Manege frei für die Chrampfer im Hintergrund
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Immenser Aufwand: Gearbeitet wird auch bei leeren Reihen. Das sehen die wenigsten. (Bild: Circus Knie)

Abseits vom grossen Rummel Manege frei für die Chrampfer im Hintergrund

8 min Lesezeit 1 Kommentar 03.08.2015, 14:21 Uhr

Der Circus Knie zieht die Massen in seinen Bann. Waghalsige Artisten und exotische Tiere lassen Gross und Klein staunen. Auch ausserhalb der Manege fasziniert die Traumwelt – auf dem harten Boden der Realität.

Die Schlange vor der Zirkuskasse ist kurz. Lediglich eine handvoll Mütter mit ihren Kindern, eine Familie und ein Rentnerpaar mit ihren Grosskindern stehen da. Es ist ruhig an diesem Donnerstagvormittag auf dem Vorplatz des Chapiteau, wie das grosse Zirkuszelt auch genannt wird. Über der Luzerner Allmend hängen Wolken. Ein ganz normaler Wochentag. Auch für den Circus Knie. Trotzdem wirkt das Treiben spannend.

«Diesen Donnerstag läuft bei uns tagsüber eher weniger», warnt Barbara Lüthi, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Da habe man nur eine Vorstellung, am Abend. «Die Artisten haben bis am Abend frei, viele sind unterwegs, nehmen private Termine wahr oder geniessen es, einfach mal Zeit für sich zu haben.»

Nicht wirklich Sommerferien

Dementsprechend menschenleer präsentiert sich die Wagenburg, das eigentliche «Zirkusdorf», wie Lüthi es nennt. Wer einen farbenfrohen Lagerplatz mit Feuerstelle, übende Artisten und spielende Kinder erwartet, wird enttäuscht. In den Gängen und auf den Plätzchen zwischen den unzähligen Wohn- und Materialwagen ist es recht still. Trotzdem herrscht eine ganz spezielle Atmosphäre. Es riecht nach Zirkusluft.

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Wollen Sie den Circus Knie mit seinem neuen Programm «phénoménal» erleben? zentral+ verlost zwei Tickets für die Show vom Donnerstag, 6. August, um 20.00 Uhr auf der Luzerner Allmend.

Mitmachen ist ganz einfach:
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Wettbewerbsende ist am Mittwoch, 5. August, um 12.00 Uhr. Die glücklichen Gewinner werden ausgelost und persönlich informiert.

Vor den Eingängen zu den schmucken blau-weiss bemalten Zirkuswagen hängt Wäsche. Auf den Treppenstufen stehen Schuhe. Es scheint, als seien die Bewohner nur kurz ausgeflogen, als stehe das Zirkusleben nur einen Moment lang still. «Es ist in ganz Europa Ferienzeit, da kommen die Familien unserer Mitarbeiter zu Besuch», erklärt Lüthi. Während den Sommerferien sei auch die Zirkusschule zu. «Da verbringt jeder so viel Zeit wie möglich mit seinen Liebsten.» 

Das Zirkusleben sei intensiv, es gebe immer etwas zu tun, so die Bernerin, die zufällig beim Zirkus gelandet ist, wie sie erzählt. «Das tönt spannend, habe ich mir gedacht, als ich das Stelleninserat gesehen habe.» Und das sei es in der Tat auch. Die 39 Spielorte in der ganzen Schweiz würden für viel Abwechslung sorgen. «Kein Tag ist wie der andere.»

Das kann Claudio Trovato, Eventmanager und zuständig für das Catering, nur bestätigen. Soeben hing er noch am Handy. «Man weiss nie, was der Tag bringt.» Das sei das Schöne an seinem Job hier, auch wenn der manchmal etwas anstrengend sei. «Da du immer vor Ort bist, verfliessen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben. Aber das bin ich mir gewohnt», so der ehemalige Gastronom, der weder aus einer Artisten- noch aus einer Zirkusfamilie stammt und vor sieben Jahren zum Zirkus kam. «Das hat sich eben so ergeben», erzählt er. «Wer nicht damit aufgewachsen ist, rutscht irgendwie hinein.» 15 Jahre lang habe er ein Restaurant geführt – dann kam die Lust nach Veränderung.

«Einzig der Wohnwagen bietet etwas Privatsphäre.»

Claudio Trovato, Eventmanager Circus Knie

Trovato gefällt das Leben im Zirkus, «wo man zwei Drittel des Jahres auf Rädern lebt». Jeweils von März bis November bereist der Circus Knie das Land. Das sei eine strenge, aber schöne Zeit, so Trovato. «Wir sind wie eine grosse Familie, halten immer zusammen.» Lediglich etwas eng werde es manchmal. Gerade weil man so viel Zeit mit- und vor allem nahe aufeinander verbringt, sei es wichtig, dass man sich zurückziehen könne, findet Trovato. «Einzig der Wohnwagen bietet etwas Privatsphäre.» Deshalb freue er sich jeweils gegen Ende der Tournee auf seine Wohnung. «Die leiste ich mir gerne, auch wenn ich nur vier Monate im Jahr wirklich darin lebe», lacht der umtriebige Mann.

Publikum wird immer anspruchsvoller

Und schon klingelt wieder sein Telefon. Die Kaffeemaschine vom Buffet im Foyer, dem grossen Vorzelt, will nicht mehr richtig funktionieren. «Am Abend drängen sich hier mehr als 2200 Personen», erzählt Trovato. Soviel Publikum, wie das Hauptzelt fasst. «Die meisten wollen innert kürzester Zeit etwas zu Essen und zu Trinken, da muss man schon vorbereitet sein.» Schliesslich dauere die Pause nur gut 15 Minuten. Zudem sei das Verpflegungsangebot in den letzten Jahren laufend ausgebaut worden. «Bratwurst und Brot sind nach wie vor sehr beliebt, aber die Leute wünschen heute mehr.»

Anspruchsvoller seien die Gäste an Grossanlässen, welche man für Firmen und Gesellschaften anbiete, weiss Trovato zu berichten. «Da geschieht vieles nach Wunsch des Kunden.» Möglich sei einiges, wie zum Beispiel Apéros unter Einbezug von Elefanten oder Pferden. Das Rundherum werde immer wichtiger, auch wenn die klassische Vorstellung der Haupträger im Geschäft bleibe. «Wir versuchen stets, unser Angebot im Rahmen des Möglichen zu erweitern oder – besser – zu ergänzen.» Natürlich wolle man den Wünschen und Bedürfnissen der Besucher entsprechen, alles mache man aber nicht, betont der Eventfachmann. «Es muss zu uns passen.»

«Es muss zu uns passen.»

Claudio Trovato, Eventmanager Circus Knie

Passen müssen die Deals auch bei Sybille Amstutz, der hauseigenen Leiterin des Werbemarktes. «Während Jahrzehnten hat der Circus Knie mit einer externen Vermarktungsagentur zusammengearbeitet. Nun machen wir das selber», erklärt sie. «So sind wir noch näher bei unseren Kunden.» Amstutz freut sich, «Tag für Tag mehr als nur ein Produkt» an den Mann und die Frau bringen zu dürfen. Zirkus sei mehr als Unterhaltung, ein sinnliches Erlebnis. «Das ist Emotion pur.»

Multi-Kulti auf Rädern

Von der Mannschaftsküche her duftet es orientalisch. Hinter dem Herd steht Oualkid Abdeslam aus Marokko. Seit Jahren kocht er mit seinem Team für die Zirkustruppe. «Meistens gibt es marokkanische und polnische Menus», ruft der grossgewachsene Mann aus der engen Zirkusküche heraus. Seite an Seite mit Waldemar Czarzasty und Tomasz Marzycki aus Polen bereitet Abdeslam gerade das Mittagessen vor. «Artisten, Arbeiter, manchmal auch die Familie, alle essen hier», erklärt die umtriebige Küchenbrigade. Mit «der Familie» meinen sie die Zirkusdynastie der Familie Knie.

Die Welt des Zirkus ist farbig. Im multikulturellen Umfeld lebt und arbeitet man miteinander auf Augenhöhe –trotz Unterschieden. Artisten aus aller Herren Länder sind auf der Tournee dabei, rund 15 verschiedene Sprachen werden auf der Allmend derzeit gesprochen. «Kommen die verschiedenen Kulturen zum Essen zusammen, kann es schon mal bunt zu und her gehen», sagt ein Arbeiter lachend. Zum Beispiel in den beiden grossen «Speisesälen», eigentlich zwei Zelttransportanhänger, die kurzerhand umfunktioniert wurden. «Mit solchen Doppelnutzungen vermeiden wir Leerstände bei den Waggons.»

Ganz in der Nähe des Verpflegungsbereichs laufen die Waschmaschinen auf Hochtouren. Da gibt es eine Wäscherei auf Rädern mit sechs grossen Waschtürmen. Einen Waschplan gebe es nicht, erklärt die russische Artistin aus Moskau, die gerade ihre Wäsche aus der Trommel nimmt. «Das funktioniert bestens. Wir schauen aufeinander.» 

Berufe, die es eigentlich nicht gibt

Neben dem Waschsalon steht die hauseigene Schneiderei, in der alle Kostüme genäht werden, bei Bedarf angepasst und geflickt. Der Fundus an Zirkusuniformen, der sich an der Stange im Garderobenwagen aufreiht, ist beeindruckend. Obwohl der Zirkus auf externe Partner und Dienstleister angewiesen sei, müssten viele Sachen innert kurzer Zeit selbst repariert werden können, so Barbara Lüthi. Darum gibt es im Circus Knie auch eine eigene Schreinerei, Schlosserei und Malerei. «Für jeden Fachbereich haben wir ausgebildete Fachleute», erklärt Werkstattchef Stefan Burtscher. Vor der rollenden Werkstatt werden gerade Zeltstangen repariert. An einem anderen Arbeitsplatz liegt Feinwerkzeug für Elektronik. «Es gibt eigentlich fast nichts, das wir nicht selbst reparieren können», betont Burtscher nicht ohne Stolz.

«Viel braucht Erfahrung, die man nur hier gewinnen kann.»

Sonia Grossenbacher, Personalverantwortliche Circus Knie

Die Vielfalt der im Zirkus ausgeübten Arbeiten ist gross. «Das sind oft Berufe, die es gar keine Lehre gibt.» Wie zum Beispiel der Zeltmeister, verantwortlich für alles rund um die mobile Bedachung. Jeder habe eine klare Funktion und wisse genau, was er wann wo wie machen müsse, erklärt die Personalverantwortliche Sonia Grossenbacher in ihrem Büro-Wagen. Alle Aufgaben und Abläufe seien genau aufeinander abgestimmt. Insbesondere beim Auf- und Abbau sei eine gut strukturierte Organisation wegweisend. «Wir müssen uns aufeinander verlassen können.» Deshalb habe man vor allem langjährige Mitarbeiter oder solche, die immer wieder kommen würden. «Manche Tätigkeiten im Zirkusbetrieb brauchen Erfahrung, die man nur hier gewinnen kann.»

Üben, bis die Nummer sitzt

Währenddessen sind im Sägemehl die Tierpfleger am Werk. Unter den wachsamen Augen von Zirkusdirektor Fredy Knie junior werden bereits die Pferdenummern für die kommende Saison trainiert. Artisten wie Seiltänzer, Jongleure, Akrobaten sucht man in der Manege vergeblich. «Die müssen nicht mehr täglich proben», so Knie. «Die beherrschen ihre Nummern.» Kein Wunder, bei durchschnittlich ein bis zwei Vorstellungen pro Tag. 

Im schummrigen Licht der unbeleuchteten Arena reiten die Pferde in Formation. Mal im Galopp, mal im tänzerischen Trab. Tiernummern sind aufwändig und teuer. Auch abseits der Manege brauchen die Tiere viel Aufmerksamkeit und Pflege. «Allein 25 Leute kümmern sich nur um das Wohl unserer Tiere», betont Herr Fredy, wie der Seniorchef überall respektvoll genannt wird. «Sie sind unser wertvollstes Gut.»

Der Circus Knie in Zahlen

Seit seiner Gründung im Jahre 1919 bereist das wohl bekannteste Familienunternehmen der Schweiz jedes Jahr alle Ecken des Landes. Zum 97. Mal gastiert das Unternehmen «Gebrüder Knie Schweizer National-Circus AG», wie der Zirkus mit vollem Namen heisst, auf der Luzerner Allmend – noch bis zum Sonntag, 9. August. 

Beeindruckend ist nicht nur das neue Showprogramm «phénomenal», sondern auch die schiere Grösse des Circus Knie. Das zeigen nur schon folgende Fakten der Tournee 2015: 

  • 333 Vorstellungen während 243 Tagen an 97 Orten
  • 220 Mitarbeiter, davon 42 Artisten, aus 15 Nationen
  • 30’000 Quadratmeter Platzbedarf
  • 71 Wohnwagen, transportiert auf der Strasse
  • 6’262 Kilometer Wegstrecke, davon 3’500 Strassenkilometer
  • 4’000 Glühbirnen und 15 Kilometer Elektrokabel
  • Über 100 Tiere aus aller Welt
  • 12 Kubikmeter Mist pro Tag in den Stallungen
  • 2’280 Zuschauerplätze im grossen Zirkuszelt
  • Über 100 Fahrzeuge und Zirkuswagen, transportiert auf zwei SBB-Extrazügen mit einer Gesamtlänge von 765 Meter und einem Gesamtgewicht von 1’360 Tonnen

Mehr spannende Einblicke in den Circus Knie gibt es in unserer Bildergalerie zu sehen:

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1 Kommentare
  1. Daniel Preckel, 03.08.2015, 15:30 Uhr

    ..bedeutet: pure Magie und packende Artisteneinlagen. Und als Highlight: Wunderschöne Araberpferde, Andalusier und Holländische Friesen. Zirkus auf höchstem Niveau!

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.