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Märt Infanger: Grafik, Musik, Bier
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«Mir war so langweilig in der Schule – ich hab nur gezeichnet.» – Märt Infanger in seinem Büro in Luzern. (Bild: jav )

Besuch beim Zentralschweizer Grafiker Märt Infanger: Grafik, Musik, Bier

5 min Lesezeit 30.01.2016, 06:00 Uhr

Wo Märt Infanger draufsteht, ist Märt Infanger drin. Schade also, braut der immigrierte Obwaldner Musiker und Grafiker heute kein Bier mehr. Doch seine Plakate bleiben in Luzern ein sicherer Wert. zentral+ hat ihn zu Hause besucht und den Rock’n’Roller auf eine ganz andere Art kennen gelernt.

Märt Infanger – ein Name, um den man in der Zentralschweiz kaum herumkommt. Als selbstständiger Grafiker und Akkordeonist der Band Jolly and the Flytrap ist er vielen ein Begriff.

Grafik, Musik, Bier – das steht auf einer von Märt Infangers alten Visitenkarten. «Ich habe früher auch selbst Bier gebraut. Heute kann ich das leider nicht mehr behaupten.» Doch Musik und Grafik ziehen sich seit früher Schulzeit durch sein Leben. Und besonders für die Kombination von beidem ist er bekannt – für seine Plakate der eigenen Band. Immer wieder findet man in Luzerner, Obwaldner und Nidwaldner Bars und Wohnungen seine Arbeiten.

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Märt Infanger begrüsst uns zu Hause in Luzern. Seine Frau Delphine Queval ist gerade auf dem Sprung. Die Illustratorin und Textilfachfrau arbeitet selbstständig und am Luzerner Theater als Ankleiderin.

Die Wohnung ist zwei kreativen Menschen würdig. Wände voller Plakate, alter Bilder und Masken. Instrumente, zahlreiche Bücher und Figuren dekorieren den Raum. Die Spielsachen der Tochter fallen darin kaum auf. Aufgrund Infangers Leidenschaft für die Fasnacht ist sein Büro derzeit ebenfalls voll mit Kostümen, Farben und Bastelmaterialien. «Meine Tochter will noch mit mir an die Fasnacht, das muss ich ausnützen. Vielleicht ist das schon bald zu uncool.»

Plötzlich ist man Lehrer

Der 48-jährige Engelberger wohnt mittlerweile seit über 20 Jahren in Luzern – der Schweizer Hochburg für Grafiker. «Es ist eine eigene, kleine Welt, in welcher ich mittlerweile sehr gute Kontakte zu anderen Grafikern habe.» Amadeus Waltenspühl, Felix Pfäffli und Erich Brechbühl erwähnt er zum Beispiel, mit welchen er teilweise an der Fachklasse Grafik zusammenarbeitet, wo er auch selbst seine Ausbildung gemacht hat.

«Ich kann mit einem Plakat in eine Richtung schiessen wie mit einer Schrotflinte.»

«Ich hätte früher nicht im Traum daran gedacht, Lehrer zu werden», lacht Infanger. Doch es habe sich einfach so ergeben. Er sprang als Dozent für einen Kurs ein, daraus wurden zwei, drei – heute arbeitet er zu 90 Prozent als Lehrer. Die eigenen Projekte und die Aufträge als Selbstständiger macht er nebenbei. «Manchmal habe ich ein richtig schlechtes Gewissen, weil ich nicht alles annehmen kann.» Viele seiner grafischen Arbeiten sind heute eigentlich Vereinsarbeiten. «Die Jollys, das Gasthaus Grünenwald, die Veranstalter Memphisto – alles Vereine.»

30 Jahre Jolly and the Flytrap

Die ehemalige Schülerband Jollys feiert dieses Jahr bereits ihr 30-Jahr-Jubiläum. «Irgendwie haben wir als Band überlebt. Und als beste Freunde. Anstatt Ski zu fahren oder in der Beiz zu hocken, machten wir gemeinsam Musik. Nun. Natürlich machen wir auch das andere», lacht er. Aber es gab auch schwierige Zeiten. «Als wir Kinder bekamen, in anderen Städten studierten. Und es gab viele, viele Diskussionen über unsere Ausrichtung.» Heute sei es wieder einfacher. Die Kinder – 16 Kinder hat die Band zusammengezählt – sind älter geworden, gehen zur Schule. Zudem sind die meisten der sieben Bandmitglieder etwas sesshafter und ruhiger geworden. «Auch ich», schmunzelt Infanger.

Der Band-Hauptsitz befindet sich im Grünenwald in Engelberg, wo Infanger auch aufwuchs. Die Mutter war Hausfrau und der Vater arbeitete als Gemeindearbeiter. Sie hätten ihn immer auf seinem Weg unterstützt, auch wenn sie vielleicht wenig damit anfangen konnten, sagt Infanger.

Als Kind habe er Maler werden wollen. «Mein Grossvater hatte tonnenweise Pinsel im Keller. Die habe ich in Wasser getunkt und die Wände gestrichen. Stundenlang.» Später wurde das Zeichnen spannender als alles andere. «Mir war so langweilig in der Schule – ich hab nur gezeichnet.»

Das Rad nicht neu erfinden

Heute ist Infangers Stil unverkennbar – seine Handschrift auf Plakaten für die Jollys, das Festival Obwald oder den Sedel. «Ich finde, in meinem Gärtli bin ich sehr vielfältig», sagt Infanger lachend. Der Retrostil ist auch kein Zufall, schaut man sich in seiner Wohnung um. «Ich habe einen riesigen Fundus an alten Bildern, Postkarten und Zeitungsausschnitten. Darin finde ich immer wieder neue Inspiration.» Für Collagen und Mischformen greift er immer wieder auf diese alten Arbeiten und Bilder zurück. «Es wurde schon so viel Gutes gemacht. Weshalb soll ich das Rad neu erfinden?»

Die 50ies haben es Infanger besonders angetan. «Rock’n’Roll, aber auch Punk, Folk, Garage und Trash.» Dabei vermischt er die Stile. «Natürlich werde ich oftmals spezifisch für diese Art angefragt.» Entweder punkige, farbige, trashige Motive oder romantisch rockige Frauenfiguren.

In der Werbung zu arbeiten sei ihm verleidet. «Das ist nicht meine Welt.» Heute ist er viel freier. «Ich muss nicht werben. Ich muss keine klare Aussage machen. Ich kann mit einem Plakat in eine Richtung schiessen wie mit einer Schrotflinte. Was ein solches Plakat tun muss, ist eine Stimmung auszulösen.»

Immer am Trend sein?

Über das Klischee des Grafikers als Berufsjugendlichen lacht Infanger: «Ich muss nicht ständig trendig sein. Es ist doch illusorisch, wenn man das Gefühl hat, bei den Kiddys sein zu können – oder das überhaupt zu müssen.» Für ihn sei vor allem wichtig, dass er einen Bezug zu den Bands oder Projekten hat, für welche er derzeit Aufträge als freischaffender Grafiker annimmt. «Eine Band, die ich mag, verkaufe ich anders als eine, die ich noch nie zuvor live erlebt habe.»

Wird er dabei auch politisch? «Nur wenn’s um etwas geht, das mir wirklich wichtig ist. Die Boa war so ein Beispiel oder die Sparpläne bei der Fachklasse Grafik.» Richtig politisch engagieren – so wie seine Schwester als SP-Grossrätin – möchte sich Infanger jedoch nicht. «Für mich wäre es zu frustrierend, immer gegen Windmühlen zu kämpfen und zu verlieren. Gerade jetzt in dieser bürgerlich dominierten Zeit.»

Bei der Verabschiedung ist Infanger schon fast auf dem Weg zur Arbeit. Selbstverständlich mit seinem Christiania-Bike mit Ladefläche zwischen den beiden Vorderrädern. Da passte ein Kind vorne rein – «oder ein Kasten Bier», sagt er und lacht.

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