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Marias Geheimnis: ein Leben als Illegale
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Die Beratungsstelle für Sans-Papiers in Luzern hat Maria geholfen, eine Krankenversicherung abzuschliessen. (Bild: jal)

Wie eine Sans-Papiers-Frau in Luzern lebt Marias Geheimnis: ein Leben als Illegale

8 min Lesezeit 29.08.2016, 10:15 Uhr

Schätzungen zufolge leben rund 6’000 Sans-Papiers in Luzern: unsichtbar, unscheinbar und in ständiger Angst vor Entdeckung. Stellvertretend haben wir eine von ihnen getroffen. Die 51-Jährige Lateinamerikanerin erzählt, wie sie sich mit 1500 Franken im Monat über Wasser hält und wieso sie die Schweiz dennoch liebt.

Maria hat kein Bankkonto, aber eine Krankenkasse. Sie hat einen Job, aber keine AHV. Sie hat einen Pass, aber keine Aufenthaltsbewilligung: Maria ist eine Sans-Papiers und heisst in Wirklichkeit anders.

Sie ist eine von geschätzten 6000 Personen in Luzern, die offiziell nicht hier sein dürften. Anders als der Name suggeriert, haben Sans-Papiers zwar meist einen Pass aus ihrem Heimatland, aber keine gültige Aufenthaltsbewilligung. In der Schweiz leben laut einer aktuellen Studie 76’000 Sans-Papiers (siehe Box).

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Eine böse Überraschung

Maria wollte nie eine von ihnen werden, erzählt sie bei unserem Treffen in der Luzerner Beratungsstelle für Sans-Papiers. Sie kam vor knapp drei Jahren als Touristin von Argentinien in die Schweiz. Der Grund war ein familiäres Ereignis. Mit ihrer Mutter starb vor drei Jahren der letzte Teil ihrer Familie in ihrem Heimatland. Ihre einzige direkte Angehörige: die Schwester in Luzern. «In Argentinien wäre ich vor Tristesse gestorben», sagt die 51-Jährige und schüttet gleichzeitig würfelweise Zucker in ihre Tasse Kaffee.

«Der Anwalt sagte mir: Um hierzubleiben, musst du einen Schweizer heiraten.»

Maria, Sans-Papiers

Ihre Schwester lebt seit rund 25 Jahren in der Schweiz, hat einen 17-jährigen Sohn, beide besitzen den roten Pass. Also brach Maria ihre Zelte ab und machte sich auf zu neuen Ufern.

Mit im Gepäck: Die Annahme, dass sie bei ihrer Familie bleiben darf. Das war für Maria eine Selbstverständlichkeit, die sie erst in der Schweiz hinterfragte. «Ich war der felsenfesten Überzeugung, hierbleiben zu dürfen.» Nach sechs Monaten wollte sie ihren Aufenthalt legalisieren – und realisierte, dass ihr neugewählter Wohnsitz von den Behörden nicht einfach akzeptiert werden würde.

 

Auf Anraten von Bekannten konsultierte Maria einen Anwalt, der ihre Unterlagen prüfte. Doch seine Worte waren nicht, was sie hören wollte. «Er sagte mir: Die einzige Möglichkeit, hierzubleiben, ist: einen Schweizer heiraten», sagt Maria und kann es noch immer kaum glauben. «Ich bin nicht hergekommen, um zu heiraten.»

Haushalt statt Disco

Maria hat nicht geheiratet und ist doch geblieben. Sie lebt bei ihrer Schwester, die tagsüber in einer Fabrik arbeitet. Maria kocht, wäscht, putzt und kümmert sich um ihren Neffen, der nach zwei Herzoperationen mit einer leichten Behinderung lebt. Ihr Alltag ist so unscheinbar wie ihr Aussehen.

Wie rund die Hälfte aller Sans-Papiers verdient auch Maria ihren Lebensunterhalt in Privathaushalten. Bei zwei befreundeten Familien putzt sie regelmässig. Nie würde sie bei Fremden arbeiten. Der Vorteil von «Freundschafts-Arrangements»: Das ist schwarz möglich, die «Arbeitgeber» melden sie nirgends an, der Lohn wird bar bezahlt. 600 bis 700 Franken kommen so pro Monat zusammen. Zusätzlich bezieht Maria 800 Franken Rente aus ihrem Heimatland, wo sie neun Jahre lang bei einer Bank arbeitete.

«Auch in der Schweiz kann man günstig leben, wenn man nicht oft weggeht.»

Maria, Sans-Papiers

76'000 Sans-Papiers in der Schweiz

In der Schweiz leben aktuell 76'000 Sans-Papiers. Das schätzt eine aktuelle Studie des Staatssekretariats für Migraton (SEM). Als Sans-Papiers werden nicht – wie der Name irrtümlicherweise vermuten lässt – Menschen ohne Papiere bezeichnet, sondern ohne gültige Aufenthaltsbewilligung.

Generell unterscheidet man zwei Kategorien von Sans-Papiers: Einerseits Menschen, die mit einem Touristenvisum oder einer temporären Bewilligung in die Schweiz einreisen und bleiben. Andererseits Asylsuchende, die einen negativen Bescheid erhalten und anstatt auszureisen in der Schweiz untertauchen. Letztere machen laut der SEM-Studie zirka 19 Prozent der Sans-Papiers aus, schätzungsweise rund 15'000 Personen.

Neun von zehn erwachsenen Sans-Papiers gehen gemäss der Studie einer Arbeit nach, die Hälfte von ihnen in Privathaushalten. Durchschnittlich jeder Vierte besitzt eine AHV-Nummer, weil dies besonders in den toleranteren Kantonen in der Westschweiz verbreitet ist.

Höchstens 1500 Franken pro Monat stehen Maria also zur Verfügung. Wie schlägt man sich in der Hochpreisinsel Schweiz damit durch? «Auch in der Schweiz kann man günstig leben, wenn man nicht oft weggeht, etwa in die Disco oder in Restaurants», sagt Maria. Es reiche, weil sie bei ihrer Schwester keine Miete zahle. «Und weil ich ein einfaches Leben führe.» Ihre Vergnügen, das sind die Natur, das Häusliche.

Im Sommer packt sie ihr Badekleid ein, macht ein Sandwich und fährt an den See, sie sammelt Steine oder betrachtet die Bäume. Und sie mag es, gut zu kochen. «Gerade kürzlich habe ich im Internet ein tolles Rezept gefunden, bei Aldi alle Zutaten eingekauft und ein leckeres Gericht zubereitet», sagt die 51-Jährige.

Nie über die Grenze

Niemand sieht ihr an, dass sie illegal in der Schweiz lebt. Und kaum jemand weiss es. «Das geht niemanden etwas an, das ist meine Privatsache», sagt Maria resolut. Und trotzdem gibt es viele Barrieren. Maria kann kein Bankkonto eröffnen, sie kann keinen geregelten Job annehmen, keinen Mietvertrag abschliessen. Alles Dinge, für die man einen Wohnsitz oder offizielle Papiere benötigt.

Maria selber stört vor allem, dass sie als Papierlose keine bessere Arbeitsstelle findet. Und da ist noch dieses Gefühl, das einen Unterschied macht: «Auch wenn ich nicht mit Angst umherlaufe, kommt mir doch immer wieder der Gedanke: Was wäre, wenn ich erwischt würde?»

«Es ist hart, das zu sagen. Aber als Sans-Papier fühlt man sich manchmal wie eine Gefangene.»

Es ist ein Gedanke, der dafür sorgt, dass sie nie in Deutschland günstig einkaufen geht, nie vom Tessin einen kurzen Abstecher nach Italien wagt – das Risiko einer Kontrolle wäre zu gross. «Es ist hart, das zu sagen, aber als Sans-Papier fühlt man sich manchmal wie eine Gefangene.»

Oft eine Gratwanderung

Und doch ist die Argentinierin nicht eine von denen, die sich ständig über ihre Situation beklagen. Maria lacht viel, lacht laut und lacht gerne. «Viele sagen, die Schweiz sei klein. Doch für mich ist die Schweiz gross, es gibt so viel zu entdecken und so vieles, um sich ein schönes Leben zu machen.»

Das Passepartout-Abonnement ist für sie deshalb sehr wichtig. Auch wenn es viel kostet, kommt Schwarzfahren für die Sans-Papiers nicht in Frage. Zu gross ist die Gefahr, aufzufliegen. Und ihre Art ist es auch nicht. «Ich respektiere die Regeln, das ist für mich eine Frage der Erziehung.»

 

Nebst dem Abo am stärksten aufs dünne Portemonnaie schlagen der 51-Jährigen die monatlich 400 Franken für die Krankenkasse. Die Krankenversicherung ist symbolisch für den widersprüchlichen Umgang mit Sans-Papiers: Obwohl sie von Gesetzes wegen nicht hier leben dürfen, können, ja müssen sie eine Krankenversicherung abschliessen. Obwohl sie jederzeit verhaftet werden können, dürfen sie in einigen Kantonen eine AHV-Nummer haben und sogar Ergänzungsleistungen beziehen. Obwohl sie gegen das Ausländerrecht verstossen, können sie sich in Beratungsstellen helfen lassen. Sie sind illegal hier, ihre Anwesenheit wird aber toleriert.

Das rührt auch daher, dass sie unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus Rechte haben. So erhalten sie zum Beispiel medizinische Nothilfe und Sans-Papiers-Kinder dürfen die Schule besuchen. Doch wollen die Betroffenen von diesen Rechten Gebrauch machen, fürchten sie sich oft vor schwierigen Situationen. Verrät die Schule der Gemeinde, dass ein Kind ohne Papiere hier ist? Leitet das Spital meine Angaben weiter, wenn ich die Rechnung zu spät zahle?

«Wir hatten hier in Luzern noch nie Schwierigkeiten – weder mit der Schule noch mit dem Spital», sagt Regula Erazo, Leiterin der Luzerner Beratungsstelle für Sans-Papiers. Grundsätzlich ist der Umgang der Behörden mit Papierlosen sehr unterschiedlich. Mancherorts haben sie sogar Zugang zu Ergänzungsleistungen oder Prämienverbilligungen, andernorts handeln die Behörden sehr restriktiv, weil sie befürchten, Anreize für Migranten zu schaffen.

Maria muss auf den Notfall warten

Wie schizophren der Umgang mit Sans-Papiers ist, erlebte Maria wortwörtlich am eigenen Leib. Eine Frauenärztin hat bei Maria eine Zyste entdeckt und ihr geraten, diese entfernen zu lassen. Doch ohne anerkannten Wohnsitz übernehme niemand den Teil der Kosten, der nicht von der Krankenkasse bezahlt werde. Nur, wenn der Eingriff notfallmässig erfolgt, seien alle Kosten gedeckt. «Ich muss warten, bis sich meine Zyste zu einem Notfall entwickelt», sagt Maria und schüttelt den Kopf.

«Wir, die arbeiten möchten, dürfen nicht. Und die, die dürfen, wollen nicht.»

Maria, Sans-Papiers

Noch grösser wird ihr Ärger aber, wenn es um die schweizerische Migrationspolitik geht. «Ich bin gut integriert, lerne Deutsch und beachte die Gesetze, ich verkaufe keine Drogen, stehle nicht und bin keine Prostituierte», sagt Maria und es könnten auch die Worte einer konservativen Schweizerin sein. «Wieso verschliesst man Menschen wie mir die Türe, während andere hierherkommen, auf dem Buckel der Gesellschaft leben und trotzdem bleiben dürfen?»

Maria erzählt von einer Kubanerin, die IV bezieht und sich damit ein schönes Leben in Venedig macht. Sie erzählt von einer Familie, die seit 25 Jahren hier lebt und kein Wort Deutsch spricht. Und sie erzählt von einer Lateinamerikanerin, die einen Schweizer geheiratet habe und nun, nach der Scheidung, auf der faulen Haut liege. Überprüfen lassen sich diese Geschichten nicht. «Wir, die arbeiten möchten, dürfen nicht», klagt Maria. «Und die, die dürften, wollen nicht!»

Maria erinnert mit ihrer Kritik an Sozialschmarotzern an die Äusserungen rechter Parteienvertreter, doch ihre Forderung nach einer Legalisierung unterstützen nur linke Kreise. Am liebsten wäre Maria, wenn es eine provisorische Bewilligung für sechs Monate gäbe. «Ein halbes Jahr, in dem man beweisen muss, dass man es verdient, in der Schweiz zu leben.»

Hoffnung ruht auf Härtefallgesuch

Und wie sieht Maria ihre Zukunft? Wo will sie alt werden? «Hoffentlich in der Schweiz, hoffentlich legal», sagt sie. Doch die 51-Jährige hat auch Angst vor dem Alter. Sie wird nicht ewig Häuser putzen können. Was, wenn ihre Kräfte schwinden, wenn sie krank wird, kein Geld für die Behandlung hat? «Dann muss ich halt zurück», sagt sie und fügt gleich an: «Doch ich habe viel Hoffnung und einen starken Glauben, dass es gut kommt.»

 

Ihre Hoffnung ruht auf der Option mit dem bürokratischen Namen Härtefallgesuch – ein schmaler Türspalt für Sans-Papiers, um aus ihrer Grauzone zu fliehen. Die Behörden können Papierlosen eine Aufenthaltsbewilligung erteilen, wenn ein schwerwiegender persönlicher Härtefall vorliegt. Wann ein solcher Härtefall vorliegt, wird in jedem Fall individuell beurteilt.

Ausschlaggebend sind unter anderem die Integration, die Familienverhältnisse und die finanzielle Situation. Zudem müssen Betroffene mindestens fünf Jahre in der Schweiz leben und dürfen nicht straffällig geworden sein. 2015 sind in der Schweiz 318 Härtefallgesuche von Sans-Papiers gutgeheissen worden, 16 hat das Staatssekretariat für Migration abgelehnt, wobei jene, die bereits in den Kantonen scheitern, in der Statistik nicht auftauchen.

Maria glaubt, dass sie dereinst gute Chancen haben wird. Und falls ihr Gesuch abgelehnt wird? «Dann bleibe ich einfach», sagt die 51-Jährige trotzig. Und wenn der Antrag bewilligt würde? Sie zögert nicht lange mit der Antwort. «Dann organisiere ich ein grosses Fest, koche ein gutes Essen und lade alle lieben Leute ein, die ich kenne», sagt Maria. «Und am nächsten Tag suche ich mir einen neuen Job.»

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