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Manuela Jost: «Das Projekt kann als gescheitert betrachtet werden»
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Der Umgang von Finanzdirektorin Manuela Jost mit der Obergrundstrasse 99 ist fragwürdig. (Bild: Montage pze)

Bodum-Villa steht offenbar zum Verkauf Manuela Jost: «Das Projekt kann als gescheitert betrachtet werden»

7 min Lesezeit 07.07.2017, 05:04 Uhr

Seit vier Jahren beschäftigen die Bodum-Villen die Stadt Luzern. Nachdem jüngst Sitzungsprotokolle publik wurden, geraten nun Baudirektorin Manuela Jost und ihre Stadtbaukommission in die Kritik. Jost dementiert: Die insgesamt vier Planungsunterbrüche gingen allesamt auf das Konto des Villenbesitzers. Gescheitert sei letztlich nicht die Stadt, sondern das Projekt. Nun steht offenbar die Villa an der Obergrundstrasse 99 wieder zum Verkauf.

Die Causa Obergrund-Villen nahm in den letzten Tagen wieder Fahrt auf. Vor allem wurde die Kommunikation in der ganzen Affäre kritisiert – so beispielsweise vom Quartierverein Obergrund (zentralplus berichtete). Ins Visier der Kritik kamen die Stadtbaukommission und Baudirektorin Manuela Jost.

Tatsächlich zeigt sich: Der von Stadträtin Manuela Jost (GLP) geforderte Architekturwettbewerb kam erst mit der Zeit aufs Verhandlungsparkett. Doch was sagt die Baudirektorin selber zum Scheitern des Bodum-Neubau-Projekts?

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zentralplus: Manuela Jost, die Villa an der Obergrundstrasse 99 wurde offenbar der Stadt zum Kauf angeboten. Warum hat man nicht zugeschlagen?

Manuela Jost: Wir kaufen nicht einfach Liegenschaften, die uns angeboten werden. Es ist nicht die Aufgabe der Stadt, Liebhaberobjekte wie diese Villa zu kaufen. Wenn wir Kaufverhandlungen aufnehmen, hat dies strategische Gründe: So kaufen wir beispielsweise Grundstücke in Arbeitszonen, wo wir anschliessend Handlungsspielraum haben, um Firmen anzusiedeln.

zentralplus: Bodum verkauft die Liegenschaft also?

Jost: Der Rechtsanwalt von Herrn Bodum hat uns im April kontaktiert, um uns den Planungsstopp für die Liegenschaft Nummer 99 mitzuteilen. Gleichzeitig räumte er der Stadt eine Art Vorkaufsrecht ein. Was jetzt mit der Liegenschaft passiert, diese Frage müssen Sie Herrn Bodum stellen.

zentralplus: Welchen Preis verlangte er für das Haus?

Jost: Ein konkretes Angebot lag uns nie vor.

zentralplus: Wie beurteilen Sie die Situation: Ist die Stadt im Fall Bodum gescheitert?

Jost: Das Projekt kann Stand heute leider als gescheitert betrachtet werden, da noch kein bewilligungsfähiges Projekt vorliegt. Gescheitert ist aber nicht die Stadt.

«Fakt ist: Wenn drei bis fünf Büros eine Planung machen, so erhält man ein qualitativ besseres Ergebnis.»

zentralplus: Aber trägt die Stadt die Schuld am Ende des Neubauprojekts an der Obergrundstrasse?

Jost: Ich will keine Schuldzuweisungen machen, das ist nicht konstruktiv. Die Komplexität eines Projektverlaufs steigt, wenn der Investor eine Liegenschaft kauft, sich vorher aber nicht ausreichend damit auseinandergesetzt hat, was mit der Immobilie planungs- und baurechtlich überhaupt möglich ist. So kann von Beginn weg eine Erwartungshaltung entstehen, die aufgrund der Bau- und Zonenordnung nicht genau so umsetzbar ist. Die Stadtbaukommission hat da die Aufgabe, zu beraten, welches Volumen möglich ist und welches nicht. In diesem Prozess hat man sich gegenseitig bis heute leider nicht gefunden. Das bedauere ich.

zentralplus: Mit Bezug auf die Sitzungsprotokolle wird der Stadtbaukommission nun aber Widersprüchlichkeit vorgeworfen – jetzt sagen Sie, Bodum hat sich nicht genügend über die Villa informiert, die er kaufte.

Jost: Es ist in jedem Fall wichtig, abzuklären: Was ist machbar, wo steht die Immobilie, was sagt die Bau- und Zonenordnung? Die Stadtbaukommission hat klar kommuniziert, dass es aufgrund der schlechten Bausubstanz in dieser Zone möglich ist, einen Neubau zu realisieren. Aber es wurde auch mehrfach betont: Es handelt sich hier um eine Ortsbildschutzzone und es ist ein Villenquartier mit einer spezifischen Prägung. Es braucht ein auf die Umgebung eingepasstes Projekt, das wir bewilligen können.

Architekt rügt «Mass- und Stillosigkeit des Bodum-Projekts»

Die Stadtbaukommission kam wegen ihrer Kommunikation in die Kritik. Doch es gibt auch positive Stimmen. Anwohner und Architekt Bruno Hermann kritisiert, dass mit dem geplanten Bauvolumen zu wenig vom Garten übrig gelassen werde und die Nachbarn «einklemme». Ausserdem sei der Entwurf weder stil- noch ortsgerecht. «Es ist nicht die Aufgabe der Stadtbaukommission, gute Architektur zu machen. Gute Architektur braucht gute Architekten und vor allem gute Bauherren.»

zentralplus: Sie forderten dafür einen Architekturwettbewerb. Ist ein solcher Pflicht?

Jost: In der Bau- und Zonenordnung steht: Der Stadtrat kann zur Qualitätssicherung ein Konkurrenzverfahren einfordern. In der Praxis wird in der Regel ein Architekturwettbewerb verlangt, wenn in einer Schutzzone neu gebaut wird. Fakt ist: Wenn drei bis fünf Büros eine Planung machen, erhält man ein qualitativ besseres Ergebnis. In den meisten Fällen war auch der Liegenschaftsbesitzer mit dem Ergebnis eines Wettbewerbs schlussendlich glücklicher als mit einem Projekt eines einzelnen Büros. Dies zeigt unsere Erfahrung.

zentralplus: Aber Sie sicherten Bodum zu, seinen Planer selber wählen zu können – und jetzt soll er einen Wettbewerb veranstalten. Ein Widerspruch.

Jost: Nein, für mich ist das kein Widerspruch, denn: Der Bauherr darf selber bestimmen, welche Architekturbüros an diesem Wettbewerb teilnehmen. Die Stadt bestimmt nicht, welche Planer beteiligt sind. Wichtig ist, dass mehrere Parteien am Projekt mitarbeiten. Die Vielfalt der Ideen gerade in komplexen Situationen führt zu guten Ergebnissen. Die Möglichkeit des Architekturwettbewerbs wurde deshalb auch schon sehr bald in den Verhandlungen erwähnt – im Verlauf der Verhandlungen haben wir ihn mit Nachdruck gefordert.

zentralplus: War man einfach nicht klar genug in der Kommunikation? Offenbar war Herrn Bodum ja nicht klar, dass dieser Architekturwettbewerb de facto Pflicht ist.

Jost: Ich bedaure, dass diese Vorgaben offensichtlich nicht in der nötigen Klarheit bei den Planern von Herrn Bodum angekommen sind. Es wäre so oder so besser gewesen, wenn sich der Bauherr von Anfang an erkundigt hätte, welche Art von Projekt der Standort verträgt.

zentralplus: Welche Schlüsse zieht man für die Zukunft?

Jost: Wir werden in Zukunft sicher noch stärker auf die Komplexität eines Standortes und auf die Vorgehensweise bei der Ausarbeitung eines Projektes hinweisen. Dies ist gerade zu Beginn der Projektphase wichtig.

zentralplus: Die Stadtbaukommission stiess sich ja ganz offensichtlich an der Grösse des Projekts. Die Planer verkleinerten das geplante Objekt laut einem Medienbericht gar von vier auf drei Stockwerke. Das Gebäude übersteigt zwar in der Grösse die heutige Villa – dies ist aber offenbar die kleinstmögliche Version, um für die Bodum Invest noch Profit abzuwerfen. Warum beharrte die Stadt auf einem noch kleineren Gebäude?

Jost: Die Aufgabe der Stadtbaukommission ist es, die städtebauliche Eingliederung eines Projektes in die Umgebung zu beurteilen, nicht die Frage, welche Grösse das Gebäude genau haben muss, um rentabel zu sein. Sie hat stets gesagt, das Projekt sei zu gross und mit der Ortssituation nicht verträglich. Dies ist aktenkundig. Aber es ist nicht die Aufgabe der Kommission, exakte Angaben zu Volumina oder anderen Punkten zu machen. Erst im letzten Jahr, als das Projekt stagnierte, wurden die Kommission und der Stadtarchitekt konkret, welcher Fussabdruck und welche Höhe zirka für dieses Gebäude infrage kommen könnten. So weit geht die Stadtbaukommission eigentlich nicht.

«Es entstand der Anschein: Die Stadt hat nicht vorwärtsgearbeitet und ist schuld am Leerstand dieser Villen.»

zentralplus: Was waren die konkreten Anforderungen?

Jost: Das kann ich Ihnen im Detail nicht sagen. Nur so viel, dass sich der Fussbadruck am Massstab und den Dimensionen der Hauptbauten in der Umgebung orientieren muss.

zentralplus: Das Projekt erlangte viel öffentliche Aufmerksamkeit. Hat die Stadt wegen dem öffentlichen Druck plötzlich auf einem kleineren Objekt beharrt?

Jost: Nein, die kritische Auseinandersetzung mit dem Projekt gab es während des ganzen Prozesses. Durch die Besetzung wurde die Diskussion in die Öffentlichkeit getragen. Das Anliegen der Besetzer war in erster Linie, keine leerstehenden Häuser und einen konsumfreien und kreativen Raum in der Stadt Luzern zu haben – sie haben aber zugleich die gesamte Geschichte der Liegenschaft an die Oberfläche gebracht.

zentralplus: Und schürten Kritik am Vorgehen der Stadt.

Jost: Das kam möglicherweise der Position des Investors zugute, weil der Anschein entstand: Die Stadt hat nicht vorwärtsgemacht und trägt alleine die Verantwortung am Leerstand dieser Villen. «Frau Jost, ist jetzt genug Schimmel darüber gewachsen?», stand auf einem Transparent der Besetzer. Dadurch wird die Stadt für den Zerfall der Villen kritisiert. Dieser Eindruck wurde dann auch so via Medien in die Bevölkerung getragen. Doch wie gesagt, es geht mir nicht darum, wer recht und wer unrecht hat. Wichtig ist mir, dass alle aus solchen unglücklichen Entwicklungen die Lehren ziehen. Wir nehmen uns in der Stadt sowohl das Anliegen des Vermeidens von Leerständen zu Herzen wie auch, dass wir bei solchen komplexen Projekten unsere Beratungen intensivieren und die Kommunikation noch klarer gestalten.

Baudirektorin Manuela Jost wird von den Aktivisten direkt angesprochen.

Baudirektorin Manuela Jost wird von den Aktivisten direkt angesprochen.

(Bild: pze)

zentralplus: Und das nutzte die Bodum Invest bewusst zur Stärkung der eigenen Position?

Jost: Ich kann mir vorstellen, dass es der Bodum-Gruppe half, gewisse Themen und ihre Unzufriedenheit mit dem Planungsprozess in den Medien zu platzieren, ohne selber aktiv werden zu müssen. Leider liegt bis jetzt aber einfach kein qualitativ hochstehendes Projekt vor. In den vier Jahren, in denen diese Immobilie nun leer steht, ist es zu vier Planungsunterbrüchen gekommen – stets vonseiten des Investors. Das bedauern wir.

zentralplus: Und wie geht es nun mit den Villen weiter?

Jost: Die Liegenschaft 101 wird saniert. Dort besteht bereits ein Baugesuch. Der Eigentümer hat angekündigt, weniger aufwendig zu sanieren als geplant. Will er das tun, bedingt dies ein abgeändertes Baugesuch. Dort dürfte es aber vorwärtsgehen. Was der Investor für die Villa Nummer 99 plant, entzieht sich meiner Kenntnis.

SBK-Präsident: «Bodum war nie anwesend»

Armando Meletta, Präsident der Stadtbaukommission (SBK), gibt auf Anfrage einen Einblick in die Sitzungen mit den Vertretern Bodums. Meletta sagt: «Jørgen Bodum war nie anwesend, er liess sich immer von Dritten vertreten.» Da sei eine reibungslose Kommunikation sehr schwer. «Ausserdem gab es auf Seite Bodum viele Wechsel und lange PlanungsunterbrücheDie Architekten wurden auch ersetzt.»

Die Stadtbaukommission habe im Verlaufe der Gespräche gemerkt, dass Bodums Bauplaner auf Unterstützung angewiesen war: «Wir haben Herrn Bodum nahegelegt, einen Architekten beizuziehen, der auf Neubauten dieser Art spezialisiert ist», sagt der selbständige Architekt. Als dies nicht passierte, habe man auf einem Architekturwettbewerb bestehen müssen. «Die SBK ist für die architektonische, städtebauliche Qualitätssicherung zuständig», so Meletta.

Aber der SBK-Präsident räumt auch ein: «Vielleicht haben wir den Architekturwettbewerb zu spät ins Spiel gebracht. Wir brauchten Zeit, die Leute erst fachlich einschätzen zu können.» Daraus will man seine Lehren ziehen: «Bei einem anderen Mal werden wir diesen Wettbewerb früher einfordern.»

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