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Manuela Jost über Airbnb: «Es ist ein Geschäftsmodell geworden»
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Die Baudirektorin vor dem Haus B62 an der Bernstrasse, wo bald gemeinnützige Wohnungen gebaut werden. (Bild: jal)

Luzern prüft Einschränkung Manuela Jost über Airbnb: «Es ist ein Geschäftsmodell geworden»

6 min Lesezeit 1 Kommentar 21.08.2019, 05:03 Uhr

Dass Wohnungen via Buchungsplattformen dauerhaft an Touristen vermietet werden, will die Stadt Luzern nicht länger tolerieren. Baudirektorin Manuela Jost sagt im Interview, wieso ein Kurswechsel vollzogen wurde. Und spricht über die Entwicklung des gemeinnützigen Wohnraums, die noch nicht so richtig vom Fleck kommt.

Wohnen, wo andere Ferien machen: Mit diesem Slogan werben manche Immobilienmakler für ihre Objekte. In Luzern könnte es hingegen heissen: Ferien machen, wo andere wohnen. Denn immer mehr Wohnungen in der Stadt werden via Sharing-Plattformen an Reisende vermietet.

Insgesamt 360 solche Unterkünfte hat die Stadt Luzern Ende Mai gezählt. Wie die Zahlen weiter zeigen, handelt es sich nur bei einer Minderheit um Wohnungen von Privatpersonen, die ihre eigenen vier Wände während einer Abwesenheit untervermieten. Der weitaus grössere Teil, 292 Wohnungen, stammten von Anbietern, die professionell als Vermieter auf Airbnb & Co. agieren.

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Dagegen will die Stadt nun Massnahmen ergreifen. Das hat sie am Dienstag im Rahmen einer Präsentation angekündigt (zentralplus berichtete).

Der Umgang mit den Sharing-Plattformen macht indes nur einen Teil der städtischen Wohnraumpolitik aus. Ein wichtiges Augenmerk legt die Stadt auch auf den gemeinnützigen Wohnraum (zentralplus berichtete). Obwohl dessen Anteil bis 2037 noch deutlich steigen muss, bleibt Baudirektorin Manuela Jost (GLP) zuversichtlich.

zentralplus: Manuela Jost, noch letzten Herbst wollte der Stadtrat nicht gegen Airbnb & Co. vorgehen. Jetzt will er die kommerzielle Nutzung einschränken. Hat der Druck der SP, die kürzlich eine Initiative ankündigte, gewirkt?

Manuela Jost: Nein, die Initiative wurde angekündigt, nachdem der Stadtrat bereits die Massnahmen zum Thema Airbnb im Bericht definiert hat. Der Stadtrat hat die Motion zum Thema entsprechend im Bericht beantwortet und beantragt, diese zu überweisen. Wir prüfen im Rahmen der BZO-Zusammenführung, ob eine Anpassung des Bau- und Zonenreglements möglich ist, welche Zweitwohnungen, die ausschliesslich touristisch genutzt werden, einschränkt.

«Die Situation ist noch nicht besorgniserregend.»

zentralplus: Dann hat der Stadtrat inzwischen Handlungsbedarf erkannt?

Jost: Es gibt ein Wachstum, das wir ernst nehmen müssen. Die Situation ist jedoch noch nicht besorgniserregend.

zentralplus: Die städtischen Erhebungen zeigen: Rund 80 Prozent der Wohnungen auf Sharing-Plattformen werden von professionellen Anbietern betrieben.

Jost: Ja, es ist ein Geschäftsmodell geworden. Und zwar an Lagen, die auch attraktiv sind fürs Wohnen.

zentralplus: Die SP behauptet, das treibe die Mietpreise in die Höhe und entziehe dem Markt Wohnungen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Jost: Was man sagen kann: Wenn immer mehr kommerzielle Anbieter tätig werden, entzieht das dem Markt Wohnungen. Das wiederum erhöht den Druck auf den Wohnungsbestand in bestimmten Quartieren. Und je höher dieser Druck, desto eher dürften die Preise steigen. Wir wollen nun das Ganze genauer analysieren.

«Wir wollen keine Entwicklung wie in grossen touristischen Städten.»

zentralplus: Kommerzielle Anbieter wehren sich gegen diese Vorwürfe. Ihrer Meinung nach sorgen sie dafür, dass leerstehende Wohnungen genutzt werden. Erwarten Sie Widerstand?

Jost: Wir müssen mit ihnen in einen Dialog treten und auch auf dieser Seite Verständnis schaffen. Aber es ist klar: Wir wollen keine Entwicklung wie in grossen touristischen Städten, wo immer mehr wertvoller Wohnungsraum für die Bevölkerung verloren geht.


zentralplus: Der Stadtrat betont, dass der Wohnungsmarkt grundsätzlich dem freien Markt überlassen werden sollte …

Jost: … solange es zu keinen unerwünschten Entwicklungen kommt. Wenn das Wachstum des Angebots professioneller Vermieter im gleichen Masse weitergeht, ist das absolut unerwünscht.

zentralplus: Wie könnte eine Einschränkung konkret aussehen? Ist sogar ein komplettes Verbot denkbar?

Jost: Beispielsweise gibt es in anderen Städten die Regelung, dass die Vermietung nur noch in Arbeitszonen möglich ist oder dass sie in Wohnzonen nur noch maximal 90 Tage im Jahr erlaubt wäre. Da gibt es verschiedene Varianten, die wir nun sorgfältig prüfen. Wir kennen das Beispiel von Bern: Die haben eine Lösung, können sie aber nicht kontrollieren und umsetzen. Deshalb stehen wir in regem Austausch mit anderen Städten, Gemeinden und Kantonen, um einerseits Erfahrungen auszutauschen und andererseits neue Lösungen zu diskutieren.

zentralplus: Sprechen wir über den gemeinnützigen Wohnungsbau. Der Anteil ist zwischen 2014 und 2017 leicht zurückgegangen. Trotzdem spricht der Stadtrat davon, auf Kurs zu sein. Ist das nicht schönfärberisch?

Jost: Es war immer klar, dass wir nicht mit dem Finger schnippen und am nächsten Tag gleich mehr Wohnungen präsentieren können. Wichtig war dem Stadtrat, zuerst das Fundament zu legen, damit gemeinnütziger Wohnraum danach zügig entstehen kann. Mit der Abgabe von vier städtischen Grundstücken, auf denen zirka 450 Wohnungen entstehen, hat der Stadtrat einen wichtigen Schritt getan. Dies wird sich in den Statistiken erst in der nächsten Berichtsperiode zeigen. In der vergangenen Berichtsperiode kamen über 200 gemeinnützige Wohnungen dazu. Diese sind jedoch aufgrund des Abbruchs der ABL-Himmelrich-Siedlung von zirka 200 Wohnungen in der Statistik nicht ersichtlich.

16 Prozent bis 2037

Die Stadt Luzern muss den Anteil gemeinnütziger Wohnungen bis 2037 auf 16 Prozent erhöhen. So will es die Bevölkerung, die 2012 eine entsprechende Initiative guthiess. Gemäss dem aktuellsten Stand betrug der Anteil 2017 erst 13,4 Prozent.

zentralplus: Heisst: Die täuscht manchmal.

Jost: Genau. Inzwischen sind beim Himmelrich bereits wieder 180 Wohnungen bezogen. Dies zeigt, dass eine Berichtsperiode von fünf Jahren in Anbetracht der sehr langen Planungsprozesse zu kurz greift.

zentralplus: Im nächsten Frühling sind kommunale Wahlen. Wie gross ist Ihre Befürchtung, dass die Zahlen im Wahlkampf für Kritik sorgen könnten?

Jost: Ich bin überzeugt, dass wir auf gutem Weg sind. Wir haben sehr vieles aufgegleist. Aber Kritik am Stadtrat kann es bei jedem Thema geben.

«Neue gemeinnützige Wohnungen sind am Anfang nicht zwangsläufig günstiger.»

zentralplus: Der Stadtrat sieht Potenzial für 2’000 Wohnungen auf seinen Arealen. Ist das realistisch?

Jost: Ja, davon sind wir überzeugt. Zumal der Stadtrat weitere Areale für den gemeinnützigen Wohnungsbau definiert hat, beispielsweise in Littau West, beim Schulhaus Steinhof oder beim Areal Längweiler/Udelboden.

Auf dem Areal Hochhüsliweid entlang des Würzenbachs und an der Grenze zu Adligenswil plant die SBL-Wohnbaugenossenschaft 88 Wohnungen. (Bild: Stefano Schröter) 

zentralplus: Viele dieser Grundstücke befinden sich in Littau. Dort, wo der Preisdruck auf den Wohnungsmarkt nicht so hoch ist wie im Zentrum.

Jost: Auch Littau ist ein sehr attraktiver Wohnort mit viel Frei- und Grünraum. Ich würde das keinesfalls gegeneinander ausspielen.

zentralplus: Die Initiative hiess «Für zahlbaren Wohnraum». Doch angesichts der Preise der Wohnungen beim Himmelrich 3 kritisieren manche, dass dies gar nicht günstiger sei als auf dem freien Markt.

Jost: Klar, eine neue Vierzimmer-Familienwohnung im Himmelrich hat ihren Preis. Aber es ist nicht der maximale Marktwert, sondern ein vernünftiger Preis. Neue gemeinnützige Wohnungen sind am Anfang nicht zwangsläufig günstiger, da der Ausbaustandard gleichwertig ist wie bei konventionellen Wohnungen. Aber sie werden im Laufe der Zeit günstiger als der freie Markt, weil sie sich der Kostenmiete verpflichten.

zentralplus: Die Stadt rechnet zukünftig – inklusive der gemeinnützigen Einheiten – mit insgesamt 300 neuen Wohnungen pro Jahr. Auch in den Nachbargemeinden wird sehr viel gebaut. Besteht nicht die Gefahr einer Blase?

Jost: Nein. In Bezug auf die gemeinnützigen Wohnungen setzen wir den Volksauftrag um. Grundsätzlich erwarten wir insbesondere in der Stadt ein Bevölkerungswachstum und müssen dafür Wohnraum schaffen. Daher glaube ich nicht an eine Überhitzung des Wohnungsmarktes in unserer Stadt.

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1 Kommentare
  1. Joseph de Mol, 21.08.2019, 10:16 Uhr

    Persönlich finde ich die Entwicklung ganz bemerkenswert interssant, dass der Luzerner Stadtrat das ganze Areal Industriestrasse einem privaten Investor verkaufen und somit zugänglich machen wollte. Das gesamte Projekt war pfannenfertig aufgegleist, die Verträge bereits ausgefertigt. Aufgrund der Intervention von Links/Grün wurde dann ein Plebiszit durchgeführt. Und die Stadtluzerner haben dieses Geschäft verhindert und im Gegenzug mehr gemeinnützigen Wohnraum gefordert. Äusserst umsichtig. Ganz interessant finde ich die nun seitens Stadtrat auftretenden Dialektikseit, es sei der Stadtrat, welcher sich für den gemeinnützigen Wohnungsbau einsetze. Dabei war es gerade der Stadtrat, welcher in erster Linie Private berücksichtigen wollte (Renditeorientierung)! Und nun spielt man sich wieder als volksvertrenende Wohltäter auf. Das gibts doch gar nicht!