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Verkehr wächst nur halb so stark wie Bevölkerung
Luzerns Verkehrsprojekte brauchen einen «Zukunftscheck»

  • Lesezeit: 6 min
  • Kommentare: 5
Luzerns Verkehrschaos könnte weniger stark zunehmen als befürchtet. Deshalb müssen Strassenprojekte doppelt hinterfragt werden, sagt Nationalrat Michael Töngi.
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Luzerns Verkehrschaos könnte weniger stark zunehmen als befürchtet. Deshalb müssen Strassenprojekte doppelt hinterfragt werden, sagt Nationalrat Michael Töngi.

Der Verkehr in und um Luzern wird in 30 Jahren komplett anders aussehen als heute. Dafür sollen nicht zuletzt die beiden «Generationenprojekte» Durchgangsbahnhof und Autobahn-Bypass sorgen. Doch entsprechen solche Massnahmen dann noch dem Bedarf? Neue Erkenntnisse des Bundes stellen dies zumindest teilweise in Frage.

Es ist eine erstaunliche Erkenntnis, die der Bund kürzlich veröffentlicht hat: Der Verkehr nimmt zwar auch in Zukunft weiter zu, bis 2050 wächst er allerdings nur gerade halb so stark wie die Bevölkerung.

Die neusten Annahmen gehen davon aus, dass die Bevölkerung in den kommenden 20 Jahren um rund 21 Prozent zunimmt, der Personenverkehr (Auto, ÖV, Velo) in derselben Zeit allerdings nur um rund 11 Prozent.

Entgegen gängigen Annahmen steigen die beiden Zahlen also nicht im Gleichschritt an. Das könnte drastische Auswirkungen auf die Planung und Finanzierung von Infrastrukturprojekten zur Folge haben. Auch in Luzern.

Drei Hauptfaktoren ausgemacht

Zunächst gilt es, die Frage zu beantworten, wie der Bund überhaupt auf seine Annahme über den Verkehr der Zukunft kommt. Dass der Personenverkehr zum Stagnieren kommt, liege an mehreren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Trends, die sich auf die Mobilität auswirken. «Immer mehr Menschen arbeiten von zuhause aus, was den Pendlerverkehr reduziert», schreibt der Bund in seinem Bericht.

Ein weiterer Faktor ist in der Altersdemografie der Schweiz zu finden: Mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung nimmt der Anteil der Erwerbstätigen ab, weshalb zukünftig nochmals weniger Arbeitswege anfallen.

Ein weiterer entscheidender Punkt liegt in der Raumentwicklung der Schweiz. Seit der entsprechenden Abstimmung im Jahr 2013 wird eine Siedlungsentwicklung gegen innen angestrebt – Stichwort: Verdichtung. Diese zeigt schon jetzt Wirkung. Dichter besiedelte Gebiete verfügen über nahegelegene Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten. Apropos Einkaufen: Der zunehmende Onlinehandel hat ebenfalls Konsequenzen für den Verkehr: mehr Lieferwege, weniger Einkaufswege.

Nicht alle Verkehrsträger gleich betroffen

Der Verkehr nimmt aus den genannten Gründen also weniger stark zu, als in der Vergangenheit erwartet. Wichtig sind allerdings zwei Feststellungen: Während der Personalverkehr weniger stark zunimmt, wird beim Güterverkehr ein markanter Anstieg erwartet. Beispiel Onlineshopping: Die Fahrzeugkilometer für Lieferwagen sollen bis 2050 um 53 Prozent zunehmen.

Der Bund illustriert diese «Verkehrsperspektive 2050» folgendermassen:

So sollen sich die verschiedenen Verkehrsträger in den nächsten 30 Jahren entwickeln. (Grafik: Bundesamt für Raumentwicklung)

Was aus der Illustration ebenfalls ersichtlich wird: Beim Personenverkehr fallen lediglich die Arbeitswege deutlich weg (–13 Prozent), zwischen ÖV, Velo und Auto gibts derweil nur leichte Verschiebungen.

Bund soll über die Bücher gehen

Die Mobilitätsentwicklungen stehen also unter neuen Vorzeichen. Michael Töngi ist Nationalrat (Grüne) und präsidiert dort die Kommissionen für Verkehr und Fernmeldewesen. Der Luzerner gewichtet die neuen Erkenntnisse sehr hoch: «Der Autoverkehr stagniert, der öffentliche Verkehr und Fuss- und Veloverkehr nehmen stärker zu», so Töngi. «Vergleicht man die Perspektiven 2030, die 2006 erstellt wurden, mit den Perspektiven 2050, so sind die Prognosen für 2050 rund 10 Prozent tiefer als jene für 2030. Das ist eine massive Veränderung.»

Was aber sind die Folgen dieses neuen Ausblicks? Für Töngi ist klar, dass man bei Infrastrukturprojekten im Verkehrsbereich über die Bücher muss: «Ich erwarte eine grundlegende Überarbeitung der Ausbaupläne. Die Perspektiven müssen eine Grundlage für die Planung der nächsten verkehrspolitischen Beschlüsse sein.» Auf Bundesebene sei dies namentlich der nächste Ausbauschritt der Autobahnen ab 2024, sagt Töngi und fügt hinzu: «Dies betrifft aber auch die Kantone, die Ausbaupläne hegen.»

Ist der Bypass überhaupt notwendig?

Was also wären die Folgen für Verkehrsprojekte in Luzern? Unweigerlich muss man dabei auf die beiden grossen Kisten zu sprechen kommen: den Autobahn-Bypass und den Durchgangsbahnhof.

Der Autobahn-Bypass ist zwar ein Projekt des Bundes und nicht des Kantons, die künftige Verkehrsplanung von Stadt und Agglomeration ist aber stark mit dem geplanten Um- und Ausbau der Autobahn zwischen Ibach und Eichhof verknüpft.

«Auch im Raum Luzern ist davon auszugehen, dass der Autoverkehr nicht im berechneten Ausmass zunehmen wird, sondern stagnieren wird.»

Michael Töngi, Nationalrat (Grüne)

Hier stellt sich in diesem neuen Licht ganz konkret die Frage, ob das Projekt überhaupt dem zukünftigen Bedarf gerecht wird. Befürworter verweisen auf die Tatsache, dass der heutige Ausbau bereits an seine Grenzen stösst und der Verkehr insgesamt ja eben doch weiter wächst.

Anders sieht es Michael Töngi, der den VCS Luzern präsidiert. Der Verband stellt sich bekanntlich gegen den Bypass und hat soeben ein kritisches Gutachten dazu veröffentlicht (zentralplus berichtete). «Auch im Raum Luzern ist davon auszugehen, dass der Autoverkehr nicht im berechneten Ausmass zunehmen, sondern stagnieren wird», argumentiert Töngi. «Das Projekt mit einer Verdoppelung der Kapazitäten ist masslos übertrieben. Will man effizient und haushälterisch mit den Finanzen umgehen, muss man unabhängig vom politischen Standpunkt eine Überprüfung verlangen.»

Und was ist mit dem Durchgangsbahnhof?

Der zweite «Mammut» der Luzerner Verkehrszukunft ist der geplante Durchgangsbahnhof. Wenn die Arbeitswege immer kürzer werden oder dank Homeoffice komplett wegfallen: Müsste man nicht auch den Durchgangsbahnhof, der zu einem grossen Teil dem Pendlerverkehr dienen soll, hinterfragen? Nein, hält Töngi dagegen: «Die Verkehrsperspektiven gehen davon aus, dass beim öffentlichen Verkehr eine weitere Zunahme stattfinden wird.»

«Es wird sich zeigen, welche noch notwendig sind und wo es auch eine Neubeurteilung braucht.»

Gleichzeitig müsse man zur Einhaltung der Klimaziele eine stärkere Verlagerung vom motorisierten Privatverkehr zum öffentlichen Verkehr hinkriegen, als es das Basisszenario in den Verkehrsperspektiven darstellt, sagt Töngi. Mit dem Basisszenario spricht er die Tatsache an, dass das oben genannte Verkehrsszenario für das Jahr 2050 nur eines von vieren ist, die der Bund ausgearbeitet hat (siehe Box unten).

Zurück zur Frage: Müsste man konsequenterweise nicht Infrastrukturprojekte im Bereich der Mobilität neu bewerten? Natürlich, sagt Töngi. «Es wird sich zeigen, welche noch notwendig sind und wo es eine Neubeurteilung braucht. Möglich ist auch, dass Gelder umverteilt werden müssen, weil sich die Bedürfnisse verschieben.»

Wie das Bundesparlament und die Kantone die neuesten Erkenntnisse aufnehmen, bleibt derweil noch abzuwarten. Genügend politischen Sprengstoff haben die neuen Verkehrsprognosen aber allemal.

Die vier Szenarien des Bundes

Um eine Prognose zum Verkehrsaufkommen der Zukunft zu machen, geht der Bund von vier möglichen Szenarien aus. Alle Szenarien basieren auf unterschiedlichen Annahmen. Etwa, wann die Politik Massnahmen zur Erreichung der Pariser Klimaziele ergreift, wie schnell sich umweltfreundliche Technologien etablieren und wie wichtig Besitz und Nachhaltigkeit jedem Einzelnen sind. Im Folgenden ein kurzer Überblick:

Das Szenario «Basis»: Hierbei handelt es sich um das «Hauptszenario». Es zeigt eine Entwicklung des Verkehrs auf, die sich an den Mobilitätszielen des Bundes orientiert. Die anderen drei Szenarien sind alternative Entwicklungspfade.

Das Szenario «Weiter-wie-bisher»: Dieses ist als eine Fortführung der heutigen Ausgangslage zu verstehen. Es basiert auf einem regulativen Rahmen, der sich in den kommenden Jahren wenig ändert. Darin werden also kaum neue Gesetze und Verordnungen zur Regulierung des Verkehrs erlassen.

Die Szenarien «Individualisierte Gesellschaft» und «Nachhaltige Gesellschaft»: Beide gehen davon aus, dass der Verkehr stark durch technische Innovationen, wie etwa die Automatisierung von Personenwagen, geprägt ist. Die Technologien werden jedoch zu unterschiedlichen Zwecken eingesetzt. Entweder für individuellen Komfort («Individualisierte Gesellschaft») oder für Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung («Nachhaltige Gesellschaft»).

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5 Kommentare
  1. simon.occur, 29.11.2021, 11:39 Uhr

    Das erwähnte Bypass Gutachten ist ein Parteigutachten der MIV-Gegner. Der MIV wird wohl schneller als die beiden Grossprojekte realisiert sind, CO2-neutral sein. Die Bypass-Gegner vergessen, dass die A2 eine europäische Hauptverbindung ist. Anstatt sich borniert gegen das Projekt stellen, würden die Öko-Sozialisten besser die Gunst der Stunde nutzen, um den Zusatzkapazitäten die Verkehrswege in der Stadt LU zu trennen: Auto, Bus, Velo. Dann wäre auch ihrer Kiental gedient. Auch der Durchgangsbahnhof ist klar zu hinterfragen. Modere Verkehrskonzepte leiten nicht den ganzen Verkehr auf ein Zentrum hin, sondern sind ringförmig aufgebaut.

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    1. Philipp, 29.11.2021, 14:55 Uhr

      Wie im Beitrag erwähnt, stösst das Verkehrsnetz bereits jetzt an Ihre Grenzen. Daher spielt es keine Rolle ob der Verkehr 10, 20 oder 50% zunimmt. Der Bypass ist jetzt schon nötig. Und betreffend des CO2 ausstosses muss man sich auch keine Gedanken machen. Schliesslich fahren wir bald alle elektrisch und so reduziert sich der Ausstoss automatisch. Dies wird immer wieder totgeschwiegen. Den Grünen geht es offensichtlich nur darum alle Strassen in Grünflächen umzuwandeln und alle Auswärtigen von der Stadt fern zu halten. Egal ob der CO2 Ausstoss da ist oder nicht.

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      1. Samuel Kneubühler, 29.11.2021, 18:58 Uhr

        Auch E-Autos brauchen platz! Den haben wir aber nicht!

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      2. Philipp, 29.11.2021, 23:01 Uhr

        Herr Kneubühler, es geht um den Bau vom Bypass und nicht um Strassenerweiterungen in der Stadt. Und für den Bypass haben wir den Platz sehr wohl und er würde das Stadtzentrum sogar entlasten. Und wenn wir nicht die ganze Zeit hunderte von Parkplätzen ersatzlos streichen würden, gäbe es auch weniger Suchverkehr. Dazu kommt dass der VCS davon spricht dass der Bypass nicht nötig sei, da das Verkehrsaufkommen weniger stark steigen wird. Aber nochmals, der Bypas ist schon mit dem heutigen Stand an Fahrzeugen längst nötig. Und eine Verkehrsabnahme wird es in Zukunft bestimmt nicht geben.
        Vielleicht wäre es auch an der Zeit mal darüber nachzudenken den Menschenzuwachs zu begrenzen. Aber wenn man das nur schon erwähnt heisst es man sei fremdenfeindlich. Aber darum geht es nicht. Wir haben schlichtweg nicht den Platz für nochmehr Menschen. Egal woher sie kommen. Wir haben weder den Wohnraum noch die Kapazität im Strassenverkehr. Aber die Stadt will natürlich wachsen. Nur so kommt Kohle rein ins Steuerkässeli.

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  2. Robert 1, 29.11.2021, 07:49 Uhr

    «Verkehr wächst nur halb so stark wie Bevölkerung» – Hoffentlich!

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