<p>Immer weniger sind bereit, den Kirchen Steuern abzuliefern. (Symbolbild: Fotolia)</p>
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Immer weniger sind bereit, den Kirchen Steuern abzuliefern. (Symbolbild: Fotolia)  

Emotionales Geschäft mit abtrünnigen Schäfchen Luzerner wird bedroht wegen Kirchenaustritten

6 min Lesezeit 2 Kommentare 27.04.2017, 10:19 Uhr

Den Kirchen laufen die Schäfchen davon, selbst im konservativen Luzern gibt es immer mehr Konfessionslose. Das Netz enthält dazu unzählige Infos, manche Seiten bieten sogar einen kompletten Austrittsservice. Doch das Geschäft ist umstritten – ein Luzerner Anbieter kämpft gar mit Drohungen.

Die Landeskirchen sind nicht zu beneiden. Immer mehr Luzerner kehren ihnen den Rücken – seit Jahren (siehe Grafik). Zwar gehörten 2015 noch immer über 62 Prozent der Wohnbevölkerung der römisch-katholischen Kirche an, was deutlich über dem nationalen Schnitt liegt. Doch zwischen 2010 und 2015 hat die Zahl der «Gottlosen» um fast 13’000 auf insgesamt 54’000 Luzerner zugenommen, in den letzten 14 Jahren hat sie sich gar verfünffacht (zentralplus berichtete).

Was zur Zeit unserer Grosseltern noch ein absolutes Tabu war, ist heute Courant normal. Wer aus der Kirche austreten will, findet im Internet inzwischen zahlreiche Seiten zum Thema. Einige davon bieten Interessierten gleich ein Austrittspaket: Persönliche Angaben eintippen, Gebühr zahlen – und die Betreiber versprechen, den Austritt für einen zu erledigen, ohne Komplikationen und ohne «lästige» Rückfragen eines Pfarrers. Kostenpunkt: je nach Anbieter und Angebot zwischen 20 und 50 Franken.

Zu den Anbietern der ersten Stunde gehört der Luzerner Stefan Amrein. Seit 2010 regelt er für seine Kunden den Kirchenaustritt – und lief damit am Anfang in einen regelrechten Shitstorm. Dass er für den Austritt Geld verlangt – zum Start waren es 99 Franken –, sorgte weit über die Zentralschweiz hinaus für böse Reaktionen. Vonseiten der Kirche wurde er als «Abzocker» bezeichnet. Das Ganze gipfelte in wüsten Drohungen gegen seine Person.

Schlechte Erfahrungen mit Gläubigen

Amrein hat seine Lehren daraus gezogen. Er hält sich inzwischen öffentlich zurück und will beispielsweise nicht mit Foto im Artikel erscheinen. «Der Glaube ist nun mal ein sehr emotionales Thema», sagt er. Auch Stefan Job, der im Kanton Zug 2010 mit einem ähnlichen Angebot startete, inzwischen aber weggezogen ist, berichtet von negativem Feedback. Drohungen hat er seinerseits zwar keine erlebt, trotzdem gibt er sich gegenüber Anfragen ebenfalls zurückhaltend.

Dabei erachten sich beide keineswegs auf Konfrontationskurs mit der Kirche. «Wir betreiben keine Propaganda und wir missionieren nicht», sagt Amrein. «Wir sind da, wenn uns die Menschen finden.» Tatsächlich tauchen bei Amrein und Job – anders als auf anderen Plattformen – keine polemischen Worte gegenüber der Kirche oder deren Vertretern auf.

Trotzdem provozieren die Angebote bei der Kirche Kritik. Edi Wigger, Synodalverwalter der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern, findet deutliche Worte: «Der Kirchenaustritt ist sehr einfach und kostet keinen Franken. Dass da etliche ein Geschäft draus machen, ist ziemlich verwerflich.»

Tatsächlich findet man die Information, dass der Kirchenaustritt grundsätzlich kostenlos ist, auf kaum einer der Webseiten. «Es stimmt, dass dies zurzeit noch fehlt», sagt Stefan Amrein und verweist darauf, dass er die Seite nebst seinem 100-Prozent-Job bei einer Agentur in seiner Freizeit betreibe und deshalb nur begrenzt Zeit dafür habe. Er verspricht aber Besserung: «Wir sind daran, das anzupassen.»

Stefan Job verweist hingegen auf eine andere, ebenfalls von ihm betriebene Seite, auf der kostenlos Musterbriefe heruntergeladen werden können – quasi die «Do-it-Yourself»-Variante. Wer hingegen den fixfertig ausgefüllten Brief mitsamt Infoblatt und frankiertem Couvert nach Hause geschickt haben möchte, zahlt dafür.

Weniger als ein Kunde pro Tag

Dass sie Ahnungslosen das Geld aus der Tasche ziehen – gegen diesen Vorwurf wehren sich Amrein und Job vehement. «Viele haben einfach keine Zeit oder sie wollen sich nicht selber mit den Formalitäten befassen», sagt Amrein. Er vergleicht es mit dem Putzen, das man entweder selber machen oder durch eine bezahlte Arbeitskraft erledigen lassen könne. Zudem betont er, dass er mit den Einnahmen «nicht reich wird». Genaue Zahlen könne er nicht nennen, aber er zähle weniger als einen Kunden pro Tag. «Wäre es ein riesiges Business, gäbe es mehr Anbieter.»

«Die Relevanz der kostenpflichtigen Angebote wird weitherum stark überschätzt.»

Stefan Job, Betreiber mehrerer Webseiten zum Thema

Auch Job hält den Ball flach. «Die Relevanz der kostenpflichtigen Angebote wird weitherum stark überschätzt: Der allergrösste Teil der Austretenden erledigt das selber», sagt er.

Kritik: Niemand ist zuständig

Das grosse Geld machen die beiden nach eigenen Angaben also nicht. Im Vordergrund stehe bei ihm zunehmend die Aufklärung und nicht das Geschäft, sagt Amrein. «Wir sind heute vor allem Anlaufstelle für Fragen und Problemen.» Kann ich mein Kind trotzdem taufen? Kann ich Götti oder Gotte werden? Wo werde ich dereinst beerdigt? Wöchentlich würden mehrere Anfragen zu Themen rund um den Kirchenaustritt eintreffen – die Antworten darauf stellt Amrein auf seiner Plattform zusammen.

«Warum wir das tun? Weil es sonst niemand macht.»

Stefan Amrein, Betreiber der Webseite Kirchen-Austritt.ch

Seit Kurzem ist er deshalb offiziell als Verein organisiert. «Warum wir das tun? Weil es sonst niemand macht», sagt Stefan Amrein. Weder bei den Kirchen noch bei den Steuerämtern der Wohngemeinden fühle man sich dafür zuständig, sagt er. Zudem erlebe er immer wieder, dass Kirchgemeinden den Austrittswilligen Steine in den Weg legen. Für Schlagzeilen sorgte zum Beispiel die Zuger Kirchgemeinde Walchwil, die in einem Fall über zehn Monate brauchte, bis sie den Austritt bestätigte.

Kostenlos – bis auf die Briefmarke

Wer nicht mehr Mitglied der Kirche sein will, kann kostenlos seinen Austritt bekannt geben. Dazu formuliert man den Austrittswunsch, versieht ihn mit den nötigen Angaben (vollständiger Name, Geburtsdatum, Heimatort, idealerweise Taufdatum und -ort), unterschreibt den Brief handschriftlich und verschickt ihn per Einschreiben an die Kirchgemeinde, der man angehört. Den Austritt begründen muss man nicht. Ein Austritt per E-Mail wird in der Regel nicht anerkannt. Idealerweise bittet man um ein Bestätigungsschreiben und eine Meldung an die Einwohnerkontrolle. Es ist gut möglich, dass sich ein Kirchenvertreter anschliessend meldet. Wer kein persönliches Gespräch wünscht, sollte dies am besten im Brief festhalten.

Beim Steueramt der Stadt Luzern hält man fest, dass konkrete Fragen zum Vorgehen bei einem Kirchenaustritt immer beantwortet würden. «Wir schätzen, es sind ein bis zwei Dutzend Fälle pro Kalenderjahr», heisst es auf Anfrage. Dass die Kirche zu wenig informiert – das liegt hingegen wohl ein Stück weit in der Natur der Sache. «Natürlich machen wir selber keine Werbung und man findet auf unseren Webseiten keine Rubrik ‹Wie trete ich aus?› – das haben Vereine ja auch nicht», sagt Edi Wigger. «Aber wenn sich jemand meldet, informieren wir fair und sachlich.» Aktiv ist die Kirche hingegen bei Menschen, die wieder eintreten wollten. «Dazu besteht eine eigene Webseite», sagt Wigger.

Katholische Kirche kennt keine Problemfälle

Dass Kirchgemeinden Austrittsgesuche behindern, weist Wigger zurück. «Im Kanton Luzern wäre mir kein Fall bekannt, wo sich jemand beschwert hat.» Aber er räumt ein, dass Austrittswillige keine offenen Türen einrennen. «Die Pfarreien und Kirchgemeinden bedauern schliesslich diesen Schritt von Katholikinnen und Katholiken.»

«Es ist eine Realität, dass die meisten austreten, um Geld zu sparen.»

Edi Wigger, Synodalverwalter römisch-katholische Landeskirche Kanton Luzern

Edi Wigger bedauert, dass die meisten ein Gespräch mit den Seelsorgerinnen und Seelsorgern verweigern – und das ist wohl ein weiterer Grund für die kirchliche Abneigung gegenüber Online-Austrittsdiensten. Die schreiben auf ihren Formularen nämlich explizit, dass kein Kontakt gewünscht ist – was die Kirchgemeinden akzeptieren, aber nicht goutieren (siehe Box). «Da hat man vor Ort gar keine Chance, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen», sagt Wigger. «Dabei wäre es sehr interessant, die Gründe zu kennen, um darauf reagieren zu können.»

Zudem erachtet der Synodalverwalter ein Gespräch als gute Gelegenheit, um auf die sozialen und kulturellen Leistungen der Kirche hinzuweisen. «Vielen ist zu wenig bekannt, dass die Kirche hier Grosses im Interesse der Allgemeinheit leistet», sagt er, in der Hoffnung, die verlorenen Schäfchen damit zurückzugewinnen.

Einer der häufigsten Gründe für den Austritt, und das ist auch Edi Wigger bewusst, liegt jedoch im Portemonnaie. «Es ist eine Realität, dass die meisten austreten, um Geld zu sparen», sagt er. Eine alleinstehende Katholikin mit einem steuerbaren Einkommen von 80’000 Franken bezahlt in der Stadt Luzern jährlich rund 800 Franken Kirchensteuern; ein verheirateter Reformierter mit demselben Einkommen muss pro Jahr gut 600 Franken abliefern. Dass dies manchen zu viel ist, beweist laut Wigger ein interessantes Beispiel aus dem äussersten Kantonszipfel: Aus historischen Gründen ist St. Urban die einzige Kirchgemeinde in Luzern, in der man keine Kirchensteuer zahlt. «Dort registrieren wir keine Kirchenaustritte – was zeigt, dass es hauptsächlich ums Geld geht.»

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2 Kommentare
  1. larissa, 12.12.2019, 16:48 Uhr

    Ich verstehe einfach nicht wie jemand Geld für den Austritt bezahlen kann.
    Kostenlose Anbieter für Formulare gibt es im Internet ja viele.

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  2. Peter Berger, 28.04.2017, 02:28 Uhr

    Die eigentlichen Ursachen für den Kirchenaustritt liegen tief verankert, weshalb Steuereinsparung kein Austrittsgrund, sondern lediglich eine angenehme Begleiterscheinung des Austrittes darstellt. Kein rational denkender Mensch zahlt für eine Organisation, mit der er immer weniger anfangen kann.
    Austrittsgründe:
    – Individualisierung: eine rationale Entscheidung gegen die Mitgliedschaft aufgrund der als traditional und überkommen wirkenden institutionellen Regelung. Man orientiert sich selbstbestimmt und an neuen Bezugspunkten.
    – Säkularisierung: Ablehnung traditionaler Muster, die man mit Religion und Kirche verbunden sieht. Wertediskrepanz zwischen Glauben und Wissen. Hier ist es nicht nur die Kirche, sondern Religion überhaupt, welche als überkommen und veraltet angesehen wird.
    – Modernisierung: mangelnde Relevanz von Kirche und Religion für das Alltagshandeln des einzelnen.
    – Konfessionsfreiheit aus Gewohnheit und als Sozialisationseffekt.
    Vielleicht sollten sich die Kirchen (in der Schweiz, in Deutschland und Österreich) darauf vorbereiten, ohne Kirchensteuern und allein mit Spenden auszukommen, wie das im Rest der Welt der Fall ist.

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