Marc Unternährer: «Natürlich machen wir weiter, aber eigentlich ist das echt kein Arbeiten»
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Marc Unternährer wird mit dem Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern ausgezeichnet. (Bild: Ralph Kühne)

Kunst- und Kulturpreisträger der Stadt Luzern Marc Unternährer: «Natürlich machen wir weiter, aber eigentlich ist das echt kein Arbeiten»

5 min Lesezeit 5 Kommentare 15.11.2020, 20:00 Uhr

Der Luzerner Marc Unternährer hätte diesen Sonntag feierlich den Kunst- und Kulturpreis überreicht bekommen sollen. Blumen, Applaus und Apéro fallen aus – aus bekannten Gründen – doch der gefragte Tubist hat trotzdem einiges zu begiessen.

Es war ein – pardon – «beschissenes» Jahr für die Menschheit. Doch es war ein gutes Jahr für Marc Unternährer. Der Luzerner Tubist hat geheiratet, wurde Vater und ihm wurde eben der Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern verliehen. «Und als ich meine Haare wieder habe wachsen lassen, kamen erstmals Locken zum Vorschein», so Unternährer. Ein eigenartiges – auf der einen Seite ein wunderbares, auf der anderen Seite ein extrem zehrendes – Jahr sei 2020 bisher gewesen.

Der Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern kam für Unternährer zum richtigen Zeitpunkt. Nicht nur wegen Covid-19, auch in der neuen familiären Situation verhilft ein solcher Preis zu etwas Luft. Denn wie so viele Freischaffende in der Kultur habe er selten finanzielle Reserven.

Auch die Wertschätzung ehre ihn. Einen Preis zu bekommen, für den man sich nicht beworben habe, der auch an keine Bedingungen geknüpft sei, von Mitgliedern einer Jury verliehen, die er äusserst schätze. Erst habe er es gar nicht glauben können, so Unternährer. Was nun auch wieder überrascht – bei dem Ego, das dem Tubisten zugesprochen wird. Unternährer lacht und nimmt einen Schluck von seinem Kaffee, den wir – möglichst virenfrei – auf der Terrasse des Parterre trinken.

Fürs Kollektiv

Der Preis würdigt das musikalische Schaffen des 45-Jährigen. Und sein Engagement als Mitgründer des Mullbaus, als kulturpolitisch aktiver und vernetzter Veranstalter. Mit dem Preis würden auch die Kollektive honoriert, in welchen er sich engagiere, meint Unternährer.

Er arbeite gut in Kollektiven: «Ich bin gerne Sideman, ein Zudiener, einer, der hilft, etwas weiterzudenken und zu entwickeln», so Unternährer. Er stehe natürlich gerne auf der Bühne, sei aber noch nie ein Frontmann gewesen.

«Ich bin gerne Sideman, ein Zudiener, einer, der hilft, etwas weiterzudenken und zu entwickeln.»

Sowohl als Musiker als auch als Veranstalter arbeitet er an Projekten, auf die er Lust habe, «weil es gut für mich ist – nicht nur, aber auch», sagt er. Die Bedeutung seines Engagements für die Szene oder für die Stadt werde ihm meist erst im Nachhinein klar.

Dass die Übergabefeier für den Preis nun ausfällt, bedauert Unternährer sehr. «Ich hatte mich ausserordentlich darauf gefreut, mit Familie und Freunden zu feiern, Menschen aus den unterschiedlichsten Projekten und Kollektiven zu sehen und zusammenzubringen», sagt der Tubist. Er ist übrigens auch als Dozent für freie Improvisation an der Berner Hochschule der Künste und als Lehrbeauftragter an der HSLU Musik tätig.

Zur Radikalität

Der Tubist ist gefragt – keine Frage – im Jazz, klassisch, in der Volksmusik und immer, wenn Experimentierfreude gefragt ist. Er spielte in diversen Orchestern, war Teil von King Pepe & Le Rex, Trampeltier of Love, steht mit Erika Stucky oder Albin Brun auf der Bühne. Man trifft seine Musik auf Leinwänden, und ihn selbst auf Theaterbühnen an. Auch seine Verbindungen zu vielen Musikschaffenden in Chicago sind in den bald 20 Jahren seit seinem Atelieraufenthalt nicht abgebrochen.

«Ich hatte mich ausserordentlich darauf gefreut, mit Familie und Freunden zu feiern.»

Zuhause ist er in der Improvisation. «Radikalität ist mir wichtig», sagt er und meint dabei nicht die Laustärke. «Ich will der Kunst an die Wurzel gehen.» Vor allem als Dozent wolle er mit Mainstream und Hörgewohnheiten brechen, Bewusstsein und Ästhetik erweitern.

Über die Krise

Als Kind spielte Unternährer Kornett und vor Kurzem hat er sich, nach Jahren, wieder eine Trompete besorgt. Über seinen Wechsel zur Tuba jedoch ist er mehr als froh. Denn die passt nicht nur zu seiner Grösse, sondern zu seinem musikalischen Denken. Schon als Kind hörte er hauptsächlich auf die Basslinie, wenn seine Eltern Platten auflegten.

Im Studium habe er zu Beginn gezweifelt, wusste nicht wohin mit sich und seiner Tuba. In einer Probe, in der hintersten Reihe bei Bruckners 7. Sinfonie, ging eine «Welt» auf. Heute sei er dankbar für diese Krise, die ihm neue Wege geöffnet habe.

Von Solidarität

Zuletzt war Unternährer in der Produktion «Blaubarts Frauen» am Luzerner Theater zu hören, gemeinsam mit Christov Rolla und Max Christian Graeff aka Canaille du Jour und dem Damenchor des LT.

Neun Vorstellungen spielten sie in einem Monat – wegen Corona in fünf verschiedenen Versionen. Ständig musste sich das Team neuen Bedingungen anpassen, neue Lösungen finden. Es bestehe ja auch die Erwartung an die Kultur, dass die Menschen trotzdem arbeiten, flexibel sind und kreative Lösungen finden. Das sind sich ja auch alle gewohnt in der freien Szene.

«Selbst unser Regierungsrat nimmt das Wort Solidarität in den Mund, obwohl er in seiner Politik der letzten Jahre exakt das Gegenteil vertrat.»

«Und natürlich machen wir weiter, aber eigentlich ist das echt kein Arbeiten», so Unternährer. Auch in seiner Arbeit als Veranstalter und Programmleiter gibt es haufenweise Herausforderungen. Sowohl in der rollenden Planung der Stanser Musiktage 2021 als auch beim Mullbau, den er mitbegründet hat.

Es werde der Kultur derzeit zu viel abverlangt, findet Unternährer. Man liefere Gratis-Inhalte und leiste zusätzliche Arbeit, «um den Karren weiter zu schleppen». Es zeige sich eine Ausbeutung und Selbstausbeutung, die viele Kulturschaffende sowieso betreiben. Nun werde diese hübsch verpackt unter dem Schlagwort der «Solidarität».

Ein Begriff, der 2020 zu häufig genutzt und oft auch falsch verstanden werde. «Selbst unser Regierungsrat nimmt das Wort in den Mund, obwohl er in seiner Politik der letzten Jahre exakt das Gegenteil vertrat», so Unternährer, der nicht selten öffentlich Stellung bezieht und damit gerne Diskussionen anstösst, die wiederum an die Wurzel gehen.

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5 Kommentare
  1. Gruesse vom Einhorn Schlachthaus, 16.11.2020, 07:18 Uhr

    Hauptsache der Rubel rollt! Den Rest und das Rahmenprogramm wird er wohl verschmerzen können.

  2. Roli Greter, 16.11.2020, 05:59 Uhr

    Sehr gut auf den Punkt gebracht. Solidarität bedeutet nicht das Leben von 85-jährigen zu verlängern.

    1. Marc Unternährer, 16.11.2020, 12:01 Uhr

      Doch. Unterstellen Sie mir bitte keinen menschenverachtenden Zynismus.

    2. Jacques Ohneland Parapluie, 16.11.2020, 22:33 Uhr

      Es ist betrüblich, leider typisch und deswegen erst recht verwerflich, wie schnell man heutzutage benutzt wird. Mal für billige Neidreflexe, mal für scham- und herzlosen Egoismus. – Deswegen (aber auch schon vorher) (und jetzt erst recht unconditionally) Ihnen, Marc Unternährer, allerherzlichste Gratulation.

    3. Hans Hafen, 17.11.2020, 07:28 Uhr

      Es ist leider wenig verwunderlich, wenn eine „Neidkultur“ aufkommt, wenn immer und immer wieder dieselben Künstler mit Förderbeiträgen oder Kunstpreisen ausgestattet werden. Meine Beobachtungen: Was M. Unternährer in der Musiksparte ist, ist Schauspieler P. Gehrig in der Schauspielsparte und C. Schwingruber Ilic im Bereich Film – um nur einige Beispiele zu nennen. Offenbar herrscht in den Vergabekommissionen ein nicht unerheblicher Filz und offensichtliche Günstlingswirtschaft. Echte Chancengleichheit für alle sieht leider ganz anders aus, man bleibt unter sich. Man kennt sich halt in diesen Gremien, ist befangen und sichert sich seine Pfründe. Oftmals auf Jahrzehnte hinaus. Das sind einfach unwiderlegbare Fakten und nicht im Sinne derjenigen, die diesen ganzen Spass berappen.

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