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Luzernerin berichtet aus Mailand: «Am meisten kämpfe ich mit der Einsamkeit»
  • Gesellschaft
Warteschlangen so weit das Auge reicht: Wer in Mailand einkaufen geht, muss Geduld haben. (Bild: zvg)

So ist das Leben im kompletten Lockdown Luzernerin berichtet aus Mailand: «Am meisten kämpfe ich mit der Einsamkeit»

5 min Lesezeit 22.03.2020, 05:00 Uhr

Mailands Schulen wurden vor drei Wochen geschlossen, seit bald zwei Wochen herrscht eine strikte Ausgangssperre. Mittendrin: die Luzerner Lehrerin Sara Longo. Was Luzern in abgeschwächter Form erlebt, kennt sie aus eigener Erfahrung.

Sara Longo ist Lehrerin an der Schweizer Schule Mailand (Scuola Svizzera Milano). Sie berichtet von einer Stadt, die sich inzwischen mit der Realität einer kompletten Ausgangssperre arrangiert hat.

zentralplus: Sara Longo, wie sieht Ihr Leben im Moment aus?

Sara Longo: Persönlich habe ich eigentlich Glück. Ich habe meinen Job, der mir eine klare Tagesstruktur gibt. Der Job hat sich jetzt halt einfach krass verändert.

zentralplus: Sie unterrichten Drittklässler an einer deutschsprachigen Schule, wie machen sie das?

Longo: Ich stehe via Skype und Mails mit meiner Schule, den 15 Schülerinnen und Schülern und deren Eltern in Kontakt. Ich sende ihnen Aufgaben oder produziere kleine Lernvideos. Da einige Eltern selber nicht deutsch sprechen, muss ich auch viele Übersetzungen schreiben. Dazu kommen die Absprachen mit den Arbeitskollegen. Das heisst viele Skype-Sitzungen und Mails – eigentlich habe ich jetzt plötzlich einen Bürojob.

«Die Carabinieri kennen da keinen Spass. Da kann man sich schnell eine saftige Busse einfahren.»

zentralplus: Und wie ist das Leben abseits des Jobs?

Longo: Das wurde natürlich komplett auf den Kopf gestellt. Das Aufwendigste ist das Einkaufen.

zentralplus: Wie funktioniert das bei Ihnen?

Longo: Zunächst mal muss ich eine sogenannte Selbstdeklaration der Regierung aus dem Netz herunterladen und ausdrucken. Darauf muss ich den Grund aufführen, weshalb es notwendig ist, dass ich das Haus verlasse. In diesem Fall zum Einkaufen.

zentralplus: Werden diese Dokumente auch tatsächlich kontrolliert?

Longo: Absolut. Die Carabinieri kennen da keinen Spass. Da kann man sich schnell eine saftige Busse einfahren.

zentralplus: Wie sieht es aus, wenn Sie beim Supermarkt ankommen?

Longo: Man muss es sich so vorstellen: Ich lebe zwar nur 5 Minuten vom nächsten Supermarkt entfernt, brauche zum Einkaufen aber eine gute Stunde.

zentralplus: Liegt das am Einlasssystem? Hier wurde das «Tröpfchensystem» gerade erst eingeführt.

Longo: Genau. Vor dem Supermarkt bildet sich eine lange Schlange. Jeder hält etwa 2 Meter Abstand. Das ist innert Kürze ganz normal geworden. Wenn man dann reingelassen wird, steht im Eingangsbereich eine Station zum Hände desinfizieren. Einige Läden haben stattdessen Einweghandschuhe.

zentralplus: Hier nerven wir uns gerade über die Hamstereinkäufer . Wie sehen die Regale bei Ihnen aus?

Longo: Das Problem mit den Hamstereinkäufen hatten wir ganz am Anfang auch. Das ist aber komplett vorbei. Ich denke, es wird sich auch in der Schweiz so verhalten. Geht man jetzt etwas später am Tag einkaufen, sind Milch und Eier meist weg. Ansonsten hat es aber ziemlich alles, was man braucht. Was das mühsame Einkaufen angeht, sind die Italiener übrigens recht erfinderisch geworden.

zentralplus: Inwiefern das?

Longo: Es gibt da etwa bereits die App «Coda Liscia». Die zeigt dir an, wie lange du zum Einkaufen anstehen musst.

zentralplus: Ihr Arbeitstag ist vorbei und Sie sind vom Einkaufen zurück. Was machen Sie mit dem ganzen Rest Ihrer Zeit?

Longo: Das ist wahrscheinlich der schwierigste Aspekt dieser Situation. Ich bin zwar mittlerweile hier zuhause, aber ich bin nicht von hier. Am meisten Kämpfe ich deshalb mit der Einsamkeit.

«Ich habe gestern von Balkon zu Balkon mit meinem Nachbarn ein bisschen geplaudert. Das war das einzige Gespräch, dass ich diese Woche mit einem Menschen in Person geführt habe.»

zentralplus: Welche sozialen Kontakte können sie noch Pflegen?

Longo: Mittels Skype, Whatsapp und sozialen Medien natürlich schon einige. Aber das ist nicht dasselbe. Ich habe gestern von Balkon zu Balkon mit meinem Nachbarn ein bisschen geplaudert. Das war das einzige Gespräch, dass ich diese Woche mit einem Menschen in Person geführt habe.

zentralplus: Was tut man sonst, um die Zeit zu füllen?

Longo: Endlich Bücher lesen! Manche lernen auch ein Instrument – oder sie singen auf dem Balkon, wie man ja schon in einigen Clips gesehen hat. Jetzt wo ich Zeit habe, koche ich auch gerne etwas aufwendiger für mich selbst. Zum Ausgleich habe ich aber auch schon Youtube-Fitneskanäle gefunden und mache meine Übungen! (lacht)

zentralplus: Sie klingen trotz allem nicht zermürbt. Wie ist die Stimmung bei Ihnen allgemein?

Longo: Die Situation ist nicht einfach und der ernst der Sache ist bei den Leuten durchaus angekommen. Ich meine: wir haben hier mittlerweile mehr Corona-Tote als in China. Kaum jemand läuft noch ohne Maske oder hochgezogenem Schal herum. Die Einstellung ist aber die: Man will das gemeinsam möglichst gut und schnell durchstehen.

zentralplus: Apropos «gemeinsam»: Hier haben sich in den letzten Tagen freiwillige Einkaufshilfen für Betagte organisiert. Bei Ihnen ist das nur noch bedingt möglich. Von wo gibt’s Hilfe für ältere Mitmenschen?

Longo: Es gibt offizielle Telefonnummern, um einen solchen Service zu organisieren. Die Nummer ist auf grossen Werbebannern überall in der Stadt platziert worden. Dasselbe gilt für eine Nummer, die man bei häuslicher Gewalt anrufen soll. Da mache ich mir übrigens wirklich sorgen. Die soziale Kontrolle fehlt im Moment fast komplett. Das ist ein Problem, dass jetzt auch auf die Schweiz zukommt.

zentralplus: Zum Schluss: Was machen sie heute noch?

Longo: Arbeiten. Danach klopfe ich vielleicht beim Nachbar an die Türe. Das ist unser Zeichen, um sich auf unseren Balkons zu treffen und vielleicht noch etwas zu plaudern.

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