Luzerner Wirt: «Ich höre auf, bevor ich konkurs gehe»
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Die Gastronomie blickt einem harten Winter entgegen.

Um 19 Uhr ist Feierabend – teils schon früher Luzerner Wirt: «Ich höre auf, bevor ich konkurs gehe»

5 min Lesezeit 3 Kommentare 11.12.2020, 20:10 Uhr

Um 19 Uhr heisst es ab Samstag in den Gastrobetrieben: Feierabend. Die Branche ist verzweifelt. Erste Luzerner Wirte schliessen ihre Türen gleich ganz. Weitere werden folgen, glaubt der Branchenverband – der mit einer Aktion selber einen Lichtblick schaffen will.

Restaurants und Bars bleiben nur noch bis um 19 Uhr offen. Der Bundesrat hat am Freitag landesweit diese frühere Sperrstunde verhängt. Die neuen Bestimmungen gelten ab morgen Samstag bis zum 22. Januar 2021.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Nach dem starken Gegenwind dürfen Restaurants auch weiterhin am Sonntag geöffnet sein.

Trotzdem ist die Gastronomie verzweifelt. «Stille Nacht bekommt in unserer Branche eine neue Bedeutung», schrieb Gastro Luzern im Anschluss an die Pressekonferenz des Bundes in einer Mitteilung (zentralplus berichtete).

Es stellt sich die Frage: Lohnt es sich für Restaurants überhaupt noch, am Nachmittag und bis um 19 Uhr geöffnet zu haben? Und wo können Gäste noch auswärts essen gehen?

Kommen die Gäste schon um 15 Uhr?

Es sind Fragen, die viele Restaurants selber noch nicht beantworten können. «Viele Betriebe haben offene Fragen – unser Telefon klingelt seit 14 Uhr unaufhörlich», sagt Thomas Tellenbach, Geschäftsleiter von Gastro Luzern.

Der Verband empfiehlt den Restaurants, aktiv auf die Gäste zuzugehen – und sie zu bitten, insbesondere am Wochenende früher einzukehren. «Wenn die Kunden – vielleicht nach einem ausgiebigeren Frühstück – bereits um 15 oder 16 Uhr kommen, bleibt Platz für ein Abendessen.» 

«Insbesondere werktags dürfte wohl nur ein kleiner Teil der Betriebe noch Abendessen anbieten.»

Ruedi Stöckli, Gastro Luzern

Auch für Verbandspräsident Ruedi Stöckli ist klar: Die Restaurants sollen, wenn möglich, auf eine durchgehende Küche umstellen. Zudem hofft er, dass sich der Mittagsservice als Alternative einpendeln wird. «Bei uns konnten wir einige Reservationen vom Samstagabend auf den Sonntagmittag umbuchen», so der Wirt des Landgasthauses Strauss in Meierskappel.

Doch das ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein, eine zufriedenstellende Lösung ist nicht zur Hand. «Insbesondere werktags wird wohl nur ein kleiner Teil der Betriebe noch Abendessen anbieten», glaubt Ruedi Stöckli. Auch er wird seinen Betrieb abends bis 19 Uhr geöffnet haben, auch wenn sich das kaum lohne.

«Bim Buume» schliesst seine Tore definitiv

Anders Hannes Baumann, langjähriger Gault-Millau-Koch aus Wikon. Er wirtet diesen Freitag zum letzten Mal in seinem Lokal «Bim Buume» – danach macht er definitiv dicht. «Ich höre auf, bevor ich konkurs gehe», sagt er. Die Unsicherheit und die ständig kurzfristigen Entscheide seien Gift für die Branche. «Es ist eine absolute Katastrophe, wie mit der Gastronomie umgegangen wird.» 

«Nun wird es ein trauriger Abschied – ohne Ustrinkete, ohne den Stammgästen danken zu können.»

Hannes Baumann, Gastronom

Viele Wirte hätten massive Ausgaben gehabt, um die Vorgaben einhalten zu können. Nun falle das Abendgeschäft weg, bei dem man im Unterschied zum Mittag noch etwas verdienen könne. «Die Behörden wollen, dass die Leute zu Hause bleiben – und wir müssen dafür bluten», sagt Baumann. «Obwohl nicht klar ist, ob es in der Gastronomie besonders viele Ansteckungen gegeben hat. Das ist ein Affront gegenüber unserem Berufsstand.» 

Hannes Baumann mit Partnerin Susanne Kneubühler.

«Bim Buume» hat bereits seit dem Lockdown im Frühling die Öffnungszeiten zurückgefahren und zuletzt nur noch am Freitagabend geöffnet gehabt. Im März hätte der 60-Jährige den Kochlöffel ohnehin an den Nagel gehängt. «Nun wird es ein trauriger Abschied – ohne Ustrinkete, ohne den Stammgästen danken zu können», sagt Hannes Baumann konsterniert. 

Weitere könnten folgen

Bei manchen anderen werden wohl ebenfalls die Lichter ganz gelöscht, meint Thomas Tellenbach vom Gastroverband. «Ich spüre bei vielen Verzweiflung pur. Einige sagen: Das war’s nun, ich schliesse.» Denn am Mittag sei der Aufmarsch ebenfalls eingebrochen, weil viele Menschen im Homeoffice arbeiteten – und ässen. Und die Liquidität sei ein grosses Problem, auch weil bei den Geschäftsmieten keine Lösung vorläge und die Härtefall-Gelder für manche zu spät kämen.

Welche Betriebe definitiv die Türen schliessen, kann er allerdings nicht sagen. Ein genaueres Bild werde man sich wohl erst im Verlaufe der nächsten Woche machen können.

Gutschein-Aktion geplant

Anfang Woche findet auch eine Telefonkonferenz mit dem Kanton statt. Der Verband hat am Freitag eine Reihe von Forderungen aufgestellt, damit es in der Gastrobranche nicht zu Massenentlassungen kommt.

Im Hintergrund kreiert Gastro Luzern derweil eine eigene Form der Unterstützung. Geplant ist eine Gutschein-Aktion mit der Genossenschaft Lunch-Check. Luzerner sollen dort eine Geschenkkarte kaufen, die bei einem der Mitglieder-Restaurants eingelöst werden kann. Tellenbach hofft, dass die Aktion noch vor Weihnachten zum Fliegen kommt – als kleiner Lichtblick in der düsteren Zeit.

Luzern und Zug gehören nicht zu den Ausnahme-Kantonen

Ausnahmen gibt es für Kantone, in denen die Fallzahlen tief sind: Dort können Restaurants weiterhin bis 23 Uhr geöffnet sein. Dies ist laut Bund aber nur möglich, wenn die notwendigen Kapazitäten im Contact Tracing und in der Gesundheitsversorgung vorhanden sind.

Zudem muss die epidemiologische Lage zwei Werte erfüllen: Der Reproduktionswert R muss während mindestens sieben Tagen unter eins liegen. Die 7-Tagesinzidenz muss zudem während mindestens sieben Tagen unter dem Schweizer Schnitt liegen.

Diese Kriterien erfüllen derzeit nur sieben Kantone: Freiburg, Genf, Neuenburg, Jura, Waadt, Wallis in der Romandie – sowie Obwalden als einziger Zentralschweizer Kanton. Zug hat bereits am Freitag angekündigt, dass eine Verlängerung vorläufig kein Thema ist, auch wenn sich die Zahlen verbessern sollten: «Aufgrund der seit Wochen angespannten epidemiologischen Lage und zwecks Planungssicherheit seitens der Betriebe soll es bis zum 4. Januar 2021 keine Sperrstunde-Ausnahme geben», schreibt er in einer Mitteilung.

Luzern hat mit 1.06 ebenfalls einen zu hohen R-Wert, ist aber nicht allzu weit von der Limite entfernt. Mit den zusätzlichen Massnahmen habe man die Chance, das Gesundheitswesen zu entlasten und den R-Wert zu senken, sagt Regierungsrat Guido Graf. «Wir analysieren die Zahlen tagtäglich. Wenn wir jetzt durchhalten und die Werte sinken, können wir gewisse Massnahmen zurücknehmen.»

Darauf hofft auch die Branche: «Wenn wir in zwei Wochen unter den Wert von 1 kämen und wieder bis 23 Uhr öffnen dürften, wäre das eine grosse Hilfe», sagt Ruedi Stöckli von Gastro Luzern. «Aber das ist schon fast eine Träumerei.» 

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3 Kommentare
  1. Carl Solvedra, 15.12.2020, 11:49 Uhr

    Die Regierungen haben versagt. Und die bürgerlichen Politiker ebenfalls. Und auch die Economiesuisse mit ihrer Eigenverantwortung. Eigenverantwortung funktioniert nur, wenn damit ein Gewinn verbunden ist. In einer Pandemie ist der Apell an die Eigenverantwortung wirkungslos. Er wurde nur so oft wiederholt, weil die Regierungen nicht den Mut hatten zu regieren, wie es in einer Pandemie angesagt ist: Die Fallzahlen müssen runter und dürfen nicht mehr steigen. Dazu hätte es Massnahmen gebraucht seitens der Regierungen. Und Entschädigungsmodelle. Als sie aus dem Sommerschlaf erwachten war es zu spät. Und der Druck der Wirtschaft (die versteht potenzielles Wachstum nur, wenn es um ihre Gewinne geht) zu gross. Corona zeigt die fehlende Kompetenz unserer politischen Kader. Und weshalb dauert das so lange, bis zur Impfung? Sie sagen: „Wir wollen genau prüfen.“ Auch das eine Ausrede. Die Verantwortlichen hätten schon lange Zeit gehabt, Impfzentren und die Logistik bereit zu stellen. Auch hier Schlafmützen. Sollen sie sie endlich ablegen und ein bisschen schneller die Berichte der Serumhersteller lesen!

  2. Rosa Luxemburg, 12.12.2020, 12:32 Uhr

    Kleinunternehmen, Gastro, Event-Branche, … gehen ein. Hilfe scheints nicht zu geben und Vermieter verstecken sich. Verrückt und schwach. Die Politik muss handeln. 10% Steuern auf alles was über 100k Einkommen ist in 2020. Wer für Grosskonzerne, Staat und Dienstleistubgsbetriebe arbeitet soll sich an der Lage beteiligen. Ich werde gerne meinen Teil beitragen …

    1. Lui Casutt, 13.12.2020, 09:25 Uhr

      Einspruch!
      Ich schaue mir die Speisekarte vom Wikon Wirt an, der schliessen will, bevor er konkurs geht.
      Beispiel: Rehschnitzel 57 Franken…!
      Happig.
      Ich würde gerne ab und zu auswärts essen gehen, muss mich aber bei den allermeisten Restaurantbetrieben an die ‚Zeiten der Küche‘ halten. Essen am Nachmittag: Fehlanzeige
      Unflexibel!
      Einige Wirte hatten es während dem Lockdown erlickt, boten ‚take away‘ an…
      Andere Beizer passen ihre Menuekarte und die Küchenzeiten an, andere bleiben stur und wieder andere sind froh, dass sie der ach so schwierigen Situation schuld geben können…
      Es findet ein gewisses aussortieren statt und das ist meines Erachtens gar nicht soooo schlecht.

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