Luzerner Studentin will Seife aus Urin salonfähig machen
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Petra Wyss mit dem Fullonum, das aus Urin Seife werden lässt. (Bild: zvg)

Wie die alten Römer Luzerner Studentin will Seife aus Urin salonfähig machen

4 min Lesezeit 2 Kommentare 06.09.2020, 17:00 Uhr

Wie geht duschen, ohne weder die Umwelt noch die eigene Gesundheit zu belasten? Die Lösung der HSLU-Absolventin Petra Wyss hat für Nasenrümpfen gesorgt – und ihr eine Auszeichnung beschert.

Die einen spülen ihn mit einer grossen Genugtuung aus ihrer Gegenwart, andere hingegen bewahren ihn auf – um damit zu duschen: Urin.

Zur letzteren Fraktion gehört Petra Wyss (25), Studentin an der Hochschule Luzern: Schwarze Hose, schwarzes T-Shirt und braunes Haar, das in sanften Wellen auf die Wangenknochen züngelt. Sie sitzt auf der ausladenden Terrasse ihres Zuhauses, umrahmt von Niesen, Stockhorn und anderen steinernen Berner Oberländer Berühmtheiten, nuckelt immer mal wieder an der selbstgedrehten Zigarette – und erklärt, wie sie und Urin zusammengefunden haben.

Und nein, Petra Wyss aus Seftigen im Kanton Bern riecht keineswegs nach Urin. Auch wenn sie sich damit duscht. Aber alles der Reihe nach.

Hoflädeli und Palmöl-Dusch?

Am Anfang war die Sorge um die Umwelt. Wyss will nachhaltig leben, weiss, dass Ressourcen endlich sind und wir nur einen Planeten zur Verfügung haben. Gepostet wird im Hoflädeli. Wann sie das letzte T-Shirt gekauft hat, sie kann es auf Anhieb nicht sagen. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis Wyss auch ihre Körperpflege auf die ökologische Verträglichkeit hin abklopft.

Und was sie dabei herausfindet, ist wenig erfreulich. Duschmittel aus Palm- und Kokosöl, abgefüllt in Plastikflaschen und angereichert mit chemischen Zusatzstoffen. «Das ist weder gesund noch besonders nachhaltig», ist Wyss überzeugt – und beginnt nach Alternativen zu suchen. Aber auch Naturseifen und Co. vermögen sie nicht zu überzeugen. Weil zu reinigend oder aber aus Inhaltsstoffen, die sich nicht regional auftreiben lassen.

Urin plus Tonerde-Kräuter-Mischung – fertig ist die Seife.

Wyss hat schon fast die Hoffnung aufgegeben, da stösst sie bei einer sonntäglichen Google-Recherche zu ausgestorbenen Berufen auf das entscheidende Puzzleteil. Im alten Rom, so erzählt ihr das Internet, hätten sogenannte Fullones professionell Kleider gewaschen – mit Urin. Wyss fragt sich reflexartig: «Geht das auch für Haut und Haar?»

Skeptische Dozenten

Geweckt ist Wyss’ Interesse, geboren ihr Abschlussprojekt für den Bachelor-Studiengang für Objektdesign an der Hochschule Luzern. Viel Arbeit und mehr als ein halbes Jahr investiert sie in die Suche nach der perfekten Urinseife, lässt sich dabei auch nicht von – gelinde gesagt – skeptischen Dozenten («ausschliesslich männlich») beirren.

Das Resultat: Fullonum. Ein dreiteiliges Gefäss aus dem 3-D-Drucker, das mit Eigenurin und einer Tonerde-Kräuter-Mischung befüllt wird. Jetzt noch ordentlich schütteln – und fertig ist die ökologisch und gesundheitlich unbedenkliche Seife – «fein schäumend und mit herbem Geruch».

Ist das wirklich schon das ganze Geheimnis? Eine Seife, die letztlich nichts anderes ist als Urin?

Wyss will nicht verneinen. Was Urin von Wasser unterscheide, sei vor allem die geringere Oberflächenspannung. Und die sorge dafür, dass Schmutzpartikel weggeschwemmt würden, die Wasser bloss umspüle. «Urin ist also immer auch Seife.»

Wie behebt man die «Barriere im Kopf»?

Die grosse Herausforderung sei vielmehr eine andere: «Den Menschen den Ekel zu nehmen und den Urin so zu präsentieren, dass er als solcher nicht mehr zu erkennen ist.» Das habe sie auch am eigenen Leib erfahren. Als sie sich das erste Mal mit Urin aus dem durchsichtigen Schraubglas duschen will, muss sie kapitulieren. Die «Barriere im Kopf» verschwindet erst, als sie den Urin in das leere Duschfläschli ihres Partners umgiesst.

Das Fullonum macht sich in der Dusche optisch ganz gut.

Zwar ist ihre Bachelorarbeit bereits im Juli abgegeben und gar mit einem Förderpreis der Zeugindesign-Stiftung ausgezeichnet worden. Trotzdem hat Wyss mit Fullonum noch nicht abgeschlossen. Im Gegenteil, sie, die unverbesserliche Perfektionistin, macht noch einiges Optimierungspotenzial aus. Zum Beispiel beim Gefäss aus Plastik («reib ich mir damit etwa Mikroplastik ein?»), beim Deckel («zu fummelig») sowie bei der Tonerdemischung («erinnert mich noch zu wenig an Frische!»).

An all diesen «Problemen» arbeitet Wyss derzeit. So gut das eben geht, neben einem 100-Prozent-Pensum als Schreinerin. Das erklärte Fernziel: Fullonum soll in rund einem Jahr Marktreife erlangen. Auch wenn klar ist: Nicht alle werden ihr Axe-Duschmittel des Vertrauens, ihr innig geliebtes L’OREAL-Professionnel-Expert-Absolut-Repair-Gold-Shampoo gegen einen Flacon Eigenurin eintauschen.

Wyss’ Zuversicht vermag das nicht zu trüben. Denn unzählige Gespräche und Zusendungen hätten ihr gezeigt: Urin wird viel häufiger eingesetzt, als man das vermutet. Fieberblasen? Weisser Hautkrebs? Kurieren einige mit Urin. Oder wie wäre es mit einer oralen Eigenharnbehandlung – sprich mit dem Trinken des eigenen Urins? Duschen mit Urinseife erscheint dagegen schon fast ordinär.

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2 Kommentare
  1. Jojo, 14.09.2020, 09:34 Uhr

    Falls mal grössere Mengen Urin gebraucht wird. Wir vom Kompotoi könnten da gut Material Liefern 😉

  2. Green tree, 07.09.2020, 13:53 Uhr

    Urea als Zusatz ist schon länger bekannt und geschätzt. Als Gegentrend der Globalisierung lohnt sich die Überlegung, Waschmittel und Pflegeprodukte lokal herzustellen und zu vermarkten. Zum Schutz von Umwelt und den Menschen, die dadurch Arbeit erhalten.

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