Magenbrot Haegeli: «Ohne Härtefallgelder wären wir in Konkurs»
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Michael Haegeli in seinem Element. An der Määs in seinem Verkaufswagen. (Bild: zvg / Haegeli)

Luzerner Traditionsunternehmen in der Klemme Magenbrot Haegeli: «Ohne Härtefallgelder wären wir in Konkurs»

6 min Lesezeit 1 Kommentar 10.09.2021, 20:00 Uhr

Die Absage der Lozärner Määs wiegt schwer. Nicht nur bei Besuchern, sondern auch bei den Ausstellerinnen. Betroffen ist unter anderem das Luzerner Traditionsunternehmen Haegeli, das seit über 70 Jahren Magenbrot verkauft. Ohne Unterstützung des Bundes würde es den Betrieb nämlich nicht mehr geben. Mit jeder abgesagten Veranstaltung wird die Luft für das Betreiberpaar dünner.

Es ist nebst Marroni und gebrannten Mandeln wohl die beliebteste Leckerei im Herbst: Magenbrot. Die rosaroten Papptüten prägen die Verkaufstheken von Marroniständen und Herbstmessen – sofern sie denn stattfinden. Denn mit der Absage der Lozärner Määs (zentralplus berichtete), wird auch der Magenbrot-Konsum gezwungenermassen drastisch sinken.

Das bekommen die Produzenten und Vertreiber des Süssgebäcks zu spüren. Einer der grössten Magenbrotverkäufer in Luzern ist Haegeli Magenbrot in Emmenbrücke. Seit 1950 verkauft das Familienunternehmen das gewürzlastige Gebäck an Messen und Märkten in der ganzen Schweiz. Michael Haegeli (50) leitet den Betrieb seit 1999 in der dritten Generation. Seit 2011 im Verbund mit seiner Frau Lucia.

Für den gelernten Maler war die Absage der grössten Zentralschweizer Herbstmesse ein herber Schlag. «Wir sind traurig und konsterniert», sagt er zu zentralplus. Dass der Anlass nun zum zweiten Mal in Folge abgesagt wurde, sei irgendwie «surreal». Trotzdem fällt der Schock heuer weniger stark aus als noch im Vorjahr.

Die Haupteinnahmequelle bricht weg

«Als letztes Jahr die erste Absage der Lozärner Määs bekannt gegeben wurde, haben wir alle Telefone abgestellt, sind in den Camper gestiegen und in die Berge verreist. Wir wollten weg von allem.» Heuer habe man zwar zunehmend geahnt, dass eine weitere Absage kommen könnte, das mache sie aber nicht weniger schlimm. Denn die Familie Haegeli ist seit 1950 an der Määs vertreten. «Für uns ist die Lozärner Määs ein Heimspiel. Es ist nicht nur ein toller Anlass an einem schönen Ort, für uns ist es auch das wichtigste Geschäft des Jahres.»

«An Spitzentagen verkaufen wir 300 Kilogramm Magenbrot pro Tag.»

Michael Haegeli, Inhaber Haegeli AG

Obwohl Haegeli bei vielen anderen Chilbis, Festen und Märkten vertreten ist, macht er den Jahresumsatz an der Määs, wo die Firma mit zwei Ständen vertreten ist: dem weissen Wagen beim Lunapark und dem Marktstand auf dem Inseli. «An Spitzentagen verkaufen wir 300 Kilogramm Magenbrot pro Tag.» Das klinge nach sehr viel – vor allem da die Määs zwei Wochen dauert. Aber es gilt zu bedenken: «Dieser Umsatz muss für den ganzen Winter reichen.»

Denn bis im Juni oder Juli die ersten Anlässe – im Regelfall eröffnet die Luga die Saison – kommen, herrscht für Haegeli, der nebst dem Magenbrot auch selbstgemachte gebrannte Mandeln, Rahmtäfeli und Biberli verkauft, eine Durststrecke.

Der weisse Stand ist wohl jedem Määs-Besucher ein Begriff.

Im Zusammenspiel mit einer Bäckerei

Produziert wird das Gebäck übrigens nicht von Haegeli selbst, sondern von einer Bäckerei, die schon mit Michael Haegelis Grossvater Willi Haegeli zusammengearbeitet hat. «Mein Grossvater war ein Magenbrot-Pionier», so der stolze Enkel. «Das Magenbrot schlug an diesen Messen und Chilbis ein wie eine Bombe.» Der gelernte Confiseur-Konditor konnte die ganze Produktion und die Messebesuche irgendwann nicht mehr unter einen Hut bringen. «Darum hat ihm ein befreundeter Bäcker angeboten, sich um die Produktion zu kümmern, damit sich mein Grossvater voll auf den Verkauf konzentrieren konnte.»

Und diese Symbiose hält bis heute an. Und wie bei Haegeli, steht auch bei der Bäckerei der Betrieb beinahe still. «Das Magenbrot wird immer zwei Tage vor der Auslieferung produziert. Diese Zeit ist nötig, damit der Sud gut in den gebackenen Teig einziehen kann.» Zwar beliefert die Bäckerei auch andere Händler, da aber alle im selben Boot sitzen, sei auch hier die Situation prekär.

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«Wir wollen arbeiten»

Seit nunmehr 18 Monaten steht der Betrieb der Haegelis schon auf «Halbmast». Das nagt an der Geduld und Motivation. «Wir haben die Wagen jetzt schon mehrmals geputzt und repariert. Mehr kann man nicht tun.» Leid tut es Michael Haegeli auch um seine Mitarbeiter. Während der Määs beschäftigt er jeweils um die neun Leute, die neben ihm und seiner Frau im Verkauf tätig sind. Manche davon sind schon seit bald 20 Jahren dabei. Auch ihnen – einige davon sind Studentinnen oder lokale Hilfskräfte – geht das Einkommen verloren.

«Ohne die Härtefallgelder wären wir konkurs gegangen.»

Michael Haegeli, Inhaber Haegeli AG

Und eines stellt Haegeli auch klar: «Ohne die Härtefallgelder wären wir konkurs gegangen. Da gibt es nichts zu beschönigen.» Darum hofft er darauf, dass die Unterstützungsmassnahmen des Bundes weiterhin greifen. «Sonst wäre die ganze bisherige Unterstützung umsonst gewesen.» Denn eines ist klar: Eine dritte ausfallende Saison würde nicht nur Haegelis Firma, sondern auch zahlreiche andere Standbetreiber nicht überleben. «Der Fluch ist auch, dass ich die Firma nicht einmal verkaufen könnte. Niemand würde in der aktuellen Lage einen solchen Betrieb übernehmen wollen.» Darum gilt für die Haegelis: «Wir müssen jetzt noch einmal durchbeissen.»

Pinsel gegen Magenbrot getauscht

Seit er dabei ist, ist dies die grösste Krise, welche das Geschäft erleben musste. «Wir hätten uns vor zwei Jahren nicht vorstellen können, dass die Määs eines Tages mal abgesagt werden müsste», sagt er. «Ich dachte immer, das Marktgeschäft sei krisensicher.» Und Haegeli muss es wissen, wurde ihm das Marktleben buchstäblich in die Wiege gelegt. Schon im Alter von 12 Jahren war er bei den Märkten dabei. «Ich bin dankbar dafür, dass ich schon früh einen Einblick in diese Welt bekommen durfte. Das ist ja auch ein Beruf, den man so nirgends lernen kann.»

Darum seien viele Schaustellerbetriebe Familienunternehmen. «Alles läuft über learning by doing und wird immer weitergegeben.» Trotzdem hat er später eine Ausbildung zum Maler gemacht, war sechs Jahre auf dem Beruf tätig und hat «das Herumreisen an verschiedene Orte» sehr geschätzt. Der Malerberuf und das Mitwirken im Familienbetrieb war irgendwann aber nicht mehr vereinbar. «Mit 23 Jahren habe ich mich dann klar für den Familienbetrieb entschieden.»

Seit 2011 leiten Michael und Lucia Haegeli den Betrieb zusammen.

Es bleibt die Herbstmesse Basel

Trotz der Absagen zeigt sich Haegeli versöhnlich: «Während der ganzen Pandemie und dem Stecker, der uns damit gezogen wurde, war uns bisher keine Sekunde langweilig.» Klar, der Frust sei da, man blieb jedoch nicht untätig. Während des vergangenen Sommers hat Michael Haegeli beispielsweise in der Seebadi Meggen und im Winter bei einer Sägerei ausgeholfen. «Das Leben macht uns immer noch Spass und wir lassen den Kopf auch nicht hängen.» Und bald kann Haegeli seinen Wagen – hoffentlich – aus der Garage fahren.

Vor zwei Wochen stellte er in Glarus an der Chilbi aus. «Das war unser erster Anlass seit Monaten. Wir haben da gut verkaufen können.» Für ihn sei das ein kleines Highlight gewesen. Die nächste Hoffnung ruht nun auf der Basler Herbstmesse. Diese findet – zumindest nach aktuellen Planungen – dezentral statt und Haegeli ist mit einem Stand auf dem Petersplatz vertreten. Ohne 3G und ohne Absperrungen, weil dies für einen Wochenmarkt nicht nötig ist. Die Vorfreude kocht trotzdem auf kleiner Flamme: «Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Anlass kurzfristig doch noch abgesagt würde.»

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1 Kommentare
  1. Argumentum ad Parmesan, 11.09.2021, 01:20 Uhr

    Wissen Sie Herr Haegeli, es war immer freiwillig Magenbrot zu produzieren und an einem Ereignis im Jahr den Hauptumsatz zu machen. Das respektiere ich, das ist ihre Entscheidung, es kann dann einfach unangenehm werden wenn dieses Ereignis ausfällt. Ich sehe nicht ein wieso die Allgemeinheit für ihr antiquiertes Geschäftsmodell bezahlen sollte, das nennt man unternehmerisches Risiko.
    Ich habe meinem Neffen auch gesagt, wenn du Magenbrot verkaufen willst dann kann es unangenehm werden und dann bist du selber schuld.

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