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Max Christian Graeffs Verbalsalto über Musik, Liebe und das liebe Kulturgeld
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Max Christian Graeff: der Dichter und Denker im kreativen Chaos seines Studierzimmers. (Bild: zvg )

Grosse Rede für Luzerner Kulturpreisträger Rolla Max Christian Graeffs Verbalsalto über Musik, Liebe und das liebe Kulturgeld

10 min Lesezeit 21.11.2017, 15:54 Uhr

Drei preisgekrönte Kunstschaffende standen letzten Sonntag im Rampenlicht des Theaters. Am meisten beklatscht wurde die Lobesrede, die Max Christian Graeff über den Musiker Christov Rolla hielt. Wortgewandt und humorvoll, kreativ und spinnert. Schöner Zufall: Die zwei sind am Samstag live zu erleben.

Es wurde am Sonntag wieder einmal geladen zum Novemberritual, an dem sich die lokale Kultur- und Politikprominenz gerne im Jahresrhythmus zu Hundertschaften einfindet. Denn es lockte ein opulenter Apéro und das schöne Geschäft des Kontaktens: Die Stadt Luzern verlieh den mit 25’000 Franken dotierten Kunst- und Kulturpreis 2017 an den bildenden Künstler Peter Roesch. Je mit 10’000 Franken dotierte Anerkennungspreise gingen an die Übersetzerin Ute Birgi-Knellessen und an den Musiker Christov Rolla (zentralplus berichtete).

Formal und langweilig

Stadtpräsident Beat Züsli überbrachte bereits zum zweiten Mal die Grussworte Luzerns. Er gratulierte Rolla, Birgi-Knellessen und Roesch, der mit schüchternem Blick den Hauptpreis entgegennahm und den Blumenstrauss wie einen Besen packte. Zu guter Letzt las Züsli die Texte aus den Preisdiplomen herunter – so formal, so langweilig.

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Trockene Feier im Theater: Stadtpräsident Beat Züsli mit Musiker Christov Rolla, Übersetzerin Ute Birgi-Knellessen sowie Künstler Peter Roesch.

Trockene Feier im Theater: Stadtpräsident Beat Züsli mit Musiker Christov Rolla, Übersetzerin Ute Birgi-Knellessen sowie Künstler Peter Roesch.

(Bild: zvg)

Ganz anders und vielbeklatscht die fulminante Laudatio über Christov Rolla, den 40-jährigen Musiker aus dem Luzerner Seetal, der ein beachtliches Werk aufweisen kann: als Komponist, Arrangeur, Chorleiter und Schauspieler. Christov Rollas Schaffen zeichnete sich laut der Jury «in einer aussergewöhnlichen musikalischen Breite aus, die in der Zentralschweiz in diesem Umfang seinesgleichen sucht».

Die Jury lobte nüchtern weiter, sinngemäss: Als ausgebildeter Schul- und Kirchenmusiker sowie Chorleiter verstehe er sein Handwerk. Sein dramaturgisches Gespür, seine grosse Affinität zum geschriebenen Wort und seine prägnanten und eigenwilligen Kompositionen würden jedes Theaterstück auf eine neue, höhere künstlerische Ebene heben.

Finale der Zentralbibliothek

Am Samstag, 29. November, steigt die grosse, finale Party der alten Zentralbibliothek Luzern. Ab 17 Uhr ist das Duo «Canaille du Jour» am Umzugs- und Sanierungsfest der ZHB zu erleben: (un-)gezügelte Chansons von Max Christian Graeff (Gesang) und Christov Rolla (Klavier).

So viel fade Berichterstattung zum schillernden Musikus und grünen Grossstadtrat Rolla, der live auf der Bühne des Theaters mit zwei Liedern – «Klage des Odysseus» und «Baby Härz Baby» – die Herzen der Erschienenen erfreute. Man sah: Dieser Mann kann singen; und texten. «Rolla rules», jubelte eine Szenefrau.

Unterhaltend und gestikulierend

Erfrischend, intellektuell herausfordernd und überaus unterhaltend wurde der wild gestikulierende Max Christian Graeff (55) dem Preisgekrönten dann in seiner Laudatio gerecht. Graeff ist ein Mann des Wortes: Der Lektor und Publizist stammt aus Berlin, er lebt in Kriens. Graeff sang einst bei den Morlocks und begleitet aktuell den Pianisten Christov Rolla im Duo «Canaille du Jour».

Man könnte also berechtigterweise auch monieren: Ein Freund klopft seinem Kumpel öffentlich auf die Schulter. Doch bei Graeffs Verbalsalto über Musik, Liebe und das liebe Kulturgeld war weitaus mehr drin: Liebe für Talent. Und Talent für Liebe! Und das passiert leider ach so selten.

«Aussergewöhnliche musikalische Breite»: So lobte die Jury Christov Rolla.

«Aussergewöhnliche musikalische Breite»: So lobte die Jury Christov Rolla.

(Bild: zvg)

Deshalb sei Graeffs Lobesrede (einzige Vorgabe: maximal fünf Minuten Redezeit) für die Nachwelt im vollen Wortlaut publiziert; Titel «Laudatio für Christov Rolla angelegentlich des Erhalts eines Anerkennungspreises der Kunst- und Kulturpreise der Stadt Luzern am 19. November 2017». Man wird sehen: Dieser Mann kann schreiben; und allerdings auch reden.

Hier die Laudatio von Max Christian Graeff:

«Sehr geehrte Damen und Herren, Honoratioren und Förderinnen, geschätzte Preisträgerin und Preisträger mitsamt Freunden und Familien, mein lieber Herr Gesangsverein

Loblieder zu singen, ist eigentlich allein seine Aufgabe und ein tatsächliches Zentrum im Labyrinth seiner Talente, Lieder auf das Leben und vorzugsweise auf die freundlicheren Exemplare der Gattung Mensch, geflüsterte Hymnen und luftverbrauchende Choräle auf die bodenständigen Randerscheinungen des Lebens wie auch auf die imaginär wallenden grossen Kräfte, denen wir uns zuweilen unterordnen, melodiöse Varianten, Brechungen und Auslegungen des Kanons einer aus tiefstem Herzen empfundenen Mitmenschlichkeit, und das soll gleich vorweg Wesentliches oder sogar DAS Wesentliche über das Wesen Christov Rolla sagen, womit die fünf Minuten als Unmass aller Dinge und Lobreden für einmal bereits eingehalten wären.

Für all das andere unbedingt zu Sagende werden sie jedoch kaum reichen.

Schon gar nicht, wenn man den Moment mal aus anderer Perspektive betrachtet: Stellen wir uns also Christov Rolla vor, wie er mit Takt und Zeitmass kämpft, während er eine solche Laudatio zu verfassen hätte. Ein Sisyphos, glücklich von Natur aus, aber schwer beladen mit runden Ideen an einem steilen Berg. Er würde winden, kämpfen und stemmen, schrauben und feilen, jeden Tag und jede Nacht aufs Neue, kaum in der Lage,  mit Rohrzangen, dafür jedoch umso besser mit den Werkzeugen der Sprache umzugehen wie kaum ein Handwerker sonst. Er würde verzweifeln ob der Hermetik und Schärfe und noch an dieser Stelle zaudern, ob das alles nicht grundverkehrt sei.

Nahrung, Raub, Sex, Mord und Revier

Und dann hätte er eine Idee: das künstlerische Leben als Tiefsee und die Künstlerinnen und Künstler als ihre bizarren Bewohner. Dort unten ist es stockfinster, nur die Wesen leuchten aus sich selbst heraus, aus ihrem Bestand an Organischem, an Stoffen, Bakterien, Strom und Inspiration. Was genau sie dort treiben, wissen wir noch gar nicht; vermutlich geht es wie immer um Nahrung, Raub, Sex, Mord und Revier.

Letztendlich also ums Geld und Überleben. Das Leben als Werk und stilles Gemetzel. Aber er würde versuchen und es schaffen, diesem Szenario Musik einzuhauchen. Die Fische, Spinnen und Mollusken hätten Zahnreihen wie Klaviaturen, Körperformen wie Harmonien, Farben wie Melodien. Sie sängen und jubilierten, was freilich erst einige Tausend Meter weiter oben beim Zerplatzen der Luftbläschen zu hören wäre.

Doch keiner von uns hörte zu. Wir kennen sie nicht. Wenn wir ihnen etwas nehmen, ob bewusst oder unbedacht, merken wir nicht mal ihr Verschwinden. Aber das unerforschte, unerforschbare System fällt in sich zusammen und die Verkettung der Umstände führt schon bald zum Versagen auch der sichtbaren Schichten und des Lebens ausserhalb der Wasser. Und zu unserem eigenen Tod.

Kunst lässt uns ertrinken und ohne sie verdursten wir

Kunst ist liquide und mit Feststoffen durchsetz- und angreifbar. Sie lässt uns ertrinken und ohne sie verdursten wir. Sie ist sicht- und unsichtbar zugleich, kaum greifbar und ein aktiver wie passiver Erzeuger und Träger von Schall. Und von Rauch. Die Weltmeere werden in Gefahr gebracht durch jene, die ohne sie verloren sind.

Aber von all dem sänge Herr Rolla nur indirekt; noch zeichnete er ihre Zahnreihen und überlegte sich die Darstellbarkeit von Harmonien und Dissonanzen in den diversen Schuppengeflechten, sich über alle Theken der Stadt googelnd und mit der Konklusion abwartend bis zum letzten Atemzug – vor dem Auftritt. Und es läge ihm fern, hier Politik zu betreiben, obwohl sie ihm dringendes Anliegen ist. Sie flösse durch seine Noten und deren Sätze, durch Vielstimmigkeit, integralen Zusammenklang und Nachhall im offenen Raum eines gemeinsamen Wohls.

«Fünf Minuten – das ist ja schlimmer als bei Patti Smith.»

Fünf Minuten – das ist ja schlimmer als bei Patti Smith. Also, dann lasse ich weiteres Kulturpolitisches weg, obwohl die Rede eigentlich den Titel trägt: ‹Von der anmassenden Haltung des Lobredners in der Behauptung, es sei schwierig, ‹dankbar zu sein in undankbarer Zeit›.›

Höchst melodiöses Haupthaar

Aber es geht hier ja um Herrn Rolla. Dabei jedoch nicht um ein Aufzählen der kaum überschaubaren Vielfalt seiner Tätigkeiten als freier Musiker, Komponist, Chorleiter, Entertainer, Bohemien, Verführer, Seelsorger, Clown, Besessener und Lehrer – das können Sie alles auf seiner Webseite nachlesen –, sondern doch darum, WIE er all dies macht und schafft, ausgestattet mit einem höchst melodiösen Haupthaar und standhaft in allen Ton- und Wetterlagen.

In seinem Schaffen für die Theaterlandschaft ist er selten oder eigentlich nie der exponierte Grosskünstler; es besteht meist aus dem Dienen für andere Werke, sprich für Werke anderer. Es schwingt und klingt mit dem, was gross geschrieben wird, aber sein Name steht nicht obendrüber (meist möchte er das auch gar nicht), sondern mitten im Team und manchmal auch im Irgendwo. Christov Rolla ist ein Ensemblemensch, in der Produktion wie auch im Grossen und Ganzen, im Luzerner Kulturleben, unter denen, die gerne hier leben und arbeiten wollen, allen derzeit wieder massiven Widerständen zum Trotz.

Und dabei gibt es nicht nur heitere Musik; sondern auch – weniger in den Produktionen der Freien und unterhaltenden Szene, aber generell im Drama – traurige, schicksalhafte, belastend berührende Melodien und Kompositionen. Sie sind Teil des Lebens der Komponisten und Schreiber, der Darsteller und Produzierenden.

Doch wehe, man zeigt sie als Privatmann, als Ausführender, als Stellvertreter der Künstlerschaft und Vertragspartner der Kulturverwaltungen. Auch Christov Rolla hat wiederholt tiefe Täler und verzweifelte Strecken, überlastete Brücken und schlaglochübersäte Strassen zu meistern. Die grosse Sorge eines jeden von uns ist, dass das jemand merkt, denn dann stockt das Geschäft und die Not wird – auf der materiellen Seite – nur noch grösser.

Sprechen wir heute also nur vom Lob. Von der Anerkennung für den Arbeiter Christov Rolla. Vom gar nicht so einfachen Aushalten dieser Belobigung, denn sie kann ja auch eine Last sein. Loben kann auch Strafen sein, indem man sagt: ‹Jetzt mach gefälligst auch so weiter! Nie mehr anders, nur noch so! Schliesslich hast du jetzt einen Preis!›

«Auf Rolla als Diva und Maestro in Personalunion!»

Dabei warten wir doch alle sehnlich auf eine ganz grosse Veränderung in seinem Schaffen (und dabei masse ich mir an, für viele zu sprechen), nämlich auf seinen tatsächlichen Solo-Abend, mindestens in genau diesem Saal. Auf Rolla als Diva und Maestro in Personalunion, am Bechstein vor grossem samtrotem Aushang solitär beleuchtet. Wir warten sehnlich darauf, ihn ohne Begleitungen zu sehen, die stets den Applaus abfischen, nur weil ihre Jacken bunter sind.

Zwei Monate an der Armutsgrenze

Aber auch das ist schon wieder eine Forderung. Christov Rolla hat ja nun erst einmal den Preis verdient! Dieser ist eine Anerkennung des Bisherigen und kein Auftrag. Er darf verplätschern; das geht uns nichts an. Er würde ja eh nur für zwei Monate an der Armutsgrenze ausreichen und das wäre knapp, um diese grosse Soloshow zu schreiben.

Und eigentlich sollte Rolla ein paar Wochen damit untertauchen, um das Geld Franken für Franken in vorerst ungeforderte, ungehörte, unerhörte eigene Töne umzuwandeln. In Geräusche, die nur ihm gehören. Aber das kann er sich nicht erlauben, denn schon geht es weiter; Vorkonzeptionen, Skizzen und Bewerbungen für das Überleben in einem Jahr. Ununterbrochen – Arbeit!

«Man will das Geld nur sparen, damit es jene bekommen, deren Beruf darin besteht, es zu besitzen

Immer dieses Geld. Dabei spielt es doch keine Rolle; es ist ja genug da. Man müsste es nicht sparen; man will es nur sparen, damit es jene bekommen, deren Beruf darin besteht, es zu besitzen. Die Rollen werden von Menschen gespielt; auch von ihnen gibt es genug. Man muss nicht an ihnen sparen, denn sobald einer hinten runterfällt, stehen genügend andere vorne auf der Rampe und heizen das Spiel weiter an, dieses Money Grabbing, den scheingewordenen Hass im Freundschaftsgewand.

Das würde Herr Rolla aber niemals selbst so formulieren, deshalb Schluss damit. Sprechen wir also – was in dieser Zeit noch viel obszöner zu sein scheint – nurmehr von der Liebe. Denn diese ist es, die Christov Rolla mit seinem Beruf verbindet, sie ist es, die in seinen Melodien und Worten immer mitschwingt.

Sie schwingt fast umso mehr mit, je weiter er sich von der anerzogenen, gelernten Liebe entfernt und in der Mitte seines Lebens versucht, all die verschiedenen Interessen seiner Mitmenschen mitschwingen zu lassen. Seit er nicht mehr nur gutes, sehr gutes Handwerk leistet, sondern sein Schaffen eine tatsächliche Eigendynamik bekommen hat, eben eine der Liebe.

Direkt in Ohren und Herzen

Offenherzig und in jenem Moment, der stupende, umweglose Einfachheit fordert, eben mit stupender, umwegloser Einfachheit. Aus seinem Kopf über das Herz in die Finger, wohlsortiert auf schwarze und weisse Tasten und durch das Holz oder auch mal den Draht direkt in Ihre, in unsere Ohren und Herzen. – Wirklich, wahnsinnig kitschig. Ich könnte heulen. Aber so ist es eben.

«Lassen wir sie zu, diese Liebe.»

Lassen wir sie zu, diese Liebe, nicht nur als zu beklatschende, zu lobpreisende und auszuzeichnende Kulturleistung, sondern viel mehr noch: einfach so. Als Aussage und Schwingung des Tages und der Welt. Dem Tag und der Welt würden sonst entscheidend etwas fehlen.

Mein Dank, unser Dank dafür, mehr noch als jede Anerkennung, an unseren Freund Christov. Er ist unheimlich nervös, das merke ich aus Erfahrung. Ich hoffe, er muss sich daran gewöhnen, an Preise und an Auszeichnungen, an grosse Bühnen und brandenden Applaus. Das wünsche ich ihm jedenfalls von ganzem Herzen.»

So kann sich das Duo «Canaille du Jour» auch mal gehen lassen:

 

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