Maskendispens: Immer mehr Menschen mit Beeinträchtigungen werden angefeindet
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Auch viele Menschen mit nicht sichtbarer Behinderung haben ein ärztliches Attest, das sie von der Maskenpflicht befreit. Trotz Attest müssen sie sich immer wieder erklären. (Symbolbild: Adobe Stock)

Trotz Attesten diskriminiert Maskendispens: Immer mehr Menschen mit Beeinträchtigungen werden angefeindet

4 min Lesezeit 7 Kommentare 05.05.2021, 05:00 Uhr

Manchmal gibt es gute Gründe, warum jemand keine Maske tragen kann. Etwa bei Menschen mit Beeinträchtigungen. Trotz Maskenattest müssen immer mehr Betroffene während der Pandemie Anfeindungen im Alltag erfahren. Ein Luzerner Experte vermutet, dass Diskriminierungen zunehmen könnten.

Auslöser für diesen Bericht war ein Telefonanruf einer besorgten Mutter, die sich an zentralplus wendete. Ihre Tochter, die Trisomie 21 hat und deswegen von der Maskenpflicht befreit ist, werde im öffentlichen Verkehr des Öfteren angefeindet.

Wie die Mutter erzählt, habe ihre Tochter deswegen begonnen, im ÖV zu essen, damit sie nicht mehr so angegangen werde. Weil die Tochter Angst vor den maskierten Menschen und insbesondere vor neuen Anfeindungen hat, zog sie sich zurück und hat seither Mühe mit dem Sprechen.

Schweizerischer Dachverband hat bis zu drei Anfragen täglich

Dass Menschen, die aufgrund einer Beeinträchtigung keine Maske tragen können, angefeindet oder diskriminiert werden, ist kein Einzelfall. Bei Inclusion Handicap, dem Dachverband der Behindertenorganisationen Schweiz, bestätigt Rechtsanwältin Nuria Frei von der Abteilung Gleichstellung das Problem. «Wir erhalten im Zusammenhang mit der Maskentragpflicht momentan täglich zwei bis drei Anfragen. Seit Läden und Restaurantterrassen wieder geöffnet sind, haben die Anfragen zugenommen.» Viele erkunden sich bei Inclusion Handicap, wie die Rechtslage ist oder wie sie in konkreten Fällen, in denen ihnen der Zutritt verweigert wurde, handeln können. 

«Manche erzählen, dass sie sich auch nach dem Vorweisen des ärztlichen Attests noch erklären müssen.»

Jan Habegger, insieme Schweiz

Jan Habegger von insieme Schweiz sagt auf Anfrage, dass sie in diesem Zusammenhang monatlich mit ein bis zwei Fällen konfrontiert sind. «Manche erzählen, dass sie sich auch nach dem Vorweisen des ärztlichen Attests noch erklären müssen», sagt Habegger. Einige werden mit dummen Kommentaren belästigt, andere vom Verkaufspersonal unangebracht behandelt.

Auch in Luzern kennt man das Problem

Michael Ledergerber ist Geschäftsleiter von Procap Luzern, Ob- und Nidwalden, dem Mitgliederverband von und für Menschen mit Behinderungen. Er hat Kenntnis von einzelnen Fällen, in denen Menschen mit einer Behinderung Rat bei ihnen suchten, weil sie aufgrund der Maskendispens angefeindet wurden. Nur weil es sich bei ihnen (bis jetzt) um Einzelfälle handelt, geht auch Ledergerber von einem weitaus verbreiteten Phänomen aus.

«Ich bin überzeugt, dass viele Menschen mit einer Behinderung, die einen Maskendispens haben, im Alltag Anfeindungen ausgesetzt sind.» Zumal jeder Einzelfall tragisch sei. Er erzählt von einer Frau, die aus medizinischen Gründen keine Masken tragen kann. «Weil sie deswegen so oft verbal angegriffen wurde, hat sie sich massiv zurückgezogen und traut sich kaum noch raus.» Die Isolation bringe die Frau fast zum Verzweifeln.

Nicht jeder ist gleich betroffen

Ledergerber, der für die SP im Kantonsrat sitzt, beobachtet, dass nicht alle Menschen mit einer Beeinträchtigung im gleichen Masse Anfeindungen ausgesetzt sind. Seine zwei Töchter sitzen beide im Rollstuhl. Ist er mit ihnen unterwegs, sei es den Menschen rund herum klar, dass die Mädchen keine Maske tragen könnten.

«Schwieriger ist es wohl bei Menschen, denen man visuell nicht auf den ersten Anblick eine Beeinträchtigung ansieht.» So beispielsweise bei Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung, Gehörlosen oder auch bei Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung.

Lockerungen, aber weitere Maskenpflicht: Vermutlich werden Anfeindungen zunehmen

Ledergerber vermutet, dass die Anfeindungen nicht weniger werden. «Je mehr es wieder zu Coronalockerungen und Öffnungen kommt – wie beispielsweise zu den offenen Restaurantterrassen – desto mehr finden wohl auch Anfeindungen und Diskriminierung statt», vermutet Ledergerber.

«Eine Klage wegen Diskriminierung, wenn einer betroffenen Person wegen einer Maskendispens beispielsweise der Zugang verwehrt wird, wäre für uns die Ultima Ratio.»

Michael Ledergerber, Procap

Er appelliert an die Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Weil es schliesslich gute Gründe gebe, weshalb jemand keine Maske tragen kann: Es kann sein, dass zum Beispiel Menschen mit einer Behinderung nicht in der Lage sind, die Maske selbstständig aufzusetzen oder abzunehmen. Für Menschen mit Autismus kann das Tragen einer Maske Stress und Panik verursachen. Und die Maske kann auch zu Kommunikationsproblemen führen.

Bei Unsicherheiten sollte das gemeinsame Gespräch gesucht werden, sagt Ledergerber. «Eine Klage wegen Diskriminierung, wenn einer betroffenen Person wegen einer Maskendispens beispielsweise der Zugang verwehrt wird, wäre für uns die Ultima Ratio.»

Einem Buben mit Asperger-Syndrom wurde erst Untersuchung im Spital verweigert

In einigen Fällen haben Behindertenorganisationen erfolgreich interveniert, wenn beeinträchtigte Menschen diskriminiert und ausgeschlossen wurden. Wie Rechtsanwältin Nuria Frei von der Abteilung Gleichstellung bei Handicap Inclusion in einem Schreiben festhält, verstösst die ausnahmslose Maskentragpflicht gegen das Behindertengleichstellungsrecht.

Beispielsweise hat sich eine Abteilung des Kinderspitals Zürich geweigert, einen 14-jährigen Jungen mit Asperger-Syndrom ohne Hygienemaske zu untersuchen. Der Grund: Das Schutzkonzept des Kinderspitals Zürich sah keine Ausnahmen von der Maskentragpflicht vor.

Das hat sich inzwischen geändert. In einem Schreiben hat der Dachverband der Behindertenorganisationen Schweiz das Kinderspital Zürich auf die erfolgte Diskriminierung aufmerksam gemacht. In seinem Antwortschreiben bedauerte das Kinderspital Zürich den Vorfall. Das Schutzkonzept wurde modifiziert. Zeigt jemand ein Attest vor, wird dieses geprüft und bei berechtigtem Maskendispens wird gemeinsam eine «räumliche und organisatorische Situation» geschaffen, sodass die Patienten ohne Maske, aber auch ohne die Gefährdung anderer Patienten behandelt werden können.

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7 Kommentare
  1. Corina Chladek, 10.06.2021, 12:30 Uhr

    Danke!
    Bin zur Zeit selbst in einer komplexen Situation.
    Kann aus sensorischen (bin Asperger Autistin) als auch gesundheitlichen (chronische GRunderkrankung) GRünden keine Maske tragen. Dies steht sehr klar auf meinem MaskenDispens.
    Nun ist es allerdings so, das ich nicht zu Arbeit zurückkehren kann, da überall Maskenpflicht herrscht und es keine Regelung dafür gibt..
    In KURZARBEIT war es kein Problem.
    Aber jetzt, wo es wieder Lockerungen gibt, bin ich wirklich in einem Dilemma.
    Diese Problematik ist natürlich mit Arbeitgeber in Abklärung.

    Aber eine klare Anweisung durch den Bundesrat, mit zusätzliche Regelung für die, welche keine Maske tragen können, betreffend Arbeitsplatzerhaltung (ich bin ja nicht krank in dem Sinn) ist nicht gegeben. Dringend notwendig!!!
    Dies sollte klar geregelt sein. Es ist wirklich diskriminierend gegenüber den wenigen, die absolut keine Maske tragen können. Man sucht sich das ja nicht aus.
    Ich habe es probiert. Und das hatte Folgen.

    Leider ist es echt schwierig, sich diesbezüglich Hilfe und Unterstützung zu holen.
    Niemand weiss diesbezüglich Bescheid.

    Es braucht eine UNTERSTÜTZENDE Zusatzregelung für Arbeitnehmer, die keine Maske tragen können.

    Ich bin jeweils gut angeschrieben mit Sunflower Lanyard und Schild von Insieme.ch betreffend Maske, was eigentlich recht gut ankommt, doch es gibt immer wieder auch böse Blicke oder seltsame Bemerkungen oder Fragen.
    Das Umhängeschild (wirklich genug gross) sollte eben gerade verhindern, das ich immer von Fremden Leuten angesprochen werde.
    Ich habe jetzt gelernt, mich da durchzunavigieren, und es kommen manchmal sehr gute Gespräche zustande, aber selsame Bemerkungen und Unfreundlichkeit sind schon stressig.
    Zu Beginn wurde ich oft auch angehalten von der Bahnhofpolizei (die trotzdem mein Attest noch sehen wollte) was äusserst stressig und auch diskriminierend ist.

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  2. Andrea, 05.05.2021, 16:51 Uhr

    Guten Tag,
    Ich bin eine 40 Jahre junge Frau, man sieht mir meine Lungenkrankheit nicht an und selbst wenn, würde es so viel ändern? Menschen haben Angst und die Angst ist ein wildes Tier.

    Seit Anfang der Maskenpflicht wurde ich beschimpft, ausgelacht, bedroht und regelmässig mit verächtlichen Blicken bedacht. Aus einem Aufzug geschubst, andere Insassen stimmten dem zu, in einer Gondel verbal angegriffen, aus mehrer Restaurants verwiesen, aus verschiedenen Läden geschmissen und auch der Zutritt zu Stadtteilen wurde mir untersagt (hätte ich diese rauchend durchquert, wäre es nicht schlimm gewesen). Ein Orthopediegeschäft wollte mir die Bedienung verweigern. Dies alles trotz Vorlage eines Attestes und teilweise wollten Besitzer oder Mitarbeiter das Attest nicht einmal sehen. Hilfe von anderen Mitmenschen habe ich in diesen Situationen nicht erfahren. Ich kann mich nicht mehr frei bewegen, teilweise geht meine Freundin für mich einkaufen. Ich habe Angst und mein Leben ist extrem eingeschränkt. Ich fühle mich hilflos. Jedoch wird dies nicht aufhören und die Vorfälle werden immer mehr und gewalttätiger.

    Das BAG ist selber überfordert mit Anfragen, die Polizei äussert sich nur wage und solange es keine körperliche Gewalt gibt, rät sie sogar von Anzeigen ab. Heute hatte ich das erste Mal Licht am Ende des Tunnels. Danke Handicap.ch für die Beantwortung meiner vielen Fragen.

    Warum wird hier keine klare, einheitliche Regelung getroffen? Warum wird die Gesellschaft nicht besser aufgeklärt? Wie werden wir geschützt? Sollen wir uns öffentlich kennzeichnen? Die ärztliche Schweigepflicht ist ja für diese Krankheit schon gebrochen. Jeder kennt meine Erkrankung, ob Kassierer, Restaurantbesitzer oder mein Chef. Diese Narben bleiben auf der Seele. Das Vertrauen in die Gesellschaft ist auf dünnem Eis.

    Toller Artikel!

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  3. Sven, 05.05.2021, 12:41 Uhr

    Wie wärs mit einem Badge, der um den Hals gehängt werden kann?

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    1. Peter Bitterli, 05.05.2021, 13:25 Uhr

      Ja. Oder eine farbige Armbinde. Rosa? Gelb? Oder vielleicht einfach keine Maske?

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  4. mebinger, 05.05.2021, 12:12 Uhr

    Die wahren 7 Weltwunder sind meiner Ansicht nach: Sehen, Hören, sich berühren, Riechen, Fühlen, Lachen, Lieben. Ich frage mich, weshalb wir eine Corona-Politik akzeptieren, welche praktisch alle diese Weltwunder bekämpft und unsere Gesellschaft zerstört, den Mitmenschen zum Feind macht und hunderte Jugendliche in den Selbstmord treibt, was haben wir Euch angetan, dass ihr so handelt? Oder geht es wirklich nur darum, das Milliarden Geschäft für die Gesundheitsindustrie abzusichern?

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    1. Rolf Dubler, 05.05.2021, 14:58 Uhr

      Schrecklich, dass ein solcher Kommentar überhaupt veröffentlicht wird.

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    2. Peter Bitterli, 05.05.2021, 17:42 Uhr

      Ja, Dubler, weg damit. Es entspricht ja nicht dem, was Sie für Ihre Meinung halten, weil Sie es oft schon gehört haben. Schrecklich!

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