Luzerner Politologe: «Eine Achtjährige könnte selber abstimmen, wenn sie das will»
  • Politik
  • Gesellschaft
Sollen Kinder mehr politische Rechte bekommen? (Symbolbild: Piron Guillaume/Unsplash)

Zug diskutiert über Stimmrecht für Kinder Luzerner Politologe: «Eine Achtjährige könnte selber abstimmen, wenn sie das will»

4 min Lesezeit 8 Kommentare 18.02.2021, 05:00 Uhr

Im Kanton Zug ist ein Vorstoss eingereicht worden, der Kindern das Stimmrecht geben will. Der Luzerner Politikwissenschaftler Joachim Blatter sagt im Interview, weshalb das keinesfalls absurd ist – und aus welchem Grund die Idee gleichwohl geringe Chancen hat.

Die Gesellschaft wird immer älter und damit auch die Stimmbevölkerung. Damit die Anliegen der jungen Generation mehr Gewicht bekommen, sollen sie ein Stimmrecht erhalten. Das regt der Zuger CVP-Kantonsrat Michael Felber in einer aktuellen Interpellation an (zentralplus berichtete).

Was ist davon zu halten? Das haben wir Joachim Blatter, Professor und Politikwissenschaftler der Universität Luzern, gefragt.

zentralplus: Joachim Blatter, ein Stimmrecht für Kinder, das mag in vielen Ohren erstmal absurd klingen. Was halten Sie von dieser Forderung?

Joachim Blatter: Ich halte die Debatte keinesfalls für absurd, sondern für wichtig. Auch wenn die Umsetzung vermutlich mit einem Haufen Probleme verbunden wäre und deswegen erst einmal intensiv darüber diskutiert werden sollte.

«Wer die Stimme der Jungen stärken will, muss überlegen, wie man ihnen mehr Macht gibt.»

zentralplus: Inwiefern ist die Debatte wichtig?

Blatter: Wir reden aktuell viel über das Jubiläum 50 Jahre Frauenstimmrecht. In der Schweiz ist man sich bewusst, dass der Kampf um die Inklusion ein langer ist. Neben Ausländern sind Kinder und Jugendliche heute die grösste Gruppe, die kein Stimmrecht hat. Die Grundmotivation, dies zu ändern, ist zweifellos eine starke und hat ihre Berechtigung: Die Gesellschaft und damit auch die Stimmbevölkerung wird immer älter. Nehmen wir die Hauptfrage in der Debatte zum Klimawandel: Was dürfen wir verbrauchen und was bleibt für die junge und künftige Generation übrig? Das ist die zentrale Frage der nächsten Jahrzehnte. Wer dabei die Stimme der Jungen stärken will, muss überlegen, wie man ihnen mehr Macht gibt.

zentralplus: Das spricht für ein Stimmrecht für Kinder.

Blatter: Alle, die den Gesetzen unterworfen sind, sollen bei deren Formulierung mitbestimmen können. Dann darf man erwarten, dass sie sich daran halten. Das ist der Kern eines modernen Demokratieverständnisses. Und Kinder und Jugendliche sind unbestritten auch von Gesetzen betroffen.

Joachim Blatter ist seit 2008 Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Politische Theorie an der Universität Luzern.

zentralplus: Aber nicht alle Kinder können beurteilen, ob etwa ein Burka-Verbot richtig ist oder ob der Kanton Zug die Steuern senken soll.

Blatter: Bereits Aristoteles hat den Ausschluss der Frauen damit begründet, dass sie so emotional und damit nicht gleichermassen urteilsfähig seien wie Männer. Dasselbe Argument hörte man noch in den 50er-Jahren – heute würde man sich damit nur noch lächerlich machen. Bei Kindern ist es anders, das stimmt. Aber derzeit gibt es auf eidgenössischer Ebene Unterstützung für eine Absenkung des Stimmrechtsalters auf 16 Jahre – warum soll die Grenze ausgerechnet bei 16 liegen? Diese Frage zu stellen, ist nicht abwegig.

zentralplus: Der Vorschlag in Zug lautet, dass Eltern für ihre Kinder abstimmen könnten. Eine gute Idee?

Blatter: Es gibt sicher die Reaktion: Die Eltern werden vom Staat ohnehin bevorzugt, jetzt wollen sie noch mehr Stimmen. Aber wenn Eltern im Namen ihrer Kinder abstimmen könnten, wäre das besser, als ihnen gar keine politischen Rechte zuzugestehen. Nur bei der Umsetzung wird es schwierig. Man müsste sicher überlegen, wie man Missbrauch verhindern kann.

«Solche Vorschläge lassen sich mit süffigen Beispielen leicht ins Lächerliche ziehen.»

zentralplus: Ansonsten könnten Eltern einfach doppelt abstimmen statt die Interessen ihrer Kinder zu berücksichtigen?

Blatter: Genau. Aber das spricht nicht per se gegen die Sache. Vielleicht müsste man den Kindern die Möglichkeit zugestehen, das Stimmrecht selber auszuüben, sobald sie wollen. Das heisst: Eine Achtjährige könnte selber abstimmen, wenn sie das will. Oder man müsste verlangen, dass die Eltern eine eidesstattliche Erklärung unterschreiben, wonach sie zuvor mit den Kindern über eine Vorlage diskutiert haben.

zentralplus: Das klingt für heutige Verhältnisse abenteuerlich. Hat das Kinderstimmrecht politisch Chancen?

Blatter: Solche Vorschläge lassen sich mit süffigen Beispielen leicht ins Lächerliche ziehen. Deswegen schätze ich die Umsetzungschancen radikaler Vorstösse wie in Zug in naher Zukunft als eher gering ein. Aber in die Richtung wird es gehen. Die Senkung des Stimmrechtsalters auf 16 Jahre – das wird in den nächsten zehn Jahren in vielen Kantonen und Ländern kommen.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

Dieser Artikel hat uns über 400 Franken gekostet. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

8 Kommentare
  1. felix schwaibold, 20.02.2021, 15:00 Uhr

    8 Jahre finde überhaupt noch zu jung vom für wahlen und Abstimmungen und Demokratie etwas zu verstehen?

  2. Otmar Brenzikofer, 18.02.2021, 13:36 Uhr
  3. Alexandra, 18.02.2021, 09:29 Uhr

    8-jährige sind im Schnitt sicherlich geistig ebenso fit, wie 85-jährige. Also entweder gibt man Kindern das Stimmrecht – oder man schränkt es ab 85 ein.

    1. Bruno Krattinger, 18.02.2021, 12:20 Uhr

      Haben Sie sich schon einmal überlegt, über welches Politisches wissen ein 8 Jähriger verfügt. Das ist eine Diskriminierung der 85. Jährigen.

    2. Roland Grüter, 18.02.2021, 17:15 Uhr

      Wie krank muss ein Erwachsener sein, solchen Blödsinn auszusprechen.

  4. Andreas Peter, 18.02.2021, 09:26 Uhr

    Alle diese Ideen stärken interessanterweise immer potentiell die Linksgrünen.
    Kinder würden natürlich Grün stimmen, da sie ja auch schon in der Schule in diese Richtung indoktriniert werden und generell anfällig für Beeinflussung sind.
    Wieso nicht einmal eine andere Logik einführen?
    Wer in der Privatwirtschaft arbeitet und Steuern zahlt, bekommt ein doppeltes Stimmrecht.
    Also die Menschen, die «den Karren ziehen».
    «Wer zahlt befiehlt» ist ja eigentlich ein akzeptiertes Prinzip.
    Auch so könnte man einer «Gerontokratie» entgegenwirken, obwohl ich persönlich damit keine Probleme habe. Mir erscheinen Lebenserfahrung und logisches Denken die besseren Ratgeber als «Bauchgefühl».

  5. Wisali, 18.02.2021, 09:25 Uhr

    Habe noch einen Hund und 5 Goldfische, dann darf ich für die auch abstimmen. Mich dünkt, die Welt ist total am verblöden.

  6. Isabel Grüter, 18.02.2021, 08:52 Uhr

    Die Infantilisierung der Gesellschaft wird von den Hochschulen vorangetrieben. Was kommt als Nächstes? Stimmrecht für Papierlose? Der Kanton kann sich offensichtlich eine Überpräsenz von gutbezahlten Politologen leisten.

Wie viel ist Dir unabhängiger Journalismus wert?

Schön besuchst Du zentralplus. Für Dich gehen wir vor Ort, sind mitten drin und nahe dran. Doch ganz gratis geht Qualitätsjournalismus nicht. Um die unabhängige Stimme zu den Grossverlagen in der Zentralschweiz zu bleiben, benötigen wir Deine Unterstützung. Zeig uns mit Deinem freiwilligen Abo oder einem einmaligen Beitrag, was wir Dir wert sind.

Schön besuchst Du zentralplus. Du verwendest einen Adblocker. Werbung ist für eine wichtige Einnahmequelle, die uns hilft, die unabhängige Stimme zu den Grossverlagen in der Zentralschweiz zu bleiben. Denn gratis geht Qualitätsjournalismus nicht. Zeig uns mit Deinem freiwilligen Abo oder einem einmaligen Beitrag, was wir Dir wert sind.

CHF