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Matthias Michel: «Ich sage immer, ich war der erste Grünliberale»
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Matthias Michel sucht die Nähe zum Volk. (Bild: wia)

Zuger Ständeratskandidat setzt alles auf eine Karte Matthias Michel: «Ich sage immer, ich war der erste Grünliberale»

6 min Lesezeit 3 Kommentare 23.09.2019, 11:01 Uhr

Mit FDP-Mann Matthias Michel tritt ein politisches Schwergewicht für die Ständeratswahlen im Oktober an. Dass sein Platz im Stöckli trotzdem nicht sicher ist, ist sich der Oberwiler durchaus bewusst. Im Gespräch redet er über seine Ziele in Bern und sein Talent beim Anbau von Broccoli.

«Gönd sie au go wähle?», fragt Matthias Michel ein vorbeischlenderndes Paar mittleren Alters. «Nei, die z Bärn möched eh was s’ wänd», antwortet die Frau, die beiden gehen weiter in Richtung Stierenmarkt.

Michel zuckt mit den Schultern. «Ich finde es sehr schade, wenn die Leute derart resigniert haben», sagt der FDP-Ständeratskandidat. «Da ist es mir viel lieber, wenn sie sagen, dass sie jemanden anderes wählen. Dann kann man wenigstens ins Gespräch kommen.»

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Einen klaren Schlussstrich gezogen

Michel verbringt den Morgen vor dem Eingang des Stierenmarktes, verteilt Flyer und Energieriegel, redet mit Passanten. Die meisten scheinen sein Gesicht zu kennen. Kein Wunder, war Matthias Michel doch während 16 Jahren Regierungsrat des Kantons Zug.

Bewusst hat er letztes Jahr entschieden, einen Schlussstrich unter die Exekutivpolitik zu ziehen und nicht für eine fünfte Legislatur zu kandidieren.

Die Frage, ob er ins Rennen für den freiwerdenden Ständeratssitz einsteigen werde, habe er damals bewusst offengelassen. Nicht zuletzt auch darum, weil gar noch nicht klar war, ob FDP-Ständerat Joachim Eder seinen Sitz noch einmal verteidigen wolle. Er will nicht. Dafür nun Michel: «Ich habe Lust, über die Kantonsgrenzen hinaus zu wirken.»

So kommt es nun also, dass sich Michel nach einer Auszeit von einem halben Jahr wieder mitten im Wahlkampf befindet. Ist an Veranstaltungen anzutreffen und eben auf der Strasse, beim Volk.

Er ist gern im direkten Kontakt

Ein weiteres Paar kommt anspaziert, man kennt sich, wechselt freundliche Worte, «meine Stimme hast du sowieso», sagt der ältere Mann. Als auch sie in Richtung Stiere gezogen sind, sagt Michel: «Ich mag den direkten Kontakt mit den Leuten.» Und er glaubt, dass auch die Bevölkerung diese Nähe schätzt. «Gerade in den Zeiten, in denen vieles über Social Media läuft, wird einem wohl auch ein gewisser Mut attestiert, wenn man sich der direkten Diskussion stellt.»

Man könnte meinen, es dürfte für Michel ein Leichtes sein, den Sitz von Parteikollege Joachim Eder zu erben. Erfahren ist er. Unaufgeregt. Mit seinem grauen Haar würde er im Stöckli keineswegs auffallen.

Nur. Matthias Michel ist nicht der Einzige, der Eders Sitz erobern möchte. Sein grösster Konkurrent dürfte SVP-Regierungsrat Heinz Tännler werden, der ebenfalls im Rennen um den Ständeratssitz ist (zentralplus berichtete). Und Tännler macht das geschickt. Nicht zuletzt das erfolgreiche Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Zug vor einem Monat dürfte dem SVP-Mann zu gehörigem Aufwind verhelfen.

Immer schön diplomatisch bleiben

Hat Michel Angst vor Heinz Tännler? «Ich habe ja schon mehrere Wahlkämpfe mitgemacht. Damals als Kantonsrat und später als Regierungsrat. Noch nie habe ich darauf geachtet, wer sonst noch antritt. Auch dieses mal nicht.»

Er definiere sich nicht durch die anderen Kandidierenden, sagt Michel diplomatisch. Ebenso diplomatisch ist seine Antwort auf die Frage, warum er der bessere Ständerat wäre wie Heinz Tännler. «Das überlasse ich meinen Wählerinnen und Wählern», sagt der Oberwiler achselzuckend.

«Mein Wahlslogan ist schliesslich auch: ‹So, wie sie mich kennen› und nicht ‹Ich bin der bessere Kandidat ›.» Das gelte gegenüber jedem Mitkandidierenden.

Wie viele Politiker nutzte auch Matthias Michel den Stierenmarkt als Wahlkampfplattform.

Während seines Sabbaticals widmete sich Matthias Michel bewusst persönlichen Projekten, für die er in den letzten Jahren schlichtweg keine Zeit fand. So weilte er während eines Monats in Rom, um Italienisch zu lernen und reiste einen weiteren Monat mit dem Velo durch Italien. «Ich konnte das Optimum herausholen, indem ich den Drang nach der Ferne mit dem Velofahren verband», äussert er sich pragmatisch.

«Wir essen seit Monaten nur selber angepflanzten Salat.»

Matthias Michel, Ständeratskandidat

Als Michel davon erzählt, aktuell selber Gemüse anzupflanzen, beginnen seine Augen jedoch zu glänzen. «Wir essen seit Monaten nur selber angepflanzten Salat», freut er sich. Auch Broccoli wachse gut, Bohnen und Zucchetti ebenfalls. Die Rüebli seien misslungen. Es sei ein gutes Gefühl, etwas zu tun, das so «down to earth» sei.

Überhaupt sei Michel im Moment stark als Hausmann tätig. «Ich bin wieder einmal erstaunt, wie viel Arbeit das ist. Einzukaufen und dafür zu sorgen, dass das Essen rechtzeitig auf dem Tisch steht», sagt der Vater von vier Kindern, von denen drei noch zu Hause leben.

Alles auf ein Pferd gesetzt

Michels Ausgangslage ist insofern speziell, da er bei den Wahlen im Oktober alles auf eine Karte setzt. Gelingt ihm der Sprung in die kleine Kammer nicht, muss es sich nach rund 16 Jahren wieder eine Stelle suchen. «Ich bin mir dieses Risikos absolut bewusst. Doch war es mir wichtig, das Regierungsratsamt sauber abzuschliessen und erst dann zu entscheiden, was ich tun möchte. Ausserdem gibt es diese Risiken in der Unternehmenswelt auch.»

Was passiert, wenn Matthias Michel keinen Ständeratssitz gewinnt im Oktober? «Ich will nicht zurück zu meinem früheren Beruf als Anwalt. Zu sehr treibt mich das öffentliche Interesse an.»

Sollte er dennoch ins Stöckli einziehen im Januar: Wofür will sich Matthias Michel einsetzen? «Ich konnte in den letzten 16 Jahren gut beobachten, was die Schweiz stark macht: Unsere Infrastruktur, das Bildungssystem, die Rechtssicherheit und ausserdem der flexible Arbeitsmarkt. Alles Dinge, die nicht selbstverständlich sind.»

An diesen wolle er auf nationaler Ebene weiterarbeiten. Michel ist ein Freund der modularisierten Lehre, welche beispielsweise den Wiedereinstieg in die Berufswelt vereinfachen soll. «Gerade in Bereichen, in denen wir sowieso zu wenig Fachkräfte haben, wie etwa im Gesundheitsbereich, ist das eine ideale Lösung.»

Die Rolle als Mediator liegt ihm

Michel bezeichnet sich gerne als Brückenbauer. Inwiefern? «Beim Verein Innovationspark Zentralschweiz, bei dem ich Vize-Präsident war», beginnt er, «da brachte ich sechs Kantone, Hochschulen und viele Unternehmen zusammen; meine Ausbildung als Mediator und die Praxis als Schlichter im Arbeitsrecht kamen mir hier gelegen». Und weiter: «Für solches konstruktives Zusammenwirken stehe ich; das ist für unser Land wichtiger als parteipolitisches Ränkespiel.»

zentralplus bittet Michel, eine Zahl zwischen 1 und 20 zu wählen. Die zur Zahl gehörige Frage beantwortet er im folgenden Video.

Wie kann sichergestellt werden, dass es trotz Digitalisierung und ausländischen Arbeitskräften genug Arbeitsplätze für die Schweizer Bevölkerung gibt?

Ist Matthias Michel in der falschen Partei?

Ja zur Flugticketabgabe, ja zur Reduktion von Treibhausgasemissionen bis 2050: Die FDP reitet seit Kurzem auf der grünen Welle mit. Gute Sache oder Mitläuferei? «In meinem ersten Jahr als Kantonsrat fragte mich mal ein Journalist, was ich für ein Auto fahre. Das war die falsche Frage. Ich fahre kein Auto, sondern Velo», erinnert sich Michel, und ist heute noch erstaunt über die Reaktion des Journalisten. «Dieser fragte mich nämlich darauf, ob ich denn ein Linker sei.»

Michel hält kurz inne und schmunzelt: «Ich sage immer, ich war der erste Grünliberale, als es die Partei gar noch nicht gab.»

Ist also ein Parteiwechsel fällig? «Nein. Seither hat sich die FDP in meine Richtung bewegt. Ich fühle mich da gut aufgehoben.» Die grüne Welle begrüsst er also. «Denn grün heisst nicht links. Velo statt Auto finde ich eine gute Sache, doch will ich nicht, dass mir der Staat befiehlt, dass ich Velofahren muss», so der 56-Jährige.

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3 Kommentare
  1. Hans Peter Roth, 26.09.2019, 16:56 Uhr

    Sein und Schein. Politiker lieben es, sich selbst darzustellen: liberal, grün, Mediator. Tönt doch schön und sympathisch? Doch passt es zu einem Mediator, wenn er junge Opponentinnen, welche für bezahlbaren Wohnraum im Kanton Zug werben, fadengerade mit einer superteuren Strafklage eindeckt, nur weil sie auf Plakaten wahrheitsgetreu sein Profil Als Regierungsrat veröffentlichten? Das hat mit liberal gar nichts zu tun, sonder zeugt eher von Intoleranz und autoritärem Gedankengut. Solche Personen sollten unter keinen Umständen den Kanton Zug in Bern vertreten dürfen.

  2. Jean Leglèr, 24.09.2019, 11:59 Uhr

    Ich habe während vieler Jahre in einem Amt von Regierungsrat Michel gearbeitet. Dauernd gab es grosse Spannungen zwischen der Amtsleitung, die unadäquate Reformen propagierte, und dem Team. Es war zum Verzweifeln. Es gab Kündigungen und unendliche Diskussionen, welche Zeit frassen. Diese fehlte dann für die eigentliche Arbeit. In all der Zeit spürte ich vom “Mediator” Michel nichts.

  3. mebinger, 23.09.2019, 15:55 Uhr

    Hätte die FDP in den 90er nicht den neoliberalen Weg eingeschlagen, sondern wäre ihren Weg weiter gegangen, hätte es die GLP nicht gebraucht