringe «spannende» und «überraschende» Themen. «Solange wir aus allen politischen Richtungen angegriffen werden, machen wir es nicht ganz verkehrt.»

«Immer noch grosse Medienvielfalt»

Josias Clavadetscher, ehemaliger Chefredaktor des «Boten der Urschweiz», sprach von «paradiesischen Zuständen» in der Zentralschweizer Presselandschaft. Sie sei noch immer sehr vielfältig im Vergleich zu anderen Ländern. Allein im Kanton Schwyz gebe es immer noch sieben verschiedene Zeitungstitel (vor 20 Jahren waren es 14).
Der Diskussionsleiter nahm den «Paradies-Gedanken» auf und fragte Nick Mijnssen als Vertreter von zentral+, warum unser Medium denn in ein solches Paradies eindringen wolle. Mijnssen verwies auf das Experiment der später eingestellten Alternativ-Zeitung «Zuger Presse», das er verfolgt habe. «Man hätte diese Zeitung damals online machen müssen, dann hätte sie Erfolg gehabt.» Der grosse Vorteil der Online-Journalismus seien die wegfallenden Druckkosten. Mijnssen: «Man kann unmittelbar in guten Journalismus investieren.»

Nick Mijnssen (zentral+), Josias Clavadetscher (ehem. Bote der Urschweiz) und Jérôme Martinu (NLZ).

Nick Mijnssen (zentral+), Josias Clavadetscher (ehem. Bote der Urschweiz) und Jérôme Martinu (NLZ).

(Bild: bra)

Als Konkurrent der «NLZ» sehe sich zentral+ aber nicht, so Mijnssen. «Wir wollen nicht ein Monopol durch ein anderes ersetzen.» Man wolle aber mithelfen, durch die Präsenz von zentral+ die Qualität der «NLZ» zu verbessern. Das ficht diese offenbar nicht an. «Konkurrenz belebt das Geschäft», sagte der «NLZ»-Vizechefredaktor. Die Konkurrenz der Pendlerzeitung «20 Minuten» beschäftigt ihn offenbar mehr, wie er sagt. «Auch wenn diese politmässig nicht viel bringen.»

«Print und Online keine Konkurrenten»

Andrea Willimann, Chefredaktorin der Sursee Woche thematisierte das Verhältnis von Print- und Online-Journalismus, die ja angeblich oft in Konkurrenz zueinander stünden. Man müsse diese nicht gegeneinander ausspielen, sagte sie und verwies aufs Leserverhalten. Die jüngere Generation der «Digital Natives» lese sehr wohl auch Zeitungen. «Wir stellen fest, dass sie sich für das lokale Geschehen interessieren», sagte Willimann. Im Gegensatz zum «Blick» oder nationalen Webseiten würden lokale Medien den Lesern diese Informationen liefern. «zentral+ bietet auch Informationen über das, was vor der Haustüre geschieht, einfach online», sagte die Chefredaktorin.

Die anschliessende Diskussion drehte sich vor allem um Arbeitsbedingungen im Journalismus und mit welchen Massnahmen man die Qualität des Journalismus erhalten respektive verbessern könnte.
Fazit: Eine angeregte Diskussion, stellenweise ein internes Fachgespräch, das vor allem Medienschaffende und Politiker interessierte. Fürs breite Publikum hätte es mehr Zündstoff gebraucht. Doch für alle Fussballmuffel war es eine gute Alternative.

Toni Zwyssig hat übrigens, zusammen mit Peter Studer und Vinzenz Wyss ein lesenswertes Buch zum Thema publiziert. Es heisst «Medienqualität durchsetzen» – Qualitätssicherung in Redaktionen, ein Leitfaden. Erschienen ist es 2012 im Orell Füssli Verlag.

 

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