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Luzernerin träumt von 35’000 neuen Fabriken in zwölf Jahren
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Marianne Wilmsmeier mit Hund Sky und Wim Lanz vor der künftigen «People's Factory» an der Bundesstrasse 29, Luzern. (Bild: zvg)

Offene Hightech-Werkstatt in der Neustadt geplant Luzernerin träumt von 35’000 neuen Fabriken in zwölf Jahren

4 min Lesezeit 1 Kommentar 20.05.2018, 11:28 Uhr

«Die Zeit ist reif für die individuelle Produktion», sagt Marianne Wilmsmeier. In ihrer «Fabrik für alle» sollen Menschen ihre Alltagsgegenstände selbst herstellen. Diese soll es an «mindestens so vielen Standorten wie McDonalds» geben. Ihre Bestimmung fand die in Luzern wohnhafte Gründerin nach mehreren Burnouts.

«Wäre es nicht toll, die Lampe von Ikea selbst herzustellen?», fragt Marianne Wilmsmeier. Die 47-Jährige ist überzeugt, dass etwas selbst anzufertigen zufriedener macht. Anfang September eröffnet sie deshalb die «People’s Factory», eine offene Hightech-Werkstatt, in der Luzerner Neustadt.

Das Konzept funktioniert so: Die People’s Factory veranstaltet Kurse, um Alltagsdinge selbst zu machen und den Umgang mit den benötigten Maschinen zu lernen. Die Produkt-Entwürfe stammen von Designern, die pro Verkauf belohnt werden. Ob Stuhl, Kerzenständer oder Portemonnaie – möglich ist, was sich die Designer aufgrund der vorhandenen Maschinen ausdenken. Die schwierige Arbeit, wie etwa eine Tischscheibe exakt ausfräsen, übernimmt eine Maschine. Die Einzelteile werden dann von Hand zusammengesetzt und bearbeitet. 18 Produkte stehen heute zur Auswahl, das Angebot wird laufend erweitert.

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Neben Fertigungsinseln mit CNC-Fräse, 3D-Drucker, Lasercutter, Plotter, digitalem Webrahmen und digitaler Drahtbiegemaschine, einer Nähmaschine und traditionellen Werkzeugen soll es eine Lounge geben, denn auch gemütliches Beisammensein sei wichtig. «Nach dem ersten Grundkurs können die Leute selbstständig weitere Produkte in der offenen Fabrik machen», so Wilmsmeier.

«Handwerkskurse sind frustrierend»

Die People’s Factory sei nicht zu vergleichen mit einem Töpferkurs, sagt Wilmsmeier. «Handwerkskurse sind frustrierend. Niemand will eine schiefe Handtasche, die dann in der Ecke steht.»

Die Gründerin hat einen steinigen Weg bis zur Eröffnung hinter sich. Nachdem sie bis 2010 als Unternehmensberaterin tätig war, erlitt sie ihr erstes Burnout. Sie hängte die «Karriere in der Kennzahlenindustrie» an den Nagel und versuchte sich als Innovationsberaterin. Dort arbeitete sie erstmals mit digitalen Produktionsmaschinen.

Doch auch hier: Herzrasen, Panikanfälle, Zusammenbruch. Nach dem dritten Burnout wollte sie «mit den Händen kreativ sein». Acrylmalen, Porzellan giessen, Papier schöpfen, modellieren, bildhauen – Wilmsmeier hat vieles probiert, war jedoch nie ganz zufrieden. Gedanklich war es jedoch nur noch ein Katzensprung zur Geschäftsidee. «Ich ging durch Ikea und dachte: Das können wir alles selber machen.»

Technologie macht aus jedem einen Produzenten

Das Konzept der individuellen Produktion ist nicht neu. Auch in den «Fablabs» dieser Welt gibt es digitale Maschinen. «Die Fablabs sind Nerdplaces und nicht attraktiv für normale Menschen», sagt Wilmsmeier. Zum Luzerner Ableger hat sie einen guten Draht und das Team unterstützt sie bei ihrer Idee. Bis Wilmsmeier in ihre eigene Location zieht, darf sie im Fablab Luzern heute schon Kurse anbieten, um Erfahrungen zu sammeln. «Das Echo ist positiv», erklärt sie. Wieder etwas mit den Händen zu machen gebe den Menschen die Kontrolle über ihr Leben zurück. «Die Konsumgesellschaft macht uns kaputt», sagt Wilmsmeier. Auch hier spricht sie aus Erfahrung. Ihr eigener Konsum sei mit schuld an ihren Burnouts gewesen. «Ich hatte einen 5,5 Meter langen Kleiderschrank.»

Solche Projekte soll man in der People's Factory einst selber herstellen können.

Solche Projekte soll man in der People’s Factory einst selber herstellen können.

(Bild: zvg)

Heute denkt sie kritisch darüber und möchte einen positiven Beitrag leisten. Doch wird in der People’s Factory nicht auch konsumiert? Das stimme, sagt sie, doch sei es ein bewusster Konsum. «Die selbstgemachte Lampe, die lange funktioniert und ein tolles Design hat, wird nach einem Jahr nicht schon wieder ersetzt.» Ausserdem lernten die Leute, die Maschinen zu bedienen, und könnten diese auch ohne Workshop nutzen. 

In Luzern fängt alles an

Wilmsmeier freut sich, mit der People’s Factory «ein Zuhause» im Hirschmattquartier gefunden zu haben. Das Netzwerk in Luzern muss sich die gebürtige Deutsche allerdings erst aufbauen und ist offen für «Leute, die mitmachen wollen». Neben ihr ist Wim Lanz am Projekt beteiligt. Der ehemalige Art Director ist für die Kommunikation, den Aufbau der Workshops und die Inszenierung der Objekte zuständig. Mit Thomas Studer konnte sie auch schon einen ersten Designer aus der Region gewinnen. Die People’s Factory soll ein «Quartier-Projekt» werden. «Unser Wunsch ist es, das Quartier einzubinden und vielleicht ein Quartierprodukt zu entwickeln», sagt Wilmsmeier. 

Von Luzern aus soll das Konzept in die Welt getragen werden. «Wir träumen von 35’000 People’s-Factory-Standorten im Jahr 2030», sagt Wilmsmeier. Wie kommt sie auf diese Verheissung? Sie erklärt, dass MIT-Professor Neil Gershenfeld bis 2033 eine Million Fablabs prophezeie. Seine Theorie: Nachdem der PC die Datenverarbeitung revolutioniert hat, und das Internet die Kommunikation, sei es Zeit für den dritten grossen Umbruch – in der Produktion.

Auch die People’s Factorys sollen Teil dieser nächsten digitalen Revolution werden und Wilmsmeier möchte «mindestens so viele Standorte wie McDonalds». Die 35’000 People’s Factorys will sie nicht besitzen, sondern in einer «Art Genossenschaft mit Franchising-System» verwalten. Reich werden ist nicht ihr Ziel. «Es soll nur für ein gutes Leben in der Rente reichen», sagt Wilmsmeier und scherzt: «Ikea wird ein Problem mit uns bekommen.»

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1 Kommentare
  1. Michel Ebinger, 20.05.2018, 16:20 Uhr

    Regionalisierung und Dezentralisierung sind die Zukunft und zwar in allen nur erdenklichen Bereichen. S§§§§§§§elbst die Konzerne und Banken werden durch diese Entwicklung pulverisiert werden!