Luzerner Verein verteilt Hilfspakete an verzweifelte Mütter und Väter
  • Gesellschaft
Wenn wegen Kurzarbeit plötzlich 20 Prozent des Einkommens fehlen, stürzt das viele Alleinerziehende in eine ernste finanzielle Krise. (Bild: Symbolbild Adobe Stock)

Die erste warme Mahlzeit der Woche Luzerner Verein verteilt Hilfspakete an verzweifelte Mütter und Väter

3 min Lesezeit 16.05.2020, 05:00 Uhr

Die Bilder aus Genf sind unvergessen: 1’500 Menschen, die für ein Lebensmittel-Hilfspaket mehrere Stunden Schlange stehen. Auch in Luzern gibt es hilfsbedürftige Menschen, allerdings sind sie in der Öffentlichkeit kaum sichtbar.

Stark betroffen von der Corona-Krise sind alleinerziehende Eltern. Ein Selbsthilfe-Verein organisiert deshalb wöchentlich Lebensmittelausgaben. «Die Situation ist extrem traurig», sagt dessen Präsident Roger Baumeler.

Seit sechs Wochen verteilen er und sein Team jeden Mittwoch Hilfspakete an alleinerziehende Mütter und Väter aus der Zentralschweiz. Eine betroffene Mutter hat dank dem Hilfspaket die erste warme Mahlzeit der Woche zubereiten können, wie Baumeler erzählt.

Gemüse, Kartoffeln, Reis, Milch, Butter und auch ein paar Schöggeli gab es letzte Woche in der Papiertasche. Und Desinfektionsmittel. Das nächste Mal soll unter anderem eine Flasche Öl abgegeben werden. «Wir achten auf das Gesamtgewicht der Lebensmitteltasche, denn die meisten Hilfsbedürftigen kommen zu Fuss oder mit dem Velo zu uns», erklärt Roger Baumeler.

Zwanzig Pakete pro Woche

Weil der Verein «Tischlein deck dich» seine Abgabestellen aufgrund der Corona-Situation vorübergehend schliessen musste, gelangen überschüssige Lebensmittel an den Verein Alleinerziehende Luzern. Mit zusätzlichen Spenden aus dem Detailhandel sowie finanzieller Unterstützung von Partnern und Sponsoren können die Hilfspakete nach Bedarf ergänzt werden.

Zwanzig Pakete hat der Verein letzte Woche abgegeben, fast doppelt so viele wie zu Beginn der Aktion. Mit der Wiederöffnung der Schulen ging die Zahl diese Woche wieder leicht zurück. Daraus abzuleiten, dass sich die Situation der Alleinerziehenden normalisiert hat, wäre aber ein Trugschluss.

«In der Not muss man sich gegenseitig aushelfen.»

Vereinspräsident Roger Baumeler

Eine Mutter beispielsweise konnte letzten Mittwoch aus zeitlichen Gründen nicht vorbeikommen – weil ihr Sohn wegen der Schule am nächsten Morgen früher ins Bett musste und die Frau niemanden hatte, der zu ihm geschaut hätte. Da habe man ihr die Lebensmittel vorbeigebracht.

«In der Not muss man sich gegenseitig aushelfen», sagt Baumeler. Deswegen sei die Lebensmittelausgabe nicht nur für Vereinsmitglieder, sondern für alle hilfsbedürftigen Alleinerziehenden aus der Zentralschweiz.

Grundnahrungsmittel und Desinfektionmittel hat es in den Taschen. (zvg)

Viele Betroffene schämen sich

Der Verein hat per Mail und Facebook auf sein Angebot aufmerksam gemacht – um die Hemmschwelle möglichst niedrig zu halten. «Trotzdem ist das Schamgefühl bei vielen zu gross, so dass sie sich nicht trauen, sich anzumelden.»

Nebst der wöchentlichen Aktion schreibt Roger Baumeler zurzeit zahlreiche Unterstützungsgesuche für in Not geratene alleinerziehende Eltern (zentralplus berichtete). Viele Betroffene waren vor der Corona-Krise in Kleinstjobs angestellt und konnten sich Monat für Monat nur knapp über Wasser halten. Sie haben keine Reserven, von denen sie nun zehren könnten, wenn sie beispielsweise auf Kurzarbeit gesetzt werden.

«Nun sind auch Personen auf Hilfe angewiesen, die sich bisher immer knapp über Wasser halten konnten.»

Caritas-Präsidentin Yvonne Schärli

«Diese Menschen erhalten keinerlei Unterstützung von der öffentlichen Hand, denn sie befinden sich finanziell knapp über der Eintrittsschwelle für wirtschaftliche Unterstützung. Sie fallen durch die Maschen des Systems», sagt Roger Baumeler und appelliert an die Politik: «Eine solche Situation kann jemanden in die Langzeitarmut bis hin zur Altersarmut treiben. Hier gibt es noch eine riesige Baustelle.»

Sozialämter haben deutlich mehr zu tun

Davor, dass sich aufgrund der Corona-Krise die finanzielle Situation für viele Luzernerinnen zugespitzt hat, warnt die Caritas schon seit Wochen (zentralplus berichtete). «Nun sind auch Personen auf Hilfe angewiesen, die sich bisher immer knapp über Wasser halten konnten», sagt Caritas-Präsidentin Yvonne Schärli.

Heidi Ragonesi von der Sozial- und Schuldenberatung der Caritas Luzern ergänzt in der «Luzerner Zeitung»: «Bei uns melden sich vor allem Leute, die temporär arbeiten, Kleingewerbler, Alleinerziehende oder Arbeitnehmende aus dem Gastgewerbe.» Bei den Sozialämtern stieg die Anzahl der Anträge im April um 47 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

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