Luzerner Religionsforscher mischt mit Burka-Studie die Politik auf
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Nur wenige Frauen in der Schweiz tragen laut dem Luzerner Religionsforscher Andreas Tunger-Zanetti einen Nikab. (Symbolbild: Unsplash/Elin Tabitha)

Andreas Tunger-Zanetti Luzerner Religionsforscher mischt mit Burka-Studie die Politik auf

2 min Lesezeit 5 Kommentare 29.01.2021, 10:37 Uhr

Der Religionsforscher Andreas Tunger-Zanetti hat eine Studie über Burkaträgerinnen in der Schweiz publiziert. Politisch erntet der Luzerner Zuspruch und Kritik gleichermassen.

In seiner Studie kommt Tunger-Zanetti unter anderem zum Schluss, dass die Verhüllung des Gesichts mit einer Burka bei den meisten Frauen islamischen Glaubens meist freiwillig passiere. Zudem bestehe die Gefahr, dass bei einem Burka-Verbot viele Frauen nicht mehr trauten, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen (zentralplus berichtete). Laut Schätzungen der Studie ist die Anzahl voll verschleierter Musliminnen in der Schweiz lediglich auf 20 bis 30 Personen zu beziffern.

Der Zeitpunkt für die Publikation von «Verhüllung – Die Burka-Debatte in der Schweiz» im Vorfeld der Burka-Initiative war offensichtlich gut gewählt. Denn zitiert wird die Studie nicht nur im wissenschaftlichen Bereich, sondern auch politisch: So beruft sich etwa der Bundesrat bei seiner Argumentation gegen die Burka-Initiative darauf, über die am 7. März das Stimmvolk befindet. Auch das überparteiliche Komitee gegen die Initiative bedient sich gerne seiner Argumente.

Burka-Initiant auf die Palme gebracht

Laut dem «Tages Anzeiger» eckt der Lehrbeauftragte an der Universität Luzern und Geschäftsführer des Zentrums Religionsforschung damit bei Politikern aber auch an. Vor allem mit der Schlussfolgerung, dass «Frauen mit Gesichtsverhüllungen sich grossmehrheitlich aus eigener Überzeugung dafür entschieden» hätten. So liess ich etwa der Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann, einer der Befürworter der Burka-Initiative, zu folgender Aussage verleiten: «Dass sich dieser Mensch als Fachperson ausgibt, ist fahrlässig, eine Katastrophe», wird Wobmann zitiert.

In dieselbe Kerbe mit etwas sorgfältiger gewählten Worten hatte zuvor auch die «Weltwoche» geschlagen, welche die Studie als «Voodoo» betitelte, weil sich Tunger-Zanetti nur einer einzigen Zeugin bedienen würde. Tatsächlich konnte der Forscher nur mit einer Nikab-Trägerin aus der Schweiz sprechen.

Der Autor kontert die Kritik – und nimmt sie gelassen

Der Forscher weist in seinem Buch und gegenüber Zentralplus allerdings darauf hin, dass sich die Aussagen der Interviewten «und weitere verstreute Informationen über einzelne Schweizer Nikabträgerinnen nahtlos in das Bild einfügen, das breit abgestützte sozialwissenschaftliche Forschung in mehreren westeuropäischen Ländern gezeichnet hat».

Der Autor selbst nimmt die Aufmerksamkeit der Politik insgesamt gelassen:  «Es war durchaus ein Ziel des Buches, die aktuellen Diskussionen zu beleben», sagt Tunger-Zanetti gegenüber dem «Tages Anzeiger».

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5 Kommentare
  1. minou, 30.01.2021, 18:40 Uhr

    Klar sind diese Frauen unterdrückt. Von klein auf hören sie, dass sie ohne Kopftuch etc. die Männer verführen. Wenn sie vergewaltigt werden ist es immer der Fehler der Frau. Manche werden bereits ab 9 Jahren (wenn’s gut kommt an einen 70jährigen) verheiratet.
    Diese Frauen und Mädchen sind keine Geburtsschläuche, wollen nicht verkauft werden und nicht von ihren Vätern, Brüdern, Ehemänner und später ihren Söhnen unterdrückt werden.
    Es kann ja sein, dass eine Burka während einem Sandsturm in der Wüste eine Berechtigung hat.
    Für mich ist jede Frau mit Kopftuch, Burka etc. eine Schande für ein zivilisiertes Volk und für die Gleichberechtigung.

  2. Rudolf, 29.01.2021, 17:57 Uhr

    Der Islamwissenschafter Dr. Andreas Tunger ist in der Schweiz die Ansprechperson auf diesem Gebiet. Seine Aussagen werden in der Studie (die hier wohl noch niemand gelesen hat) belegt.

  3. Roland Grüter, 29.01.2021, 17:40 Uhr

    Ein Einzel-Interview ist also schon eine reale, umfassende Aussage über ein Thema. Weiter verbreitete Informationen, so Tunger, komplettieren das Bild. Was für ein Blödsinn. Und solche Aussagen werden noch als neutrale Forschung bezeichnet.

  4. Silvan Studer, 29.01.2021, 11:54 Uhr

    „Zudem bestehe die Gefahr, dass bei einem Burka-Verbot viele Frauen nicht mehr trauten, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen“
    Komischer Satz. Sie „zeigen“ sich ja gerade nicht, sondern verhüllen sich.
    Ausserdem tragen sie dieses „Zelt“ zuhause ja nicht, sondern ziehen es nur an um rauszugehen.
    Dann bleiben sie halt drin. Ist ja angeblich ihre eigene, freie Entscheidung.
    Der Herr Tunger-Zanetti ist recht unlogisch. Aber Hauptsache „gut gemeint“.

    1. lulu, 30.01.2021, 16:03 Uhr

      Die Studie von Andreas zeigt: Was die Initianten sich nicht vorstellen können, darf nicht sein, auch wenn wissenschaftliche Studien – nicht nur diese – es nachweisen. Und: Wer von ihnen hat schon versucht, mit einer Burka-Trägerin ins Gespräch zu kommen. Ja, es ist schwierig. Aber warum wissen die Herren dann, wie diese Frauen ticken??

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