Luzerner Seniorin im Altersheim: «Jetzt simmer iigschperrt»
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Daniela Kuhns Buch beleuchtet die Erlebnisse von Heimbewohnerinnen und deren Angehörigen während der Coronakrise. (Symbolbild) (Bild: Adobe Stock)

Auszug aus dem Buch «Eingesperrt, ausgeschlossen» Luzerner Seniorin im Altersheim: «Jetzt simmer iigschperrt»

16 min Lesezeit 12.12.2020, 05:00 Uhr

Die Autorin Daniela Kuhn hat in ihrem Buch «Eingesperrt, ausgeschlossen» Erlebnisse von Familien zusammengetragen, die während der Corona-Krise ihre Angehörigen in Alters- und Pflegeheimen nicht mehr besuchen durften. Darunter findet sich auch die berührende Geschichte einer Luzernerin.

Die Zürcher Autorin und Journalistin Daniela Kuhn konnte ihre 84-jährige Mutter während des Lockdowns nicht besuchen. Sie wollte wissen, wie andere die Zeit des Ein- und Ausgesperrtseins erlebt haben – und hat sich auf die Suche nach ähnlichen Erlebnissen gemacht. Diese hat sie nun im Buch «Eingesperrt, ausgeschlossen» zusammengetragen.

zentralplus veröffentlicht das Erinnerungen von Maria P., die während des Lockdowns kaum noch Kontakt mit ihrer betagten Mutter haben konnte. Von der Begegnung mit der Luzernerin erzählt die Autorin aus der Ich-Perspektive.

Die Autorin Daniela Kuhn war selbst jahrelang als Pflegefachfrau tätig. (Bild: zvg)

Zuerst wollte die Luzernerin nicht darüber sprechen

Anna P. starb am 14. Mai 2020 im Pflegeheim einer ländlichen Gemeinde im Kanton Luzern. Ihre Tochter Maria braucht Kraft, um von diesem Tag und den zwei Monaten davor zu berichten, um sich der Ohnmacht und Wut, die sie und ihre Geschwister erlebt haben, nochmals zu stellen. Als meine Freundin sie für mein Projekt anfragte, habe sie zuerst ablehnen wollen, sagt mir Maria P. am Telefon, aber dann habe sie es sich anders überlegt. «Ich werde erzählen, um zu zeigen, was sich nicht wiederholen darf.»

Ein paar Tage später klingle ich bei einem Mehrfamilienhaus aus den 1950er-Jahren, wo Maria P. mit ihrem Partner wohnt. Sie bittet mich herein. Während in der Küche das Teewasser zu kochen beginnt, stehen wir in der Stube vor dem kleinen Tischchen, auf dem ein hellgrünes Tuch ausgebreitet liegt. Darauf steht ein Foto von Anna P. Es zeigt eine freundliche, heiter gestimmte alte Frau mit rosa Seidenschal. Maria P. hat darum herum getrocknete Hortensienblätter ausgebreitet, dahinter liegen die Beileidsschreiben. Auf dem Boden steht eine Vase mit Astern und Rittersporn. Maria P. hat sie geschenkt bekommen, diese Blumen, die das Rosa des Schals auf dem Foto aufnehmen.

Geschichte eines Lebens

Am Esstisch beginnt sie von ihrer Mutter zu erzählen, von Anna P., die 1928 in einer ländlichen Gemeinde des Kantons Luzern als Bauerntochter auf die Welt kam. 1952 heiratete die junge Frau Theo P. Sie verliess den Weiler, in dem sie aufgewachsen war, blieb aber in der Gegend. Der Hof ihres Mannes lag in ihr vertrauten Gefilden. Hier brachte Anna P. zwei Töchter und vier Söhne zur Welt.

In den 1980er-Jahren zog das Paar in eine kleinere Wohnung, die zum Hof gehörte. Einer der Söhne hatte ihn inzwischen übernommen, doch die Zeiten hatten sich geändert: Der Betrieb war nun zu klein, um eine Familie zu ernähren. Er wurde Mitte der 1990er-Jahre verpachtet, die Eltern lebten weiter auf dem Hof. «Das war ein schwieriger Moment für sie», erinnert sich Maria P.

«Meine Mutter wurde nie ganz heimisch am neuen Ort.»

In ihren Siebzigern begann die Mutter körperlich abzugeben. Treppensteigen wurde schwierig, ihr Mann übernahm den Einkauf. Doch es dauerte nicht lange, da zeigte sich bei Theo P. eine Demenz. Er veränderte sich. Er hatte Mühe, sich zu orientieren und Administratives zu erledigen. Es flatterten etwa Mahnungen ins Haus, was früher nicht vorstellbar gewesen wäre.

Umzug ins Altersheim

Ihre Mutter habe diese Situation belastet, erzählt Maria P. Krisen wurden immer häufiger, einmal erlitt sie einen Kreislaufzusammenbruch. Vollends in Schieflage kam das Gefüge, als Anna P. operiert werden musste. Ihr Mann konnte nicht allein zu Hause bleiben, er zog ins Altersheim seiner Gemeinde. Sie folgte ihm nach, allein konnte sie die Herausforderungen des Alltags körperlich nicht mehr bewältigen. Für die Eltern sei es ein schwieriger Schritt gewesen, sagt Maria P. «Meine Mutter wurde nie ganz heimisch am neuen Ort.»

Die Demenz ihres Vaters schritt voran. Er vergass die Namen seiner Liebsten, freute sich aber immer, wenn sie ihn besuchten. Theo P. starb im Sommer 2012. Anna P.s Mittelpunkt war nun ihr Zimmer, das sie mit ihren handwerklichen Arbeiten schmückte. Wichtig waren ihr auch die vielen Blumen und Pflanzen, die beim Fenster standen.

Ende Februar 2020 hörte Maria P. am Radio, dass ein Altersheim in Brunnen im Kanton Schwyz ein Besuchsverbot erlassen hatte, nachdem im Dorf zwei Fälle von Covid-19 verzeichnet worden waren. Sie erinnert sich: «Mein erster Gedanke war: Spinnen die? Und dann: Das kann auch uns blühen.»

Das Heim schliesst die Türen

Ein paar Tage später besuchte sie ihre Mutter im Altersheim. Angesprochen auf das neue Virus, zeigte sich Anna P. fatalistisch, allzu viel Angst schien sie nicht zu haben.

Mitte März schloss das Altersheim seine Türen. Als kurz darauf auch die kantonalen Behörden die Heime dichtmachten, erhielt Maria P. einen zweiten «Sondernewsletter». Er wirkte rechtfertigend, sie nahm an, es hätten sich Angehörige beklagt. «Jetzt simmer iigschperrt», sagte ihre Mutter am 17. März am Telefon. Maria P. notierte die Bemerkung in ihr Tagebuch.

Ds Mueti, sagt Maria P., habe unterschiedlich auf die Situation reagiert: Mal zeigte sie Verständnis dafür, mal sagte sie, es sei ihr egal, wie sie sterbe. In den letzten zwei Jahren hatte sie etliche gesundheitliche Krisen überstanden, in denen sie am Rande der Sterbephase gestanden hatte. Sie hatte auch mehrere Augenoperationen hinter sich, dennoch waren Handarbeiten inzwischen kaum mehr möglich. Anna P. fand keine Aufgaben mehr, denen sie nachgehen konnte, und somit auch immer weniger Sinn im Leben.

Gespräche übers Telefon

Im letzten Jahr hatte die damals 91-Jährige oft Todeswünsche geäussert, vor allem nachdem ihr um einige Jahre jüngerer Bruder überraschend gestorben war. «Jetzt het de Herrgott en Missgriff gmacht», hatte sie dazu gemeint. Maria P. erklärte ihrer Mutter, am Coronavirus zu sterben könne schrecklich sein. Leiden wolle sie nicht, sagte ihre Mutter. Schon vor Längerem hatte sie eine Patientenverfügung unterzeichnet. Im Fall einer Ansteckung hätten ihre Kinder sie im Heim gelassen.

Fremde Personen waren ihrer Mutter nun physisch am nächsten. Dieser Gedanke beschäftigte Maria P. immer mehr. Ihre Mutter wirkte am Telefon zunehmend deprimiert. Ein Grund dafür war die neue Abstandsregel im Speisesaal. Bis anhin hatte Anna P. dort mit Anni ums Eck gesessen. Anni hatte biografische Parallelen, die beiden Frauen mochten sich. Da Anni aber nicht gut hörte, war das Gespräch nun nicht mehr möglich. Anna P. berichtete am Telefon: «Nun kann ich nicht mal mehr mit ihr reden.» Über mehrere Wochen war im Hause auch das Jassen verboten. Anna P. meinte: «Es trifft mich ja nicht, aber das finde ich doch das Letzte.»

Tücken der Technik

In Gedanken nahm ihre Tochter den Zug, ging durchs Dorf zum Heim und erhielt keinen Eintritt. Das Altersheim bot nun Skype-Termine an, die im Voraus gebucht werden mussten. Anna P. rief ihre Tochter an, was selten vorkam. Sie erzählte, eine Pflegerin habe ihr den Raum gezeigt, in dem diese Gespräche stattfinden würden. Eindringlich sagte sie dazu: «Los, ich will das nicht. Es ist ein Sitzungszimmer mit abgestandener Luft. Die junge Frau, die ich fragte, wie das funktioniert, sagte mir, sie wisse es auch nicht.»

«Wir Angehörigen sassen draussen, kein Wetter- und Windschutz, keine Privatsphäre.»

Zehn Tage später buchte ihre Tochter Annelies dennoch einen Skype-Termin. Anna P. unterhielt sich während einer halben Stunde mit ihr, später auch mit zwei Söhnen. Einer von ihnen erkundigte sich beim Heimleiter, wieso der Mutter kein Tablet ins Zimmer gebracht werde. Die Antwort lautete, es gäbe nicht in allen Teilen des Hauses genügend Internetempfang.

«Mit mir wollte sie nicht skypen», sagt Maria P., «sondern weiterhin telefonieren.» Drei- bis sechsmal in der Woche rief sie ihre Mutter an, sie schrieb ihr Karten und Briefe. Sie hatte den Impuls, ihr Blumen zu schicken. Diese Blumengrüsse haben ihre Mutter sehr gefreut. Anna P. sagte: «Ihr sind jetzt z’Bsuech cho!»

Fensterbesuche ohne Privatsphäre

Als erste Berichte über «Besucherboxen» zu lesen waren, besprach sich Maria P. mit ihrer Schwester Annelies, die als einzige der sechs Geschwister nicht weit vom Altersheim entfernt lebt, im selben Dorf. Annelies regte die Bezugsperson der Mutter an, eine solche Box einzurichten. Diese versprach, das Anliegen bei der Geschäftsleitung zu deponieren.

«Ich weinte. Und sie weinte auch. Ich spürte, dass sie bald sterben wird.»

Endlich wurden «Fensterbesuche» möglich, für jeweils dreissig Minuten. «Sie waren ernüchternd», erzählt Maria P. «Man sah sich durch das Fenster des Mehrzweckraums, sprach per Handy. Wir Angehörigen sassen draussen, kein Wetter- und Windschutz, keine Privatsphäre. Das wäre auch am ersten Tag schon möglich gewesen, aber wir hatten den 27. April!»

Anna P. sah ihre Tochter Annelies draussen vor dem Fenster. Ihr Hörgerät störte, das Headset fiel ihr herunter. Von der erlaubten halben Stunde verging die Hälfte mit diesem technischen Problem. Schliesslich bat die Tochter darum, das Fenster zu kippen, was erlaubt wurde.

Mutter entwickelt Todeswunsch

Zwei Tage später war Maria P. dort. Sie holt ihr Handy und zeigt das Foto, das ihr Partner damals gemacht hat: Sie sitzt auf dem schräg abfallenden Sims, im Hintergrund ist das Strässchen zu sehen. Passanten gingen vorbei, eine Frau mit einem Kind auf dem Weg zum Spielplatz, die für einen Moment stehen blieb.

Das Schlimmste aber war: Anna P. hatte in den sieben Wochen, in denen ihre Tochter sie nicht gesehen hat, abgegeben, eine Blasenentzündung hatte an ihren Kräften gezehrt, sie konnte sich nicht mehr selbstständig anziehen. Maria P. erschrak. Ihre Mutter sagte: «Ich mag nicht mehr.» – «Was magst du nicht mehr?», fragte die Tochter nach. Anna P. antwortete: «Eifach nüt meh.» Und sie wurde noch deutlicher: «Das isch s’letscht Mal, wo mir enand gsend. Maria, das isch jetzt üse Abschied.»

Sie sei beinahe vom Sims gefallen, sagt Maria P. «Ich weinte. Und sie weinte auch. Ich spürte, dass sie bald sterben wird.» Bitte, nicht jetzt!, habe sie damals gedacht, ihre Mutter damit aber nicht belasten wollen. Schliesslich fragte sie ihre Mutter, was ihr jetzt wichtig sei. Anna P. antwortete: «Sag allen, sie sollen darum beten, dass ich gut sterben kann, ohne Schmerzen.»

Ein Mensch nimmt Abschied

Maria P. informierte ihre Geschwister per Mail und Whatsapp. In den darauffolgenden Tagen verabschiedete sich die Mutter am Fenster auch von ihnen, bei einem Sohn per Skype. Die Geschwister informierten das Heim.

Die Schwiegermutter von einem ihrer Söhne lebt im selben Haus. Als Anna P. im Rollstuhl an ihr vorbeigeschoben wurde, sagte sie: «Tschau Marie, mir gsend üs nüme.» Die anwesende Bezugsperson erzählte das Maria P.s Schwester Annelies. Ihren Wunsch, die Mutter im Zimmer besuchen zu können, lehnten sowohl die Bezugsperson als auch der Pflegedienstleiter ab, mit der Begründung, Anna P. sei nicht in einer palliativen Situation.

«Zufällige» Treffen werden inszeniert

An einem Montag Anfang Mai meldete sich die Bezugsperson von Anna P. bei deren Tochter Annelies. Sie bot an, mit Anna P. vor dem Haus spazieren zu gehen und auf diese Weise ein «zufälliges» Treffen zu inszenieren. Annelies machte sich mit dem Velo zur abgemachten Stelle auf. Anna P. sei sehr bewegt gewesen, ihre Tochter anzutreffen, erzählte sie ihrer Schwester. Als sich Annelies am Donnerstag für ein zweites Treffen ihrer Mutter näherte, teilte ihr die Bezugsperson mit, sie habe den Pflegedienstleiter zwar über das Vorhaben informiert, aber nun habe dieser weitere Treffen im Freien verboten. Es werde keine mehr geben.

«Ich fühlte mich ohnmächtig, ich war wütend.»

Am 12. Mai sass Annelies auf dem Sims vor dem Fenster. Als sie der Mutter nachwinkte, während eine Pflegerin ihren Rollstuhl zum Lift schob, kam ihr der Pflegedienstleiter entgegen. Angesprochen darauf, dass sich der gesundheitliche Zustand von Anna P. deutlich verschlechtert hat und sie selbst überzeugt ist, bald zu sterben, antwortete er: «Nein, Annelies, deine Mutter ist nicht am Sterben. Sie isst, trinkt und ist klar im Kopf. Das geht nicht so schnell.»

«Ich war wütend»

Maria P. hat früher als Pflegefachfrau gearbeitet. Ihr war klar, dass ihre Mutter längst in einer palliativen Situation war, dass sie und ihre Geschwister somit ein Recht auf eine Ausnahmebewilligung hätten, um die Mutter zu sehen. Die Tatsache, dass die Definitionsmacht bezüglich Einschätzung der Situation einzig und allein beim Pflegedienstleiter lag, empfand sie als stossend. Auch der Hausarzt, den die Schwestern beizogen, als Anna P. meinte, Wasser auf der Lunge zu haben, konnte daran nichts ändern. «Wir kamen einfach nicht weiter», erinnert sich Maria P. «Ich fühlte mich ohnmächtig, ich war wütend.»

Ich frage Maria P., ob sie versucht habe, Hilfe von aussen zu holen – obwohl ich nur zu gut weiss, dass sie kaum welche bekommen hätte. «Nein», antwortet sie, «als ich mir die Website von Pro Senectute Kanton Luzern anschaute, hatte ich das Gefühl, dort keine Unterstützung zu erhalten. Am Tag, an dem meine Mutter starb, hatte ich vor, den Präsidenten von Curaviva Luzern anzurufen – aber es kam dann nicht mehr dazu.»

Der Sterbeprozess beginnt

Es war der 14. Mai, ein Donnerstag. Maria P. war im Homeoffice. Für den nächsten Tag hatte sie einen «Fensterbesuch» abgemacht. Da sie Zweifel hatte, ob ihre Mutter dafür noch genügend Kraft hätte, rief sie ihre Mutter an. Anna P. nahm den Hörer ab, sie sagte den Namen ihrer Tochter, aber sonst waren ihre Worte nicht mehr verständlich. Maria P. war aufgrund der Atemgeräusche sofort klar, dass ihre Mutter jetzt im Sterbeprozess war.

Nach fünf Minuten zwang sie sich dazu, den Hörer aufzulegen. Sie rief das Altersheim an. Eine Pflegerin meinte: «Ja, sie hat heute schon nicht so einen guten Tag.» Maria P. entgegnete: «Wir müssen jetzt nicht mehr um den heissen Brei reden! Ich war während zwanzig Jahren Pflegefachfrau, ich höre, dass meine Mutter am Sterben ist!» Ihre Schwester Annelies sei ja am Nachmittag zum Besuch angemeldet, meinte die Pflegerin.

Dem Heim sind die Hände gebunden

Maria P. äusserte den Wunsch, dass auch sie dabei sein könne. «Ich darf das nicht entscheiden», antwortete die Pflegerin, man werde sich später bei ihr melden.

Kurz darauf rief die Abteilungsleiterin an: Es täte ihr leid, aber laut Reglement dürfe nur eine Person Anna P. besuchen. Maria P. war verzweifelt. Sie sagte, sie verstehe die Herausforderung für das Heim, aber ihre Mutter sei am Sterben, es müsse sich doch ein Mittelweg finden lassen, der niemanden gefährde und einen Abschied möglich mache. Die Abteilungsleiterin entgegnete, dies liege nicht in ihrer Kompetenz. Maria P. weinte.

Auch jetzt hat sie Tränen in den Augen. «Es war unerträglich.»

Die Töchter können Abschied nehmen

Um 13 Uhr, sie sass gerade beim Mittagessen, rief die Abteilungsleiterin wieder an: Sie hätte die Sache nochmals intern besprochen, Maria P. dürfe kommen. «Ich liess alles stehen», erinnert sich Maria P. «Ich versuchte, ein Mobility- Auto zu organisieren, aber es war keines frei. Ich rannte auf den Zug, erreichte ihn knapp.»

Die Abteilungsleiterin führte die beiden Schwestern über die Tiefgarage ins Haus. Ausgestattet mit einem Schutzmantel aus Papier und Maske betraten Maria P. und Annelies die Abteilung. Die Töchter legten die Fragen vor, welche die Geschwister an einer Videokonferenz vorgängig besprochen hatten: Wann dürfen auch die Söhne im Zimmer Abschied nehmen? Ist es erlaubt, bei der Mutter zu wachen? Dürfen auch die Partner ihrer Kinder und die Enkel kommen? Wenn Anna P. tot sein wird, wie viele Personen dürfen anwesend sein? Wie lange kann der Leichnam im Zimmer bleiben?

Die Wünsche werden erfüllt

Die Abteilungsleiterin war nicht befugt, die Fragen zu beantworten. Sie rang mit den Tränen, sie erklärte, morgen sei der Pflegedienstleiter da. Schliesslich bat sie den Heimleiter, die Fragen zu beantworten. Maria P. und Annelies erhielten Bescheid, ihre Wünsche würden alle erfüllt. Danach führte die Abteilungsleiterin die Töchter ins Zimmer.

Ds Mueti sass in ihrem Sessel. Maria P. nahm sie in die Arme. Die alte Frau nannte die Namen ihrer Töchter, die ihr beide die Hand gaben. Es war der erste Moment der Nähe, nach zwei langen und leidvollen Monaten. Maria P. erzählt: «Ich hatte den Eindruck, sie sei erleichtert. Aber sie hatte nicht mehr genug Kraft, um freudige Emotionen zu zeigen. Sie war verwirrt, aber auch klar, es schwankte. Wir verstanden nicht alles, was sie sagte, oder nur im Kontext. Es gab viele Pausen. Sie verlangte zu trinken, nahm winzige Schlucke. Die Atmung war noch immer durch den Schleim behindert.»

Anna P. sagte: «Es wäre schön, es könnten alle herkommen.» Ihre Töchter bestätigten ihr, das sei nun möglich. Aber sie waren nicht sicher, ob die gute Nachricht bei der Mutter noch ankam. Anna P. bat um etwas, was ihr wichtig war: «Gälled, ihr tüend mich würdig beerdige.» Sie wisse nicht, ob ihre Mutter den Ritus am Grab als würdig empfunden hätte, sagt Maria P. Aber dass der Gottesdienst erst zu einem späteren Zeitpunkt abgehalten würde, konnten die Töchter ihr noch erklären.

Anna P. stirbt in der Nacht

Nach einer Stunde begann Anna P., unruhig zu werden. Sie sagte, sie sei müde. «Willst du dich ins Bett legen?», fragte Maria P. «Nein», antwortete ihre Mutter, «ich möchte einfach allein sein.» Die Töchter klingelten der Pflege, zwei Pflegerinnen kamen ins Zimmer, halfen der schwachen Frau, die Toilette aufzusuchen.

Um 21 Uhr wurde Anna P. Morphin gespritzt. Die zuständige Pflegerin fragte sie, ob sie ihre Tochter Annelies anrufen solle. Anna P. verneinte, das sei nicht nötig. Als die Nachtwache vor 22 Uhr in ihrem Zimmer vorbeischaute, war sie gestorben.

Am nächsten Tag durften ihre Kinder und deren Partner an ihrem Bett Abschied nehmen. Maria P. sprach die Pflegerin an, die dabei war, als sie ihre Mutter das letzte Mal lebend sah. Sie sagte ihr, sie sei erstaunt, wie schnell ihre Mutter nun gestorben sei. Die Pflegerin erzählte, als sie Anna P. gestern nach dem Besuch der Töchter zur Toilette geführt habe, habe sie den Eindruck gehabt, sie sterbe jeden Moment. Anna P. habe endlich loslassen können.

Phasen der Wut

Maria P. hat beim Erzählen mehrmals Tränen in den Augen. Sie sagt, dieser letzte Besuch sei tröstlich gewesen. Der Sterbewunsch ihrer Mutter habe sich erfüllt, ihr Tod sei auch eine Erleichterung. Aber die leidvollen Wochen, die ihm vorausgingen, stehen noch immer im Raum. Immer wieder tauchen negative Gefühle auf, Wut und Ohnmacht, die den Trauerprozess stören. «Ich hatte eine Phase», sagt Maria P., «da wollte ich dem Pflegedienstleiter einen langen Brief schreiben. Aber ich fand keine Energie dafür.»

Ihre Brüder würden die Geschichte womöglich anders erzählen, räumt Maria P. ein. Sie glaube, jedes der sechs Geschwister habe diese Zeit anders wahrgenommen.

Anna P. wurde im Dorf aufgebahrt. Viele Menschen, die sie gekannt haben, die sie in den letzten Wochen nicht besuchen durften, nahmen auf diese Weise Abschied von ihr.

Heime agieren individuell

Auch Maria P. war lange beim Sarg gesessen. Nach den vielen Hindernissen war es tröstlich gewesen, neben dem toten Körper verweilen zu dürfen. Sie traf eine Bekannte ihrer Mutter an, deren Vater im April im Nachbardorf in einem Altersheim gestorben ist. Die Frau erzählte, sie habe jederzeit zu ihrem Vater gedurft, diese letzten Tage seien enorm wichtig gewesen. Auch vor dem Heim, in dem Anna P. lebte, hatte beim Eingang eine Tafel geprangt, auf der zu lesen war, der Zugang sei in Palliativsituationen erlaubt.

Einen Tag nachdem Anna P. gestorben war, informierte das Altersheim über neu definierte Besucherzonen, über den Plan einer «vorsichtigen Öffnung auf Wunsch der Bewohnenden». Haben sie meine Mutter gefragt? Hätte sie eine vorsichtige Öffnung gewollt?, ging es Maria P. kurz durch den Kopf. Zum Glück hatte sie nichts mehr mit dieser Situation zu tun, mit der damit verbundenen Mischung aus «zu Kreuze kriechen, fordern und wünschen».

Pflegedienstleister räumt Fehler ein

Weitere sechs Tage später meldete sich der Pflegedienstleiter bei Annelies. Er hatte zuvor der Familie kondoliert und eingeräumt, sich über den Zeitpunkt des Todes getäuscht zu haben. Am Telefon sagte er nun, er höre, sie erzähle im Dorf, die Familie habe während der Sterbephase nicht zur Mutter dürfen. Annelies liess sich auf keine Diskussion ein. Sie erklärte, wenn Bekannte sie auf den Tod ihrer Mutter ansprächen, erzähle sie das, was sich ereignet habe.

An der Beerdigung hatte Maria P. ihre Schwester gefragt, wie es ihr gehe. «Viel besser», hatte diese gemeint und angefügt: «Versteh mich bitte nicht falsch.» Maria P. hatte sie sofort verstanden, ihr ging es genau gleich.

Über «Eingesperrt, ausgeschlossen»

Daniela Kuhn unternimmt im Buch «Eingesperrt, ausgeschlossen» eine Reportagereise durch die Schweiz. Sie macht sich auf die Suche nach den Geschichten von Menschen, die während des Lockdowns in Heimen eingesperrt waren, und von ihren nahen Angehörigen, die sie nicht besuchen dürfen.

Nebst den 17 Erlebnisberichten liegt dem Buch ein Beitrag von Prof. Dr. Franziska Sprecher, Staats- und Gesundheitsrechtlerin an der Universität Bern bei, in welchem sie erläutert, warum die rigorosen Massnahmen aus rechtlicher Sicht fragwürdig sind.

Das 152-seitige Buch kann für 27 Franken ab sofort beim Limmat Verlag bezogen werden.

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