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Mann geht mit Messer auf vier Polizisten los – Suicide by Cop vermutet
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Ein Polizist hat im Herbst 2018 einen Mann mit dem Taser ausser Gefecht gesetzt. (Symbolbild: Luzerner Polizei)

Luzerner Kriminalgericht verurteilt 42-Jährigen Mann geht mit Messer auf vier Polizisten los – Suicide by Cop vermutet

6 min Lesezeit 12.11.2019, 04:58 Uhr

Ein bewaffneter 42-Jähriger griff vor einem Jahr vier Polizisten an, konnte aber durch einen Taser-Einsatz gestoppt werden. Die Luzerner Staatsanwaltschaft vermutet, dass der Mann einen Todesschuss provozieren wollte, was er bestreitet.

Die Szene, die sich im November 2018 ereignete, könnte aus einem Film stammen. Ein Mann schritt mit den Händen hinter dem Rücken auf vier Polizisten zu. Plötzlich zückte er ein Fleischermesser und ging scheinbar entschlossen weiter. Er näherte sich den vier Polizisten bis auf sieben oder acht Meter – bis ihn einer mit dem Taser niederstreckte.

Ein Angriff auf die Polizei könnte man meinen. Die Luzerner Staatsanwaltschaft glaubt aber nicht, dass der Mann in erster Linie die Polizisten verletzen wollte. Vielmehr habe er einen sogenannten «Suicide by Cop» beabsichtigt: Er wollte sich von der Polizei erschiessen lassen.

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Er steht nicht das erste Mal vor Gericht

Der Abend nahm bereits zuvor einen aggressiven Verlauf. Der Beschuldigte wurde in einem Tankstellenshop verbal ausfällig, packte den Verkäufer am Handgelenk und entriss ihm Zigaretten aus der Hand. Anschliessend fuhr er nach Hause, verliess die Wohnung später aber wieder.

Auf der Strasse entdeckte ein zufällig vorbeikommender Autofahrer, wie eine Messerklinge aus dem Hosenbund des 42-Jährigen ragte. Erschrocken rief er die Polizei, die anschliessend mit drei Patrouillen ausrückte. Als der Beschuldigte später – inzwischen wieder zurück in seiner Wohnung – die aufgebotenen Polizisten entdeckte, schrie er sie vom Balkon aus an und stürmte aus dem Haus. So kam es zum eingangs geschilderten Taser-Einsatz.

Krebs habe ihn geschwächt

Szenenwechsel: Kriminalgericht, Ende Oktober 2019. Der Beschuldigte, gross und kräftig, im schwarzen Kapuzenpullover und Jeans, nimmt im Gerichtssaal Platz. Nicht zum ersten Mal, doch dazu später mehr.

Unbestritten ist, dass er im Herbst 2018 eine schwierige Zeit durchlebte, die in jene Messerattacke auf die Polizei mündete. Wegen Lymphdrüsenkrebs musste er sich einer Chemotherapie unterziehen, die ihm zugesetzt habe. Tagelang habe er seine Wohnung nicht verlassen und kaum etwas gegessen. Zudem hat er seine zwei Kinder, die nach der Scheidung nicht mehr bei ihm lebten, länger nicht gesehen. «Ich war emotional und psychisch nicht in der besten Lage», sagt er vor Gericht.  

«Beruflich und privat hatte er einen Tiefpunkt erreicht.»

Staatsanwältin

«Beruflich und privat hatte er einen Tiefpunkt erreicht», sagt die Staatsanwältin an der Gerichtsverhandlung. Die einzig vernünftige Erklärung scheine, dass er «enttäuscht vom Leben und aufgebracht vor Wut entschieden hat, einen Suicide-by-Cop zu provozieren».

Als weiteres Indiz wird eine Aussage des Beschuldigten angeführt. Nach dem Vorfall steckte ein Taser-Pfeil in seinem Jochbein, weshalb er ins Spital gefahren wurde. Dort hat er laut Staatsanwaltschaft ausgesagt, er könne nicht verstehen, wieso ihn die Polizei nicht erschossen habe.

Ist ein Betrunkener eine Gefahr?

Vor Gericht bestreitet der 42-Jährige jedoch vehement, dass er Suizid begehen wollte. «Ich habe selber Angst vor dem Sterben. Und mit der Polizei habe ich kein Problem, sondern ein gutes Verhältnis.» Bereits in der Schlusseinvernahme versicherte er: Wenn er Suizid hätte begehen wollen, hätte er sich selber erschossen.

An die Begegnung mit der Polizei und die Aussage im Spital konnte er sich zwar nicht mehr erinnern. Er habe an jenem Tag eine Flasche Whisky getrunken – in der Hoffnung, der Alkohol hebe seine Stimmung, was nicht der Fall gewesen sei. Er sei aber nicht gewalttätig oder aggressiv geworden.

«Dass ich das Messer mit dabei hatte, war einfach Pech.»

Beschuldigter

Sein Anwalt stellt infrage, dass der gebürtige Libanese in seinem Zustand tatsächlich eine Gefahr für die Polizisten darstellte. Der Beschuldigte sei «komplett entkräftet, durch den Krebs geschwächt und betrunken» gewesen. 1,82 Promille wurden bei ihm gemessen, er hat laut seinem Verteidiger gelallt und geschwankt. «Selbst aus nächster Nähe wäre es ihm nicht möglich gewesen, den Polizisten lebensgefährliche Verletzungen zuzufügen.» Denn sie seien bestens ausgebildet und an jenem Abend für einen Terroreinsatz ausgerüstet gewesen. Den Taser-Einsatz bezeichnet er denn auch als unverhältnismässig.

Widersprüche in der Suicide-by-Cop-These

Doch wieso geht einer, der nichts gegen die Polizei hat, mit einem Messer auf sie los? Der zweifache Familienvater sagt vor Gericht, er sei gerade am Kochen gewesen, als die Polizeipatrouille an seinem Wohnort eintraf. «Dass ich dann das Messer mit dabei hatte, war einfach Pech.»

Den «Suicide-by-Cop»-Vorwurf bezeichnet sein Verteidiger als «abgesprochene Hypothese der Polizisten und der Strafverfolgungsbehörden». Und falls er doch zutreffen sollte, müsse man festhalten, dass das Ziel des Mannes ja nicht die Verletzung eines Polizisten gewesen wäre, sondern einzig sein eigener Tod. Der Vorwurf der Gefährdung des Lebens sei demnach nicht haltbar. «Dass er aufbrausend, laut und bestimmt auftreten kann, ist unbestritten.» Das sei aber nicht strafbar.

Er hat den Penthouse-Türsteher angegriffen

Ein ganz anderes Bild zeichnet die Staatsanwältin. Sie weist in ihrem Plädoyer darauf hin, dass es nicht das erste Mal war, dass der Mann mit einem Messer bewaffnet auffiel. Bereits kürzlich stand der 42-Jährige vor Gericht, weil er einen Türsteher des Penthouse in Luzern bedrohte – ebenfalls mit einem Messer – und mit seinem Auto gefährdete (zentralplus berichtete).

«Das Bild des gewaltbereiten Messerstechers passt schlicht nicht auf diesen Fall.»

Verteidiger

Es dürfe nicht zur Normalität werden, dass Menschen hierzulande mit dem Messer auf offener Strasse herumfuchtelten, argumentiert die Staatsanwältin. Auch die Bedrohung von Polizisten dürfe nicht hingenommen werden. Die Staatsanwältin betont, dass es auch um ein Signal gehe. Ein solches Verhalten habe nichts mit einer Krebserkrankung zu tun. Dem Beschuldigten fehle es an Reue und Einsicht. «Er sieht sich weiter als Opfer und seine Taten als Reaktionen auf Ungerechtigkeiten», so die Staatsanwältin.

Gericht verhängt zwölfmonatige Freiheitsstrafe

«Das Bild des gewaltbereiten Messerstechers, der wild fuchtelnd durch die Gegend läuft, passt schlicht nicht auf diesen Fall», sagt hingegen der Verteidiger. Er verweist auf das Urteil des Kantonsgerichts vom Mai 2019, das den 42-Jährigen im Türsteher-Fall von den beiden Hauptanklagepunkten – Drohung und Gefährdung des Lebens – freigesprochen hat. Das Kantonsgericht hat ihn stattdessen der versuchten einfachen Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand für schuldig befunden. Das Verfahren ist derzeit vor Bundesgericht hängig, weil die Staatsanwaltschaft den Entscheid weitergezogen hat.

Weil die Polizisten zum Zeitpunkt des Vorfalls im November 2018 nur wussten, dass der Mann wegen Gefährdung des Lebens erstinstanzlich verurteilt war, sei sein Gefahrenpotenzial zu hoch eingeschätzt worden. «Retrospektiv betrachtet, hat man viel zu viel befürchtet», so der Verteidiger.

Er verlangt daher einen umfassenden Freispruch. Das Kriminalgericht kommt diesem Antrag aber nicht nach. Es verurteilt den 42-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Monaten. Er wird wegen Tätlichkeiten, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte sowie mehrfach versuchter einfacher Körperverletzung schuldig gesprochen. Freigesprochen wird er hingegen vom Anklagepunkt der mehrfach versuchten Gefährdung des Lebens. Das Gericht bleibt damit leicht unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die 1,5 Jahre forderte. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Widerstand gegen stationäre Massnahme

Zudem ordnet das Gericht eine ambulante psychotherapeutische Behandlung an. Vor Gericht sagt der geschiedene Familienvater: «Ich brauche psychische Hilfe.» Die Therapie, die er derzeit im Gefängnis durchlaufe, möchte er weiterführen.

Die Staatsanwaltschaft hat vergeblich eine stationäre Massnahme – im Volksmund auch bekannt als «kleine Verwahrung» – gefordert. Für sie ist klar: «Der Schutz der Allgemeinheit vor dem Beschuldigten überwiegt sein Bedürfnis nach Freiheit.»

Dagegen wehrt sich der Beschuldigte heftig. Sein Verteidiger befürchtet, dass der Beschuldigte über Jahre hinweg nicht in Freiheit käme, weil niemand es wagen würde, dessen Gefährlichkeit zu hinterfragen.

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