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Luzernerin Claudia Kienzler rettet ältestes Variété in die Zukunft
  • Kultur
Die Musikerin Claudia Kienzler (Mitte) hat selber drei Jahre im Variété mitgewirkt – nun baut sie ein neues Programm auf. (Bild: zvg)

Neuer fahrender Kulturbetrieb geplant Luzernerin Claudia Kienzler rettet ältestes Variété in die Zukunft

6 min Lesezeit 01.02.2020, 16:59 Uhr

Eine über 70-jährige Tradition bekommt eine neue Zukunft: Ab 2021 soll im Zelt des ehemaligen «Broadway Variété» das «Variété Caleidoskop» auferstehen. Die Initiantin Claudia Kienzler brennt schon für das Programm. Doch zuerst muss sie noch ein paar andere Klippen überwinden.

Es war das älteste Schaubudenzelt der Schweiz. Ihre grotesk-wild unterhaltenden Shows begeisterten das Land, immer wieder auch in Zug oder auf dem Luzerner Sonnenberg. Aber dann war Schluss mit dem «Broadway Variété»: 2018 zeigte das Basler Spiel- und Verzehrtheater ihre letzte Show «Le Resort» (zentralplus berichtete).

Neue regulatorische Situationen, teure Platzmieten, ja der ganze «Behördendschungel» erschwerten den Fortbestand des Betriebs. Dessen Wurzeln reichen zurück bis 1947, als das damalige «Imperiale» in «Broadway» umgetauft wurde.

Nun steht 2020 ein neues Kapitel bevor: das «Variété Caleidoskop». Zu verdanken ist es der Musikerin Claudia Kienzler, die selber drei Jahre beim «Broadway» mitgewirkt hat und den Reiz und die Herausforderungen des mobilen Artistendaseins aus eigener Erfahrung kennt.

Sie glaubt weiter an die Macht und die Wirkung des Schaubudentheaters. An die ganz eigene Mischung aus Artistik, Musik, Theater, Tanz, Komik und Kulinarik. «Ich konnte die Chance nicht an mir vorbeiziehen lassen», sagt die 38-jährige Zugerin, die in Luzern lebt.

Das neue «Variété Caleidoskop» übernimmt das Zelt und die Infrastruktur des ehemaligen «Broadway Variété».

30’000 Franken für Anschub

Der neue Verein Variété Caleidoskop hat das alte Broadway-Zelt und Teile des Equipments wie Wagen und Traktoren gekauft und stellt ein neues abendfüllendes Programm auf die Beine, mit dem sie dann in bester Tradition während der warmen Monate die Schweiz bereisen werden. Dafür haben sie kürzlich einen Förderbeitrag von 30’000 Franken vom Migros-Kulturprozent erhalten (zentralplus berichtete).

«So etwas gibt es in der Zentralschweiz nicht.»

Claudia Kienzler

Doch zuerst geht’s um anderes: Kienzler ist damit beschäftigt, das Unternehmen mitsamt Infrastruktur aufzubauen. Im März fahren die Wagen und das Zelt ein, die auf der Zwischennutzung NF49 beim Seetalplatz ein neues Zuhause erhalten. Anderes Equipment muss sie neu auftreiben und zusammensuchen – etwa eine Werkstatt und weitere Wagen.

Danach stehen Umbauarbeiten an. Einerseits wegen neuer Sicherheitsvorschriften, andererseits werden der Betrieb und das Zelt verkleinert. «Um auf einer neuen Basis wieder gesund wachsen zu können», sagt sie. «Der künstlerische Inhalt brennt daneben die ganze Zeit im Hinterkopf, aber ich komme noch nicht wirklich dazu, ihm die volle Aufmerksamkeit zu widmen.»

Das Team hinter dem «Variété Caleidoskop» mit Initiantin Claudia Kienzler (auf dem Sofa).

Zirkusse sind in der Krise

Claudia Kienzler wohnt selber in einem umgebauten Bauwagen und hat sich an das Leben auf wenigen Quadratmetern gewöhnt. So gesehen passt das Variété-Vorhaben gut zu ihrer «destabilisierenden Lebensphase», wie sie es lachend nennt. Denn: «Freiheit ist in gewisser Weise das Gegenteil von Sicherheit.»

Gleichzeitig hat die Tradition der Wanderzirkusse zu kämpfen und sie geben reihenweise den Betrieb auf. Sie schaut dem Abenteuer, das älteste fahrende Variété des Landes zu retten, mit Respekt und der nötigen Gelassenheit entgegen.

Aber ein Spassvorhaben ist es nicht: Der Verein stellt einen mobilen Kulturbetrieb auf die Beine, engagiert ein Team und wird Löhne zahlen. Die Truppe wird über Monate auf dem Platz wohnen, wirken, spielen, kochen – ja leben. «So etwas gibt es in der Zentralschweiz nicht. Es sind hier weder Zirkusse noch Variétés ansässig», sagt Kienzler.

«Alle machen alles beim Variété, vom Zelt putzen bis zum Laub rechen.»

Der Förderpreis des Migros Kulturprozent sein ein wertvoller und motivierender Startschuss. «Damit wir im 2021 fahren können, ist aber noch mehr Fundraising nötig», so Kienzler. Inzwischen sei die Hälfte der Investitionen zugesichert.

Der Verein geht jetzt Stiftungen und die öffentliche Hand an, auch ein Crowdfunding sei später denkbar. Zudem existiert aus älteren Zeiten ein Gönnerverein, der weiterhin seine Unterstützung zugesichert hat.

Claudia Kienzler und Team übernehmen die älteste Schaubude der Schweiz.

Gemeinschaft ist für alles zuständig

Will Claudia Kienzler vor allem eine alten Tradition bewahren – oder die fahrende Schaubude neu erfinden? «Es ist beides», sagt sie. «Ich will den alten Stil der Fahrenden weiterführen. Diese Form der Sozialgemeinschaft, die ganzheitlich denkt, an einem Strick zieht und für alles selber verantwortlich ist.»

Für sie ist das Variété auch eine Gelegenheit, ihre künstlerische Neugier auszuleben. «Man wird merken, dass es etwas Neues sein wird», sagt die klassisch ausgebildete Geigerin, die in verschiedenen Orchestern und Ensembles spielt und an der Musikhochschule Luzern unterrichtet.

In der Luzerner Subkultur und der zeitgenössischen Musik ist Claudia Kienzler ebenso verankert. Sie tritt als Vermittlerin und Vernetzerin in Erscheinung, engagiert sich etwa im Vorstand des Netzwerks Other Music Luzern.

Auch der Küchenduft spielt eine Rolle

Nun muss sie noch die richtigen Leute für den Wanderzirkus finden. Aus dem bisherigen Kernteam bleiben der Zeltmeister und ein Zimmermannen erhalten. Für das Programm wird sie ein neues sechs- bis siebenköpfiges künstlerisches Team zusammenstellen. Dazu kommen eine Regie, ein Koch und eine Person für Technik und Infrastruktur.

Die Truppe wird sich aus Artistik, Musik, Tanz, Theater oder Komik zusammensetzen. Bedingung sei eine grosse Offenheit, weil man sich für nichts zu schade sein dürfe. «Alle machen alles beim Varieté, vom Zelt putzen oder Kochen bis zum Laub rechen», sagt sie.

Auch Experimente sollen im Variété Platz haben. Der unterhaltende Charakter des Varietés soll mit ernsthafteren Dramaturgien und Formaten korrespondieren. «Ich muss jetzt die Leute finden, die sich darauf einlassen», sagt sie. Selbst die Kulinarik – etwa Düfte und Geräusche aus der Küche – wird nicht nur auf den Tellern der Gäste, sondern auch auf der Bühne eine Rollen spielen. «Wir veranstalten keinen Gastro-Event, aber sprechen so einen weiteren Sinn an», sagt Kienzler.

Daher auch der Name: Wie in einem Kaleidoskop mit den farbigen Objekte werden Eindrücke und Disziplinen stets neu durcheinandergewirbelt. «Je nachdem, wie ich daran drehe, ergeben sich neue und überraschende Muster», sagt Kienzler.

Claudia Kienzler hat schon Variété-Bühnenerfahrung.

Zelt für andere freigeben

An den jeweiligen Auftrittsorten will sich das Variété mit der lokalen Kulturszene vernetzen. «Schliesslich gehen auch die Kulturhäuser immer mehr nach draussen und suchen nach Formaten auf der Strasse oder in neuen Räumen», sagt Kienzler. So gesehen ist die Tradition gleichzeitig ein moderner Gedanke: Dort hingehen, wo die Leute sind, und mobil sein.

Neben dem eigenen Programm soll das Zelt an einzelnen Abenden auch anderen Kulturschaffenden und lokalen Players zur Verfügung stehen. Und wenn das Zelt bereitsteht, soll es schon vor 2021 erste Einblicke geben. Für den Herbst 2020 seien erste Try-outs geplant.

Das «Variété Caleidoskop» nutzt Zelt und Fahrzeuge des ehemaligen «Broadway Variétés», das regelmässig auf dem Luzerner Sonnenberg gastierte.

Wieder auf dem Sonnenberg?

Und an welchen Orten werden Sie schliesslich Halt machen? «Wahrscheinlich eher nicht an der Määs», sagt sie in Anlehnung an die alten Jahrmärkte mit den Schauzelten. In Luzern also wieder auf dem Sonnenberg? «Das wär schön, aber es braucht neue Verhandlungen, weil der Platz teuer und aufwendig ist.» Ansonsten sind Auftritte an den bisherigen Orten geplant, wo man die Schaubude schon kennt: Zug, Basel oder Bern. Auch neue Orte wie Sursee, Winterthur, die Ost- oder Südostschweiz seien denkbar.

Das ist noch Zukunftsmusik, ein Berg Arbeit bleibt zu bewältigen – und noch ist nicht alles in trockenen Tüchern. Aber die Chancen stehen gut, dass das älteste Schweizer Variété wieder durch die Lande tuckert.

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