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Luzerns eigenes Musical: Vom potenziellen Ohrwurm zum Absacker
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«Das Wunder von Luzern»: eine aufwendige, eigens auf Luzern zugeschnittene Musicalproduktion mit einigem Ausbesserungsbedarf. (Bild: Lina Friedrich)

«Das Wunder von Luzern» im Le Théâtre Emmen Luzerns eigenes Musical: Vom potenziellen Ohrwurm zum Absacker

4 min Lesezeit 2 Kommentare 09.09.2018, 15:15 Uhr

Am Samstag ging die Uraufführung von «Das Wunder von Luzern» im Le Théâtre Emmen über die Bühne. Eine aufwendige, eigens auf Luzern zugeschnittene Musicalproduktion mit guten Stimmen, viel Einsatz – und einigem Ausbesserungsbedarf. Nicht nur, weil abgegriffene Geschlechterklischees ausgepackt wurden.

Die Story nach dem Libretto von Frank Sikora ist relativ schnell erzählt: Luzern legt aus Spargründen alle Chöre des Kantons zusammen und die Hofkirche soll an einen russischen Oligarchen verkauft werden. Als sich eben dieser gemischte neue Chor nicht an die neue Situation gewöhnen kann und sich zerstreitet, erscheint ein Sängerknabengeist aus dem 17. Jahrhundert. 

Dieser rettet nicht nur den Chor, sondern hilft diesem auch, die Stadt vor dem kulturellen Ruin zu bewahren. Der Geist selbst findet dadurch ausserdem Erlösung: Alle sind am Ende glücklich, das Wunder von Luzern ist vollbracht. So weit, so gut.

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Unplausible Story, überlang erzählt

Diese Geschichte über zwei Stunden zu strecken ist jedoch gewagt. Der Plot ist nicht nur an den Haaren herbeigezogen, sondern auch zu wortreich und langatmig. Dies zeigt sich bereits in der Eröffnungsszene, die sich – grundsätzlich ideenreich und farbenfroh – zu lange hinzieht. Die darauffolgende Opener-Nummer «Willkomme in Lozärn» hat dagegen Ohrwurmpotenzial, besonders, weil sie das Stück am Ende nochmals abrundet.

Geschmeidigkeit fehlt

Doch gleich danach wieder ein Absacker: Der Übergang vom modernen Luzern ins Städtchen im Jahre 1663 ist nicht geschmeidig. Die Erzählstränge wirken zusammengewürfelt. Eine Gruppe von verarmten Sängerbuben tritt auf, jeder von ihnen mit zu viel Hintergrundinformationen für die Nebengeschichte.

Caspar, einer der Jungen und später der Geist, gespielt und gesungen von Loris Sikora, ist aber gelungen besetzt. Er glänzt mit seiner sehr guten Musicalstimme. Die bewahrt ihn jedoch nicht vor ellenlangen Textstellen. Zu lang wird im Zwiegespräch mit den Wesen der Zwischenwelt erklärt, wie er Erlösung finden kann.

Zu lang ist auch das Rätsel, das sie ihm aufgeben und welches er dann den Chorjungs und -mädels des heutigen Zeitalters aufträgt mit den Worten: «Ich säg’s nur eimal und alles isch wichtig.» Zurückhaltendes Gelächter ging hierbei durch die Reihen der Zuschauer: Vollkommen unrealistisch, dass sich Kinder auf Anhieb einen 16-Zeiler merken können.

Gute Ideen schlecht umgesetzt

Auch zurück im heutigen Zeitalter trüben einige happige Schönheitsmakel das Musicalerlebnis. Zuerst ein fiktiver Nachrichten-Einspieler mit der echten Sabine Dahinden: Man freut sich, die Idee ist kreativ, der Beitrag allerdings schlicht überlang.

Beim Zusammentreffen der Jungen- und Mädchenchöre werden nebst altbackenem «Digital Natives»-Klamauk abgegriffene Geschlechterklischees aus der Mottenkiste geholt.

Kurz zusammengefasst: Jungs sind «schwanzgesteuert» und Mädchen sind besser und schlauer, singen und tanzen aber trotzdem anzüglich und sind teils knapp bekleidet. Wenn «Jungs sind D-O-O-F» im Chorklang von der Bühne schallt, wird’s unbequem.

Doch damit nicht genug: «Das Wunder von Luzern» macht auch nicht vor Asylanten- und Ausländerwitzen Halt. Nun soll das nicht heißen, dass es Dinge gibt, über die man nicht lachen darf. Die gibt es nämlich nicht, denn Satire darf alles. Wenn sie denn auch gut ist. Die gefallenen Scherze waren jedoch hölzern und wiederum abgedroschen: Wie oft sind zynische Bemerkungen über Donald Trump noch unterhaltsam?

Technische Fauxpas im Verhältnis halb so wild

Wegen der Zähigkeit und fehlenden Glaubhaftigkeit der Geschichte war wohl auch bei den Gesangs- und Tanzeinlagen die Luft raus. Dass der Beleuchtungstechniker offenbar nervös war und den Solosänger mit seinem Lichtkegel bisweilen nicht so richtig fand, dass manches Mikrofon nicht funktionierte und die Musik die Sänger übertönte, ging dabei im Rauschen unter.

Die jugendlichen Darsteller warteten teils am Ende eines Sprechteils auf das Einsetzen der Musik für ihre musikalische Einlage. Schwerfällige Sekunden verstrichen. Es war unmöglich, die Stimmung da noch zu kehren, auch wenn die junge Truppe viel Einsatz zeigte. Choreografisch hätte der gesamte Bühnenraum besser ausgenutzt werden können. Mehr Tempo hätte auch sein dürfen, besonders, wenn man mit so energetischen Spielern arbeitet.

Junge Stimmen mit Potential

Positiv in Erinnerung bleiben die Soli von Loris Sikora sowie Emma Davis. Ihre glockenklare Stimme und bewundernswerte Technik kamen im Zusammenspiel mit Jonathan Kionke und Melina Rüeger sehr schön zur Geltung. Ebenfalls obenaus schwang Learta Haxhimurati mit ihrem Jazz-Timbre.

Der Bubenchor sorgte für einige unterhaltsame Momente, «Jöö»-Effekte – wurde aber leider überstrapaziert. So lautet denn auch das Fazit: gute Stimmen, ansonsten viele Makel. Nun mag man sich fragen, ob es denn in Ordnung ist, mit einem Kinder- und Jugendlichenmusical so hart ins Gericht zu fahren – die Antwort ist: Ja, wenn der Eintrittspreis bis zu 50 Franken* beträgt.

Wäre das Wunder von Luzern eine Schulaufführung, sähe alles ganz anders aus. Es ist aber eine grossspurige Inszenierung mit einem rund 50-köpfigen Team unter professioneller Produktionsleitung. Das Musical scheute weder den großen Werbe- noch Internetauftritt, und lieferte schlussendlich einfach nicht ab.

* Die Ticketpreise liegen zwischen 15 und 50 Franken. Das Stück läuft noch bis 23. September.

Mehr Einblicke in das Musical erhalten Sie in der Bildergalerie:

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2 Kommentare
  1. Peter [email protected], 14.09.2018, 17:40 Uhr

    Die Kinder und Jugendlichen haben unzählige Stunden (incl. zwei Wochen in den Sommerferien) hergegeben, um das Musical auf die Beine stellen zu können. Wir haben hier keine selbstständigen Erwachsenen, sondern Jungen und Mädchen, die in fast allen Bereichen eine genaue Instruktion benötigen (Gesang, Transport zu den Probenlokalen, Kleidung, Verpflegung und Beschäftigung während der Pausen…). Ich finde, dass ein grossartiges Resultat zustande gekommen ist, die stimmlichen Qualitäten sind durchaus hervorzuheben.
    Dass die kleinen, technischen Fauxpas überhaupt erwähnt werden, klingt für mich kleinlich und auf der Suche nach Unzulänglichkeiten. Wenn jetzt das Argument der Eintrittspreise kommt – die Preise sind trotzdem berechtigt. Das enorme Engagement aller Beteiligten ist zu würdigen und geht mit Abstand über eine “Schulaufführung” hinaus.
    Professionalität darf in diesem Fall einmal aus einer anderen Perspektive betrachtet werden!
    Annette Omachen

  2. Joachim Huber, 10.09.2018, 21:43 Uhr

    Liebe Linda
    Ich selbst war ebenfalls an der Premiere und ich bin mit Ihnen nicht ganz gleicher Meinung.
    Ich fand das Musical sehr gut auch wenn es teilweise mit der Tontechnik noch nicht alles sauber lief. Sie sagten in Ihrem Bericht es sei Sexistisch und dass die Frauen teliweise wenig Stoff anhaben.
    Dazu muss ich sagen, dass sie in diesem Fall das Musical falsch verstanden haben.
    Wie auch schon im Flyer des Musical steht, ist es ein IRONISCHES Musical.
    Ich bin auch ein bischen überascht weshalb sie so kritisch sind, denn mir und dem restlichen Publikum hat es sehr gefallen. Das Musical hat wurde sogar mit einem standing ovatium verabschiedet, was man auf Ihren Fotos auch sieht.

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