Luzernerin will Migranten in die Theater bringen – weil sie nur selten kommen
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Irina Studhalter arbeitet im Kleintheater Luzern. Sie fragte sich: Wer besucht die Theater eigentlich nicht? (Bild: Ingo Höhn)

Werkzeug gegen soziale Ungleichheit Luzernerin will Migranten in die Theater bringen – weil sie nur selten kommen

4 min Lesezeit 8 Kommentare 28.02.2021, 15:25 Uhr

Die Jungpolitikerin Irina Studhalter plant einen Theaterclub für Migrantinnen aus Luzern. Damit will sie die Diversität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. Sie erklärt, weshalb das wichtig ist.

Sie will das Theater öffnen für Menschen, die da sonst nicht hingehen. Die Luzernerin Irina Studhalter will einen Theaterclub für Migrantinnen und Migranten starten.

Die 27-Jährige studiert soziokulturelle Animation und lanciert das Projekt im Rahmen ihres Studiums. Der Grossstadträtin und Mitarbeiterin des Kleintheaters Luzern ist aufgefallen, dass Theaterstücke nur selten von People of Color, Fremdsprachigen oder Menschen mit Migrationsgeschichten besucht werden.

«Die Sprache, die auf der Bühne und im Publikum gesprochen wird, ist nicht so divers, wie sie sein könnte.» Und so kam sie auf die Idee, diesen Menschen den Zugang zum Theater zu erleichtern und Improvisations-Workshops anzubieten.

Migranten wollen Theater spielen

Die Frage, warum nur wenige Migrantinnen das Theater besuchen, kann Studhalter nicht abschliessend beantworten. Sie vermutet, dass Eintrittspreise oder Sprache eine Hemmschwelle sein könnten. Auch könnte die Kultur des Theaterbesuchs hier anders gelebt werden oder man gehörte im Herkunftsland nicht zu der sozialen Schicht, die das Theater besuchten.

«Für das künstlerische Schaffen ist es spannend, wenn mehr Menschen sich kulturell betätigen und ihre Sichtweisen einbringen.»

Irina Studhalter

Mit einer Onlinebefragung richtete sie sich gezielt an Migrantinnen, um deren Bedürfnisse abzuholen. «Dabei ist deutlich rausgekommen, dass Migrantinnen und Migranten Lust haben, Theater zu besuchen oder sogar selber einmal Theater zu spielen.»

Zürich als Vorbild

Andere Theater wie beispielsweise das Maxim-Theater in Zürich arbeiten schon seit Jahren mit Migranten zusammen. Claudia Flütsch, eine der Gründerinnen des Theaters, war es ein Anliegen, ein «interkulturelles Theater» zu gründen, sagte sie gegenüber der «WOZ». Vor rund 15 Jahren entstand das Maxim-Theater im Langstrassenquartier, einer Gegend, die bunt und divers ist.

So wollte man auch ein «Quartiertheater» werden. Eines, das den Menschen den Zugang zum Theater ermöglicht, die diesen sonst nicht haben. Allgemein setzen grosse Häuser wie das Schauspielhaus Zürich mehr und mehr auf diverse Ensembles. Verschiedene Hautfarben, verschiedene Geschlechter und verschiedene kulturelle Hintergründe sind gesucht und gefragt.

Migrantinnen und Einheimische zusammenbringen

Das Projekt von Studhalter soll partizipativ sein. Sie möchte, dass die Theater zu einem Begegnungsort werden, sowohl für Einheimische wie Zugezogene. Die Einheimischen sollen quasi als Türöffner fungieren, damit das Gegenüber mit dem Theater in Berührung kommt. «Für das künstlerische Schaffen ist es spannend, wenn mehr Menschen sich kulturell betätigen und ihre Sichtweisen einbringen. Alles in allem fördert es die Diversität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt, was aus meiner Sicht – und jener meines Berufs – einen Mehrwert darstellt.»

«Sie müssen sich nicht auf Deutsch ausdrücken, sondern können das über eine beliebige Sprache oder ihren Körper tun.»

Irina Studhalter

Die Sprache kann natürlich eine Barriere sein. «Aber gerade das Theaterspielen kann grosses Potenzial haben, eine neue Sprache zu lernen», so Studhalter. Die Migranten sollen am eigenen Körper erfahren, wie es ist, Improtheater zu spielen und die eigene Kreativität zu erleben. «Sie müssen sich nicht auf Deutsch ausdrücken, sondern können das über eine beliebige Sprache oder ihren Körper tun.»

Eine Aufführung wird es nicht geben

Wie geht es nun weiter? Studhalter ist derzeit noch mitten an der Konzeptarbeit – und wird die erste Eingabe für eine Finanzierungsanfrage machen. Der nächste Meilenstein: ein Kick-off-Event am 30. März, an dem sie ihr Projekt vorstellt und eine erste Improübung durchführt. Etwa ab Mai sollen dann die Workshops stattfinden.

Eine Aufführung wird es jedoch nicht geben. Dies, damit es ein niederschwelliges Angebot bleibt und sich niemand dazu verpflichtet fühlt, Woche für Woche zu den Proben zu kommen. «Gerade da sich die Lebensrealität von Menschen mit Migrationsgeschichte schnell ändern kann. Sie können sich weniger gut für etwas verpflichten, weil ihr Leben weniger stabil ist und sie vielleicht mal weiterziehen müssen.»

Werkzeug gegen Ungleichheit

Die Workshops sollen in verschiedenen Räumen stattfinden – neben dem Kleintheater auch an Treffpunkten, wie dem «HelloWelcome» am Kauffmannweg oder der Autonomen Schule an der Horwerstrasse. «Ich möchte die Menschen dort ansprechen und besuchen, wo sie sich zuhause und wohl fühlen», so Studhalter. Ihre grösste Vision: Die kulturelle Teilhabe von Migranten in Luzern zu stärken.

Das bedeutet für sie, dass Migranten kulturelle Anlässe besuchen, anbieten und darin mitwirken. «Kulturelle Teilhabe ist ein Teil vom sozialen Leben, also auch ein Stück Integration und ein Werkzeug, um soziale Ungleichheiten abzubauen.»

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8 Kommentare
  1. Lui Casutt, 01.03.2021, 14:59 Uhr

    Ich finde auch, Irina Studhalter sieht die wahren und dringendsten Probleme unserer Region. Gratuliere!

    1. Peter Bitterli, 01.03.2021, 21:00 Uhr

      Sie täuschen sich, Herr Casutt, und verklären Frau Studhalter sehr zu unrecht. Inuit, Klismaphile und Haluxbetroffene sind noch viel weniger im Theater anzutreffen. Wer tut hier etwas dagegen? Und was ist mit all den im Körper einer Frau steckenden Männern, die aus Schwellenangst noch nie einen Wolleladen betreten haben? Oder wer denkt an Kunstschulabsolventinnen ohne Bedürfnis nach Swingerclubs?

    2. Lui Casutt, 01.03.2021, 23:35 Uhr

      Da muss ich Ihnen absolut Recht geben, Herr Bitterli.
      Es ist immens wichtig, auch die von Ihnen erwähnten Ungereimtheiten endlich aufzudecken!
      Vorallem Kunstschulabsolventinnen gelten meine vollste Aufmerksamkeit.

    3. lucifer, 02.03.2021, 06:09 Uhr

      herr bitterli ist wieder mal in hochform am austeilen. wenn man bedenkt dass er früher auch ein linker war….was ist bloss vorgefallen, dass es zu diesem sinneswandel kam!?

    4. lucifer, 02.03.2021, 06:11 Uhr

      @peter bitterli und nicht zu vergessen…was ist mit denen, welche das bedürfnis nach russland haben? 😃

  2. Andreas Peter, 28.02.2021, 18:12 Uhr

    Um es wie im Theater zu sagen: «Gott, lass Hirn regnen… oder Steine. Hauptsache, du triffst.»
    Mir tun die Migranten leid, die sich von solchen Kindsköpfen ihre Interessen vorschreiben lassen müssen.
    Grossstadträtin? Das Ende ist nah…

    1. lucifer, 28.02.2021, 20:20 Uhr

      also ich finde es eine tolle sache:) bravo frau studhalter es hat sich gelohnt sie zu wählen 🙂 vielen dank for ihren einsatz!

    2. Sonja Eisl, 01.03.2021, 10:09 Uhr

      Grüezi Herr Peter, für ein nächstes Mal: Hätten Sie das, was Sie zu sagen haben, freundlich geschrieben, wäre nicht soviel Information verloren gegangen. Ich freue mich übrigens sehr und bin stolz, dass wir mit Irina Studhalter eine äusserst engagierte junge Mitarbeiterin in unserem Team haben. Beste Grüsse, Sonja Eisl, Co-Leitung Kleintheater Luzern

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