Luzerner «Tatort»: Ekel und Mitleid garantiert, Spannung weniger
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Psychiaterin Sonja Roth (Stephanie Japp) betreut den Carchauffeur Beni Gisler (Michael Neuenschwander). (Bild: SRF/Daniel Winkler)

Kritik zum Sonntags-Krimi «Zwei Leben» Luzerner «Tatort»: Ekel und Mitleid garantiert, Spannung weniger

4 min Lesezeit 17.09.2017, 18:01 Uhr

Die Qualität der Luzerner Tatort-Krimis ist seit Beginn heftig umstritten und doch wurden einige Folgen hoch gelobt. zentralplus hat sich den Neusten, «Zwei Leben», reingezogen und war zufrieden. Aber leider nicht vollends begeistert. Achtung Spoiler!

Darum gehts: Im zwölften Luzerner Tatort schlägt ein Unbekannter auf der Frontscheibe eines Fernbusses auf. Der vermeintliche Selbstmord weckt beim Buschauffeur – einem ehemaligen Lokführer – traumatische Erinnerungen an Schienensuizide und lässt ihn brutal ausrasten. Als sich der Fall als Mord entpuppt, beginnen die Luzerner Kommissare zu ermitteln. Doch auch der Buschauffeur ist dem Mörder auf den Fersen. Die Spur führt ins Bauwesen und zu einem Toten, der bereits vor 13 Jahren in Thailand verstorben sein soll. Die Folge ist äusserst umstritten, die SBB hat gar versucht zu intervenieren (sieh Box).

Filmkritik: Ich bin zufrieden. Dieser Sonntagabend-Krimi hatte fast alles, was ich mir für einen «Tatort» wünsche: Schock, Ekel, Mitleid, Ärger und ein Ermittlerteam mit sympathischen Figuren. Das passt. Richtige Begeisterung ist dann aber doch etwas anderes. Denn Spannung pur ist dieser Tatort nicht. Und dass die Psychiaterin den grössten Knacks hat – sowas von erwartbar.

Der Anfang jedoch hat ganz schön Rumms: Ein Erlebniss wie ein Albtraum. Die Gefühle, die dabei hochkommen, halten noch eine ganze Weile.

SBB versuchte Tatort-Thema abzuwürgen

Von verschiedenen Seiten wurde im Vorfeld der Ausstrahlung von «Zwei Leben» Kritik laut, wie der «Blick» berichtet. «Die SBB hat den Autoren bereits in einer sehr frühen Phase dazu geraten, dieses Thema nicht aufzugreifen», sagen die Bundesbahnen gegenüber den Medien. SBB und Experten fürchten, dass es zu Nachahmertaten kommt, wenn die Folge ausgestrahlt wird. Ausserdem wollten die SBB offenbar verhindern, dass der umstrittene «Tatort» im Vorfeld in den Medien diskutiert wird.

Das SRF hat reagiert und Experten eingeschaltet, wie sie gegenüber den Medien sagen: «Wir haben über einen möglichen Nachahmungseffekt diskutiert und nehmen die Verantwortung ernst. So wie wir die Geschichte erzählen, scheint uns die Gefahr gering, jemanden zu animieren.»

Das Team erwacht

Langsam, langsam kommen die Luzerner Kommissare aus dem Quark: Flückiger zeigt Eier und zieht bei seiner Süssen ein, Corinna Haas von der Spurensicherung und Kommissarin Liz Ritschard werden bei Nudeln richtig locker und persönlich und der neue Praktikant Röbi ist auch ganz härzig. Der muss sich vor der Haas in Acht nehmen. Die hat es ja bekanntlich mit den Praktikanten – erinnern wir uns doch gerne an die nackte Auflockerung einer wenig geglückten Luzerner Tatort-Folge.

Richtig schade fand ich diesmal, dass die Psychiaterin sich als Mörderin entpuppt. Ihre undurchschaubare, kalte und ziemlich überhebliche Art, gemischt mit der hübschen Optik und Harvard-Vergangenheit hätten sie ohne die Tat zu einer superspannenden Figur gemacht. Ich hätte Sonja Roth sehr gerne in weiteren Tatorten als Ergänzung des Teams gesehen. Als psychologische Mitarbeiterin oder sowas. Da wär mal eine Ermittlerin mit Ecken und Kanten, eine Figur, die sich nicht anbiedert.

Guter Kitsch

Der Schluss hat es auch nochmals in sich. Wenn die Täterin als Opfer der Geschichte in den Armen des, durch ihre Tat, traumatisierten Mannes liegt – Kitschig? Definitiv. Aber toll gespielt und manchmal soll es auch etwas Kitsch sein dürfen.

Zur Sprache: Es scheint sich gelohnt zu haben, einen Drehbuchautoren vom Bestatter zu bestellen. Die Gespräche sind weniger hölzern, auch wenn der Humor noch etwas langsam daherkommt.

Die Schauspieler

Delia Mayer als Liz Ritschard mit ihren faulen Sprüchen, die sie aber irgendwie ganz sympathisch machen, obwohl mir noch nicht klar ist, ob das geplant oder einfach schlecht getextet ist. Ich hab mich jedenfalls sehr über ihre hübsche neue Eroberung gefreut.

Stefan Gubser als Reto Flückiger kriegt mich langsam rum. Zwischen der festen Umarmung und dem Aufräumen bei seinem Militärkumpanen und der ernster werdenden Beziehung hat er sich von der geschriebenen zur lebendigen Figur gemausert.

Jean-Pierre Cornu als empathieloser Mattmann – langsam geht mir der Chef echt auf den Zeiger. Der hätte mal wieder einen sympathischen Moment verdient. So arschig und einseitig bleibt die Figur schlicht platt.

Michael Neuenschwander mimt den traumatisierten Beni Gisler  – er tut einem so wahnisinnig Leid, und das auch in den Momenten, in welchen man vor ihm Angst haben muss.

Der Doppelt-Verstorbene ist ebenfalls wundervoll schmierig gespielt von Markus Graf.

Aber Stephanie Japp als Psycho-Psychiaterin Sonja Lenz/Roth steckt sie alle in die Tasche. Ich bin Fan.

Neue Verbündete: Chefin technikgestützte Ermittlungsverfahren Corinna Haas (Fabienne Hadorn, l.) und Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer).

Neue Verbündete: Chefin technikgestützte Ermittlungsverfahren Corinna Haas (Fabienne Hadorn, l.) und Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer).

(Bild: SRF/Daniel Winkler)

Seltsames und Unrealistisches

Verwunderlich, dass die Villa Honegg nach dem monströsen Social-Media-Hype mit dem Aussenpool-Video noch Zeit dafür findet, einen Tatort zu drehen. Oder war das vorher?

Unrealistisch, dass Flückiger bei heftigem Atmen am Telefon gleich mit Sirenengeheul losfährt. Ich würde «Wüstling» in den Apparat schreien und auflegen.

Zu bedauern ist die Luzerner Polizei, wenn man sich die Rekonstruktionskenntnisse der forensischen Mitarbeiterin Corinna Haas zu Gemüte führt. Diese bestehen nämlich aus dem Übereinanderlegen zweier Bilder. Das kann ich mit PowerPoint besser.

Richtig heftig ist der Ausraster gleich zu Beginn, wenn Gisler in Rage die zerfahrene Leiche zusammentritt. Und dass ein anderer Autofahrer das Ganze mit dem Handy filmt anstatt einzugreifen – da wird man, mit dem Wissen darüber, dass sowas tatsächlich öfers vorkommt – einfach nur sauer.

Etwas billig ist das «guter Cop»-«böser Cop»-Verhör von Ritschard und Flückiger. Aber natürlich bricht der angetrunkene Bösewicht nach der Aussage, er sei im Vergleich zum Stiefpapi nur ein «Hämpfeli» sofort zusammen.

Seltsam und für die Story ziemlich unnötig, dass tatsächlich ein DNA-Abgleich von Stiefvater und Stiefsohn gemacht wird.

Schick ist das Archiv des Konkursamtes. Man wähnt sich fast im Programmierzimmer von «Matrix».

Völlig klischiert ist ja wohl, dass die Frau das Einjährige auf den ersten Kuss bezieht und der Herr Flückiger hingegen auf die erste gemeinsame Hotelrechnung? Unromantischer Pflock sowas.

Und darf man eigentlich in Luzern im Dienst so viel Bier saufen? Herr Flückiger?

 

Note für den Film (von 1 bis 6): 4.5

Note für Kommissar Flückiger: 5

Note für Kommissarin Ritschard: 5

 

Hinweis: Nach der Ausstrahlung des Luzerner Tatorts diesen Sonntagabend werden wir auch über das schlafkräftige Twitter-Gewitter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz berichten!

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