Luzerner sorgen für Durchblick im Mobilitätsdschungel
  • Wirtschaft
  • Verkehrsplanung
Leihvelo, E-Trotti und Co.: Mobilitätsangebote gibt es viele – nur weiss man oftmals nicht davon. (Bild: Adobe Stock)

Welche Angebote wir künftig nutzen könnten Luzerner sorgen für Durchblick im Mobilitätsdschungel

4 min Lesezeit 1 Kommentar 23.04.2021, 05:00 Uhr

Carpooling, Ridehailing oder Schiffsharing: Die Zahl an neuen Mobilitätslösungen auf dem Markt ist in den vergangenen Jahren zu einem unübersichtlichen Dickicht gewuchert. Auch in der Schweiz, wo aktuell über 200 verschiedene Angebote genutzt werden könnten. Ein kleines Luzerner Unternehmen hat nun Licht ins Dunkel gebracht – und wirft einen Blick in eine mögliche Zukunft auch der hiesigen Mobilität.

Auf den ersten Blick löst die Startseite des Onlineportals Trafikguide eine mittelstarke Reizüberflutung aus. Dicht an dicht drängen sich dort kleine quadratische Bilder von praktisch allem, was sich auf Strasse oder Schiene bewegt: E-Scooter, Camper, Tram, Reisecar, Roller, Mietvelos, Autos und einiges mehr.

Jedes dieser rund 400 Bilder steht für eine Mobilitätslösung, die in der Schweiz oder dem benachbarten Ausland angeboten wird. Das kleine Luzerner Mobilitätsberatungsunternehmen Trafiko hat mit dem «Trafikguide» nun einen ersten digitalen Überblick über neue und bestehende Mobilitätsangebote aufbereitet. Dieser ermöglicht faszinierende Einblicke in eine Entwicklung, die rasend schnell vorangeht und dennoch oftmals unter dem Radar von Behörden und der breiten Öffentlichkeit fliegt.

Selbst für Fachleute fast unüberschaubar

Wie schnell sich die Landkarte der Mobilität verändert, lässt sich etwa am Beispiel Carsharing illustrieren: Während jahrelang Mobility alleiniger Player im Markt war, existieren heute in der Schweiz mindestens 19 Carsharing-Anbieter. «Nicht nur die Anzahl von Anbietern ist rasant angestiegen, auch die Anzahl an Kategorien der Dienstleistungen hat exponentiell zugenommen», sagt Trafiko-Mitgründer Christoph Zurflüh.

Was unter Carsharing zu verstehen ist, dürfte den meisten geläufig sein. Mittlerweile sind aber eine ganze Reihe von zusätzlichen Angeboten rund um das Mietauto gekommen. Etwa das Ridehailing, das man allgemein mit dem Anbieter Uber in Verbindung bringt. «Auch hier muss man aber sehen, dass Uber in der Schweiz mittlerweile sechs und weltweit 14 verschiedene Dienste anbietet», sagt Zurflüh. «Das macht es selbst für Fachleute fast unmöglich, die Übersicht zu behalten.»

Wer bietet was an?

Rund 1,5 Jahre arbeiteten die Luzerner an diesem Mobilitätsüberblick, bei dem die rund 400 Mobilitätsangebote aufgearbeitet wurden. Was als kleine Powerpoint-Präsentation für interne Zwecke begann, ist so zum komplexen Onlinetool gewachsen. So kann nun etwa mittels Filtern rasch eruiert werden, welches Unternehmen in welcher Region welchen Dienst anbietet. «Wir haben, zumindest mit Blick auf die Schweiz, schon einen Vollständigkeitsanspruch», sagt Zurflüh. «Dies natürlich im Wissen, dass es in diesem sehr dynamischen Umfeld immer wieder zu Veränderungen kommt.»

«Gerade auch bei Behörden und Politikern herrschen oftmals starke Vorurteile gegenüber gewissen Anbietern.»

Christoph Zurflüh, Mitgründer Trafiko

Dank der Kategorisierungs- und Sortiermöglichkeiten der Webseite sind zudem Vergleiche zwischen Unternehmen möglich. Diese sind insofern spannend, als Trafiko hier eine Auswahl an verfügbaren Daten zu den jeweiligen Firmen anbietet.

Und wie viel verdient eigentlich Nextbike?

Auch hierfür ein Beispiel: In Luzern trifft man auf die Leihvelos der Firma Nextbike. Angebote anderer Anbieter hat der Stadtrat bisher konsequent abgelehnt (zentralplus berichtete). Wer aber steckt hinter der Firma Nextbike? Nun, Nextbike ist eine Privatfirma, der rund 50’000 Fahrräder in mehr als 200 Städten in 27 Ländern gehören. Die Firma hat ihren Sitz in Leipzig und macht einen Jahresumsatz von rund 30 Millionen Euro, wie mittels des Trafikguide zu erfahren ist.

Ziel: Diskussion zur Mobilitätswende

Mit solchen Einblicken in die kleinen und grossen Player auf dem Mobilitätsmarkt erhofft sich das Trafiko-Team letztlich auch «eine breite Diskussion zur Mobilitätswende», wie Zurflüh ausführt. «Gerade auch bei Behörden und Politikern herrschen oftmals starke Vorurteile gegenüber gewissen Anbietern, während andere kaum je hinterfragt werden.» 

«An Technologien und Angeboten fehlt es nicht – es gibt praktisch für jedes Szenario bereits eine fixfertige Lösung.»

Christoph Zurflüh, Trafiko AG

«Für uns ist zudem klar: An Technologien und Angeboten fehlt es nicht – es gibt praktisch für jedes Szenario bereits eine fixfertige Lösung. Die Frage ist, ob diese auch erkannt und clever eingesetzt werden», schiebt Zurflüh nach. Hier wünscht er sich – gerade mit Blick auf die Zentralschweiz – etwas mehr Mut.

«Man muss nicht eine Grossstadt sein, um das Potenzial neuer Angebote nutzen zu können. Es braucht aber den Mut, Neues seriös zu prüfen und auszuprobieren», sagt Zurflüh. «Damit verbunden muss auch über eine Mitfinanzierung neuer Mobilitätsdienstleistungen nachgedacht werden, wie dies im ÖV gang und gäbe ist. Natürlich nur dann, wenn der Dienst auch die öffentliche Mobilität verbessert.»

Blick nach Berlin

Die Entwicklung gehe stark in Richtung von Lösungen, wie sie Berlin kennt. Dort bieten die städtischen Verkehrsbetriebe mit Jelbi die «Königsklasse» der Mobilität an: das sogenannte Mobility as a Service. Kurz: Mittels einer App und einem Login können praktisch alle Mobilitätsangebote der Stadt genutzt werden – von der Strassenbahn bis zum Leihroller. «Solche Lösungen sind technisch komplex, könnten aber gerade in einer überschaubaren Region wie der Zentralschweiz einen Mehrwert bieten», ist Zurflüh überzeugt.  

Ob Trafikguide die Mobilitätsstrategien lokaler Behörden zu beeinflussen vermag, wird sich noch zeigen. Für alle anderen ist dieser Kompass jedenfalls ein hilfreiches Werkzeug, um zu erforschen, wie man sonst noch von A nach B kommen könnte.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

Dieser Artikel hat uns über 450 Franken gekostet. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

1 Kommentare
  1. Andreas Peter, 23.04.2021, 09:01 Uhr

    Wieso wird unser Städtchen eigentlich immer mit Millionenstädten wie Berlin und London etc. verglichen, wenn es um Mobilität geht? Grössenwahn?
    Brauchen wir überhaupt eine «Mobilitätswende»?
    Ich glaube, eine Einwanderungswende wäre sinnvoller.

Abonniere den Newsletter

Und erhalte unsere Post ganz nach Deinen Bedürfnissen und Wünschen: Täglich oder wöchentlich.