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Luzerner Regisseur mit Bühnenangst
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Reto Ambauen führt bei seiner 70. Produktion Regie. Trotzdem hat er ein 100-Jahr-Jubiläum zu feiern. (Bild: jav)

100-Jahr-Jubiläum für Reto Ambauen Luzerner Regisseur mit Bühnenangst

5 min Lesezeit 02.01.2016, 05:15 Uhr

25 Jahre Regie, 70 Inszenierungen, 5 Jahre Theater Nawal – das ergibt ein 100-Jahr-Jubiläum für Reto Ambauen. Der Stadt-Luzerner, der schon die altehrwürdige «Boa» füllte, sprach mit zentral+ über seinen Weg, welcher über Kalkutta und Moskau zur Regie führte, und über die Psychologie im Theater.

Es ist früher Morgen, kalt und ungemütlich. Der «Theater Pavillon» im Luzerner Tribschenquartier wirkt noch wie ausgestorben, doch die Tür steht offen. Von der Bühne her hört man Klaviermusik, und als wir um die Ecke biegen, sitzt Reto Ambauen am Flügel und spielt. Als er den Besuch bemerkt, bricht er gleich ab – und unser Kompliment lässt er nicht gelten. Er erklärt lachend: «Ich kann überhaupt nur dieses eine Stück.» Es ist «Glick Du Bist Gekommen», ein jiddisches Lied, welches er vor Jahrzehnten gelernt habe.

Der 48-jährige Vater von zwei Kindern inszeniert hier gerade «Der Elefantenmensch» mit dem Theater Nawal, der erwachsenen Truppe des Voralpentheaters. Seine 70. Inszenierung. Dem Stadt-Luzerner ist das Haus so vertraut wie wohl sonst kaum jemandem. Zweimal im Jahr inszeniert er im Pavillon – mit dem Theater Nawal und dem Theaterclub der Pädagogischen Hochschule. Einmal pro Jahr führt er Regie in anderen Theatern.

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Ein harter «Lehrblätz»

Von Andermatt bis Willisau, von Zug bis Giswil bringt er in der ganzen Zentralschweiz immer wieder Produktionen auf die Bühne.

Der Weg zum Theaterschaffenden war bei Ambauen schon früh gelegt. Bereits im Lehrerseminar besuchte er einen Theaterfreifachkurs und dort nahm es ihm «den Ärmel rein». 1986 war er Gründungsmitglied des Jugendtheaters «Ecco rondo». Damals ein sehr erfolgreicher Start – über zwölfmal füllte die zweite Produktion die «Boa». Ambauen lacht: «Ob wir so gut waren, das weiss ich nicht, aber es gab uns eine grosse Motivation und viel Selbstvertrauen.»

«Eigentlich sind es 25 Jahre angewandtes Psychologiestudium.»

Schauspieler zu werden, war anschliessend wie selbstverständlich sein Plan. Doch wie so viele andere tingelte er von Vorsprechen zu Vorsprechen, von Schauspielschule zu Schauspielschule. Nach einem Jahr musste er sich eingestehen – es klappt nicht. «Ich war nach einem Jahr ziemlich geschlagen, es war ein harter ‹Lehrblätz›». Nach einigen Jahren auf Laienbühnen entschied er sich schliesslich dafür, Stücke selbst zu inszenieren. Heute ist die Schauspielerei für ihn kein Thema mehr. «Ich habe immer Bammel davor, dass ein Spieler ausfällt und ich einspringen müsste», lacht Ambauen.

Luzern – Kalkutta retour

Später kam Ambauen zurück nach Luzern und stieg bei Livio Andreina in dessen «Theaterwerkstatt» ein, blieb dort drei Jahre und leitete anschliessend ein Theaterprojekt in Kalkutta, in einem Heim für Strassenkinder. Nach seiner Rückkehr kam die Arbeit immer öfters von selbst auf ihn zu. «Ich musste mich nicht mehr um Arbeit kümmern, das war grossartig.» Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Der Elefantenmensch

Das Theater Nawal spielt ab dem 6. Januar im Pavillon «Der Elefantenmensch». Die Geschichte von John Merrick, einem stark deformierten Menschen, der Ende des 19. Jahrhunderts in England lebte und als Attraktion herumgereicht wurde. Als ein Arzt auf ihn aufmerksam wird, gelangt er in eine höhere Gesellschaftsschicht und trifft dabei auf verschiedene Menschen. Der intelligente, sehr sensible Mann wird als schutzbedürftiges Objekt behandelt –doch bald funktioniert das nicht mehr. Er bewegt schliesslich die Menschen und verändert sie.

Einen Link macht Ambauen bei dem Stück auch zur aktuellen Flüchtlingsthematik: «Wir kümmern uns, sind die guten Menschen, die schutzbedürftigen Objekten Sicherheit geben. Wir sehen sie jedoch nicht als individuelle Menschen mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen, Ideen und Vorstellungen – mit guten und schlechten Charaktereigenschaften.»

Als Regisseur müsse man vor allem ressourcenorientiert mit den Menschen arbeiten. Damit, was ein Mensch mitbringe und anbiete. Gerade bei Laien sei das wichtig. «Wenn man eine fertige Vorstellung einer Figur hat, wird die Arbeit für den Darsteller deprimierend und unangenehm, gerade, wenn man diese nicht erfüllen kann.» Dann gehe es auch nur noch um die Macht des Regisseurs – und das interessiere ihn schlichtweg nicht. «In meiner Verantwortung liegt es, ob es einem Spieler auf der Bühne wohl ist oder nicht», betont Ambauen, ganz Pädagoge.

«Eigentlich sind es 25 Jahre angewandtes Psychologiestudium», lacht Ambauen. Es gehe schliesslich immer um den Menschen und darum, was ihn bewege, womit er zu kämpfen habe. «Es geht um den Menschen in seiner ganzen Zerrissenheit. Und die Faszination dafür, die wird nie gestillt werden können.»

Theater ohne Drama

Den Leuten bei dieser Arbeit Sicherheit zu geben, sei für eine gute Produktion ausschlaggebend. «Schauspieler stellen sich vor andere Menschen hin und machen sich dabei wahnsinnig verletzlich.» In anderen Kunstformen stehe immer ein Medium zwischen Künstler und Betrachter, etwa eine Leinwand, ein Instrument – bei der Schauspielerei gibt es diesen Puffer nicht. Da ist der Künstler deckungsgleich mit dem Medium.

Daher geniesse er die Erfahrung und das Älterwerden sehr. Man habe mehr Ruhe in der Arbeit, kenne die Abläufe und mache sich weniger Stress. «Im Theater müssen nicht die Fetzen fliegen. Ich stecke die Energie lieber in meine Arbeit und nicht in irgendwelche Dramen rundherum.»

«Gejammert wird genug. Und ich habe keinen Grund zu jammern. Ich habe hier alles, was ich brauche. Andere müssen nach den raren Proberäumen suchen. Ich kann sie einfach reservieren.» Es sei grossartig, im Theater Pavillon arbeiten zu können.

Ab in den Kosovo

In den letzten Jahren hat sich Ambauen stark auf den Aufbau des Voralpentheaters konzentriert. 1997 kam er zurück von einem Austauschprojekt zwischen Willisau und Moskau. Das weiterzuführen, war das Ziel – aber dafür brauchte es erst mal eine Basis – einen funktionierenden Verein mit guter Infrastruktur. «Es geht dabei um ganz Grundsätzliches, Reales. Ich kann mich ja nicht einfach mit dem Rücksäckli auf die Strasse stellen und Träumen.» Das Voralpentheater sei nun so weit aufgestellt, dass die internationalen Projekte wieder beginnen können. Das erste beginne schon bald im Kosovo. «Nun sind wir endlich dazu bereit», freut sich Ambauen.

Der Pavillon

Der «Theater Pavillon» ist ein gemeinsames Projekt der Luzerner Spielleute und des Voralpentheaters. Die beiden Vereine teilen sich die Nutzung und die Verantwortung für das Gebäude. Geplant wurde ebenfalls gemeinsam.

Sieben Jahre dauerte die Geldsuche und mittlerweile steht der Pavillon seit acht Jahren. Das Haus erhält keine Subventionen, alles Geld nehmen die beiden Vereine über Vermietungen ein. «Und es ist immer Betrieb. Etwa 21’000 Leute besuchen das Haus pro Jahr, 170 Leute proben regelmässig hier, rund 170 Vorstellungen haben wir pro Jahr. Es ist ein Kulturhaus im Hochbetrieb – und das offen für alle Arten der Kultur. Wir wollen nicht kuratieren», erklärt Ambauen.

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