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Luzerner Vulvastudie bewegt die Welt
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Forscher auf der Suche nach der «normalen» Vulva Luzerner Vulvastudie bewegt die Welt

5 min Lesezeit 1 Kommentar 29.07.2018, 17:21 Uhr

Das Luzerner Kantonsspital vermass die Vulven von mehr als 650 Frauen. Die Studie soll die erste ihrer Grössenordnung sein, das weltweite Medienecho ist gross. Damit soll eine Richtlinie für «normale» Vulven geschaffen werden. Doch: Steckt nicht viel Unsinn in dieser Fragestellung?

Was zeichnet eine «normale» Vulva aus, also den äusseren sichtbaren Teil des weiblichen Geschlechtsteils? Dieser Frage ging ein Team des Luzerner Kantonsspitals nach. Forscher haben die Genitalien von 657 Frauen vermessen – das ist die bisher weltweit grösste Studie zu dem Thema. Studien gelten jedoch erst ab einer Stichprobe von 1’000 Teilnehmenden als repräsentativ.

Das Medienecho auf die Studie ist gross, weltweit greifen Medien die Luzerner Vulvastudie auf. So etwa die britische «Cosmopolitan» oder «The Independent».

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Mehr als doppelt so viele Eingriffe

Initiiert wurde die Studie von Andreas Günthert (47), der bis Ende Juni 2018 die Frauenklinik des Luzerner Kantonsspitals (LUKS) leitete. Unter seiner Leitung habe sich bereits eine sogenannte Vulvasprechstunde am LUKS etabliert. In den letzten Jahren habe er einen erheblichen Zuwachs an plastischer Vulvachirurgie wahrgenommen, bei einer Vulva, die subjektiv nicht als ideal empfunden wurde, «was teilweise absurde Ausmasse angenommen hat».

Schamlippenverkleinerungen und ähnliche Eingriffe im weiblichen Intimbereich werden heutzutage doppelt so häufig durchgeführt wie noch vor zehn Jahren (zentralplus berichtete). Die meisten dieser Patientinnen seien sehr jung. Auch das Aufspritzen der Schamlippen mit Hyaluron oder Fett sowie die Unterspritzung des G-Punktes seien beliebt.

Was heisst schon «normal»?

So etwas wie eine «normale» Vulva gibt es wohl gar nicht. Denn die wichtigste Erkenntnis aus der Luzerner Vulvastudie: Unter den 657 untersuchten Vulven sei eine sehr grosse Variabilität – auch an Asymmetrien – festgestellt worden, sagt Andreas Günthert (siehe Box). Dennoch habe man damit eine Grundlinie für die Erscheinung einer «normalen kaukasischen Vulva» erstellt, wie aus der Studie hervorgeht.

«Bevor man also definiert, was abnormal ist, dachten wir: Definieren wir doch zunächst einmal, was normal ist.»

Andreas Günthert, Initiant der Luzerner Vulvastudie

Wie Cécile Moser, vom feministischen Schweizer Online-Magazin «fempop» betont, solle man sich jedoch immer ins Bewusstsein bringen, dass eine «Norm» ein Konstrukt sei, das auch anders definiert werden könne.

«Diese neue Studie bewies, dass es so etwas wie eine ‹normale› Vulva nicht gibt», titelte die britische Cosmopolitan.

«Diese neue Studie bewies, dass es so etwas wie eine ‹normale› Vulva nicht gibt», titelte die britische Cosmopolitan.

(Bild: Screenshot cosmopolitan.com/uk)

Abnormalität soll Normalität fördern

Aber ist es nicht absurd, eine Studie mit der Frage durchzuführen, was eine «normale» Vulva kennzeichnet, wenn man als Gynäkologe doch wissen sollte, dass Vulven kaum unterschiedlicher ausfallen könnten? Dementsprechend kaum überraschend dürften die Resultate der Studie sein.

Gemäss Andreas Günthert soll die Definition des «Normalen» zur Normalität verhelfen: «Bevor man also definiert, was abnormal ist, dachten wir: Definieren wir doch zunächst einmal, was normal ist.» Betroffene könnten nun begründen, dass eine Korrektur empfohlen werde – da aufgrund ihrer Messungen «tatsächlich eine erhebliche Abweichung von der Norm besteht».

«Klar können solche Studien verunsichern.»

Cécile Moser, Mitgründerin des feministischen Magazins «fempop»

Doch dies könnte bei Frauen zu noch mehr Zweifel führen: «Klar können solche Studien verunsichern», sagt Cécile Moser. «Dies ist wohl meist der Fall, wenn von einer ‹Norm› oder von ‹Normalität› die Rede ist – und wir das Gefühl haben, dieser nicht zu entsprechen.»

«Solche Eingriffe sind durchaus lukrativ. Mediziner sind also nicht ganz unschuldig dabei.»

Andreas Günthert

Es sei wichtig, den Austausch und das Gespräch mit anderen zu suchen. «Wenn wir Dinge nicht mehr tabuisieren, merken wir, dass wir mit unserem Empfinden nicht alleine sind. Und die ‹Norm› vielleicht gar nicht so weit verbreitet ist und man sich nicht über solche Äusserlichkeiten definieren sollte.»

Äussere Schamlippen: zwischen 1,2 und 18 Zentimetern

Während knapp zwei Jahren – von August 2015 bis April 2017 – wurden die Vulven von insgesamt 657 Frauen vermessen. Diese waren im Alter zwischen 15 und 84 Jahre alt.

Untersucht wurden dabei die äusserlichen Teile der weiblichen Geschlechtsorgane. Dabei hat man sich auf in der Schweiz lebende Europäerinnen beschränkt, sonst wäre vermutlich die Variabilität noch grösser ausgefallen, wie Andreas Günthert sagt.

Die Ergebnisse könnten unterschiedlicher kaum sein. Beispielsweise bewegt sich die Länge der äusseren rechten Schamlippen in einem Spektrum von 1,2 bis 18 Zentimeter. Der Durchschnitt ist 7,91 Zentimeter. 

Die Länge der inneren linken Schamlippen lag zwischen 0,5 und 10 Zentimetern. Der Durchschnittswert hier: knapp 4,3 Zentimeter.

Grössendiskussion über Penis

Während die Diskussion über die Länge, Dicke und das allgemeine Aussehen von Penissen seit Jahren in vollem Gange ist, blieb die Vulva bis anhin von der Grössendiskussion lange Zeit verschont.

Die Ursachen dazu seien vermutlich in kulturellen Aspekten zu suchen, sagen Andreas Günthert und Cécile Moser. Kulturell habe sich der Penis in der Vergangenheit wahrscheinlich aufgrund von patriarchalischen Gesellschaften immer mehr behauptet.

Die weibliche Lust sowie Sexualität sei weniger erforscht worden, stehe mehr im Dunkeln, als die des Mannes, so Moser. «Dass ein grosser Penis für Männlichkeit, guten Sex und Fortpflanzungsfähigkeit steht, ist natürlich Unfug und seinerseits genauso ein Konstrukt.»

Pornos führen zu verzerrten Idealvorstellungen

Der Trend, sich die Schamlippen zu verkleinern, liege zum einen an verzerrten Wahrnehmungen. Insbesondere an der offenen Darstellung der aktuell perfekten «Barbie-Vulva» in der Pornografie. Andreas Günthert hegt Hoffnung, dass seine Arbeit einen kleinen Teil dazu beitragen könne, dass weniger einer «optimierten» Vulva nachgeeifert werde.

Jedoch führe nicht nur die Pornoindustrie zu diesem Bestreben: «Solche Eingriffe sind durchaus lukrativ. Mediziner sind also nicht ganz unschuldig dabei.»

«Weshalb ist es mir so wichtig, einem Ideal zu entsprechen, dass in der Realität eine absolute Minderheit darstellt?»

Cécile Moser

Rein ästhetische Gründe sind ein häufiger Grund, sich unters Messer zu legen. «Oft gibt es den Vorwand, dass die Schamlippen stören, insbesondere beim Velofahren», sagt Günthert. «Das finden viele Frauen in Chats im Internet als Vorwand, damit die Krankenkasse die Kosten übernimmt. Das gibt es zwar – dies betrifft aber praktisch ausschliesslich die grossen Schamlippen und ich habe das nur bei Profi-Radfahrerinnen gesehen. Zudem gibt es Vulva-freundliche Velosättel», so die Worte des Experten.

Cécile Moser sagt, dass es wichtig sei, den Grund für einen operativen Eingriff im Intimbereich zu betrachten. Wenn es lediglich um eine Schönheitskorrektur gehe, solle man sich zwei Mal überlegen, ob man dieses Risiko eingehen möchte. «Ich denke, es ist wichtig, sich zu fragen, warum mache ich das und für wen. Und weshalb ist es mir so wichtig, einem Ideal zu entsprechen, das in der Realität eine absolute Minderheit darstellt?»

Serena Schindler, Cécile Moser und Rahel Fenini (v.l.n.r.) stehen hinter «fempop».

Serena Schindler, Cécile Moser und Rahel Fenini (v.l.n.r.) stehen hinter «fempop».

(Bild: Anja Wurm)

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1 Kommentare
  1. Michel Ebinger, 29.07.2018, 21:02 Uhr

    Es ist zum Weinen wie so unseriöse Studien dazu führen, das die völlig unnötigen Schönheitschirurgen sich noch mehr bereichern und der Gesellschaft massiv schaden, Liebe Frauen, Normalität ist eine Illusion und Schönheitsnormen dienen nur Euch zu unterdrücken und liebes Kantonsspital , es ist eine Schande das ihr bei solchem Bullshit mitmacht.