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Manuela Jost: «Ich lasse mir nichts vorwerfen»
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GLP-Stadträtin Manuela Jost wird direkt angegriffen. (Bild: pze )

Luzern: Bodum-Villa soll abgerissen werden Manuela Jost: «Ich lasse mir nichts vorwerfen»

4 min Lesezeit 4 Kommentare 03.04.2017, 17:02 Uhr

Im Streit um die Villen an der Obergrundstrasse gerät auch GLP-Stadträtin Manuela Jost ins Visier der Besetzer. Tatsächlich will die Stadt Hand bieten für einen Abriss. Die Luzerner Baudirektorin erklärt im Interview, warum Besitzer Bodum dennoch in der Pflicht steht, dass es mit dem Bau weitergeht.

Rund ein Jahr nach der Besetzung der Obergrundstrasse 99 ist die «Gundula»-Gruppe zurück: Die Villa an der Obergrundstrasse 101 wird seit Freitagabend von den Aktivisten besetzt. «Das Haus an der Obergrundstrasse 99 wird manipulativ dem Zerfall überlassen. Dieses Geschäft stinkt zum Schimmel!», schreiben die Besetzer auf ihrer Webseite und der Facebookseite. In der Kritik der Aktivisten steht auch die Baudirektorin der Stadt, Manuela Jost (GLP).

Die «Gundula»-Gruppe schreibt auf einem Transparent, das am Gebäude hängt: «Frau Jost, ist jetzt genug Schimmel darüber gewachsen?» Die Massnahmen, welche die Baudirektorin letztes Jahr versprochen hatte, wurden den Besetzern scheinbar nicht schnell genug umgesetzt – im Gegenteil.

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Zwölf Monate Stillstand?

Anstatt am Haus zu arbeiten, habe der Besitzer es willkürlich dem Verfall preisgegeben: «Das Dach fehlt seit Sommer 2016, nur eine undichte Plastikabdeckung blieb. Die Fenster im Dachgeschoss sind für den Regen sperrangelweit offen gelassen worden. Sogar die Innenwände sind völlig verschimmelt, die schönen Holzböden aufgeweicht und folglich ebenfalls verschimmelt», so die Aktivisten.

Gundula lädt zur SchimmelHausstellung

Die Aktivisten wollen den Verfall der Obergrundstrasse 99 der Öffentlichkeit zugänglich machen. Entsprechend haben sie am Montag eine Medienmitteilung verschickt, in denen sie Journalisten am Dienstag zur «SchimmelHausstellung» einladen, einem Rundgang durch die scheinbar verschimmelte Villa. «Gezeigt werden kontemporäre Werke der sehr fruchtbaren Zusammenarbeit von Bodum Invest AG mit der Stadt Luzern», so die Aktivisten.

Es sei nicht im Interesse der Stadt, dass Hausbesitzer ihre Liegenschaften einfach kaputtgehen lassen. Gegenüber der Politik, und damit der Baudirektion, wird (erneut) die Forderung laut, Freiräume ohne Konsumzwang zu schaffen.

Und tatsächlich: Das Haus steht nun fünf Jahre leer, zwar wurde letzten Sommer ein Gerüst errichtet und die Fenster zugenagelt, doch von baulichen Massnahmen kann man an der Obergrundstrasse 99 nicht sprechen. Die Stadt hat bisher keine Abrissbewilligung erteilt, Pläne für einen Umbau oder eine Sanierung gibt es noch nicht. Obwohl der Besitzer schon länger einen Neubau hinstellen möchte, geht es nicht vorwärts: Das Haus liegt in der Ortsbildschutzzone B, in welcher Gebäude nur in Ausnahmefällen abgerissen werden dürfen.

Ist also nichts passiert in den letzten zwölf Monaten? zentralplus fragt bei der attackierten Baudirektorin Manuela Jost nach:

zentralplus: Frau Jost, Sie werden persönlich angegriffen von den «Gundula»-Aktivisten: Der Besitzer Jørgen Bodum lasse die Häuser an der Obergrundstrasse verlottern und die Stadt sehe tatenlos dabei zu. Müssen Sie als Baudirektorin sich etwas vorwerfen lassen?

Manuela Jost: Nein, ich lasse mir im Bezug auf die Villen an der Obergrundstrasse nichts vorwerfen. Da das Haus nicht der Stadt gehört, liegt es in der Freiheit des Besitzers, mit dem Haus umzugehen, wie er möchte. 

zentralplus: Hat denn die Stadt überhaupt nichts gemacht seit der letzten Besetzung im April 2016?

Baudirektorin Manuela Jost

Baudirektorin Manuela Jost

Jost: Wir arbeiten daran, wir führen Gespräche mit dem Team von Herrn Bodum. Wir haben dem Besitzer eine Abbruchbewilligung für die Obergrundstrasse 99 in Aussicht gestellt. Das Haus ist in der Schutzzone B und liegt im Gebiet des Bundesinventars der schützenswerten Objekte (ISOS). Dies erfordert einen speziellen Umgang mit der Immobilie. Aufgrund der Rechtslage kann die Stadt die Bewilligung zum Abbruch nur erteilen, wenn ein rechtskräftiges Neubauprojekt vorliegt, das hohe Qualitätsanforderungen erfüllt.

zentralplus: Was wären das für Kriterien?

Jost: Das Haus steht in einer sensiblen Gegend. Ein Neubau muss sich ins Bild des Quartiers einfügen, welches grösstenteils aus Villen oder villenähnlichen Häusern besteht. Es gilt das richtige Nutzungsmass herauszufinden. Das Bauvolumen und der Fussabdruck sind dabei von Relevanz. Ebenso Fragen des Aussenraums und der Erschliessung. Ein qualitativ hochstehendes Neubauprojekt kann ich bewilligen, doch dieses liegt leider bis dato nicht vor.

zentralplus: Also ist Herr Bodum in der Pflicht?

Jost: Ich stehe im Kontakt mit seinem Planerteam und habe mich unabhängig der Besetzung stets bereit erklärt für Gespräche, damit es mit dem Projekt vorwärtsgeht. Sie müssen verstehen: Die Gegend ist sehr anspruchsvoll, es ist ein Gebiet mit sehr hohen Qualitätsansprüchen. Das macht die Situation komplex und das braucht seine Zeit.

zentralplus: Was sind die nächsten Schritte seitens der Stadt?

Jost: Es braucht weitere Treffen und weiterhin auch den fachlichen Austausch. Wir befinden uns gemeinsam mit dem Team von Herrn Bodum in einem Prozess. Werden die nötigen Kriterien erfüllt, könnte es sehr rasch vorwärtsgehen. Einen genauen Zeitrahmen zu geben, ist aber nicht möglich. 

Die «Gundula»-Gruppe

Im April 2016 besetzte die Gruppe «Gundula» die bis dahin vier Jahre lang leer gestandene Villa an der Obergrundstrasse 99. Die Aktivisten forderten «Freiraum ohne Konsumzwang» in der Stadt Luzern. Für den Zweck «belebte» die Gruppe das leerstehende Haus. Nach mehreren Tagen friedlicher Besetzung wurde das Haus von der Polizei geräumt.

Die Stadt beziehungsweise Baudirektorin Manuela Jost nannte bauliche Massnahmen als Grund, weshalb eine Zwischennutzung nicht möglich sei. Zwar wurden die Häuser eingerüstet, doch gebaut wurde nicht. Dies führte auch auf politischer Ebene zu Reaktionen (zentralplus berichtete).

Die Besetzung vom letzten April ist für gewisse Leute noch nicht abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Aktivisten wegen Hausfriedensbruchs. Speziell in dem Fall: Neben den Hausbesetzern wurden auch Journalisten vorgeladen. Kritiker meinten damals, Bodum wolle ein Exempel statuieren (zentralplus berichtete).

Anzeige gegen Hausbesetzer ist eingereicht

Die Häuser an der Obergrundstrasse 99 und 101 gehören der Bodum Invest AG mit Sitz in Triengen – und diese wiederum dem Eigentümer des Familienunternehmens, Jørgen Bodum. Er hat am Montagmorgen Anzeige gegen die Hausbesetzer eingereicht. Bodum sowie die Polizei sind für Stellungnahmen nicht erreichbar.

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4 Kommentare
  1. Hans Meier, 05.04.2017, 13:53 Uhr

    Wieso beklagen sich die Linken jetzt eigentlich?
    Ihr wählt ja die grüne/ linke Regierung? Klar ist es schade für die schützenswerten Immobilien. Aber die Liegenschaften zu besetzten ist sicherlich die falsche Lösung. Zumal die Falschen dafür büssen müssen. Wobei die Polizei bei gewissen Gruppierungen ja eh auch zum Feindbild gehört. Wieso auch immer…

  2. David Lehner, 04.04.2017, 21:53 Uhr

    Habe ich das gerade richtig verstanden: Zwar gibt es eine Ortsbildschutzzone, die einen Abriss verbietet (ausser das Haus ist so heruntergekommen, dass es sich nicht mehr sinnvoll sanieren lässt). Da es aber keine Unterhaltspflicht für Gebäude in der Ortsbildschutzzone gibt (gemäss Jost), kann jeder einfach vorsätzlich den Verfall seines geschützten Gebäudes forcieren, bis es dann nach ein paar Monaten doch die Abrissbewilligung gibt? Da könnte man sich die Ortsbildschutzzone eigentlich gleich sparen, oder?
    Ist etwa so, wie wenn Geschwindigkeitsübertretungen nur dann strafbar wären, wenn der Fahrer zuverlässig über seine aktuelle Geschwindigkeit orientiert ist, es aber gleichzeitig jedem erlaubt wäre, den Tacho auszubauen…

    1. Pascal Zeder, 05.04.2017, 14:49 Uhr

      Danke für den Kommentar. Kurze Anmerkung: Die Abrissbewilligung wurde noch nicht erteilt, sie wurde in Aussicht gestellt. Dies bereits vor der Besetzung (und der scheinbaren «Verlotterung», ob absichtlich oder nicht) letztes Jahr.
      Inwiefern die heutige Schutzregelung sinnvoll ist, wäre sicher zu prüfen – auf einem politischen Weg.

  3. Sam Pirelli, 03.04.2017, 17:54 Uhr

    Genau. Das Haus verfallen lassen – und den Besitzer dann mit Abrissbewilligung belohnen. Und dazwischen brav die BesetzerInnen kriminalisieren. Das nennt man mal Politik für das Volk! Vielleicht ist ja immerhin der Schimmel grün – wir haben lieber Aal.