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Masern im Vormarsch: Der Bund macht Luzern Vorwürfe
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Masern: Die Durchimpfquote in Luzern ist sehr schlecht. (Bild: iStockphoto)

Zu tiefe Durchimpfquote Masern im Vormarsch: Der Bund macht Luzern Vorwürfe

5 min Lesezeit 03.07.2013, 04:00 Uhr

Die steigende Zahl von Masernfällen weckt zurzeit unangenehme Erinnerungen: Im Jahr 2006 verteilte sich der Krankheitserreger von Luzern aus in die ganze Welt. Nun kritisiert das Bundesamt für Gesundheit den Kanton für seine mangelhafte Durchimpfung. «Luzern stellt die Masern-Eliminationsziele für die ganze Schweiz in Frage», sagt eine BAG-Sprecherin. Auch bei der internationalen Gesundheitsorganisation WHO zeigt man wenig Verständnis.

Die Masern sind eine hochansteckende Infektionskrankheit, die vor allem Kinder betrifft. Die Krankheit verläuft üblicherweise in zwei Schüben: Sie beginnt mit Fieber und Müdigkeit und ist von Bauchschmerzen, Husten, Schnupfen und Halsschmerzen begleitet. Zwei bis vier Tage später folgt ein Fieberanstieg und der typische ausgeprägte Hautausschlag. Masern können auch mit Komplikationen verbunden sein (siehe graue Box).
Sehr problematisch wird es aber, wenn eine Epidemie ausbricht und diese sich weltweit verbreitet. So wie in den Jahren von 2006 bis 2009, als die Masern von der Schweiz aus in alle Kontinente exportiert wurden. Mit fatalen Folgen: In Drittweltländern war die Masernsterblichkeit bei Kindern unter fünf Jahren gross.
In den letzten Tagen nun sind in der Zentralschweiz vermehrt Masernfälle aufgetreten. Vor allem in Schwyz, aber auch in Luzern und Zug. Und dies erinnert sehr an die letzte Epidemie, als der Erreger in der Zentralschweiz ausbrach und sich schnell verbreitete. Auch der Zeitpunkt stimmt. Der stellvertretende Luzerner Kantonsarzt Hans-Peter Roost sagt: «Man rechnet alle vier bis sechs Jahre mit einer neuen Epidemie.»

Aber wie ist es überhaupt möglich, dass eine Epidemie einen solchen Lauf nimmt? Und warum gerade von Luzern aus?

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Von der Innerschweiz in die ganze Welt

Die einzige wirksame Massnahme gegen die Krankheit ist die flächendeckende Schutzimpfung. Der Bundesrat und die kantonale Gesundheitsdirektorenkonferenz haben daher die nationale Strategie zur Elimination von Masern beschlossen. Darin gibt der Bund den Kantonen eine Durchimpfungsrate von 95% ab 2015 vor. Derzeit wird die Quote den Kantonen als Empfehlung nahegelegt. Auf ein Impf-Obligatorium wird aus Respekt vor der elterlichen Entscheidung verzichtet. Doch mit dieser Impfquote würde die Krankheit in der Schweiz als ausgerottet gelten.

Nur: Davon ist die Schweiz weit entfernt. Ganz schlecht schneidet der Kanton Luzern ab, der mit 82% die gewünschte Quote des Bundes bei Weitem nicht erfüllt.

Das sorgt bei der internationalen Gesundheitsorganisation WHO und beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) für Unverständnis. WHO-Mediensprecher Gregory Härtl: «Da diese Impfquote in der Schweiz nicht eingehalten wird, ist ein Anteil der Schweizer Bevölkerung einer Maserninfektion ausgesetzt, unabhängig von Alter oder Aufenthaltsort. Infizierte und nicht-immune Personen könnten einen neuen Ausbruch in der Schweiz auslösen oder das Virus in andere Länder exportieren.»

Noch deutlicher wird BAG-Mediensprecherin Mona Neidhart: «Die Zahl der nicht Geimpften ist ausschlaggebend, ob das Masernvirus weiterhin zirkuliert oder nicht. Wenn also eine grosse Anzahl Leute nicht geimpft ist, kann das Virus zirkulieren. Der Kanton Luzern ist so bevölkerungsstark, dass er mit seiner Durchimpfungsrate die Masern-Eliminationsziele für die ganze Schweiz in Frage stellt. Damit hat die Schweiz nicht nur ein Reputationsproblem gegen aussen, sondern es sind auch Auswirkungen auf den Tourismus zu befürchten.»

Kanton Luzern wehrt sich nicht 

Das sind happige Vorwürfe. Umso erstaunlicher ist, dass der Kanton Luzern dazu keine Stellung beziehen will. Im Gegenteil. Man scheint sich über die unvorteilhafte Rolle gegenüber anderen Kantonen – die bessere Quoten aufweisen – im Klaren zu sein. Der stellvertretende Kantonsarzt Roost sagt: «Die Äusserungen des BAG will ich nicht kommentieren. Es ist uns aber bewusst, dass die Masern weltweit zirkulieren und Krankheits- und Todesfälle verursachen.»

Immerhin hat der Kanton Luzern als erster Schritt die freiwillige Schulimpfung wieder eingeführt. Dabei sollen die Chancen nicht schlecht stehen, dass die Durchimpfung verbessert werden kann. Von allen Eltern der nichtgeimpften Kindern – und das sind im Kanton Luzern derzeit 18 % ­– ist das Echo laut Hans-Peter Roost mehrheitlich gut: «Ein wesentlicher Teil der Eltern ist zumindest nicht dagegen. Oft gingen die Impfungen halt auch einfach vergessen.»

Im Herbst startet im Kanton zudem eine Sensibilisierungskampagne in Sachen Masernimpfung. Was der Bevölkerung dabei unter anderem klargemacht werden soll, ist der enorme Erfolg weltweit, wenn die Krankheit gar nicht erst Fahrt aufnimmt. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Dank der Impfungen konnte weltweit eine Reduktion der Maserntoten von 548’000 (2000) auf 158’000 (2011) erreicht werden.»

Auch der Nachbarkanton Zug schlägt sich mit zu tiefen Quoten herum. Dort ist die Durchimpfungsrate nur leicht höher als im Kanton Luzern: 87% bei den Kindern unter 16 Jahren. Der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri sieht trotzdem eine positive Entwicklung: «Die Durchimpfungsrate bei den Masern ist im Kanton Zug in den letzten Jahren angestiegen. Wir können somit davon ausgehen, dass die Impfung grundsätzlich von der grossen Mehrheit akzeptiert wird. Dennoch ist viel Aufklärungsarbeit zu leisten.»

Genf macht Druck – Deutschland wirbt mit Witz

Eine Vorbildfunktion in der Schweiz übernimmt der Kanton Genf. Er steht mit einer Durchimpfquote von 93% sehr gut da. Das Geheimnis der Westschweizer heisst Nachdruck bei der Einforderung der Impfungen. Kantonsarzt Jacques-André Romand: «Bei uns werden alle Eltern von zweijährigen Kindern aufgefordert, den Behörden das Impfbüchlein vorzuzeigen. Wenn Impfungen fehlen, wird den Eltern geraten, diese nachzuholen und das Heft erneut einzuschicken. Manchmal sind halt auch mehrere Aufforderungen nötig.»

Zudem arbeiten der kantonsärztliche und der schulärztliche Dienst, Hausärzte sowie die Universitätsspitäler in Genf eng zusammen, wenn ein Masernfall gemeldet wird. Sie sorgen dafür, dass Personen aus dem Umfeld des Patienten konsequent isoliert werden, um die Ausbreitung zu stoppen.

Die nationale Masernstrategie kommt auf jeden Fall nicht früh. Weltweit haben schon mehrere Länder und der ganze Kontinent Amerika es geschafft, die Krankheit auszurotten. Andere Länder stehen derzeit kurz vor der Elimination.

Am witzigsten in Sachen Aufklärungsbemühungen kommt vielleicht Deutschland daher: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wirbt aktiv mit einer Kampagne namens «Deutschland sucht den Impfpass». Die Botschaft ist klar: Der einzige Schutz vor Masern ist die Impfung.

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