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«Marc Richs Devise ‹Billig kaufen und teurer verkaufen› war nicht meine Welt»
  • Wirtschaft
Ein Leben zwischen Licht und Schatten: Anton Affentranger, Topmanager. (Bild: hae)

Anton Affentranger blickt in «Baustellen» zurück, Teil 2 «Marc Richs Devise ‹Billig kaufen und teurer verkaufen› war nicht meine Welt»

8 min Lesezeit 1 Kommentar 09.02.2020, 17:00 Uhr

Anton Affentranger arbeitete als Topmanager bei Grossfirmen wie UBS, Roche oder Implenia. Der Käsersohn aus Grossdietwil bei Willisau schrieb ein Buch über seine Erfahrungen. Er sinniert über Gölä und Büezer, Marc Rich und die Zukunft, Marathon und AC/DC. Teil zwei des Interviews mit dem Mann, der als «der Streitbare», «der Sture», «eine schwierige Persönlichkeit» galt.

zentralplus: Anton Affentranger, wir stehen vor einem neuen Jahrzehnt. Wo sehen Sie die grössten Baustellen für die «Roaring Twenties»?

Anton Affentranger: Wenn wir uns nicht sputen, erleben wir die 2030er-Jahre nicht mehr. Als ich am Südpol auf der antarktischen Halbinsel war und sah, wie da die Gletscher und Eismassen zusammenkrachen, wurde ich traurig. Jede halbe Minute kalbt der Gletscher einen neuen Eisberg, die dann alle im Meer Richtung Norden treiben und schmelzen.

zentralplus: Was löste das aus?

Affentranger: Die Bilder sind wunderschön, ich musste weinen. Aber auf der anderen Seite kamen mir Tränen vor Sorge: Das Gleichgewicht ist bedroht. Bedenklich! Dann stand ich da und merkte, dass wir ausgeliefert sind. Oder in den Hochebenen Südamerikas: Jeder Bauer redet auch dort vom Klimawandel, die Indios erleben das hautnah. Mit unseren Prognosen verwischen wir sehr viel, sie sind klar zu zahm – es sieht tatsächlich alles viel schlimmer aus.

«Wir müssen etwas machen. Sonst fahren wir unsere Erde wirklich bald an die Wand.»

zentralplus: Sie schwärmten einst für den Revolutionär Che Guevara. Wo sind Sie heute noch kämpferisch?

Affentranger: Vielleicht war ich eher ein Träumer. Es gab eine Phase, in der ich an die Gleichheit und Gerechtigkeit glaubte. Heute bin ich vor allem in einem Thema der Che, der Kämpfer, und bleibe stur: Beim Umweltschutz. Wir müssen etwas machen. Sonst fahren wir unsere Erde wirklich bald an die Wand. 

zentralplus: Es klingen in Ihrem Buch auch schmerzhafte Enttäuschungen über Ihre Erfahrungen mit anderen Menschen an: «Die Hölle, das sind die anderen», schrieb schon der Franzose Sartre. Was lernten Sie daraus? 

Affentranger: Es ist teilweise wirklich so (lacht). Soll ich heulen? It gets tough at the top! 

zentralplus: Wie schliefen Sie damals zu den schwierigen Zeiten?

Affentranger: Bei Implenia hatte ich Phasen, in denen ich schlecht schlief. Aber ich bin kein Pillen-Mann – ich brauche dafür keine Medikamente. 

zentralplus: Sie setzten sich mit Medien auseinander, die Sie auch harsch behandelten und «der Streitbare», «der Sture», «eine schwierige Persönlichkeit» nannten. Ihr Befund? 

Affentranger: Journalismus ist ein schwieriger Job. Die Qualität und Vielfalt der Medien ging in den letzten Jahren dramatisch zurück. Den «Willisauer Boten» gibt es aber noch. Das ist toll! Die Zeitung habe ich noch aus Kinderjahren in Erinnerung: Mein Vater liess sich den «Bötu» sogar nach Argentinien schicken. Ich lese Medien heute fast nur noch elektronisch, die «NZZ», «New York Times», «El Pais», «Le Monde».

zentralplus: Sie zitieren in Ihrem Buch Gölä – hören Sie den auch gerne? 

Affentranger: Beim Marathontraining höre ich meine Playlists, da ist auch Göläs «Büezer» drauf. Das Buchkapitel über den «Büezer» habe ich in Peru geschrieben, es ist übrigens mein Lieblingskapitel. Ich finde den Gölä-Song toll, das Wort «Büezer» ist schon sehr kraftvoll. Ich war in Valparaiso im Haus von Pablo Neruda, ich bin Fan seiner Gedichte und habe sie immer noch präsent. Er sagte ja: «Ich bin ein Handwerker» – also war er auch ein Büezer. Nerudas Werkzeuge sind die Wörter. Vielleicht möchte ich darüber mal ein Buch schreiben? Der Anwalt macht «copy paste», der Manager lässt «McKinseyaner» arbeiten und dann ausmisten – was soll das? Wir brauchen mehr echte «Büezer», auf allen Stufen. 

Immer heiss aufs Laufen: Anton Achermann, Topmanager. (Bild: zvg)

zentralplus: Was haben Sie sonst noch für Songs, die Sie heiss aufs Lauftraining machen?

Affentranger: Es ist eine grosse Mischung, Klassik spielt dabei eine wichtige Rolle: Bachs «Wohltemperiertes Klavier» etwa, Händel, aber auch Mozart oder Beethoven. Als Student war ich Beethoven-Fan; schön, gibt es jetzt das 250-Jahre-Jubiläum. Aber ich höre auch Hartes: Mein jüngerer Sohn spielte Gitarre und lernte viel mit Songs der australischen Rocker AC/DC. «Highway to Hell» – das Lied ist ideal zum Aufpeitschen. Einmal in Berlin startete der Marathon mit dem Song. Das gibt Kraft! 

zentralplus: Als Manager ist man ja auch oft gefährlich nah am «Highway to Hell». Wie erlebten Sie das?

Affentranger: Es ist hart, es ist gefährlich, aber ich darf auch sagen: Es war toll auf dem «Highway to Hell».

zentralplus: Zum Geld: «Die Welle der Verschuldung seit der Finanzkrise ist in ihrer Grösse, Geschwindigkeit und Reichweite in den Schwellen- und Entwicklungsländern beispiellos», schreibt die Weltbank. Wie betrachten Sie den konstant wachsenden Schuldenberg? 

Affentranger: Das ist eine Zeitbombe. Ich habe darüber ebenfalls ein Kapitel geschrieben. In den 1980er-Jahren hat Südamerika ein ganzes Jahrzehnt verloren – aber jetzt geschieht das der ganzen Welt. Wann das Geldsystem zusammenbricht? Das weiss niemand. Banken wird es im klassischen Sinn wahrscheinlich nicht mehr lange geben, die Serviceleistungen vielleicht schon noch. Facebook will jetzt ja eine eigene globale Währung …

zentralplus: … die Libra. 

Affentranger: Genau. Wir haben ja bereits die digitalen Bitcoins und Blockchain-Technologien. Da entstehen neue Geschäftsmodelle. Vielleicht hilft die Blockchain-Technologie auch, die grossen Herausforderungen des Klimas gezielt und global anzupacken. Auf jeden Fall gibt es Chancen, die mich optimistisch stimmen. Ich beneide die heutigen Banker aber nicht. Heute ist das Banking von Gesetzeseinhaltungen, der Compliance, geprägt. Alle haben Angst, Fehler zu machen und vergessen, wozu es denn eine Bank überhaupt braucht. Es wachsen nur noch die juristischen Abteilungen. Es ist heute nicht mehr spannend, Banker zu sein. Schauen Sie doch die CS-Geschichten an. 

zentralplus: Sie meinen die Intrigengeschichten der beiden CS-Manager Thiam und Khan, diese Machtspiele und Abhöraktionen?

Affentranger: Ja, diese Chefs sind in einer «Bubble». Solche Bubengeschichten, das kommt, weil man abgehoben ist.

«Geld verdienen.»

Marc Richs Anweisung an Anton Affentranger

zentralplus: Sie arbeiteten auch bei einem solchen Mann in einer Bubble, beim Zuger Rohstoffhändler Marc Rich. Wie war das? 

Affentranger: Als ich am ersten Arbeitstag Rich fragte, was ich genau tun solle, meinte er nur: «Geld verdienen.» Fertig. Von meinem Denken her war ich eher langfristig orientiert, denn Grossprojekte finanziert man nicht an einem Tag. Rich aber meinte: «Was kurzfristig gut ist, ist auch langfristig gut.» Damit war auch diese Diskussion beendet. Ich habe dann diverse Deals abgeschlossen, doch das Prinzip «Billig kaufen und teurer verkaufen» war nicht meine Welt. Deshalb bin ich ein Jahr später bei Rich wieder ausgestiegen.

zentralplus: Ihr sonstiger Bezug zur Innerschweiz?

Affentranger: Ich habe immer noch viele Freunde dort. Ich war im Internat in Beromünster. 

zentralplus: Bald ist Fasnacht, wie erleben Sie die?

Affentranger: Als Student habe ich einmal die Luzerner Fasnacht bis früh am Aschermittwoch miterlebt. Heute bin ich aber kein gutes Beispiel eines echten «Fasnächtlers» mehr, vielleicht erlebte ich in meiner Arbeit zu viel Fasnacht! (lacht) Wir leben heute vermehrt zwischen Zürich und Genf. Der eine Sohn lebt in Genf, der ältere machte die Hotelfachschule, er arbeitete in New York und Paris. Jetzt hat er in Genf ein Restaurant aufgemacht, «Chez Calvin». Ich ermutige ihn unternehmerisch, weitere Restaurants zu eröffnen. In der Gastronomie geht es tatsächlich nur über die Grösse. Der jüngere Sohn hat Physik und Maschineningenieur studiert und arbeitet in der European Space Agency. Beide haben Ihre Träume verwirklicht.

zentralplus: Haben Sie das auch gemacht?

Affentranger: Das weiss ich nicht. Ich wollte zuerst Pilot werden, viel mehr «down to earth». Dann wollte ich unbedingt eine diplomatische Karriere machen. Gegen Ende meiner Studien habe ich mich aber umentschieden. Ich habe inzwischen die Businesswelt gesehen, sass auf beiden Seiten: Auf der des Unternehmers und auf der des Bankers – interessant, das war irrsinnig toll. 

zentralplus: Warum leben Sie nun wieder in der Schweiz?

Affentranger: Weil es hier am schönsten und am einfachsten ist – wir leben aber im goldenen Käfig. Meine Frau und ich haben uns ernsthaft überlegt, ob wir nicht noch einmal ins Ausland ziehen wollen. Wir schliessen das nicht aus. Peru? Lima? Lima ist eine gigantische Metropole von circa zehn Millionen Menschen, fast beängstigend; aber mit viel Farbe und menschlicher Wärme. Genau so etwas reizt mich.

zentralplus: Sie brauchen es tough.

Affentranger: Offenbar, ja. (lacht)

zentralplus: Auch beim Sport: Ihr einstiger Chauffeur der Bank Lombard Odier namens Julian Senderos, Vater des Fussballspielers Philippe Senderos, hat Ihnen die Lust am Marathonlaufen vermittelt. Ihre Bestzeit?

Affentranger: 3:49 in New York. Ich laufe immer noch, nachdem ich schon 26 Marathons absolviert habe. Und ich habe zum Glück keine körperlichen Beschwerden. In diesem Jahr sind zwei Marathons geplant, darunter der 50-Jahre-Jubiläumslauf in New York. 

zentralplus: Wann finden Sie noch Zeit zum Laufen?

Anton Affentranger ist auch Autor. (Bild: zvg)

Affentranger: Ich mache rund 50 bis 60 Kilometer pro Woche. Unter der Woche trainiere ich dreimal ganz früh, am Weekend mache ich einen längeren Lauf. Ich habe mein Training gut im Griff.

zentralplus: Das hatten Sie auch Ihre Mitarbeitenden: Führen bedeutet für Sie etwas anderes als befehlen. Sie schreiben: «Den Menschen die Sehnsucht lehren: Das ist für den Chef harte Knochenarbeit. Er muss seine Mitarbeitenden verstehen – und umgekehrt.» Können Sie das ausführen, bitte?

Affentranger: Da antworte ich gerne mit Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry, der einst notiert hat: «Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem grossen, weiten Meer.» Oder frei nach Kirchenvater Augustinus Aurelius aus dem 5. Jahrhundert: «In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.» Die Leadership-Frage bleibt die faszinierendste und schwierigste meiner ganzen beruflichen Karriere.

zentralplus: Sie behaupten aber auch: «Wir nehmen uns zu ernst.» Inwiefern?

Affentranger: Meistens sind wir Schauspieler in einer Komödie. Hilflos und etwas ungelenk stehen wir auf der Bühne und versuchen die Komödie zu spielen. Wir – Unternehmer und Manager – nehmen dieses Theaterstück so ernst, dass wir buchstäblich schlaflos werden und auch uns selbst nicht mehr spüren. Eigentlich sollten wir über unser Verhalten auch lachen können. Heilsam ist, wenn diesen Part die Familie übernimmt. Oder gute Freunde. 

Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews mit Anton Affentranger.

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1 Kommentare
  1. Betschart, 09.02.2020, 21:29 Uhr

    Er war ja jahrzehntelang Teil des Ganzen und jetzt macht er sich Sorgen. Unglaubwürdig.