Luzerner streamen gerne Filme – wenn sie nichts kosten
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Für Kinobetreiber Frank Braun gleicht die Streaming-Landschaft dem Wilden Westen. (Bild: Saskja Rosset)

Konkurrenz zu Netflix & Co. Luzerner streamen gerne Filme – wenn sie nichts kosten

6 min Lesezeit 05.01.2021, 19:20 Uhr

Das Coronajahr 2020 war ideal, um den stetig wachsenden Stapel von Filmen und Serien abzubauen. Das haben viele gemacht. Auch ein paar Plattformen aus Luzern und Zug mischen beim Streaming-Kampf mit. Manche mit Erfolg und andere mit ernüchternden Zahlen.

Die «On Demand»-Sparte steht auf der Website des Kino Bourbaki an oberster Stelle – noch über dem Kinoprogramm. Verständlich, denn während die Kinos coronabedingt geschlossen sind, können sich Filmliebhaber via Stream am Programm erfreuen. Dabei gab es «Bourbaki on Demand» schon, bevor Corona überhaupt ein Thema war. Die Zürcher Neugass Kino AG, die das Kino Bourbaki in Luzern betreibt, hat sich seit rund drei Jahren mit der Streaming-Zukunft auseinandergesetzt.

In Zusammenarbeit mit der Plattform «cinefile» bietet sie zwei unterschiedliche Dienste an. Zum einen eine Flatrate, bei der man für 9 Franken monatlich bis zu 99 Spiel- und Dokumentarfilme im Jahr anschauen kann. Zum anderen bietet der Dienst auch eine Einzelmiete für 8 Franken an – filmbegeisterte Naturen können dabei noch auf Behind-the-Scenes-Material zugreifen.

Im Angebot stehen hauptsächlich aktuelle Studio-, Dokumentar- und Arthouse-Filme aus aller Welt, aber auch Mainstream-Kino wie der britische Kinderfilm «Paddington» oder Quentin Tarantinos Western-Schlachtplatte «Hateful Eight».

Service taugt nicht als zweites Standbein

Aber wird das Angebot auch genutzt? Leider kaum, wie Neugass-Programmleiter und Mitglied der Geschäftsleitung Frank Braun auf Anfrage erklärt. Vor dem Lockdown sei das Angebot nur «marginal» genutzt worden. Während des ersten Kino-Lockdowns verzeichnete man zwar einen deutlich spürbaren Anstieg von Streams, «dieser hat aber sehr schnell wieder abgenommen», so Braun weiter.

Und mit «spürbarem Anstieg» meinte Braun um die 100 Streams pro Monat – keine Zahl, mit der man zufrieden sein kann. «Es ist eine ernüchternde Bilanz», bestätigt er. «Als Businessmodell oder gar zweites Standbein lohnt sich das Angebot nicht. Dafür müsste man es massiv ausbauen und davon sind wir noch weit weg.»

Kleineres Publikum

Aber warum wird das Angebot kaum genutzt? Der Lockdown hat schliesslich zu einem Boom bei anderen Streaming-Anbietern wie Netflix und das im vergangenen März gestartete Disney+ gesorgt. Dafür gibt es verschiedene mögliche Gründe.

Das Hauptaugenmerk im Angebot der Neugass Kino AG liegt auf dem Programm abseits des Mainstreams – also Filme, die eher ein Nischendasein führen. Diese sprechen zwar ein treues, aber kleineres Publikum an als grosse Blockbuster Marke 007, Marvel oder Star Wars.

«Es herrscht eine Wild-West-Atmosphäre.»

Frank Braun, Kinobetreiber

Ein weiterer Aspekt könnte das Alter des Publikums sein, das beim Arthouse-Film durchschnittlich höher ausfällt – und damit eine Hemmschwelle beim Umgang mit Online-Angeboten bildet. Braun sagt, dass es durchaus Gäste gebe, die von Streaming nichts wissen wollen, hält aber fest, dass auch ein älteres Publikum durchaus neugierig sei, Neues auszuprobieren. Und schliesslich: «Das Publikum altert mit den neuen Technologien mit.»

Sind Luzerner online-scheu?

Zusätzlich zum Alter spielt auch die Regionalität eine Rolle. So sind die Luzerner grundsätzlich weniger online-affin als beispielsweise die Zürcher, wenn es um Sitzplatzreservationen oder Ticketbuchungen geht. Eine Eigenheit, die sich auch auf die Nutzung des Streaming- und On-Demand-Service niederschlägt, wie Braun vermutet.

Und nicht zuletzt liegt es auch schlicht am Überangebot. «Es herrscht eine Wild-West-Atmosphäre», so Braun. «Jeder Betreiber versucht etwas Eigenes.» Eigentlich wollte man die Situation für den Konsumenten einfacher machen. Mittlerweile buhlen aber verschiedene Betreiber mit verschiedenen Plattformen um die Gunst der Zuschauer. Dabei geht schnell die Übersicht verloren.

Oberschurke Netflix

Und Platzhirsche wie Netflix machen die Situation nicht einfacher. «Anbieter wie Netflix sind ein Ärgernis fürs Kino, weil sie uns Filme wegkaufen, die wir gerne gezeigt hätten und keine Anstalten machen, diese fürs Kino freizugeben.» Davon ausgenommen seien eine Handvoll Filme wie Scorseses «The Irishman» oder das Ehedrama «Marriage Story», die für eine kurze Zeitspanne in ausgewählten Kinos gezeigt wurden.

«Wir wollen unser Publikum nicht umerziehen.»

Grundsätzlich wäre ein Streaming-Angebot eine gute Alternative, um in Corona-Zeiten die wegbrechenden Einnahmen wenigstens zu einem Teil aufzufangen. Aber schafft sich das Kino dadurch nicht selbst ab? Nein, findet Frank Braun. «Wir wollen unser Publikum nicht umerziehen. Für uns stellt das Angebot eine Service-Dienstleistung dar», erklärt er. Der geneigte Kinobesucher kennt und schätzt den Unterschied zwischen einem Kinobesuch und einem Stream auf dem heimischen Bildschirm.

Trotzdem: Das Angebot bleibt

Und obwohl die bisherigen Zahlen ernüchternd seien, will Frank Braun das Angebot nicht aufgeben. «Streaming ist ein Experiment für die Zukunft.» Der Dienst wird auch weiterhin angeboten, weil er bisher einen relativ geringen finanziellen Aufwand bedeutet. Und ausserdem auch eine wichtige Vertriebsplattform für den ansonsten eher unsichtbaren Arthouse-Film ist. «Als begleitendes Promotionswerkzeug ist der Dienst sinnvoll», sagt Braun. Und schliesslich wisse man nie, was die Zukunft noch bringt.

Bibliotheken bieten Gratis-Alternative

In das Haifischbecken von Streaming-Anbietern haben sich auch mehrere Schweizer Bibliotheken geworfen. Seit November 2019 sind 17 Kantons-, Hochschul- und Universitätsbibliotheken an den Streaming-Dienst «filmfriend» angeschlossen – darunter auch die ZHB Luzern und die Bibliothek Zug. Die Plattform wurde im Zuge eines Zusammenschlusses vieler Schweizer Bibliotheken zur Swiss Library Service Platform (SLSP) implementiert.

«In den Lockdown-Monaten März, April und Mai war die Nutzung jeweils ungefähr doppelt so hoch wie der monatliche Durchschnitt.»

Martina Kammermann, ZHB Luzern

«filmfriend» ermöglicht es, allen Besitzern eines Bibliotheken-Ausweises, Filme zu streamen. Auch hier liegt der Fokus eher auf einem alternativen Kinoprogramm – dem von «Bourbaki on Demand» nicht unähnlich, wenn auch nicht deckungsgleich.

Hochsaison Lockdown

Im Gegensatz zum Streaming-Dienst der Neugass Kino AG scheint die Luzerner Bevölkerung beim Umgang mit dieser Online-Plattform keine grösseren Nutzungsängste zu haben – vielleicht auch, weil sie für den Nutzer selbst kostenlos ist.

«In den Lockdown-Monaten März, April und Mai war die Nutzung jeweils ungefähr doppelt so hoch wie der monatliche Durchschnitt», schreibt Martina Kammermann, Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit der ZHB Luzern. «In diesen drei Monate fielen mit zirka 2500 Filmstreams fast die Hälfte des gesamten Jahres 2020 an.» Gesamthaft wurden 2020 in Luzern bei rund 2000 angemeldeten Benutzern knapp 6000 Filme gestreamt.

Weniger hohe Zahlen und trotzdem zufriedene Stimmung gibt es auch im Kanton Zug. Hier wurden im ganzen Jahr bei 886 aktiven Nutzern 2716 Filme gestreamt – über ein Drittel davon während des Lockdowns. Eine aktive Werbekampagne über Social Media, Newsletter und Website soll die Nutzerzahlen in Zukunft noch weiter steigern.

Bibliotheken zahlen, damit du nicht musst

In beiden Kantonen zeigt man sich sehr zufrieden mit der Entwicklung des Angebots. «Wir werden es auf alle Fälle weiterführen, auch weil es sonst noch gar nichts Vergleichbares für Bibliotheken gibt», schreibt die Bibliothek Zug auf Anfrage. In Luzern wertet man diese auch als Teilerfolg der angestrebten Online-Strategie.

«Wir sind überzeugt davon, dass in diesem Angebot noch einiges an Potential vorhanden ist, um die ZHB Luzern auch in jenen Kreisen der kantonalen Bevölkerung als interessanten Service public bekannt zu machen, die uns bisher noch nicht auf dem Schirm haben», so Martina Kaufmann weiter.

Finanziert wird das Angebot von den Bibliotheken selbst, die eine jährliche Lizenzgebühr an die Plattform «filmfriend» entrichten. Die Höhe der Gebühr richtet sich nach der Anzahl aktiver Nutzer, wie die Bibliothek Zug erklärt.

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