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Macht Corona die Schweizer zu einem Volk von wilden Campern?
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Die auf 2439 Metern über Meer gelegene Dammahütte der SAC-Sektion Pilatus in einer Luftaufnahme. Ab dem 27. Juni wird sie bereit sein für Gäste, wenn auch mit einem reduzierten Bettenangebot. Eine Steilvorlage fürs wilde Zelten in der Umgebung? (Bild: Valentin Luthiger, Altdorf)

Übernachten in der Wildnis Macht Corona die Schweizer zu einem Volk von wilden Campern?

4 min Lesezeit 1 Kommentar 29.05.2020, 05:03 Uhr

Das Coronavirus beeinflusst das Reiseverhalten von Herrn und Frau Schweizer nachhaltig. Inwiefern profitiert davon die naturnahe Ferienform des Campierens? Und spriessen nun allenthalben wilde Zeltlager aus dem Boden? Wir haben uns umgehört bei Tourismusexperten aus der Region.

«Wie wirkt sich das Coronavirus auf das Reiseverhalten aus?» Jürg Settler, Tourismusexperte an der Hochschule Luzern formuliert jene Frage, die derzeit eine ganze Branche in Atem hält.

Fallen die als Erstes auf den 15. Juni angedachten Beschränkungen der Reise in unsere Nachbarländer tatsächlich und später weitere – und mit ihnen womöglich die Touristenhorden aus nah und fern wieder in die Zentralschweiz ein? Oder führt das tückische Coronavirus vielmehr zu einem Feriensommer unter seinesgleichen? Führen die Schweizer die Spendierhosen also vermehrt im eigenen Land spazieren?

Vieles hängt massgeblich von der weiteren Entwicklung der Coronasituation ab. Wird die Schweiz – Gott behüte – tatsächlich von einer zweiten Infektionswelle überrollt, die zu Verschärfungen führt und dazu, dass sich viele Leute gar nicht mehr aus dem Haus geschweige denn in die Ferien trauen? Oder aber entspannt sich die ganze Situation dahingehend, dass Reisepläne wieder eher realisiert werden? Fragen über Fragen.

Beliebt, weil günstig

Etwas aber scheint laut Tourismusexperte Jürg Stettler jetzt schon klar: Buchungszahlen, Reservationen und Anfragen deuten alle darauf hin, dass nebst Jugendherbergen, Ferienwohnungen und Rekadörfern auch Campingplätze in diesem Sommer besonders nachgefragt sein werden dürften. Ab dem 6. Juni dürfen sie ihre Tore öffnen.

Diesen Trend bestätigt auch Theo Schnider, Direktor der Biosphäre Entlebuch. Das Campieren sei derzeit wie die gesamte Parahotellerie stark im Kommen. Diese Nachfrage sei eine «Steilvorlage für den Inlandtourismus» und gelte es nun mit einem entsprechenden Angebot zu stillen.

Warum aber steht das Campieren derzeit so hoch im Kurs? Laut Stettler spricht für diese Ferienform vor allem ein Argument: der verhältnismässig geringe Preis. Zudem handelt es sich um eine risikominimierte Art des Reisens, sagt Schnider von der Biosphäre Entlebuch. Ein Argument, das gerade in Zeiten Coronas ein besonders Gewicht erhält.

Wild Campen mangels Alternativen

Nun, das Bedürfnis scheint ausgemacht, weil die Campingplätze aber bis zum ersten Juni-Wochenende geschlossen sind, fehlen die Möglichkeiten, dies auszuleben. Das hat mancherorts dazu geführt, dass vermehrt wild campiert wird, abseits der offiziellen Plätze, an Waldrändern, unter freiem Sternenhimmel.

Einen Trend, den man nicht nur im Entlebuch bemerkt hat, sondern auch etwa im Urserntal. Dort sind Haupt- und Seitentäler gleichermassen betroffen. Die Erklärung dafür ist schnell gefunden und fällt relativ lapidar aus. Thomas Christen, Andermatter Tourismusdirektor: «Wenn A nicht geht, dann testen wir B.»

Das Übernachten in der Natur, wie sie Gott geschaffen und der Mensch umgestaltet hat, birgt zweifellos viele Reize – ist deswegen aber längst nicht immer legal und kann mitunter zu Problemen führen. Das bestätigt auch Christen und nennt gleich mehrere «Herausforderungen», die von wilden Campern ausgehen, die sich um schöne Flussläufe und Bergseen drängten: Berge von liegengebliebenem Abfall, Konflikte mit lokalen Landwirten und sensible Lebensräume der hiesigen Fauna und Flora, die in Mitleidenschaft gezogen oder gar zerstört werden.

Kreiert Social Media einen neuen Hype?

Von solchen Zuständen ist man glücklicherweise noch weit entfernt. Und tatsächlich glaubt Stettler auch nicht, dass das Wildcampieren tatsächlich grossflächig zu einem akuten Problem werde – auch wenn die weitere Entwicklung schwierig einzuschätzen sei. Nicht ausschliessen könne man aber, dass sich die Situation im einen oder anderen Fall durchaus punktuell zuspitzen könnte. «Vor allem dann, wenn es zu einem durch Social Media angefachten Hype kommt.» Wohin das führen kann, habe man etwa beim letztjährigen «Run» auf den Seealpsee in der Ostschweiz sehen können.

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Keine grossen Probleme mit dem Wildcampern erwartet auch der Schweizer Alpen Club. Zwar geht auch dieser davon aus, dass im Zuge der herrschenden Coronasituation vermehrt ausserhalb von ausgewiesenen Campingflächen Zelte aufgestellt werden dürften.

Ein entsprechendes Indiz hierfür lieferten die gestiegenen Zugriffszahlen auf das Merkblatt, das der SAC zu diesem Thema im Internet publiziert hat. Solange sich die Leute beim Wildzelten aber gut verteilen, sensible Lebensräume und Schutzgebiete meiden und sich der Natur gegenüber respektvoll verhalten, sieht man beim SAC der Sommersaison auch in der Schweizer Bergwelt gelassen entgegen.

Der Wildzeltler in den Bergen als Chance

Als viel drängender erachtet Andreas von Deschwanden, Leiter der Geschäftsstelle der SAC-Sektion Pilatus, derzeit die zügige Ausarbeitung der Schutzkonzepte, die Bedingung für eine ab dem 11. Mai wieder mögliche Eröffnung einer SAC-Hütte ist. Klar ist: Ohne eine Reduktion des Bettenangebots wird dies nicht möglich sein.

Dass man damit das wilde Zelten in den Bergen anheize und so Probleme provoziere, glaubt Deschwanden indes nicht. Das Wildcampieren in einer alpinen Umgebung sei mit Komforteinbussen verbunden und deshalb nicht jedermanns Sache.

Sollte sich aber der eine oder die andere – unter Einhaltung sämtlicher Regeln – trotzdem zu einer Nacht im Freien entschliessen, so ist dies für von Deschwanden eher erfreulich. Denn: «Vielleicht entdeckt so manch einer nach Jahren des Strandurlaubs die hiesige Bergwelt wieder für sich?»

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1 Kommentare
  1. Gruesse vom Einhorn Schlachthaus, 29.05.2020, 12:32 Uhr

    Das „Jedermanns-Recht“ gesteht es jeder und jedem zu, in der Wildnis ein bis zwei Tage zu übernachten – dabei darf auch ein Zelt verwendet werden. Wild Campieren ist ohnehin grundsätzlich verboten! Die Übergänge zwischen Übernachten und Campieren sind allerdings zugegebenermassen fliessend. Daher sollten alle äusserst verantwortungsbewusst damit umgehen.

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